Versteigerte Nutzer – Werden wir alle zu Datensklaven?

Der Kollege Oliver Günther ist bei seinen Recherchen zur Online-Werbung auf das sogenannte Real Time Bidding (RTB)-System gestoßen, ein neuer Trend bei der Vermarktung von Nutzerinformationen.

Mit diesem System ist es Werbetreibenden möglich, Anzeigen auf Webseiten zu schalten, die zuvor in Millisekunden in einem automatisierten Bietverfahren versteigert wurden, erklärt das Fachportal horizont.net. Dabei gilt: Je mehr über den jeweiligen Internetnutzer bekannt ist, desto wertvoller ist die sogenannte Ad Impression.

Oliver Günthers ganz persönlicher Eindruck: „Ich fühle mich versteigert…“

Gestoplert war er über diesen Satz:

„Die Höhe der Werbepreise richtet sich dementsprechend nach Angebot und Nachfrage. Zudem wird sich die Höhe des Preises auch nach dem Profil des Users/Kunden richten und dessen Interessen. So kann ein Werbeplatz für einen 40-jährigen Selbständigen natürlich teurer sein, als für einen 20-jährigen Azubi.

Ich zeichne dieses Bild mal weiter: Sie, ich, Oliver Günther, ja wir alle werden damit zu Datensklaven, versteigert auf dem globalen Sklavenmarkt des World Wide Web. Dorthin gebracht hat uns die Galeere Algorhytmus, zu unseren neuen „Eigentümern“, den Firmen, die Daten über uns sammeln.

Wem das zu übertrieben ist: Jeder Nutzer bekommt durch Real Time Bidding für Werbeanbieter einen Wert, der sich von Sekunde zu Sekunde ändert.

Über den vermeintlichen Wert von Nutzern

Die Frage, die ich mir stelle: Ist ein völlig transparenter und deshalb berechenbarer Nutzer wirklich so viel wertvoller, als jemand, über den noch nicht so viele Daten gesammelt wurden. Lassen sich die Interessen wirklich so genau aus den Daten auslesen? Und: Wie wird diese Entwicklung unser Konsumverhalten verändern, wenn wir nur noch das angeboten bekommen, wofür wir uns ohnehin schon interessieren? Werden sich bestimmte Nutzerschichten als besonders interessant, andere als vollkommen uninteressant herauskristallisieren? Und was hätte das für die Uninteressanten für Folgen?

Schon einmal haben werbetreibende Medien mit der Einführung der „werberelevanten Zielgruppe“ jeden, der nicht zwischen 14 und 49 Jahre alt war, zur gesellschaftlichen Randgruppe degradiert (ziemlich willkürlich und wie nicht wenige heute glauben, völlig zu unrecht).

Sklaven des digitalen Revolutionszeitalters

Die Frage, ob wir wirklich zum permanent angebotenen Sklaven des digitalen Revolutionszeitalters werden oder nicht – mehr als die Hälfte der deutschen Internetnutzer glaubt, dass sie die Antwort darauf selbst in der Hand haben (eine repräsentative Erhebung im Auftrag des Hightech-Verbandes BITKOM, deren Ergebnisse gestern veröffentlicht wurden, legt die Schlussfolgerung nahe):

Die Mehrheit der Internetnutzer (54 Prozent) sieht die Hauptverantwortung für den Datenschutz bei sich selbst. Weitere 36 Prozent der Anwender halten in erster Linie den Staat für den Datenschutz im Web zuständig, 6 Prozent die Unternehmen, 4 Prozent machten keine Angaben. „Die meisten Verbraucher sind sich bewusst, dass der Schutz ihrer Daten stark von ihrem eigenen Verhalten abhängt“, sagt BITKOM-Präsident Prof. Dieter Kempf. „Das entlässt Wirtschaft und Politik aber nicht aus ihrer Verantwortung. Es ist ein Signal, die Verbraucherinformationen und die technischen Möglichkeiten zur Realisierung eines starken Selbstdatenschutzes weiter zu verbessern.“

Was mache ich jetzt aus diesen Informationen? Ich kann: „Schlimm, schlimm“ sagen, die Piraten wählen, dem Chaos Computer Club (CCC) beitreten oder mit einer großen Wumme an die Tür des Serverraums klopfen. Oder?

Damit Sie ihre Empfehlungen an mich diesbezüglich auf fundiertes Wissen stützen können, hier noch einige Hinweise auf weiterführende Beiträge über die Auswirkungen der sogenannten „Filter Bubble“. Die Folgen des Vormarschs von Algorithmen und das Verschwinden des Zufalls:

beklagt Miriam Meckel bei FAZ-net: Unser berechnetes Dasein – Geben wir dem Zufall eine Chance

begrüßt Kathrin Passig auf süddeutsche.de: Zur Kritik an Algorithmen – Warum wurde mir ausgerechnet das empfohlen?

Und Sascha Lobo hat amüsant darüber geschrieben, „Wie mich die Filter-Bubble einmal linkte„.

Über Tom Klein

Multimedia-Redakteur bei sportschau.de und hr-online. Kontakt bei Twitter: @tmsklein
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4 Antworten auf Versteigerte Nutzer – Werden wir alle zu Datensklaven?

  1. Sebastian Thiele sagt:

    Nur ein Bruchteil von Internetwerbung wird tatsächlich auf Basis von demographischen Informationen vermarktet, viel Angebote targeted nur auf Grundlage von geographischen Informationen oder gar nur Umfeldern (etwa Sport, Lifestyle). Zahlreiche Onlineangebote werden größtenteils auf Grundlage der Reichweite und üblichen Onlinemetriken wie Seitenaufrufen, Seitenbesuchen und Verweildauern vermarktet, alternativ auch bei sog. Performance-Modellen auf Basis von erfolgreichen Abschlüssen. Daten spielen hier keine Rolle.

    Ich stelle mir die Frage, ob es also wirklich die Daten des Nutzers sind, mit der er bezahlt, sondern die Bereitschaft ein werbliches Onlineangebot zu nutzen. Durch den Aufruf von werblichen Inhalten im Internet erlangt das Onlineangebot einen Wert, der Grundlage für die Vermarktung von Werbung auf dieses Seiten sein kann.
    Daten können, müssen dabei aber in vielen Fällen keine Rolle spielen.

    Mich stört an der Diskussion auf dieser Seite und in der Kommunikation des Projektes insgesamt die Prämise, dass Internetangebote kostenlos sind, weil Nutzer mit ihren Daten bezahlen. Hier wird nach meiner Einschätzung sehr stark mit der Angst der Nutzer in Deutschland vor Missbrauch von Daten gespielt. Dabei ist selbst bei Angeboten, die tatsächlich Targeting einsetzen, der schlimmst Schaden, der in der Regel entstehen kann lediglich die Anzeige eines relevanten, zielgerichteten Werbeinhalts.

  2. marlan sagt:

    Ich kann meinem Vorposter nur zustimmen, hier werden Ängste geschürt, die mit der Realität wenig zutun haben.
    Wer sich dafür interessiert was z.B. Google ihren Advertisern an Nutzerdaten zur Verfügung stellt, kann sich ja mal (kostenlos) bei Adwords anmelden. Das beschränkt sich größtenteils auf Keywords, Alter, Geschlecht und Standort.
    Das bedeutet, dass man festlegen kann, dass Anzeigen z.B. nur bei Benutzern angezeigt werden, die nach dem Wort „Hotel“ suchen, zwischen 40 und 60 Jahren alt sind und sich in NRW befinden.
    Keinesfalls bekommt man Zugriff auf einzelne Profile bzw. Profildaten von einzelnen Personen.

    Schon einmal haben werbetreibende Medien mit der Einführung der “werberelevanten Zielgruppe” jeden, der nicht zwischen 14 und 49 Jahre alt war, zur gesellschaftlichen Randgruppe degradiert

    Die Gefahr kann ich auch nicht nachvollziehen, da ja gerade durch die zielgerichtete Werbung auch Randgruppen gezielt beworben werden können.
    Für einen Stützstumpf Hersteller ist vielleicht ein Forum auf dem sich mehrheitlich Senioren aufhalten eine interessante Werbeplattform;)

  3. @sebastian thiele @marlan:

    Es geht uns nicht darum, durch unser Projekt Ängste zu schüren. Wir wollen gleichwohl darüber disuktieren, warum und mit welchen Zielen Google, Facebook, Apple und Co. Daten sammeln. Ausgangspunkt des Forschungsprojekts war und ist dabei die These, dass die Währung im Internet nicht Geld, sondern Daten sind (deren Besitzer den Wert dieser Daten immer weiter steigern möchten). Und diskutieren möchten wir auch darüber, welche Auswirkungen sich dadurch auf unser Alltagsleben ergeben (können).

    Carsten Knop hat auf faz.net einen hilfreichen Beitrag in Hinsicht auf die Absichten der Datensammler verfasst: „Apple, Google, Facebook & Co. – Kampf um die Datensilos“. Darin konstatiert er, bei der Frage um Gefahren der Computerwelt gehe es heute

    „um die Verfügungsgewalt über riesige Datensammlungen, um die Freiheit im Internet und um die Frage, wie sehr Staaten auf die Informationstechnologie und ihre Nutzung Einfluss nehmen dürfen.“

    Wie gesagt: Ängste schüren möchten wir nicht. Aufmerksam machen, zum Nachdenken anregen – das schon.

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