Der neue Jägermeister

09.04.2018 17:04 | Stefan Wolff

Chefwechsel bei der Deutschen Bank, doch von einer Überraschung kann man wohl kaum sprechen. Schließlich pfiffen es seit Wochen die Spatzen von den Dächern, dass der Stuhl von Deutsche Bank-Chef Cryan wackelt. Jetzt kam der Schritt schneller als gedacht und heftiger als gedacht. John Cryan musste den Stab unmittelbar an Christian Sewing abgeben.

 

Vorausgegangen war diesem Schritt ein unwürdiges Gezerre. Seit Wochen befinden sich Aktien der Deutschen Bank auf Talfahrt. Allein seit Jahresbeginn verloren die Papiere fast 30 Prozent und fielen zwischenzeitlich sogar auf das Niveau des Krisenjahres 2016, als an den Finanzmärkten spekuliert wurde, die Deutsche Bank müsse vom Staat gerettet werden.

Flankiert wurde die Talfahrt von einem höher als erwarteten Verlust für das Geschäftsjahr 2017 und eben den Gerüchten um die Ablösung Cryans. Während sich der Chef selbst mit hochgekrempelten Ärmeln zeigte, bereit die Bank (wie vereinbart) bis mindestens 2020 zu führen, konnten sich die berühmten “gut informierten Kreise” nicht einmal ein halbherziges Dementi abringen. Ganz im Gegenteil sah man Aufsichtsratschef Achleitner weltweit beim Klinkenputzen. So funktioniert Demontage.

 

Und Selbstdemontage. Denn den Posten des Chefs des größten deutschen Geldhauses wollte niemand haben, zumindest nicht aus der Geldelite dieser Welt. Ein paar Kratzer im Lack hat dann auch gleich Christian Sewing. Er kann nicht für sich beanspruchen, als erster gefragt worden zu sein.

Jetzt also stehen die Zeichen auf Neuanfang. Mal wieder und doch so deutlich wie seit Jahren nicht mehr. Mit Christian Sewing rückt der Chef des Privatkundengeschäfts an die Spitze des Geldhauses. Da spricht vieles dafür, dass sich die Deutsche Bank anders ausrichten wird als bisher. Sewing spricht von einer Rückkehr der Jägermentalität. Auf was der neue oberste Jägermeister der Deutschen Bank ansitzen will, ist noch nicht klar. Klar scheint nur: Die Deutsche Bank wird ihren Schrumpfkurs fortsetzen werden. Der Wandel zu was auch immer wird weitere Arbeitsplätze kosten.

 

Sewings Vorgänger agierten allesamt eher glücklos. Der Schweizer Josef Ackermann war angetreten, die Bank auf Internationalität und Rendite zu trimmen. Das hat nicht geklappt. Von den einst ausgegebenen Zielen (25 Prozent Eigenkapitalrendite) ist die Deutsche Bank weit entfernt, gehört im europäischen Vergleich zu den unprofitabelsten Häusern.

 

Dass sich solche Renditen mit sauberen Mitteln wohl kaum erwirtschaften lassen, mussten Ackermanns Nachfolger Anshu Jain und Jürgen Fitschen ausbaden. Das Führungsduo hatte sich den Kulturwandel auf die Fahnen geschrieben. Doch während der Amtszeit der beiden kam die Deutsche Bank nicht aus den Negativschlagzeilen heraus.

 

Auch John Cryan hat sich in den vergangenen Jahren eher nicht mit Ruhm bekleckert. Er sollte vor allen Dingen die hohen Kosten der Deutschen Bank senken. Drei Jahre in Folge gelang es ihm nicht, sein Haus aus den roten Zahlen zu führen. Im vierten Quartal 2017 lag die Cost-Income-Ratio bei 121 Prozent. Das heißt: Für jeden Euro, den die deutsche Bank verdiente, gab sie 1,21 Euro aus. Dabei wurden jene, die die roten Zahlen mit schrieben, zuletzt mit großzügigen Boni gepampert, weil man diese Leistungsträger nicht an die ausländische Konkurrenz verlieren wolle. Eine solche Einschätzung ließ nicht nur Aktionäre ratlos zurück.

 

Sewing muss nun das Vertrauen der Investoren und der Kunden gewinnen. Viel Zeit hat er nicht und angesichts einer desolaten Ertragslage, jeder Menge nach wie vor ungeklärter Rechtstreitigkeiten und eines atomisierten Aktienkurses dürfte das auch keine leichte Aufgabe werden. Irgendwann wird sich auch Aufsichtsratschef Paul Achleitner die Frage nach seiner Rolle gefallen lassen müssen. Er amtiert seit dem Weggang Ackermanns, hat also das ganze Elend miterlebt und beaufsichtigt, wie die Deutsche Bank zu einem Schatten ihrer selbst wurde. Alte Fußball-Regel: Es bringt nichts, immer nur den Trainer zu feuern.

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Kommentare

  1. Kommentar 1: von amanita phalloides

    Mit Sewing übernimmt ein solider Handwerker. Wenn es ihm gelingt, der deutschen Industrie ein solide Infrastruktur der Bankkommunikation zu bieten, wäre für alle Beteiligten sicher mehr gewonnen, als Goldman Sucks zu imitieren. Eine deutsche globale Aufstellung sieht deutlich anders aus als die eines Bankhauses einer Weltmacht. Deutschland hatte im Sinne von USA, Britannien, Frankreich, Spanien, Portugal keine Kolonien, hat also keine globale Tradition, was ein eigenes Bankdesign verlangt. Das zu entwerfen, dürfte die wahre Aufgabe sein. Das wird sich keiner irgendwo sonst abschreiben können. Das wird authentisch sein müssen.

  2. Kommentar 2: von Schmidt

    In der Tat muss bei der Deutschen Bank nicht der Trainer, sondern der Aufsichtsratschef gegangen werden!

    Vielleicht auch gleich ein paar Anteilseigner mit, welche doch auf den Hauptversammlungen stets „grünes Licht“ gegeben haben – und nun so bitter enttäuscht sind. Ja, w e r hat denn den Kataris und Chinesen und den anderen Großaktionären dazu geraten, Deutsche Bank Aktien zu kaufen???

    Die „Empfehlungen“ der Top-Kommentatoren (neue Akzente setzen, strukturelle Herausforderung meistern, klar definierte Strategie suchen), was die Deutschen Bank bzw. Herrr Sewing zu tun hat, sind schlichtweg Worthülsen und „Jägerlatein“, welche zeigen, dass an sich keiner eine wirklich brilliante Idee hat – außer Kostensenkung, harte Maßnahmen, Schrumpfkur. Gähn!

    Vielleicht macht sich Herr Sewing mal selbst ein Bild von der Lage der Mitarbeiter vor Ort in der Filalen, die sich trotz IT-Mist, Personalmangel und unter Druck gesetzen Vorgesetzten tagtäglich für die Interessen Ihrer Kunden und Ihrer Deutschen Bank einsetzen.

    Statt ü b e r Mitarbeiter und Kunden zu reden wäre es endlich an der Zeit, m i t denselben über deren Erwartungen und Ziele zu sprechen.

    Die „Jäger“ sind schon längst da – nur sollte der neue Chef sein Jagdrevier künftig besser hegen und pflegen – sprich Innovationen entwickeln lassen, die nicht von oben herab, sondern von unten nach oben getrieben werden! Die Besserwisser sitzen nicht immer in den Chefetagen! Hut ab vor denen, die sich auch mal in Ihre Betriebe/Filialen wagen! Also Herr Sewing – nicht nur „von der Pike auf“, sondern vielleicht auch mal zu selben zurück?

  3. Kommentar 3: von Michael Krafft

    Der Wechsel an der Spitze ist nur Teil eines kleinen Wellenspiel in einem größeren Wellenspiel beim Übergang von inflationäre in deflationäre Zeiten.
    Die Stellschrauben zur Steuerung des größten Finanzschiffes funktionieren schon längst nicht mehr. Der Aktienkurs wird weiter sinken. Dank ca. 7.800 zu entscheidenden Klagen und einen zu Platzen vorbereiteten Floh-Sack an 50 Billionen Derivaten wird eine aggressive Übernahme keinen Vollidioten finden. So darf bald der Steuerzahler erfahren, dass er wieder ohne zu Fragen an der Sanierung der letzten großen deutschen Bank zur Kasse gebeten wird, um über den Weg der Notstandsgesetze den Euro gegen die Neue Deutsche Mark zu tauschen. Während die Chinesen notgedrungen einen großen Teil ihrer Namensaktien an der Deutschenbank verkaufen mussten und den Scheichs von Katar das Überleben vor Ort schwer gemacht wird, wartet schon der seit 11/2017 eingenistete Höllenhund (Cerberus)in Figur eines Stephen Feinbergs geduldig auf das Schlachtfest. Ein deutscher Zuchteber darf nicht die russische Zuchtsau besteigen, sonst würden die neuen Ferkel erlernen, wie unermessliche Bodenschätze mit kreativen Gestaltungswillen zum Wohle aller Menschen veredelt werden. Wenn dann noch der Chinese den Kauf von Staatsanleihen der USA aussetzt, wird es nicht nur die Kleinanlegern mit ihren letzten Ersparnissen treffen. Ich höre schon das große Halali!

  4. Kommentar 4: von friedrich peter peeters

    Mit Christian Sewing wird jemand Chef der Deutsche Bank der zumindest gewährleisten kann das er was versteht von Deutschland, von der deutschen Mentalität, vom deutschen Markt, von der hiesigen Wirtschaft. Wenn Herr Sewing in der Lage ist dies seine Mitarbeiter zu vermitteln und in der Lage ist das seine Mitarbeiter dies anwenden und wieder Kundenvertrauen gewinnen, ist mal ein sehr wichtiger Schritt gesetzt. Wenn Herr Sewing dann noch in der Lage ist die finanzielle Sicherheit und Stabilität nachhaltig der DB zu gewährleisten, so dass man nachts noch schlafen wenn man mit der Deutschen Bank arbeitet, dann ist ein zweiter wichtiger Schritt gesetzt. Und der dritte Schritt wäre das die Deutsche Bank ENDLICH wieder Geld verdient, kein Unternehmer arbeitet mit einem Pleite-Unternehmen. Also Herr Sewing machen Sie aus der Deutschen Bank endlich eine grundsolide deutsche Bank.

    Eigentlich sind dies Binsenwahrheiten, die jeder Aufsichtsrat wissen sollte aber die scheinen jeden Kontakt zur Realität verloren zu haben im Zeitalter der Überflieger, Hochflieger, Tagesflieger ……..

  5. Kommentar 5: von AbseitsDesMainstreams

    Jede Branche hat ihre Zyklen!
    Die Branche der Banken und Geldverleiher muss derzeit mit einer längeren Flaute leben, da die Zinsen niedrig und so die Marge zwischen Sparzins und Verleih klein ist. In den VSA fließt schon wieder der Sekt, denn die Zinsen ziehen bereits an.

    Wir in Europa werden noch etwas Geduld haben müssen, aber in etwa 2-3 Jahren werden sich auch die Banker in der BRD zuprosten. Nicht, weil sie klug gehandelt haben, sondern weil sich das makroökonomische Umfeld geändert hat.

    Der Wechsel von John Cryan ist das Mindeste, was die Aktionär der Deutschen Bank verlangen konnten. Dieser Mann war ohne jede Ethik und Moral: Wenn er das 10fache an Boni für total erfolglose Banker ausschüttet, als für die seit Jahren frustrierten Eigentümer, muss Gier und Dummheit bestraft werden. Warum haben mehr als 700 Mitarbeiter der Deutschen Bank ein Jahreseinkommen von 1 Mio. und mehr?

    Insgesamt sollten sich die Banker wieder an mehr Demut gewöhnen. Sie sind eine Branche wie andere auch

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