Ein verkanntes Künstlerviertel

Das Ostend, ein Künstlerviertel? Das Ostend ist vielleicht Drogenviertel, Autoviertel, Ausgehviertel. Aber ein Künstlerviertel? Schwer vorstellbar. Ein Streifzug durchs Quartier offenbart die Künstlerwelt: klein, aber bunt.

Künstlerviertel stellt man sich anders vor: Malerische Gassen, eine Galerie, die sich an die andere anschließt, Ölschinken an abgedrehte Raum-Installation, Stilleben an Pop-Art. Oder verrückt, avantgardistisch. Das gewisse Etwas eben, dass Kunst mit jedem Atemzug eingesogen wird. Doch dieses Flair geht dem Ostend völlig ab. Lange Alleen mit immer gleichen, schlichten Häusern, nur aufgelockert durch die Straßenbahnhaltestelle hier, die Tankstelle dort. Das Viertel lädt Passanten ein, sich selbst beim zweiten Spaziergang zu verlaufen in dem Einheitsgrau zwischen Fahrschulen und Imbissen.

„Natürlich ist das Ostend auch ein Künstlerviertel.“ Annette Gloser schmunzelt. Sie ist ein künstlerisches Urgestein des Ostends. Sie sitzt im Frankfurter Literaturhaus und zeigt auf ihrem Laptop Fotos diverser Happenings und Ausstellungen. Ein Kind der 60er Jahre ist sie, geboren im Februar 1966 in Offenbach, direkt hinein in die Zeit der Avantgardekunst und des Punks. Heute organisiert sie Ausstellungen und Veranstaltungen im Mousonturm, einem Künstlerhaus im Ostend.

Immer hat sie das Außergewöhnliche und Nicht-Akkurate gereizt. „Anstatt Autos anzuzünden, konnte man andere Wege der Kunst finden“, so die Künstlerin, “ eine Band gründen ohne auch nur irgendwas spielen zu können, Kleider nähen ohne nähen zu können.“ Kunst als Nicht-Kunst, Ausgefallenes, Abstraktes. „Die Band DAF war für mich Kunst, oder Videoclips von Monthy Phyton“.

Zwischen Sub- und Hochkultur

All das fand sie im „Muttertag“, einem Kulturtreff in einer stillgelegten Tankstelle im 50er-Jahre-Baustil, den Annette Gloser Anfang der Neunziger mitgegründet hat. Das Muttertag gab der „Do-it-Yourself-Popkultur“, die Ende der 80er im Untergrund entstanden war, einen Raum. Hier inszenierten die Künstler ihre Soloshows, Performances, Happenings.

„Das Muttertag war gleich hier gegenüber vom Literaturhaus auf einer Verkehrsinsel“, erzählt Gloser. Der Blick fällt auf die Straße, die ins Ostend führt. Dort liegt auch das Sudfass, Frankfurts ehemaliges berühmt-berüchtigtes Bordell. Kein gewöhnlicher Standort für die Kunst. Doch das Muttertag traf den Zeitgeist der Szene.

Annette Gloser erzählt von den Anfängen des Muttertags, von brennenden Autos, obdachlosen Pyromanen und künstlerischen Materialschlachten:

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