Das Lehman-Trauma

14.09.2018 10:09 | Stefan Wolff

 

Bislang hat die Finanzkrise den deutschen Steuerzahler 59 Milliarden Euro gekostet. Es könnten mehr als 68 Milliarden Euro werden. Die öffentliche Empörung darüber hielt sich in Grenzen, als diese Zahlen vor ein paar Tagen veröffentlicht wurden, und das, obwohl dies eine vierköpfige Familie, so rechnete es Gerhard Schick von den Grünen vor, mit 3.000 Euro belastet.

 

Damit haben Hypo Real Estate, Commerzbank und diverse Landesbanken nicht nur der Otto-Normalfamilie einen Urlaub versaut. Die Zahlen zeigen auch: Zehn Jahre nach der Lehman-Pleite ist die Finanzkrise noch nicht ausgestanden.

 

Rückblickend scheint es dieser Tage  fast so, als habe die Lehman-Pleite die Finanzkrise ausgelöst. Doch als die Lehman Brothers vor genau zehn Jahren kollabierten, hatte Morgan Stanley bereits Bear Stearns geschluckt, die Bank of America schickte sich an, Merrill Lynch zu übernehmen. In Deutschland war die IKB Bank von der Pleite bedroht und stand vor dem Verkauf, diverse Landesbanken waren ins Straucheln geraten, und die die Commerzbank hatte die Dresdner Bank übernommen.

 

Die Finanzkrise war also bereits in vollem Gange. Lehman war Krisenbeschleuniger, nicht Auslöser. Ein paar Tage zuvor erst hatte das US-Finanzministerium die Immobilienfinanzierer Fanny Mae und Freddy Mac zwangsverstaatlicht. US-Regierung und Notenbank schienen die Lage fest im Griff zu haben. Doch der Truthahn fühlt sich einen Tag vor Thanksgiving am sichersten.

 

Am Tag nach der Lehman-Pleite hörte man auf dem Frankfurter Börsenparkett und in der restlichen Finanzwelt einen Satz besonders häufig: “Damit habe ich nicht gerechnet.” Auf einmal war auch dem Letzten klar: Systemrelevanz gibt es im Ernstfall nicht. Oder doch?

 

Nach der Lehman-Pleite hat es keinen Bankenkollaps mehr gegeben. Die Commerzbank wanderte in Staatshand. Die Hypo Real Estate wurde mit Steuergeldern gerettet, ohne dass die Alteigentümer zur Rechenschaft gezogen wurden. Das nur die deutschen Beispiele, die aber belegen: Lehman war ein Experiment, das vermutlich nicht noch einmal gewagt werden würde. Denn am Ende stand das Finanzsystem nie zuvor und nie danach so dicht vor der Kernschmelze wie damals.

 

Bis heute hat die Finanzkrise ihren Preis. Banken mussten gerettet werden. Dann mussten Staaten gerettet werden, die vorher Banken gerettet hatten. Irland, Griechenland, Zypern, Spanien. Die Folgen sind bis heute zu spüren. Die niedrigen Zinsen werden Anleger noch lange vor Herausforderungen stellen. Sie zahlen gleich mehrfach die Zeche. Niedrige Zinsen zwingen zum höheren Risiko oder zum Verzicht. Außerdem haben nicht alle Finanzhäuser ihre Giftpapiere ausgelagert. Jene, die nicht in einer Bad Bank lagern, dürften als kleine, toxische Beilage in so manchem Zinsdepot lagern.

 

Eigentlich müsste die Finanzwelt alles daransetzen, um eine Finanzkrise 2.0 zu vermeiden. Doch exakt das geschieht nicht. Viele der hochriskanten Geschäfte finden jetzt bei den Schattenbanken statt. Außerdem hat die US-Regierung erst vor kurzem die harten Regulierungsauflagen deutlich gelockert.  Auch wenn die Lehman-Pleite als Mutter aller Krisen gelten darf, ist klar: Die nächste Krise kommt bestimmt.

 

Ob Aktienmärkte, Immobilien oder Währungen erwischt werden, ist offen. Momentan gelten die Probleme der Schwellenländer als möglicher Auslöser. Einen noch stärkeren Widerhall dürfte ein unkontrollierter Brexit haben. Vielleicht kommt der Angriff auch aus dem Cyber Space. Wüsste man es, es würde nicht geschehen.

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