Das also ist Uwe Fey. Jener Mann, der sich seit mittlerweile 15 Jahren tagein, tagaus mit dem Mordfall Tristan beschäftigt. Einem Mordfall, der als einer der makabersten in der jüngeren deutschen Geschichte gilt. Einem Mordfall, der bis heute nicht aufgeklärt ist.

An der Außenseite von Feys Bürotür hängen Fußballbilder, auf der anderen Seite ein Ausschnitt der Stadtkarte von Frankfurt Höchst. Darauf zu sehen sind der Höchster Bahnhof, einige Straßenzüge und der Tunnel am Liederbach. Hier wurde am 26. März 1998 der damals 13-jährige Tristan ermordet und kurze Zeit später aufgefunden. Auch die Wände des kleinen Büros hängen voller Bilder. Rechts einige Familienfotos, links eine Pinnwand mit dem Phantombild von Tristans möglichem Mörder. Es zeigt einen blassen, blonden Mann mit Pferdeschwanz und Hasenscharte. Das Bild ist so etwas wie das gesammelte Werk einiger Zeugenaussagen – von Leuten, die rund um die Tatzeit einen verdächtigen Mann am Tatort gesehen haben wollen. Zum Beispiel ein Mädchen, das einen Mann aus dem Gebüsch kommen sah. Und ein Junge, der damals wie heute in Sichtnähe zum Tatort wohnte und an jenem Tag auf dem Nachhauseweg von einem Mann angesprochen und belästigt wurde.

Der Name Tristan ist im Büro allgegenwärtig. Auf Zeitungsauschnitten an der Wand, Ordnern und Ablagefächern. Doch der erste Eindruck täuscht womöglich. Laut Fey ist der Mord an Tristan eine Ermittlung wie jede andere auch. „Jeder Fall gehört aufgeklärt, das ist meine innere Einstellung zu diesem Beruf. Ich mache keine Unterschiede zwischen den Opfern. Wir behandeln jedes Opfer selbstverständlich gleich.“ Außer Feys Schreibtisch stehen noch ein weiterer Tisch und zwei Stühle im Raum. Hier befragt der Kriminalhauptkommissar auch seine Zeugen und Verdächtigen. „Nicht in einem Extrazimmer, wie man das aus dem Fernsehen kennt“, erklärt er. Auch von den in Krimis oft verwendeten Aufzeichnungsgeräten halte er nicht viel. Dabei hat er in seinen 36 Jahren Dienstzeit schon viele Verhöre durchgeführt, aus deren Aufzeichnungen man sicher einen eigenen Kriminalroman schreiben könnte. So machte er in Zusammenhang mit dem Mord an Tristan auch Bekanntschaft mit dem Kannibalen von Rotenburg. Nach dessen Verurteilung suchte Fey ihn im Gefängnis auf. Durch die perfiden Schändungen an Tristans Leiche kam zunächst eine Verbindung zu der kannibalistischen Szene in Frage – in der auch Armin Meiwes unterwegs war.

In den vergangenen Jahren gab es so gut wie keine Spur, der die Polizei nicht nachgegangen wäre. Zwei deckenhohe Schränke voller Ordner zum Fall stehen allein im Polizeipräsidium Frankfurt. Vor fünf Jahren war Fey anlässlich des „traurigen Jubiläums“ sogar Gast in der Fernsehsendung „Aktenzeichen XY ungelöst“, um in der Bevölkerung noch einmal nach Spuren zu suchen. Und tatsächlich seien während und nach der Sendung mehr als 150 neue Hinweise eingegangen. Der entscheidende war jedoch auch hier nicht dabei. Viele vermeintliche Zeugen entpuppten sich oft kurze Zeit später als Trittbrettfahrer, die zur eigentlichen Tat gar nichts zu sagen hatten. Auch Falschaussagen, um den eigenen Ex-Mann zu beschuldigen hat Fey schon erlebt. Die tatsächliche Ermittlungsarbeit behindere so etwas zusätzlich, so der Kriminalhauptkommissar.

Womöglich liegt es nur am grauen Winterwetter, aber die Umgebung rund um den Höchster Bahnhof wirkt auch heute, 15 Jahre nach der Tat, unheimlich. Die Umgebung ist grau, dunkel und viele Büsche verdecken die Sicht zum Tatort auch heute noch gänzlich. Fey erzählt auf dem Weg, dass der Tunnel von den Kindern aus der Nachbarschaft oft für Mutproben genutzt wurde: Wer traute hindurchzulaufen und wer nicht. Auf der einen Seite des Areals ist ein kleiner Park, in dem Tristan zum letzten Mal lebend gesehen wurde, als er dort einen Hund streichelte. Vom Parkplatz aus verläuft ein Weg, der am Liederbach entlang zu einer Brücke führt. Früher war der Tunnel dank des hohen Gestrüpps von diesem Weg aus nicht einsehbar. „Damals konnte man dort machen was man wollte“, erzählt Fey. Nur zwei kleine Durchgänge führten damals runter zum Tunnel. Fey geht auch davon aus, dass Tristan zur Tatzeit nicht freiwillig durch den Tunnel gelaufen ist. “Entweder er wurde dorthin verschleppt oder er kannte seinen Täter”, so der Kommissar. Die graue Betonröhre ist etwa 100 Meter lang, von dieser Seite aus sind es 25 Meter bis zum Fundort der Leiche. Kurz nach der Tat wurde der Tunnel abgesperrt, da er zu gefährlich sei. Heute beschränkt das Gitter die Sicht auf gerade mal fünf Meter – der Rest ist dunkel.

Wie wahrscheinlich ist es, dass dieser Mordfall nach so langer Zeit noch aufgeklärt wird? Auf diese Frage weiß niemand eine Antwort. Doch Kriminalhauptkommissar Fey kann zumindest sagen, dass er selbst noch weiterermitteln wird, solange er im Amt ist. „Ein Tötungsdelikt verjährt nie. In einem ungeklärten Mordfall wird immer irgendwie weitergemacht.“ Trotz verbesserter technischer Ausstattung, wie elektronische Datenbanken, sei die Ermittlungsarbeit im Vergleich zur Vergangenheit schwieriger. Bürokratische Hürden und Gesetze würden bereits das Sammeln von Informationen über mögliche Tatverdächtige schier unmöglich machen. Das Problem sei, erklärt Fey, dass jemand zuerst aus dem Zeugenstatus in den Beschuldigtenstatus gehoben werden müsse, um Auskünfte über ihn einholen zu können. „Vor 15 Jahren war das alles noch viel einfacher”, so der Kommissar. Damals hatte er für so etwas keinen richterlichen Beschluss gebraucht. “Dabei will man doch eigentlich nur so viele Informationen wie möglich zu einer Person sammeln, um sich ein Bild über sie machen zu können.“

Doch der normale Arbeitsalltag verschafft Fey zusätzlich immer wieder neue Fälle, die er bearbeiten muss. Dann ruhe Tristan erst einmal für eine kurze Zeit. „Aber es vergeht keine Woche, in der ich nichts in Sachen Tristan mache.“ Grundsätzlich sei es schon richtig, dass Fey so etwas wie „der letzte Ermittler“ im Mordfall Tristan sei. Und dennoch stünden ihm seine Kollegen immer zur Seite, wenn er bei etwas Unterstützung brauche. Einige von ihnen waren selbst noch Jugendliche, als Tristan ums Leben kam. Zu Beginn der Ermittlungen war Fey noch nicht dabei, er machte seinerzeit seine Ausbildung zum Kommissar. 2002 übernahm er den Fall und musste sich in den ersten Wochen zunächst durch etwa 2.000 bis 3.000 Hinweise arbeiten. Wo heute ein Mann ermittelt, arbeiteten vor 15 Jahren bis zu 150 Kollegen. „Damals war das ganze K11 über vier Wochen im Einsatz“, erzählt Fey. „Besondere Aufbauorganisation“ hieß das damals. „Wir haben in Höchst regelrecht Klinken geputzt. Dabei haben wir natürlich viele Infos bekommen, die aber erst einmal gebündelt und strukturiert werden mussten.“ Auch sie sind heute Teil der zwei Aktenschränke im Präsidium.

Nicht nur Feys Fernsehauftritt hat den Mordfall Tristan bei vielen Leuten wieder ins Gedächtnis gerufen. Auch sonst wird der Frankfurter Kriminalhauptkommissar regelmäßig von Medienvertretern besucht. Erst 2011 waren die laufenden Ermittlungen wieder vielfach in der Presse zu finden, als ein möglicher Zusammenhang mit dem Mord an dem elfjährigen Tobias in Stuttgart im Raum stand. Die beiden Morde lagen nicht nur zeitlich nah beieinander. Tristan wurde im Frühjahr 1998 getötet, Tobias im Herbst des darauffolgenden Jahres. Beide Leichen wurden in der Nähe von Gewässern aufgefunden, beide Opfer entsprachen einem ähnlichen Typ und bei beiden entfernten die Täter die Hoden. Laut Fey sei es allerdings ausgeschlossen, dass der Mörder von Tobias Dreher auch der von Tristan ist. Dennoch hat Fey sich vorgenommen in naher Zukunft auch mit Tobias Mörder zu sprechen. „Ich will ihn fragen, was er sich dabei gedacht hat. Einen Jungen zu ermorden oder zu missbrauchen ist eine Sache, ihm die Hoden herauszuschneiden noch eine ganz andere.“ Doch vor etwa einem Jahr durchkreuzte eine neue Spur seine Pläne. Seither versucht Fey an diesem Hinweis weiter zu arbeiten – und musste das Gespräch mit Tobias Mörder auf unbestimmte Zeit verschieben.

Bei aller Hoffnung auf den letzten, ausschlaggebenden Hinweis wird es vielleicht schlussendlich der Zufall sein, der darüber entscheiden wird, ob die Akte Tristan irgendwann doch noch geschlossen werden kann – wie im Fall Tobias. Ebenso zufällig wurde ziemlich genau ein Jahr nach Tristans Tod dessen Rucksack in einem Waldstück bei Niedernhausen im Taunus gefunden – darin eine Deutschlandkarte in tschechischer Sprache und ein Gaskocher. Laut Fey müssen die Gegenstände aber nicht automatisch dem Täter gehören: „Der Rucksack könnte in der Zwischenzeit Gott weiß wo gewesen sein.“ Tristans Schulbücher seien jedenfalls am Tag der Tat in der Böschung gefunden worden.

„Wenn der Täter noch lebt, ist er womöglich auch noch hier. Wenn er tot ist, klärt man es wahrscheinlich nie auf. Vielleicht hat er sich vor seiner eigenen Tat ja auch so erschrocken, dass er sich selbst umgebracht hat.“ Die Hoffnung, dass der Täter noch geschnappt wird, gibt Fey jedenfalls nicht auf. Zwar werde die Wahrscheinlichkeit mit jedem Tag immer geringer, aber es gäbe immer Anlässe, noch einmal offensiv voranzugehen. „Nur wenn das Jagdfieber irgendwann verlorengeht, sollte man aufhören.“

Text+Fotos: Laura Engels und Natalya Tetzner

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