Die Rote Armee Fraktion (RAF) war in der Bundesrepublik Deutschland für dutzende Morde, Entführungen und Attentate verantwortlich – auch in Hessen. Ihre letzte Aktivität, der Bombenangriff auf die Justizvollzugsanstalt Weiterstadt, jährt sich am 28. März zum 20. Mal. Wir haben das zum Anlass genommen und uns umgeschaut: Was ist aus den Schauplätzen des Terrors in Hessen geworden?

 

In der Nacht zum 3. April 1968 brennt es in Frankfurt am Main auf der Zeil: Die Kaufhäuser Kaufhof und Schneider stehen nach einem Brandanschlag der linksextremistischen Terrorgruppe RAF in Flammen. Die Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein haben die Kaufhäuser am Vortag ausgekundschaftet und die selbstgebauten Brandsätze mit Zeitzünder abgelegt. Als sie explodieren, ist es kurz vor Mitternacht. Menschen werden nicht verletzt und auch die Brandsätze richten nur wenig Schaden an. Die ausgelösten Sprinkleranlagen verursachen den Großteil des Schadens, der sich insgesamt auf 1,9 Millionen Deutsche Mark beläuft. Das Kaufhaus Schneider kommt mit einem Sachschaden von 300 000 Mark vergleichsweise glimpflich davon.

Auf dem Bild sind Feuerwehrmänner zu sehen, die am 3. April 1968 in der ausgebrannten vierten Etage des Kaufhof stehen. Das Warenhaus an der Hauptwache gibt es heute noch. Das Kaufhaus Schneider musste dagegen 1999 dicht machen. Die ZEIT schreibt, es sei zu antiquiert gewesen, um den Ansprüchen der Marktwirtschaft auf Dauer zu genügen. Heute steht dort ein moderner Filialenkomplex aus Douglas, AppelrathCüpper und Pohland.

 

Ein toter Oberstleutnant der US-Armee, dreizehn Verletzte und ein Sachschaden in Millionenhöhe sind am 11. Mai 1972 das Ergebnis des Kommandos Petra Schelm. Innerhalb weniger Sekunden explodieren in Frankfurt am Main drei Bomben am IG-Farben-Haus, dem Hauptquartier des fünften Korps der US-amerikanischen Streitkräfte. Es ist der Auftakt der Mai-Offensive, einer Reihe von Bombenanschlägen, die später unter anderem die Zentrale des Axel-Springer-Verlags treffen wird.

Heute heißt das IG-Farben-Haus anders: Poelzig-Bau. Es ist mittlerweile Hauptsitz des Campus Westend der Goethe-Universität. Neben dem House of Finance gibt es bereits das Gebäude für die Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. Auf dem Campus werden derzeit unter anderem die Gebäude für den Fachbereich Gesellschafts- und Erziehungswissenschaften gebaut. In einem weiteren Bauabschnitt sollen weitere Hochschulgebäude erbaut werden, etwa der Neubau der Universitätsbibliothek.

Im Sommer 1977 ist Jürgen Ponto ein gefragter Mann. Der Vorstandssprecher der Dresdner Bank genießt als Bank- und Finanzexperte enormen Stellenwert. Er berät Bundeskanzler Helmut Schmidt und nimmt eine herausragende Stellung in der Bankenlandschaft ein, wodurch er schließlich ins Visier der RAF gerät. Am 29. Juli 1977 kündigen die Eltern von Susanne Albrecht deren Besuch an. Albrecht ist die Schwester von Pontos Patenkind. Der Banker weiß zwar von Albrechts politischer Gesinnung, aber nicht von ihren Kontakten zu RAF. Am 30. Juli erscheint Albrecht, zusammen mit Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar, in Oberursel. Im Fluchtwagen wartet Peter-Jürgen Boock. Ponto bittet die Besucher auf die Terrasse seiner Villa. Als Klar dem Banker eröffnet, dass die RAF ihn entführen will, wehrt Ponto sich. Klar und Mohnhaupt schießen mehrere Male auf Ponto, der schwer verletzt zu Boden sinkt und später in der Universitätsklinik Frankfurt seinen Verletzungen erliegt.

Die Villa am Ortsende von Oberursel ist heute noch bewohnt. Ein Hund ist mit der Anwesenheit unserer Fotografinnen nicht einverstanden und bellt sie an. Er gehört allerdings nicht zur Familie Ponto: Die Witwe des Bankiers zog nach dem Attentat mit ihren Kindern in die USA.

Am 30. November 1989 ermordet die RAF Alfred Herrhausen, den Vorstandssprecher der Deutschen Bank. Daran ist einiges ungewöhnlich. Nicht nur, weil er als Banker außergewöhnlich viel Wert auf Verantwortungsbewusstsein und Entwicklungshilfe in der Dritten Welt legt, auch weil der Anschlag bemerkenswert präzise ausgeführt wurde.

Herrhausen befindet sich zusammen mit seinem Fahrer, Jakob Nix, in seinem Dienstwagen auf dem Weg nach Frankfurt zur Arbeit. Sie sind erst drei Minuten unterwegs, als die Bombe explodiert. Sie ist an einem Fahrrad am Wegesrand befestigt und an eine Lichtschranke gekoppelt, die der Wagen durchbricht. Die Bombe besteht aus dem Sprengstoff TNT und ist so gebaut, dass sie ihre Explosionskraft zielgerichtet in eine Richtung abgibt – solche technischen Fertigkeiten sind damals untypisch für die RAF.
Die Druckwelle trifft genau auf die rechte hintere Seitentür des Autos. Ein Teil der Panzerverkleidung des Wagens verletzt Herrhausen am Oberschenkel. Er stirbt weniger als zehn Minuten später an starkem Blutverlust. Sein Fahrer wird nur leicht an Kopf und Arm verletzt. Er versucht noch Herrhausen zu retten, wird aber von dessen Personenschützern weggeholt, weil sie fürchten, dass die Gefahr noch nicht vorüber ist.
Die Täter wurden immer noch nicht gefasst.

Bis heute hat sich im Seedammweg, in dem das Attentat passierte, nicht viel verändert. An der Stelle der Ermordung steht jetzt ein Denkmal aus drei Säulen. Eine Stele ziert ein Zitat von Ingeborg Bachmann: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ Die dritte Säule ist auf der anderen Straßenseite und trägt das Datum der Ermordung.

 

1993 wird auch die Justizvollzugsanstalt in Weiterstadt zu einem Anschlagsziel der RAF. Es ist der letzte große Anschlag.
In der Nacht vom 26. auf den 27. März ist die JVA Weiterstadt noch nicht eröffnet. Sie ist ganz neu gebaut, groß und modern und wird die veralteten und überfüllten Gefängnisse in Hessen entlasten. Zur Zeit des Anschlags befinden sich nur Wachleute auf dem Gelände. Die Attentäter überwältigen sie und halten sie in einem Transporter 600 Meter entfernt gefangen. Danach entzünden sie rund 200 Kilogramm Sprengstoff. Vor allem der Verwaltungstrakt wird schwer beschädigt, insgesamt entstehen Kosten von bis zu 90 Millionen Mark. Der Wiederaufbau dauert vier Jahre. Erst 1997, nach insgesamt zwölf Jahren Bauzeit, können erste Häftlinge einziehen.

Zu dem Anschlag bekannte sich das “Kommando Katharina Hammerschmidt”. Drei der Täter werden zwar identifiziert, sind aber bis heute nicht gefasst.

 

1972 gehört Andreas Baader zu den meistgesuchten Terroristen Deutschlands. Am 1. Juni verhaften Polizisten mit kugelsicheren Westen Baader, Holger Meins und Jan-Carl Raspe in Frankfurt am Main. Als die Terroristen im Stadtteil Dornbusch aus dem Porsche steigen, überwältigt die Polizei Raspe. Baader und Meins flüchten zunächst in eine Garage. Nach einem Schusswechsel ergibt sich Meins. Baader müssen die Polizisten an Händen und Füßen aus der Garage zerren.

Auf dem Bild sind Kriminalbeamte zu sehen, die das Gepäck der Terroristen nach der Verhaftung untersuchen. Auf der linken Seite ist auch die Garage, in denen sich Baader und Meins verschanzt habe. Die Straße hat sich in den letzten dreißig Jahren kaum verändert.

 

Texte: Sophia Naas und Kevin Schubert
Fotos: dpa/Fiona Lenz und Jacqueline Vieth

Schreibe eine Antwort