Wie „Der Spiegel” Langen zur Nazi-Hochburg machte

 

„Langen muss aus dem Gerede verschwinden!“ Mit diesem Appell trat Karl Weber im April 1989 sein Amt als Stadtverordnetenvorsteher des südhessischen Ortes an. Turbulente Monate lagen damals hinter den Bürgern: Neonazi-Führer Michael Kühnen hatte versucht, mit seiner „Nationalen Sammlung“ die Kommunalwahlen aufzumischen und dadurch bundesweit Aufsehen erregt. Langen drohe „als braunes Nest in Verruf zu geraten“, warnte etwa „Der Spiegel“. Heute sind einige Langener überzeugt, dass die Medien – allen voran Deutschlands größtes Nachrichtenmagazin – das Thema unnötig hochgekocht haben.

Das südlich von Frankfurt gelegene Langen zählt heute knapp 37.000 Einwohner und ist nur selten Bestandteil überregionaler Berichterstattung. Falls doch, dann stehen meist dieselben Themen im Fokus: der Langener Campus der Flugsicherung, das Paul-Ehrlich-Institut oder der Ironman Frankfurt, der am Langener Waldsee startet.

Ende der 80er Jahre widmete sich jedoch vor allem „Der Spiegel“ in mehreren ausführlichen Artikeln der Situation Langens. Der Neonazi Michael Kühnen wolle die Stadt ausländerfrei machen und einen Adolf-Hitler-Platz einrichten, war beispielsweise in der Ausgabe vom 5. Dezember 1988 zu lesen. In Langen wimmele es von Handzetteln, Faltblättern und Exemplaren der Wahlkampfzeitung „Der Sturm“, hieß es dort weiter. Außerdem war von „randalierenden Neonazi-Trupps“ die Rede, sowie von einem „Rollkommando“, das angeblich Ausländerkinder jagen wolle.

Tatsächlich war Kühnen in den Achtzigern ein Anführer der deutschen Neonazi-Bewegung. „Der Chef“, wie ihn seine Anhänger nannten, rief öffentlich zu Gewalt und Rassenhass auf und verbreitete rechtsextremistische Propaganda. Dies führte ihn mehrere Male hinter Gitter. Seine dritte und letzte Zeit im Gefängnis endete im März 1988, woraufhin der gebürtige Bonner bei seinem Langener Freund Heinz Reisz Unterschlupf fand. Michael Kühnen starb am 25. April 1991 an den Folgen seiner Aids-Erkrankung in einem Kasseler Krankenhaus. Er wurde 35 Jahre alt.

In Langen waren Kühnen und seine Kameraden durchaus für ihre Gesinnung bekannt. So war es fast schon Tradition, die Männer am 20. April in einem Restaurant oder einer Kneipe anzutreffen, während sie Hitlers Geburtstag feierten – mit ausgestrecktem rechtem Arm und lauthals die Nationalhymne grölend. Kühnens Wohnung erkannten die Bürger an der immer wieder gehissten Hakenkreuz-Flagge.

Doch obgleich die Truppe in Langen präsent war, hat sie nicht viel bewirkt. Als die „Nationale Sammlung“ 1989 versuchte, bei den Kommunalwahlen auf Stimmfang zu gehen, verbot der damalige Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann die Vereinigung. Somit stellt sich die Frage: War Langen wirklich ein „braunes Nest“? Oder halfen die Medien Kühnen und Co. eher dabei, den Ruf der Stadt braun zu färben?

 

Einer, der damals alles hautnah miterlebt hat, ist Herbert Walter. Gut gelaunt öffnet der 63-Jährige die Tür zu seiner Wohnung im dritten Stock eines großen Mehrfamilienhauses im Langener Norden. Im Regal stehen Chroniken und Bücher über die „Stunde Null“ und das World Trade Center. In der Kücher brodelt das Teewasser. Am Wohnzimmertisch sitzt bereits sein langjähriger Freund Rainer Elsinger (65). In den Achtzigern und Neunzigern boten sie zusammen den Rechtsradikalen die Stirn. „Wo die aufgetreten sind, waren wir auch!“, betont Elsinger. Kennengelernt haben sich die beiden durch das Antifaschistische Aktionsbündnis (Antifa) Langen.

Herbert Walter holt einen prall gefüllten Ordner hervor. Darin hat er sämtliche Aktivitäten der rechten Szene in Langen fein säuberlich dokumentiert. Während er durch die Seiten blättert, erinnert sich sein Weggefährte Rainer Elsinger zurück. Er habe nie davor zurückgeschreckt, sich den Nazis entgegenzustellen, erinnert er sich. „Wenn es sein musste, habe ich mich auch geprügelt.“ Im Gegenzug habe er immer wieder Briefe mit Aussagen wie „Elsinger, wir kriegen dich!“ bekommen. „Wir hatten schon Angst“, räumt der Langener ein. „Ich bin froh, dass alles gut ausgegangen ist.“

 

Denn wirklich Fuß gefasst haben die Rechtsextremen in Langen nie – da sind sich Walter und Elsinger einig. „Man muss sich immer klarmachen: Das war nur eine Handvoll Leute“, betont Herbert Walter. Die Presse habe sich damals auf die „Stars“ der deutschen Neonazi-Szene gestürzt und „jeden Furz“, den Kühnen gelassen habe, dankbar aufgegriffen. „Aber Kühnen wurde nicht durch Langen bekannt, sondern Langen durch ihn“, macht Walter eindringlich klar. Der Neonazi-Führer sei nur durch Zufall in Langen gelandet und habe mit seiner Gegenwart das Interesse der überregionalen Presse geweckt. „Auch wenn wir als Nazistadt bezeichnet wurden – wir haben das hier nie so empfunden“, betont Walter. Für ihre Aufmärsche hätten die Langener Neonazis stets Kameraden aus ganz Deutschland zusammentrommeln müssen. Doch laut Walter war die Zahl der Gegendemonstranten immer viel größer. „Wenn die 200 waren, waren wir 2000!“

Seit vielen Jahrzehnten berichtet die Langener Zeitung über das lokale Geschehen in der Stadt. Doch obwohl die Mitarbeiter seit 1986 sämtliche Ausgaben archiviert haben, findet sich in den Kellerregalen der Redaktion kaum ein Artikel über Michael Kühnen. Holger Kintscher, der von 1989 bis 1990 bei der Zeitung sein Volontariat absolvierte, weiß noch, wieso: „Das war eine interessante Diskussion. Sie endete mit der Entscheidung: Wir berichten darüber nicht.“ Pressemitteilungen ignorieren, Veranstaltungen nicht besuchen und schon gar keinen Kontakt aufnehmen – die Redaktion habe ihre journalistische Berichterstatterpflicht bewusst ignoriert und versucht, das Thema totzuschweigen. Nur über das Allerwichtigste hätten er und seine Kollegen geschrieben: Sachbeschädigung, Körperverletzung und natürlich das Verbot der „Nationalen Sammlung“.

 

Soweit er sich erinnern könne, hätten jedoch alle anderen ausführlich berichtet, beklagt Kintscher. „Da fragt man sich schon, ob das verhältnismäßig ist, wenn bei 50 Demonstranten ein vierseitiger Bericht im ,Spiegel´ erscheint“, sagt er heute. „Ein bisschen Zurückhaltung bei den anderen Medien wäre besser gewesen.“ Manche hätten schon im Vorfeld zu Aufmärschen den Eindruck vermittelt, es würden hunderte Neonazis aus ganz Deutschland anreisen, was jedoch nie der Fall gewesen sei.

Aus nächster Nähe hat Kintscher nur einen der Neonazi-Aufmärsche miterlebt – jedoch nicht um zu berichten, sondern aus Interesse. „Ich war gespannt, wer da in Springerstiefeln Flagge zeigt“, erklärt er. Erkannt habe er jedoch nur einen Langener Müllmann.

Kühnen habe eher unscheinbar und smart gewirkt, berichtet Kintscher. „Die Schreihälse gingen damals vorne weg, aber er hielt sich mehr im Hintergrund.“ Kühnen habe durchaus „Charisma“ gehabt, fasst der ehemalige Journalist zusammen.

Vor allem im Urlaub holt Kintscher das Thema oftmals wieder ein: „Wenn ich erzähle, dass ich aus Langen bin, sagen heute noch die meisten: Ach, da sind doch diese Nazis“ Zahlreiche Langener können Ähnliches berichten. Die Realität ist jedoch eine andere: Nach Kühnens Tod 1991 zerstreuten sich seine Anhänger. Viele sind mittlerweile ebenfalls nicht mehr am Leben. Wer Hakenkreuze oder Aufkleber sucht, muss schon ganz genau hinsehen. Eine Langener NPD gibt es nicht. Und die örtliche Antifa? Auch die hat sich 2010 zur Ruhe gesetzt.

Text: Timo Niemeier und Manuel Schubert
Fotos: Rainer Elsinger (privat), Manuel Schubert

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