Datenverkauf? – Wie GMX sein Geld verdient

Screenshot der GMX-Seite vom 24.4.2012, 14:55 Uhr

Screenshot der GMX-Seite

hr-iNFO-Hörer Oliver Dietrich hatte sich mit einem Verdacht an uns gewandt, einem brisanten Verdacht: Verkauft GMX, einer der bekanntesten E-Mail-Dienstleister Deutschlands, die E-Mail-Adressen seiner Nutzer? Der Gedanke ist nicht ganz abwegig, bei mehreren Millionen registrierten Nutzern wäre das sicher lukrativ. Dazu ist Dietrich ist auch skeptisch, was die Sicherheit seiner Daten angeht.

Also fahre ich nach Karlsruhe. Mein Ziel: die Zentrale  der 1&1 internet AG, zu der die Marke GMX gehört. Als ich vor dem fünfstöckigen Glasbau stehe, sehe ich durch die Fenster ein paar junge Männer am Tischkicker- denke ich. „Datenmafia“ sieht anders aus, denke ich – oder gilt „locker“ am Ende auch für den Umgang mit Daten?

Oliver Günthers Beitrag als Audio anhören:

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Wenige Minuten später sitze ich im Büro von Michael d’Aguiar, 1&1- Sprecher und stelle die Frage unseres Hörers Oliver Dietrich: Verkauft GMX E-Mail-Adressen weiter?

Er sei froh, dass er zu dieser Frage Stellung nehmen könne, beginnt Michael d’Aguiar seine Antwort: „Es ist tatsächlich so, dass viele denken wir würden die Daten, die wir erheben, weiterverkaufen. Dem ist nicht so.“

Michael d’Aguiar erzählt noch weiter: dass Spammails auch für GMX ein Problem seien, dass 80 Prozent aller eingehenden E-Mails Spam seien, die man im Interesse der User vorab ausfiltere. Und dass das natürlich einigen Aufwand bedeute.

Werbung ist GMX‘ größte Einnahmequelle

Mich aber interessiert: Wenn GMX sein Geld nicht mit dem Weiterverkauf von Daten verdient, was sind dann die entscheidenden Einnahmequellen? Die kämen aus verschiedenen Quellen, erläutert Sprecher d’Aguiar. Die wichtigste allerdings sei Werbung: Werbung, die auf den Portalen geschaltet wird. Das ist die größte Einnahmequelle.“

Das ist typisch für die Branche. Online-Werbung boomt seit Jahren. Rund sechs Milliarden Euro wurden so 2011 auf dem deutschen Markt umgesetzt, Tendenz steigend. Damit ist sie schon auf Platz 2 des Werbemarktes vorgerückt, hinter TV-Werbung. Ein Grund des Erfolgs: Online-Werbung lässt sich viel genauer als „klassische“ Werbung auf den individuellen Nutzer, und damit den Verbraucher, abstimmen – sie ist damit besonders effizient.

Interessengesteuerte Werbung

Das Stichwort lautet: „interessengesteuerte Werbung„. Und tatsächlich: hier spielen unsere Daten – auch die von hr-iNFO Hörer Oliver Dietrich – eine wichtige Rolle. Denn mittels aufwändiger Analysemethoden kann man sehr schnell ermitteln, wer gerade surft, seine E-Mails anschaut, wofür sich der Nutzer interessiert – und ihm dann prompt die passende Werbung zuspielen.

Wie aber funktioniert diese Datenanalyse? Und wie gläsern bin ich dabei als Nutzer? Um das zu erfahren treffe ich mich mit Stephan Noller, Vorstandvorsitzender und Mitgründer der Firma nugg.ad AG in Berlin.

Stephan Noller ist Experte, wenn es um Nutzer-Analysen geht. Seine Firma nugg.ad AG ist spezialisiert auf „zielgenaue Online-Werbung“ und dabei der führende europäische Anbieter. Was das konkret heißt, kann bei auf der nugg.ad-Website jeder Nutzer ganz einfach selbst nachschauen, erklärt Firmenchef Noller: „Das ist der sogenannte Themenmonitor, ein Tool, das wir anbieten, wenn Nutzer sich dafür interessieren, was wir über sie gespeichert haben.“

Screenshot vom nugg.ad Themenmonitor

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Audio: Stepahn Noller erklärt den Themenmonitor

Natürlich probiere ich den Themenmonitor gleich mal bei mir im Büro aus. Für mich zeigt er  an: ich habe Interesse an den Kategorien „TV-Themen“ und „Unterhaltungselektronik“, „wenig“, an „Information“, bei „News“ liege ich dagegen „hoch“. Meine erste Reaktion: Ich fühle mich ein bisschen „gläsern“. Aber Stephan Noller beruhigt mich. Es gehe gar nicht um mich persönlich: „Die Werbeindustrie hat überhaupt kein Interesse daran, Sie konkret zu identifizieren. Werbung funktioniert, indem man sie an große Gruppen adressiert. Eine typische Werbevorgabe heißt: „Ich möchte 5 Millionen Männer, die Kinder zuhause haben und sich überlegen, ein neues Auto anzuschaffen.“ Werbekonzepte oder -botschaften für einzelne User, das sei überhaupt nicht von Interesse.

Mein Fazit: Der „Preis des Kostenlosen“ ist nicht der Verkauf von E-Mail Adressen oder persönlichen Daten. Der Preis ist die Analyse mithilfe von  Daten – auch der von iNFO-Hörer Oliver Dietrich – für massenhafte und möglichst zielgenaue Werbung. Stephan Noller findet das ok: „Wir reden eben von einem Refinanzierungsmodell, das ist  ökonomisch einfach fair, das ist der eigentliche Deal“.

Noch einige weitere Infos:

Bei Zeit Online hat Stephan Noller einen Gastkommentar geschrieben: „Bekenntnisse eines Datensammlers“. „Tracking ist wichtig, wenn wir die Chancen des Netzes nutzen wollen“, schreibt er dort.

Astrid Herbold setzt sich in ihrem Blog-Beitrag „Die tägliche Verfolgungsjagd“ mit dem Thema Tracking auseinander: „Wer sich vor Tracking schützen will, ist auf sich selbst gestellt. Ein Cookie-Gesetz ist nicht in Sicht.“

Und das Blog netzwertig.com fragt sich im Artikel Personalisierung über Facebook: Webangebote verschlafen ihre Möglichkeiten: „Warum machen wir uns eigentlich Sorgen, unsere Daten bei Facebook zu hinterlegen? Denn obwohl diese dort für Drittdienste zur Verfügung stehen, will sie niemand nutzen.“

Nachtrag 09. Mai 2012:

Die Kollegen von on3 beim Bayrischen Rundfunk haben auf der Internetkonferenz re:publica in Berlin ein Streitgespräch aufgezeichnet:

Tracking – Zeig mir wo du surfst, ich sag dir wer du bist

Tracking heißt das Zaubertool, um jeden deiner Schritte im Netz zu dokumentieren. Datenschützer wie Falk Lüke sagen da „pfui“, Datensammer wie Stephan Noller „hui“. on3 hat auf der re:publica 2012 beide aufeinander losgelassen.

Oliver Günther (hr-iNFO)

Über Oliver Günther (hr-iNFO)

hr-iNFO-Redakteur
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5 Antworten auf Datenverkauf? – Wie GMX sein Geld verdient

  1. Ulrich Brunke sagt:

    Ich hab die von Herrn Noller (nugg.ad) genannte Webadresse nicht verstanden. Wie lautet die?

  2. Alex sagt:

    Was kann man eigentlich schon mit Weiterverkauften Daten anfangen?

  3. Laszlo sagt:

    Hallo,

    desto trotz sehr komisch. Ich habe 2 eMail Adressen bei GMX eine die ich nur ausgewählten engen Freunden und Familie weiter gebe Endung .net und die Andere für registrierte und nicht registrierte Newsletters, die haben die Endung mit .de . Soweit gut, die Privaten Leute haben von mit die endung .de noch nie gesehn und die Werbe Geschichte ( alles anderen ) wissen von der .net Adresse nichts. Seit ca. 3 Monaten bekomme ich auf beide eMail adresse täglich Werbemüll von ca. 15 eMails.

    Wer hat den die 2 eMail Adressen den gekannt?

  4. David J. sagt:

    Ich habe mir unter einem Fake-Namen eine Fake Mail Adresse bei GMX zugelegt um genau dieses Phänomen des Datenverkaufes zu testen.

    Das Interessante ist hierbei ist, dass ich seit Monaten SPAM Mails mit persönlicher Anrede bekomme, welche auf diesen Fake-Namen lauten, den ich ausschließlich bei GMX verwende.

    Falls GMX die Nutzerdaten nicht verkauft frage ich mich, wie die SPAM-Versender an diesen Fake-Namen kommen …