Riskante Wetten

27.08.2018 16:08 | Stefan Wolff

Stellen Sie sich vor, Ihr Bankberater würde zu Ihnen sagen: “Lass uns zur Rennbahn gehen und alles auf ,Sausewind’ setzen.” Was würden Sie machen? Wenn Sie auch nur einen Funken Verstand haben, würden Sie den Berater vom Hof jagen und die Bank wechseln. Oder Sie sind die hessische Landesregierung. Dann würden Sie einwilligen.

Hessen hat seinen Schuldendienst zu einem Großteil mit Zinsderivaten gestemmt und diese Praxis Ende 2010 massiv ausgedehnt. Mit diesen Papieren hat sich das Land gegen deutlich steigende Zinsen absichern wollen. Wie alle wissen, kam es anders. Die Zinsen sind nach zwei Anhebungen der EZB im Jahr 2011 auf “Null” gestellt worden. Dort verharren sie bis heute.

Was am Ende bei diesem Wettgeschäft herausspringt, wird sich erst am Ende der letzten Laufzeit herausstellen. Schon jetzt aber – so haben es die Kollegen der “Welt” ausgerechnet – hat das Bundesland auf diese Art und Weise 375 Millionen Euro versenkt.

Derivate sind Finanzwetten. Wetten haben den ungeheuren Vorteil, dass man sie gewinnen kann. Dafür muss es aber auf der anderen Seite auch einen Verlierer geben. Das ist der Nachteil. In der Finanzwelt haben Derivate eine berechtigte Funktion. In Fonds können sie der Absicherung vor Verlusten dienen. Der Preis für das geringere Risiko ist dann eine kleinere Gewinnchance.

Auch Kämmerern und Finanzministern ist es gestattet, sich solcher Finanzinstrumente zu bedienen. Entsprechend fällt auch die Verteidigung aus. Man handle nicht anders als ein Häuslebauer, der sich niedrige Zinsen sichere, hieß es. Das stimmt nur zum Teil. Wer sich für die Finanzierung seiner Immobilie ein Forward-Darlehen sichert, riskiert sein eigenes Geld. Im Falle des Landes Hessen handelt es sich um fremdes Geld, um Steuergeld.

Das kann alles gründlich schiefgehen. Und ist auch schon schiefgegangen. Im Jahr 2003 hat sich der hessische Rheingau-Taunus-Kreis von seinen Yen-Geschäften getrennt. Der Kreis hatte sich in Japan verschuldet, um von den niedrigen Zinsen zu profitieren. Auf diese Weise sparte der Kreis seit 1994 knapp 17 Millionen Euro. Zwischenzeitlich hatten allerdings gut 27 Millionen Euro Verlust in den Büchern gestanden.

Weil man so schön mit einem blauen Auge davon gekommen war, setzte der Landrat des Rheingau-Taunus-Kreises im  Jahr 2015 mit Spekulationen auf den Schweizer Franken 70 Millionen Euro in den Sand. Kein Einzelfall. Die hochverschuldete Stadt Essen verspekulierte sich mit Schweizer Franken, das chronisch klamme Hagen verlor mit Derivaten 50 Millionen Euro.

Wer eine Wette eingeht, hält sich immer für schlauer als der andere. Nur ist er das oft genug nicht. Das ist am Stammtisch genauso wie an der Börse. Aus diesem Grund sollten unerfahrene Anleger unbedingt die Finger von Zinswetten und anderen Konstrukten lassen. Politiker gehören eindeutig zu dieser Klientel. Das ihnen anvertraute Geld, beziehungsweise die Schulden sollten ultrakonservativ finanziert werden.

Die Hessen werden übrigens erst in 40 Jahren erfahren, ob sie für die damalige Fehleinschätzung zahlen müssen oder vielleicht sogar als Gewinner dastehen. Leider können sie sich dann nicht mehr bedanken.

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Kommentare

  1. Kommentar 1: von Oliver Junker

    Sehr geehrter Herr Wolff,

    ich gebe Ihnen recht, dass Kreditaufnahmen in YEN oder CHF sicherlich sehr spekulativ sind wenn man keine Einnahmen in der entsprechenden Währung erzielt. Ansonsten wären auch diese Geschäfte nicht spekulativ.
    Wenn man sich die wirtschaftliche Situation im Jahre 2010 vor Augen führt, ein Boom der Aktienmärkte, explodierende Rohstoffpreise UND steigende Zinsen, so war es nur vorsichtig die dauerhaft vorhandenen Verbindlichkeiten teilweise gegen steigende Zinsrisiken abzusichern. Dass es nachher eine Entwicklung zu einem Nullzinsszenario gab konnte sicherlich keiner erahnen. Was wäre gewesen wenn die Zinsen bis zum heutigen Tage gestiegen wären? Würden Sie dann auch fragen warum hat man nicht vorsichtig gehandelt und einen Teil der Verschuldung gegen steigende Zinsen abgesichert? So würde auch Geld der Steuerzahler verschwendet.
    Eine reine Zinssicherung mit einer Pferdewette zu vergleichen zeugt leider von fehlendem Sachverstand. Ich stimme Ihnen zu, dass es Derivate gibt die mit Wetten zu vergleichen sind. Nämlich immer dann, wenn der zu zahlende Zins von einer Marktentwicklung abhängt und somit der zukünftig zu zahlende Zins nicht im Vorhinein festgelegt ist. Bei ganz „normalen“ Festzinszahler Swaps, und um die geht es hier, handelt es sich ganz bestimmt nicht um eine Wette, sondern um eine reine Zinsabsicherung, wie es jeder, der einen Festsatzkredit aufnimmt, vornimmt.
    Bitte seien Sie zukünftig etwas vorsichtiger mit Ihren Aussagen und gießen nicht Öl ins Feuer. Ihr Kommentar ist geprägt von fundiertem Halbwissen.

  2. Kommentar 2: von Oliver Junker

    Korrektur Marktsituation:
    Sorry, aber ich habe mich so über den Artikel aufgeregt.
    Die beschriebene Marktsituation war im Jahre 2008.
    Betrachtet man allerdings den Bund Future, so konnte man im letzten Quartal des Jahres 2010 sehr wohl davon ausgehen, dass das Zinstief durchschritten ist und die langfristigen Zinsen wieder Fahrt aufnehmen.
    Somit war eine Zinssicherung sicherlich nicht verkehrt.
    Das Alles ändert aber auch grundsätzlich nichts an dem Charakter eines Festzinszahler Swaps. Es ist ein ganz konservatives Zinssicherungsinstrument und niemals einer Wette gleichzusetzen.

    Oliver Junker

  3. Kommentar 3: von Ryan

    Es gibt keine sichere Investition und sogar „Sauswind“ konnte gewinnen. Egal was die Staat Hessen macht mit seine Vermögen es wird mit Risiken verbunden und ich gebe die Staatsmänner recht sich zu bemühen eine „Hedge“ aufzusuchen. Möglicherweise wäre die Deutsche Zentral Bank bereit eine gebildete Meinung hierzu abzugeben.

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