Stefan Wolff

11.10.2010 11:10 | Stefan Wolff

Noch nie in meinem bisherigen Leben hatte ich einen Koffer voll Geld gesehen. Im Film vielleicht, aber nicht in echt. Bis zu diesem schönen Herbsttag. Da lag er nun auf einem Resopaltisch in einem Dorfgemeinschaftshaus im Rheingau, der dunkelgraue sauber mit Geldscheinen gefüllte Aktenkoffer. Dahinter stand ein erstaunlich unaufgeregter Mann mittleren Alters. „Ich kaufe“, sagte er. „Und ich zahle bar.“

Hauptversammlungen können furchtbar langweilig sein. Diese war es sicher nicht. Es ging darum, den Chemiekonzern Brockhues in eine GmbH umzuwandeln und die Aktionäre abzufinden. Die waren mit der angebotenen Summe ganz und gar nicht einverstanden und probten den Aufstand. Der Herr mit dem Bargeld bildete den dramatischen Höhepunkt eines Mehrakters, den in dieser Eindringlichkeit nur das Leben selbst schreiben kann.

Als Volontär war ich sicher nicht zu diesem Termin wegen seiner Brisanz entsandt worden. Ich kann auch nicht wirklich sagen, dass mich diese Veranstaltung von Anfang an in den Bann gezogen hätte. Aktionäre meldeten sich zu Wort und beschwerten sich über die Qualität und den Geschmack der belegten Brötchen am Büffet. Doch dann kam Action, Power, Aktienkultur, was mir nicht nur den ersten Aufmacher im Wirtschaftsteil des „Wiesbadener Kurier“ einbrachte sondern mich auch endgültig für das Thema begeisterte.

Wirtschafts- und Finanzberichterstattung standen vor allem für Fachchinesisch und Bleiwüste. In einer Regionalzeitung galten Wirtschaftsredakteure zudem als etwas verschrobene Ableger der politischen Journalisten. Wie sich die Sichtweise doch ändert, wenn man ein Teil dieser Gemeinschaft wird!

Wirtschaftsjournalist zu werden war nicht mein ursprünglicher Berufswunsch. Journalist zu werden schon. Ein geplantes Theologiestudium stand dem zwischenzeitlich im Wege. Von dem blieb am Ende aber nur ein meiner Meinung nach ganz gut justierter moralischer Kompass, der mir dabei hilft, das aktuelle Gebaren an den Finanzmärkten einzuordnen.

Studiert habe ich in Mainz. Politikwissenschaften und in den Nebenfächern Geschichte und Jura. Nebenher wurde bei Zeitungen gejobbt und beim ZDF. Meine Tätigkeiten für das Aktuelle Sportstudio und das ZDF-Mittagsmagazin sowie mein Ausflug zum Länderspiegel deuteten noch nicht auf eine Karriere als Wirtschaftsjournalist, weckten aber durchaus großes Interesse an den elektronischen Medien.

Trotzdem griff ich die Gelegenheit beim Schopfe, als mir der Wiesbadener Kurier eine klassische Volontärsausbildung anbot. Diese Entscheidung war goldrichtig. Lokales, Politik, Plattenkritiken, Reiseressort und natürlich die Wirtschaft boten das richtige Rüstzeug und jede Menge Betätigungsfelder. Eh man es sich versah, war man schon Redakteur. Ich landete (darüber überglücklich) je zur Hälfte in der Wirtschaft und in der Schlussredaktion.

Während meiner Tätigkeit bei den Vereinigten Wirtschaftsdiensten vwd „gewann“ ich ein Stipendium bei der Katholischen Medienakademie (kma), die Jahr für Jahr mindestens vier Journalisten für das Fernsehen schult. Folgerichtig heuerte ich danach beim Radio an.

Auf hr 1 gehörte ich zum Moderatorenteam der zu meinem großen Bedauern  eingestellten Wirtschaftssendung „Markt“. Ansonsten ging es meist zur Börse- 10.30 Uhr – die Startklingel. Geschrei. „Geld“, „Brief“, „Von Dir“, „An Dich“! Wer sich in den Weg stellte, wurde umgerannt. Es grenzt fast schon an ein Wunder, dass es Händler gab, die sich in diesem Chaos die Zeit nahmen, mir zu erklären, was eigentlich passiert und wo sich die Geschichten hinter den Kursen verbergen.

Bis heute ist mir das „Schwätzchen“ mit den Händlern die wichtigste Grundlage für meine Berichte. Informationen, Interpretationen und Interviews aus erster Hand machen nicht nur die Arbeit ungeheuer spannend sondern – hoffe ich – die Geschichten interessanter.

Als ich an der Börse als Reporter anfing, war gerade der Neue Markt aus der Taufe gehoben worden. Blaue Lampen wiesen den Weg zu den Kurstafeln. Dabei wären rote besser gewesen, wie ein erfahrener Händler schon damals anmerkte. In der Tat erwies sich der  Neue Markt als Rotlichtviertel des Aktienhandels.

Fast täglich strebten Firmen an die Börse, meist mit exorbitanten Gewinnversprechen und roten Zahlen in der Bilanz. Viele Journalisten ließen sich hinreißen, ernannten sich  zu „Börsengurus“. Von dieser Seite gab es viele schlaue Erklärungen, warum eine TV-Rechte-Klitsche aus München auf einmal an der Börse höher bewertet wurde als der Disney-Konzern. Jede mexikanische Würfelbude mit Internet-Anschluss ging als Hightech-Unternehmen durch.

Es kamen  Gigabell, die als „Augsburger Puppenkiste“ diffamierten Meldungsfälscher von Infomatec und dann die Enronitis, die in den USA geborene hohe Kunst der Bilanzfälschung.

Wer den Aufstieg und den Fall der New Economy erlebt hat, muss eine tiefe Skepsis entwickeln. Mit dem kräftigen Aufschwung nach dem Absturz waren die Probleme nicht gelöst. Die aktuelle Finanzkrise ist ein Ausweis dafür. Die Sendung „Börse im Ersten“, die ich anfangs im Wechsel mit Frank Lehman und Dieter Möller moderierte, wurde in die platzende Internetblase hinein gegründet. Es war schwer, den vom Erfolg geblendeten Anlegern zu erklären, dass Aktienspekulation auch Risiken birgt. Denn: Hatte man nicht selbst mit geblendet?

In jedem Fall ist es so, dass sich Jubelgeschichten stets besser verkaufen als die besonnenen, mahnenden und nachdenklichen Töne. Trotzdem klangen sie durch, wenn immer ein Unternehmen mit dem Vielfachen seines eigentlichen Werts an die Börse gebracht wurde.

Auch jetzt sind skeptische Töne Pflicht. ein Journalist, der nicht das Haar in der Suppe sucht, ist keiner. Das gilt in der Finanzberichterstattung ebenso wie im Lokalen und der großen Politik.

Die Arbeit an der Börse bleibt spannend, ob für Radio oder Fernsehen. Schließlich geht es ja nicht nur darum, den Lauf der Indizes zu beschreiben. Die deutschen Sparer sind höchst verunsichert. Nach dem Zusammenbruch von Wirtschaft und Finanzmärkten trauen sie weder der Politik und noch weniger den Finanzinstituten zu, für Wohlstand im Alter sorgen zu können.

Als Journalisten können wir weder die eine noch die andere Rolle übernehmen. Aber kritische Fragen und umfassende Berichte sollen dazu beitragen unseren Zuschauern, Hörern und Lesern zu ermöglichen, sich selbst eine Meinung zu bilden.

Die Börse ist der ideale Platz, um genau diese Aufgabe zu erfüllen. Die Reihen der Händler haben sich zwar geleert, doch für ein informatives „Schwätzchen“ ist immer jemand da. Die Börse ist seit je eher nicht nur Markt für Aktien und Anleihen. Es werden auch Gerüchte und Nachrichten gehandelt. Nur einen Geldkoffer habe ich hier noch nie gesehen.