Heiko Schäfer ist Zeitzeuge und Mitbegründer der Musikbewegung „Sound of Frankfurt“. Seit Ende der Achtziger Jahre hat der Vinyl-DJ und Produzent neben Größen wie Sven Väth und DJ Ata maßgeblich daran mitgewirkt, aus Frankfurt eine der bedeutendsten internationalen Schnittstellen elektronischer Musik zu formen. Der 42-jährige erzählt uns von einer bewegenden Zeit, in der er Musikneuland betrat.

Wenn Heiko Schäfer für Besuch die Tür zu seinem Studio öffnet, klappen bei seinen Besuchern regelmäßig die Kinnladen herunter. Es eröffnet sich ein Labyrinth aus mehreren meterhohen Regalen, alle gefüllt mit Schallplatten oder besser gesagt, Zeitzeugnissen. „Es sind rund 50.000. Das Schöne ist, dass ich mit vielen tolle Erinnerungen verbinde“, erzählt Schäfer.

Bereits in jungen Jahren begann er sich mit Musik auseinanderzusetzen und sich insbesondere für elektronisch erzeugte Musik zu interessieren. „Mit neun oder zehn Jahren ging das schon los.” Konkret wurde es dann mit dreizehn: „Ich habe verstärkt Italo-Disco-Lieder gehört und dann alles, was mit elektronischer Musik zu tun hatte, aufgesaugt wie ein Schwamm“. Über einen Nachbarn, der eher Funk und Soul hörte, und den Onkel eines Freundes, der endlos Musik auf seiner Bandmaschine aufgenommen hatte, sei er endgültig vom Elektrofieber infiziert worden. „Es war so, als hätte mir jemand ‚ne Spritze reingerammt. Ich wusste nur noch, dass ich elektronische Musik liebe und ich wollte  alles darüber wissen.“

Das verstärkte Interesse ließ ihn sämtliche Plattenläden der Umgebung durchstöbern. Durch ältere Freunde kam er früh in die Szeneclubs in Frankfurt und Umgebung. „Mit sechzehn Jahren war ich das erste Mal im Dorian Gray. Damals gab es da einen strengen Dresscode, also ging es mit geliehenem Sakko rein.“ Seine Eltern dachten, er würde bei einem Freund übernachten. Was in dem damals führenden Club elektronischer Musik ablief, kannte Heiko nicht. „Das war wirklich wie im Weltraum. Kaum Lichtquellen, nur Nebel und ein paar Neonröhren, dazu eine einzigartige Atmosphäre.“

Als das „Omen“ 1988 eröffnete, wurde der „Frankfurt Sound“ eingeläutet. „Bis  vier Uhr morgens wurden relativ gängige Nummern gespielt, danach merkte man wie sich das Publikum, aber auch die Musik änderte.“ Heiko ging nun jedes Wochenende in den Club, indem er auch Sven Väth kennenlernte. Eines Tages wedelte Väth mit drei Platten vor Heikos Gesicht und sagte: „Zieh schon mal die Jacke aus! Jetzt wird’s gleich warm.“ Für Schäfer war es der perfekte Augenblick. „Es wurde total durchgeknalltes Zeug gespielt, es kamen Schwule, Lesben und Transen. Es gab keine Grenzen und wir wussten, dass wir jetzt unsere eigene Party feiern.“ Desto näher die Neunziger Jahre kamen, desto unabhängiger  wurde die Musik von Popklängen. „Alles wurde synthetischer und man wusste, dass ein Gang hochgeschaltet wird. Die ganze Veranstaltung hatte ein total elitäres Flair, mit einem Kreis von Modeschöpfern und Künstlern. Von da an war ich auch so interessiert an der ganzen Szene, da musste ich einfach rein.” Sein Werdegang war in Stein gemeißelt.

In den Ferien jobbte er im Plattenladen, um sich sein erstes Mischpult zu verdienen und seine ersten Stücke zu mixen. Aber nicht das Geld lockte ihn, sondern das Gefühl an der Quelle angekommen zu sein. „Ich war im Paradies. Die Sounds haben mich zum Durchdrehen gebracht, insbesondere die Stücke mit 4/4-Basedrum, das was House und Techno begründet hat.“ In der Zeit hat Heiko viel über die Musik und auch über Labels gelernt, und hatte durch ein gutes Set-Up geeignete Übungsmöglichkeiten. Der Ladenbesitzer entdeckte sein Talent und bot Heiko an, mit einer von ihm verpflichteten Band durch Deutschland zu touren und das Vorprogramm zu gestalten. Schäfer brauchte einen Namen. „DJ Heiko Schäfer“ wollte er sich jedenfalls nicht nennen. Also überlegte er sich zu seinem Vornamen das Kürzel MSO für „Mental Sound Odyssee“ und sprühte es sich auf eine Bomberjacke, die er nun bei seinen Auftritten trug.

Für Heiko MSO begann eine eine Phase akribischen Zusammenarbeit mit Sven Väth, dem späteren Robert-Johnson-Club-Gründer DJ Ata und Jörg Henze. Mit Ata und Henze baute er den Plattenladen „Delirium“ auf. Im „XS“, später „Die Box“ wurde er wie auch im „Nachtleben”, „Wild Pitch Club” und „Robert Johnson” zum Resident DJ.

Nach ein paar im Musikgeschäft beobachtete Schäfer Veränderungen in der elektronischen Musik. „In der Szene wurden ab 1991 zwei unterschiedliche Schienen gefahren. Auf der einen Seite harte Acid-Techno-Nummern, auf der anderen Housemusik.” Die Veranstaltungen von Schäfer wurden mittlerweile sehr gut besucht. „Im Wild Pitch Club haben die Leute Woche für Woche Schlange gestanden und wir haben immer mehr Demos zugesteckt bekommen. Nach einer Weile hatten wir so viele gute Tapes zusammen, dass wir zu der Idee kamen ein eigenes Label zu gründen.” 1993 war es soweit. Heiko MSO und DJ Ata gründeten das Label Ongaku Music. “Ongaku ist japanisch für Musik, wird aber aus den beiden Schriftzeichen Töne und Spaß gebildet. Das passte.“ Er veröffentlichte mit seinen Kollegen mehrere erfolgreiche Platten, Bookings im In- und Ausland kamen wie von alleine. Durch die vielen Produktionen des Labels und der Vielfalt der Künstler wurden die Sublabels „Klangelektronik” und „Playhouse gegründet. „Wir hatten unsere eigene Dreifaltigkeit und eine wahnsinnig intensive Zeit mit vielen Jobs und legendären Partys.” So haben sich die Dinge bis nach dem Jahrtausendwechsel für Heiko MSO hochgeschraubt. “Danach hatte sich vieles totgelaufen und das Feuer war bei vielen von uns nicht mehr so da.“

Die Liebe zur elektronischen Musik ist aber immer geblieben. Bis heute ist er erfolgreicher DJ und Produzent und verdient damit seinen Lebensunterhalt. In seinem Studio will er noch lange weiterbasteln. Nicht nur sein Plattenarchiv ist voll von House-und Technogeschichte, Heiko MSO ist es auch.

Heiko MSO in seinem Studio in Offenbach

Heiko MSO in seinem Studio in Offenbach

Vier Fragen an Heiko MSO

1. Was ist für dich der „Sound of Frankfurt“?
Der „Sound of Frankfurt“, mit dem die Stadt berühmt wurde, geht von “OFF” (Anmerkung : Sven Väth & Michael Münzing / Luca Anzilotti ; später Snap!)  bis hinzu “16 Bit”, über “Talla”, “Marc Spoon” bis hinzu “Snap!”. Generell ging der früher typische Sound auch leicht in die Trancerichtung, wofür wir auch anfangs belächelt wurden. Doch durch unsere damalige Clubkultur, hauptsächlich geprägt vom „Dorian Gray“ und dem „Omen“ und durch die Musik, die dort lief, wurde ein Grundstein für die elektronische Musik von heute gelegt. Ein gutes Beispiel ist Snap mit „The Power“. Die Rohfassung habe ich damals im Omen gehört, etwa ein Jahr bevor sie rauskam.

2. Was bedeutet für dich Musik auf Vinyl und was verbindest du damit?
Erst einmal bedeutet mir Musik alles, ohne sie geht nichts in meinem Leben. Zur Schallplatte habe ich schon früh einen sehr starken Bezug entwickelt. Es ist nicht nur die Musik, die sehr warm klingt, sondern auch die visuellen Möglichkeiten, die dieses Medium mit sich bringt. Jede Schallplatte ist für mich wie ein Brief aus der Vergangenheit, jede Scheibe verbinde ich mit einem kleinen Zeitabschnitt, an den ich mich erinnere.
Vinyl ist einfach herrlich und eine wunderbare Form, Töne und Klänge „einzufrieren“.
Neben der Beständigkeit einer Schallplatte sind es auch die kleinen Sachen,  die mir immer wieder Freude bereiten. Das Gewicht, der Geruch, die Verpackungen und die Hüllen. Dadurch, dass ich Visuelles auch immer mit dem Akustischen verbinde, stecken auch in jeder einzelnen Schallplatten viele Erinnerungen und Emotionen. Das Fotoalbum meines Lebens.
Ich liebe es in meiner Sammlung zu stöbern und ich könnte bei fast jeder Scheibe sagen, wann sie rauskam, was ich in der Lebensphase gemacht habe, mit welcher Frau ich zusammen war oder welche Hose ich anhatte.
Ich will gar nicht sagen, dass der Klang besser oder schlechter ist, aber mir gefällt der Sound einer Schallplatte. Sei es Klassik, Country, Jazz oder Techno, von Vinyl klingt es genauso, wie ich es gerne mag.

3. Was war deine erste Schallplatte?
Meine erste LP war ein Album von Nena, aber meine erste Single – und bis heute noch eines der wichtigsten Stücke meines Lebens ist „Love Machine“ von Supermax. Die LP „Lost in Space“ von der Jonzun Crew hat mich auch langfristig geprägt und mein Leben extrem beeinflusst.

4. Wie siehst du die Zukunft des Vinyl-DJs?
Im letzten Jahr gab es eine Entwicklung, bei der auch große Clubs wie die Panoramabar in Berlin an ganzen Wochenenden nur Vinyl-DJs eingeladen haben. Das ist schön und zollt diesem traditionellen Medium einen wichtigen Tribut. Mir und anderen Künstlern wie Ricardo Villalobos ist es sehr wichtig, dass die Technik in den Clubs, in denen wir spielen, reibungslos funktioniert. Ich spreche mittlerweile mit jedem Veranstalter um sicher zu gehen, dass grundlegende Dinge wie Plattenspieler und Nadelsystem auch wirklich funktionstüchtig sind. In Zeiten, wo immer mehr Musik nur noch vom Laptop kommt, wird so etwas häufig vernachlässigt.

 

Text: Martin Müller und Max Gottschalk
Fotos: Max Gottschalk

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