Der Schwarzarbeiter-Strich

Männer im arbeitsfähigen Alter die untätig herumstehen. An der Frankfurter Großmarkthalle ist man daran gewöhnt. Früher gab es für Tagelöhner auf dem Großmarkt viel zu tun, doch heute stehen die Hallen leer. Die Männer sind sitzen geblieben, rauchen Selbstgedrehte und warten auf Jobs.

Seit zwei Jahren gibt es am Großmarkt wieder Arbeit. Die Europäische Zentralbank hat eine Lücke in den alten Markt gebrochen und baut sich – Eurokrise hin oder her – einen Palast. Die neuen Türme wachsen langsam aus dem denkmalgeschützten Gebäude heraus. Es ist die größte Baustelle Frankfurts, doch die Tagelöhner müssen draußen bleiben.

Der „Tagelöhner-Strich“

Im Schatten des Baustellenzauns hockt Ilja auf dem Betonfuß eines Tempo-30-Schilds. Zwischen ihm und einer Anstellung mit Sozial- und Krankenversicherung liegen nur wenige Meter. Durch den Zaun kann der Bulgare die Männer sehen, wie sie mit ihren leuchtenden Helmen, Warnwesten und Walkie-Talkies von den Maschinen steigen. Er sieht wie sie Pausen machen und nach Feierabend in ihre Autos steigen.

Ilja ist Anfang 60 und gelernter Ober. Seit zehn Jahren kommt er jeden Sommer nach Deutschland auf den “Tagelöhner-Strich”. So nennen Frankfurter die Sonnemannstraße vor der ehemaligen Großmarkthalle. Die Jahre haben Spuren hinterlassen. Sein Gesicht ist von Luft und Sonne gezeichnet und die wenigen verbliebenen Zähne in seinem Mund sind mehr schwarz als weiß. Als Ober findet er keine Arbeit mehr. Dafür glaubt er, ist er zu alt und zu langsam geworden. Deshalb hat sich Ilja in den letzten Jahren mit Möbelpacken, Streichen und anderen Handlangerarbeiten durchgeschlagen.

25 Euro in 40 Tagen

Doch diesen Sommer läuft es schlecht. Seit 40 Tagen steht er jeden Morgen ab 7.00 Uhr bereit, um anzuheuern. Einfach arbeiten. Egal wo. Hauptsache ein paar Euro verdienen um die Heimfahrt zu bezahlen und nicht mit leeren Händen zur Familie in Bulgarien zurückkehren zu müssen. Bisher kann er nur Schuhe und Klamotten nach Hause schicken, die er auf der Straße gesammelt hat. Geld hat er bisher kaum verdient: Ein halber Tag Arbeit in 40 Tagen. Vier Stunden Möbel schleppen für knapp 25€. Fast lächerlich, das verdienen die Bauarbeiter hinter dem Zaun in einer Stunde. Da kommen “schlimme Zeiten für Europa. Früher gab es immer Arbeit”, sagt Ilja. Doch in Frankfurt, sagt er, ist die Situation immer noch besser als in Bulgarien. In seiner Heimat sei jeder Zweite auf Jobsuche. Von seinen sechs Kindern, die allesamt verheiratet sind, hat nur ein Sohn eine feste Arbeit gefunden.

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