Nutzerdaten sind das Erdöl des 21. Jahrhunderts

Bisher sind die sogenannten „Datenkraken“ Facebook und Google ohne ernsthafte Konkurrenz. Kein Soziales Netzwerk hat ein so genaues Wissen über seine Nutzer wie Facebook, kein Dienst sammelt mehr Daten als Google. Viele Internetnutzer sehen das kritisch.

Das hat auch die Studie zum Projekt „Der Preis des Kostenlosen“ ergeben, die hr info zusammen mit dem Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik der TU Darmstadt durchgeführt hat. Sie zeigt: Das Misstrauen gegenüber Internetfirmen ist groß. Über 60 Prozent der Befragten finden es nicht in Ordnung, dass mit ihren Nutzerdaten Geld verdient wird. Ist das möglicherweise ein Geschäftsrisiko für Google, Facebook und Co? Oder kann den Diensten ihr Image egal sein, weil sie ohne Alternative sind?

Natürlich sind die Nutzerdaten das Erdöl des 21. Jahrhunderts. Das ist das, was die gesamte Internetökonomie antreibt und betreibt.“

Das sagt Internet-Trendforscher Ossi Urchs. Wohl auch wegen seiner Rastazöpfe und seins langen Barts wird er „Internet-Guru“ genannt. Seit Jahren beobachtet er den Werbemarkt im Internet, berät Firmen bei Werbestrategien.

Grundsätzlich gilt: Der Wert eines Internetunternehmens steht und fällt mit den Daten, die es von seinen Nutzern hat. Daten, die auch mithilfe von Cookies erhoben werden – kleinen Dateien, die meist unbemerkt auf den Computern der Nutzer installiert werden. Und die deren Surfverhalten ausspionieren. Thilo Weichert, oberster Datenschützer von Schleswig Holstein, sagt: Internetnutzer reagieren immer sensibler auf den Umgang mit ihren Daten. Und doch:

Wenn es tatsächlich heute schon so ist, dass es Seiten gibt, bei denen von 40 verschiedenen Anbietern Cookies gesetzt werden und ein Tracking stattfindet, das kommerziell ausgewertet wird, dann ist das eine Entwicklung, der sich 95 Prozent oder mehr der Internetuser nicht ansatzweise bewusst ist.“

Diese Daten werden von den Unternehmen gehortet wie wertvolle Ölreserven, sie sind ihr Schatz. Sie sind die Währung in einem Tauschgeschäft: Nutzer geben ihre Daten preis – und bekommen dafür attraktive Internetangebote. Leidet aber das Image eines Internetdienstes, etwa durch einen laxen Umgang mit Nutzerdaten – dann kann das dem Unternehmen zur Gefahr werden. Eine möglicherweise existenzbedrohende Gefahr. Ossi Urchs sagt: Selbst Online-Giganten wie Facebook kann ihr Image nicht egal sein:

Facebook hat anders als Google keinen technologischen Vorsprung, der sich wirtschaftlich monetarisieren lassen könnte. Das ist vielmehr eine Plattform, auf der die Nutzer weitestgehend bestimmen, was dort passiert. Sollten die Nutzer sich entscheiden, auf andere Plattformen auszuweichen, ist das Geschäft buchstäblich beendet.“

Zwar haben große Dienste wie Google oder Facebook mittlerweile eine stabile Marktposition, dank ihrer vielen Nutzer einen gewaltigen Wettbewerbsvorteil. Doch auch ihnen könnten Konkurrenten das Leben schwer machen. Konkurrenten die etwa versprechen, Daten noch besser zu schützen, sagt Osi Urchs:

Also wenn heute jemand kommt, der den Nutzern ein erkennbar besseres Angebot macht, ließe sich vorstellen, dass die Welt in fünf Jahren anders aussieht.“

Mediensoziologe Jan-Hinrik Schmidt vom Hans-Bredow-Institut Hamburg, sieht das ähnlich:

Ich halte es auch überhaupt nicht für ausgemacht, dass es nicht in den nächsten Jahren gesellschaftlich eine Gegenbewegung gibt, die versucht, diesen „Datenkraken“ etwas entgegenzusetzen.“

Bei Google weiß man, dass Image zählt. War man dort noch vor wenigen Jahren eher schweigsam, wenn es um Datenschutz ging, gibt man sich heute betont offen. Google-Sprecherin Lena Wagner:

Es gibt bei uns ein Team, das nennt sich die „Data Liberation Front“. Dieses Team kümmert sich darum, alle Daten, die bei Google eingegeben wurden, auch wieder dort raus zu bekommen. Das ist uns ganz wichtig, weil wir eher die Meinung vertreten, die Leute sollen bei uns bleiben, weil sie zufrieden mit uns sind – und nicht, weil sie müssen.“

Ein Seitenhieb gegen Facebook, das es Usern besonders schwierig macht, seine Daten zu kontrollieren und zu löschen. Nichtsdestotrotz: Google ist datenhungriger denn je. Aber man weiß heute in der Netzindustrie, dass Daten nicht alles sind. Sondern dass das Vertrauen der Nutzer mindestens ebenso wertvoll ist.

Marc Dugge

Über Marc Dugge

Marc Dugge ist Reporter/Redakteur bei hr-iNFO.
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