Making-of

Der Drohnenkameramann und sein Multikopter

Drohnenkameramann – das ist ein Beruf, den es vor wenigen Jahren noch gar nicht gab. Einer der Pioniere in dem Metier ist Stefan Menne. Seine fliegende Kamera liefert ungewöhnliche Luftbilder, auch für die hr-Produktion „Hessen von oben“.

Sie schwebt tief durch Straßenschluchten, gleitet senkrecht an Felsen und Fassaden empor, umkreist haarscharf Denkmäler und Kirchturmspitzen: die Drohne im TV-Einsatz. Riesiges Insekt, überdimensionales Kinderspielzeug oder kriegerisches Spionage-Objekt – das Flugmobil löst bei den verblüfften Passanten die unterschiedlichsten Assoziationen aus. Tatsächlich steckt in der Drohne einfach jede Menge Technik.

Bis zu 700 Meter hoch

Die Drohne, die Kameramann Stefan Menne beim Dreh von „Hessen von oben“ benutzt hat, ist ein sogenannter Multikopter, gefertigt aus Aluminium, Carbon und Glasfaserplatten. Dazu kommt die Elektronik. „Das ist ein fliegender Computer“, sagt Menne. Das sensible „Computerhirn“ steckt gut geschützt unter einer blauen Kappe.

hr_drohne_1024_576Acht Motoren bringen die Drohne in die Luft. Mit den Maßen 20 mal 90 Zentimeter und einem Gewicht von nur fünf Kilo ist sie kompakt und wendig. Durch ihre geringe Größe benötigt die Drohne keinen besonderen Start- oder Landeplatz. Außerdem kann der Multikopter wie ein Hubschrauber senkrecht starten und landen. Stefan Menne braucht lediglich eine Aufstiegsgenehmigung. Bis zu 700 Meter hoch kann die Drohne fliegen, wie hoch sie fliegen darf, hängt vom jeweiligen Luftraum ab.

Gesteuert werden sowohl die Drohne als auch die daran befestigte Kamera mit einer Fernbedienung vom Boden aus. Die Kamera kann Stefan Menne in alle Richtungen schwenken, ein Monitor zeigt ihm, was sie gerade aufnimmt. Obwohl er einen Assistenten hat, steuert Menne die Drohne alleine und bedient gleichzeitig noch die Kamera.“So kann ich innerhalb von Sekunden reagieren. Wenn ich also etwas Interessantes sehe, drehe ich sofort um und verfolge das.“ Modernste Elektronik sorgt für wackelfreie Bilder. Ausgerüstet mit GPS kann die Drohne beim Flug selbständig die Position und Höhe halten, also auf der Stelle schweben. Zehn Minuten dauert so ein Flug, dann holt Menne die Drohne runter, damit die Elektromotoren neue Energie „tanken“ können. Und auch der Kameramann braucht eine Pause, denn der Dreh bedeutet höchste Konzentration. „Da darf mich keiner von der Seite anquatschen“, sagt Menne entschieden.

hr_drohne_15_8_08_mit_Menne_2_1024_576Vorsicht bei Möwen!

Sicherheit steht für ihn bei seinen Einsätzen an erster Stelle. „Ich fliege nicht über Menschenansammlungen, und ich muss auf einfach alles achten, vom Strommasten bis zum Fallschirmspringer. Wenn ich Motorenlärm in der Luft höre, gehe ich sofort runter.“ Vorsicht heißt es auch bei Möwen, das weiß der Kameramann seit einem Dreh über der Hagia Sofia. „Eine sieht mich, eine schreit und dann attackieren sie mich gemeinsam“. Seine Umsicht und Erfahrung zahlen sich aus: „Ich fliege ständig über schwieriges Gelände, über Gebirge, Salzwasser oder Sümpfe. Dabei hatte ich noch nie einen Absturz.“ Mit Wind kommt sein Flugobjekt gut klar, Nebel ist auch kein Problem – im Gegenteil: „Ich lasse die Drohne gerne durch Nebelfelder fliegen“, sagt Stefan Menne, “ da entstehen oft wunderschöne Aufnahmen, und die Drohne hat ja auch Lampen.“ Nur Regen mag er nicht: „Dann beschlägt sofort die Linse.“

Stefan Menne baut sich seine Drohnen aus Einzelteilen selbst zusammen. „Bei mir sieht’s aus wie bei Daniel Düsentrieb.“ Der gelernte Werkzeugmacher und Fotograf hat schon als Kind gerne gebastelt. Er kennt jedes Detail des Multikopters, wartet und repariert sein Arbeitsgerät selbst. Auch mitten im australischen Urwald. „Dafür schleppe ich immer 20 Kilo Ersatzmaterial mit mir rum und lese jeden Abend die Blackbox aus. Manchmal sitze ich eine ganze Nacht lang in irgendeinem Hotelzimmer und zerlege die Drohne Stück für Stück, um herauszufinden, woher ein Flattern kommt.“ Neulich in Südafrika, am Kap der Guten Hoffnung, musste er sogar einen Dreh abbrechen, erzählt er. Der Kompass drehte durch, „das liegt an dem Magnetfeld dort“.

„Magische Momente“
hr_drohne_15_8_08_mit_Menne_1024_576Für das hr-fernsehen hat Menne, der sich als Pionier unter den Drohnenkameramännern bezeichnet, schon mehrfach gearbeitet, zum Beispiel für die Zoodoku „Giraffe, Erdmännchen und Co.“ oder „Herrliches Hessen“. „Ein Helikopter ist natürlich wesentlich schneller als mein Multikopter. Aber immer, wenn man nah dran sein möchte oder es eng wird, bin ich im Vorteil. Ein Polizeiboot im Abstand von nur drei Metern während der Fahrt begleiten und umrunden, das schafft der Hubschrauber nicht. Mit der Drohne kann ich sogar in Stadienoder in hohen Messehallen Flugaufnahmen machen.“

Obwohl Stefan Menne weltweit im Einsatz ist, war der Dreh für „Hessen von oben“ für ihn etwas ganz besonderes: „Meinen Durchbruch hatte ich mit Reality-Formaten auf den Malediven – aber mein Herz schlägt für den Naturfilm. Deshalb war „Hessen von oben“ für mich der schönste Auftrag im vergangenen Jahr. Es gab so viele tolle Momente, und ich habe als gebürtiger Westfale oft gestaunt über die mir unbekannten, malerischen Landschaften.“ Das „wunderschöne Wetzlar“ ist ihm in Erinnerung oder wie sie eine Ballonfahrt begleiteten. „Zu den magischen Momenten gehört auch, wie wir alle auf die Sonne gewartet haben und sie dann tatsächlich durchbrach. Das kann man nicht beschreiben.“

Von Jeanette Sallwey

(hr-journal, 2014)