Das Euro-Rätsel

19.04.2018 15:04 | Stefan Wolff

Eigentlich bewegen sich die Finanzmärkte in einem idealen Dollar-Umfeld. In den USA lassen sich Zinsen verdienen. Die Renditen für US-Anleihen mit zehn Jahren Laufzeit liegen bei 2,9 Prozent, während vergleichbare deutsche Papiere nur knapp mehr als ein halbes Prozent abwerfen. Die US-Wirtschaft brummt. In ihren Konjunkturbericht, dem “Beige Book”, berichten die regionalen Notenbanken der USA von wachsenden Konsumausgaben und von einem robusten Arbeitsmarkt. Außerdem boomt die Wall Street.

 

Das sind alles Zutaten für eine Dollar-Rally. Anleger müssten sich vom Greenback magnetisch angezogen fühlen, zumal sich die Zinsschere zwischen Dollar- und Euroraum kontinuierlich weiter öffnet und weiter öffnen wird. Denn während in der EZB noch ein Ende des Anleihe-Aufkaufprogramms diskutiert wird, stehen bei der US-Notenbank die Zeichen auf weiteren, moderaten Zinsanhebungen.

 

Trotzdem steigt der Euro. Im vergangenen Jahr betrug der Anstieg gegenüber dem Dollar satte 15 Prozent. Seit Jahresbeginn hat die Gemeinschaftswährung nochmal drei Prozent draufgepackt. Damit ist der Euro zwar noch weit von historischen Höchstständen entfernt, steht aber auf dem höchsten Stand seit zweieinhalb Jahren. Das reicht, um einige Unternehmen zu alarmieren. Der Autozulieferer Continental hat jetzt wegen der Währungseffekte vor sinkenden Gewinnen gewarnt. An den Finanzmärkten gilt das als Warnung der gesamten Wirtschaft.

 

Wie stark sich ein starker Euro auf die Exportwirtschaft auswirkt, ist ein beliebtes Streitobjekt. Klar ist, dass Exporteure im Dollarraum entweder mit niedrigeren Margen leben müssen oder mit einer sinkenden Wettbewerbsfähigkeit, wenn sie ihre Preise nach oben anpassen und deshalb mit den Wettbewerbern nicht mithalten können. Auf der anderen Seite sorgt ein starker Euro für stabile oder sinkende Rohstoffpreise. Öl ist in den vergangenen Wochen drastisch teurer geworden. Der gestiegene Euro mildert diesen Effekt ab, da Öl in Dollar bezahlt wird.

 

Außerdem ist die deutsche Wirtschaft wendig. Der Maschinenbau beispielsweise fürchtet einen teureren Euro gar nicht, weil die Anbieter in diesem Geschäft hochspezialisiert sind. Die Maschinen verkaufen sich, weil es kaum oder keine Konkurrenz gibt. Und Geschäftsbeziehungen sind eine langfristige Sache. Wer beim deutschen Maschinenbau anklopft, bekommt nicht einfach ein Paket vor die Tür gestellt sondern begibt sich oft in eine dauerhafte Geschäftsbeziehung.

 

Auch wenn sich positive und negative Effekte wahrscheinlich weitgehend aufheben, wird der Euro den Märkten als Thema erhalten bleiben. Die Diskussion ist einfach zu gut dafür geeignet, Kurse zu bewegen.

 

Frage nur, was macht den Euro so stark? Europas Wirtschaft braucht sich hinter den USA nicht zu verstecken. Auch die vor Jahresfrist noch befürchteten Siegeszüge der Populisten in Frankreich und den Niederlanden  sind ausgeblieben. Politisch geht es zwar turbulent in der Gemeinschaft zu, aber die Lage stellt sich nicht ganz so dramatisch dar. Und dann ist da noch die Tatsache, dass 2016 der US-Dollar als stark überbewertet galt. Jedes Pendel schlägt mal zurück.

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