An Zeiten wie diesen …
Treffpunkt gestern abend war der Frankfurter Engel von Rosemarie Trockel. Dort starten Ansgar und ich unsere Tour durch Frankfurter Szenekneipen. Die Mission für die Nacht lautet Flyer verteilen für den Auftritt des Berliner Kabaretts “Ministerium für Tuntensicherheit“, kurz TunSi, die am 10.01. in der Galerie kunsTräume II ab 20.00 Uhr “… mehr oder weniger moralische Koalitionsangebote für Hessen” darbieten. Über Lucky´s Manhatten am Klaus-Mann-Platz gings dann ins Switchboord und die Bar Central, danach zum Pulse und die Piper Red Lounge und über den Peterskirchhof zurück Richtung Fräggels und Zum Schweijk.
Wir verteilen Flyer, Kugelschreiber und Traubenzucker. Immer mit einem Lächeln und dem Satz “Neue Energie für Hessen”. Was uns eine Menge Lacher bringt, aber auch anerkennendes Schulterklopfen für unser Engagement. Und immer wieder Fragen, Fragen, Fragen. Zum Beispiel wie das genau mit der Erst- und der Zweitstimme funktioniert. “Die Erststimme ist Ihre Stimme für den Kandidaten, die Zweitstimme ist für das Parteiergebnis wichtig”, erkläre ich einem Ex-Baden-Württemberger, der jetzt im Nordend heimisch geworden ist. “Der Koch muss weg!” mischt sich ein Gast aufgeregt in unser Gespräch und zieht demonstrativ an seiner Zigarette. Mit tiefer Verachtung pustet er den Rauch in die Luft. “Nichtraucherschutzgesetz, pah!” Ruckzuck sind drei Stunden rum, und wir stehen wieder in der barbarischen Kälte auf der Zeil.
Mich friert, ich hab´ Hunger, und dann verspüre ich das erste Mal in diesem Wahlkampf heftigen Neid. Denn Ansgar hat beheizbare Einlegsohlen, die er per Funkgerät ansteuert. “Sieht aus wie die elektronische Fußfessel von Christean Wagner“, nicke ich tief beeindruckt. Der damalige CDU-Justizminister und bisherige Fraktionsvorsitzende hatte das elektronische Bauteil 2005 ins Gespräch gebracht, um damit Langzeitarbeitslose zu einem geregelten Tagesablauf zu bewegen. Warum sind ihm nicht so einfache Dinge wie “Arbeitsplätze” in den Sinn gekommen, habe ich damals spontan gedacht.
Durch Eiseskälte flitzen wir im Windschatten von Bauzäunen über die Zeil zur S-Bahn. “Wenn Schwarz-Gelb am 18.01. gewinnt, dann reden wir auch wieder über soziale Kälte”, sagt Ansgar. Die Türme von Frankfurt Hoch Vier sind gleißend hell beleuchtet und überstrahlen das gesamte Areal um die Hauptwache. Jetzt da oben bei minus zwölf Grad Bauarbeiter, das muss der absolute Höllenjob sein. Ein Flexiplast von Roland Koch baumelt einsam im Wind an einem Verkehrsschild. „In Zeiten wie diesen kämpfen wir um jeden Arbeitsplatz“ verkündet es. Das unterscheidet die SPD von der CDU, denke ich und ziehe fröstelnd die Schultern ein. Wir kämpfen ja eigentlich schon immer um jeden Arbeitsplatz. Und an Zeiten wie diesen ist Roland Koch und die CDU ja wahrlich nicht unschuldig.
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