Die Dinos

22.09.2017 16:09 | Stefan Wolff

Es ist ein Versprecher der schöneren Art, den sich VW-Chef Müller vor kurzem im ZDF geleistet hat. Auf die Frage, warum VW erst jetzt – zwei Jahre nach Bekanntwerden der Diesel-Affäre – seine Elektro-Offensive gestartet hat, antwortete Müller, man habe “die zwei Jahre zur Selbstbedienung, äääh Selbstbesinnung” benötigt. Der Interview-Schnipsel ist zum Internet-Hit avanciert. “Freudscher Versprecher” gehört noch zu den wohlmeinendsten Urteilen.

 

So gesehen ist es ganz gut, dass die Internationale Automobil-Ausstellung (IAA) nun endet, auf der sich die Verursacher des Abgas-Skandals als Pioniere der Elektrifizierung feiern lassen und dabei hoffen, es werde schon keiner merken. Die Autobranche – das zeigte sich in Frankfurt deutlich – steckt einem dramatischen Wandel. Befeuert durch die eigenen Abgasbetrügereien drohen die klassischen Hersteller von diesem Wandel ebenso überfahren zu werden, wie die Energieversorger von dem Atom-Aus vor sechs Jahren. Drohende Fahrverbote in den Städten und E-Autoquoten in vielen Ländern erhöhen den Druck.

 

Die Hersteller versuchen den schwierigen Spagat und verkaufen Science Fiction neben den altbekannten PS-Boliden. Umweltschutz bleibt ein Lippenbekenntnis. Eigentlich hatte die Autoindustrie versprochen, seit dem 1. September nur noch Wagen neu auf den Markt zu bringen, die die Abgasnorm Euro 6d erfüllen. Bislang ist aber keine einzige solche Typzulassung beantragt worden. Das geht aus einer Bundestagsanfrage hervor.

 

Viele Hersteller hatten auf die Nabelschau in Frankfurt keine Lust. Modelle von Fiat-Chrysler suchten die Besucher ebenso vergeblich, wie die von Volvo, Mitsubishi, Peugeot-Citroen,  Nissan, Cadillac, Chevrolet, Aston-Martin und Rolls-Royce. Auch Elektro-Pionier Tesla zog es nicht an den Main.

 

Die Gründe für die Absagen waren vielfältig. Volvo und Mitsubishi sehen ihre Kundschaft eher beim Genfer Automobilsalon. Nissan tummelte sich lieber auf der Computermesse Cebit. Und Tesla hat eigenem Bekunden nach mit Branchentreffen nichts am Hut. Man sehe sich nicht als klassischer Autohersteller. Im Gegenzug waren immerhin die Internetriesen Facebook und Google auf der IAA vertreten. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen , dass die Leitmesse IAA ihre Zugkraft verloren hat.

 

An den Aktienmärkten waren Autoaktien zuletzt gefragt. Immer wieder ist davon die Rede, dass auch auf lange Sicht BMW, Daimler und VW nichts geschehen werde, da die Branche “systemrelevant” sei – angelehnt an die Banken während der Finanzkrise. Dennoch wird der Wandel zur Elektromobilität auch an den Finanzmärkten keinen Stein auf dem anderen lassen.

 

Zwar liegt der Anteil der Autos mit alternativen Antrieben an den Neuzulassungen in der EU derzeit noch bei knapp über fünf Prozent, doch wird dieser steigen. Weltweit haben Regierungen das Ende von Dieseln und Benzinern eingeläutet. Oder zumindest den Übergang zu anderen Antrieben beschlossen. Da deutsche Autohersteller weltweit aktiv sind, würde ihnen ein staatlich verordnetes Verbrennungsmotor-Reservat in Deutschland auch nicht weiterhelfen. Wer systemrelevant bleiben will, muss sich anpassen, auch wenn derzeit noch viel gegen das Elektroauto spricht.

 

Das Tückische an Elektroautos ist, dass diese mit weniger Personal zu bauen sind, als die klassischen Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren. Das wird nicht nur die Hersteller selbst vor  große Aufgaben stellen, sondern vor allem auch Zulieferer mit einem hohen Anteil an Motorenkomponenten. Wer hier nicht jetzt den Wandel anstößt, droht zu einem Dino zu werden.

 

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Kommentare

  1. Kommentar 1: von Bitcoinguru

    die deutsche Automobilbranche hat bereits verloren. Sie kann nicht mehr gerettet werden. In China werden bereits zahlreiche, kleine Elektroautos entwickelt, die bald den Weltmarkt überschwemmen werden. Es gibt niemanden, der dieser Schwemme etwas entgegensetzen könnte. Schade für Deutschland. Sie haben es selbst verpennt.

  2. Kommentar 2: von AbseitsDesMainstreams

    Lieber Herr Wolff,

    Sie glauben doch hoffentlich nicht, dass die Akkufabrik Tesla die Zukunft ist!

    Die automobile Zukunft dürfte langfristig auf Elektromotoren basieren, aber ganz bestimmt nicht auf der ca. 180 Jahre alten Akkumulatoren-Technik, die trotz Wandel vom Blei zum Lithium keine echten Quantensprünge bis heute gemacht hat (Zwischen Ihrer Bleibatterie im Auto und den modernsten Lithiumakkus liegt je nach Aspekt Gewicht oder Kapazität ein Faktor von etwa zwei bis max. vier).

    Derzeit wird völlig überstürzt die Sackgassentechnologie Batterieauto gehypt und damit die langfristig klügeren Ansätze behindert: Das Wasserstoffauto etwa hängt 5-10 Jahre hinter dem Batterieauto hinterher.
    Erste Serienfahrzeuge sind vorhanden und Daimler bringt mit dem GLC F-Cell das erste deutsche Serienauto mit Wasserstoff. In den nächsten 1,5 Jahren soll das Tankstellennetz für Wasserstoff in der BRD auf 400 Zapfsäulen ausgebaut werden.

    Ich denke wir werden noch etwa 20 Jahre mit Verbrennungsmotoren leben. Die deutschen Hersteller setzen nicht auf die populistische Batterielösung, sondern bauen – ganz typisch deutsch – an der langfristigen, hochwertigen Ingenieurslösung.

    Kaufen Sie also deutsche Automobilaktien und verkaufen Sie die Aktien der Kalifornischen Akkufabrik.

  3. Kommentar 3: von Jakub

    Es ist unglaublich und blamabel zu sehen, wie weit die Autoindustrie der neuen Konkurrenz hinterher hinkt. Ob Daimler oder VW, keiner hat in den nächsten 2 Jahren auch nur einen passablen Konkurrenten für Tesla zu bieten und wo Tesla in 2 Jahren technologisch sein wird, das weiß noch keiner.

    Es ist beschämend, dass die Kartellabsprachen nicht aufgerollt werden. Dass die Dieselaffäre den Verbraucher in Deutschland ohne Entschädigungen beläßt und dass die Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft gezogen werden.

    Das ist genau einer dieser Fälle wo der ganze Mittelstand hinschaut denn jeder weiß: Hätte hier ein Mittelständler gepfuscht, dann wäre er sehr schnell in Schwierigkeiten. Daimler dagegen stellt vor 2 Jahren Selbstanzeige und nicht nur, dass man das leiseredet, es gibt auch überhaupt keine Folgen für die Verantwortlichen!

    Unglaublich…

  4. Kommentar 4: von amanita phalloides

    In der Dritten Welt werden Verbrennungsmotoren noch lange unverzichtbar bleiben. E-Tankstellen in Australien oder in Afrika sind zwar mit Solarmodulen vorstellbar, doch nicht mit vernetzter Infrastruktur. Weiter fehlen in allen „Analysen“ alle Angaben zum Mix von E und Verbrennung. E-Autos dürften vorerst vor allem ein urbanes Phänomen werden. E-Busse, E-Taxis, E-Lieferwagen wären ein enormer Beitrag zur urbanen Luftqualität. Bevor solche Analysen nicht vorliegen, geht es sicher weiter wie bisher. Jeder Aktienkauf geht nur auf kurze Sicht. E-Auto bleibt weiter ein reiner Medien-Hype.

  5. Kommentar 5: von Dr. Erhard Grund

    Immer wieder die Mär vom Abgasbetrug der Autohersteller. Einen solchen Betrug hat es doch gar nicht gegeben, denn sonst könnten die Käufer die betroffenen Fahrzeuge ohne wenn und aber (BGB!) an die Händler zurückgeben. Da die deutschen Gerichte aber eine solche Rückgabe oder wenigstens einen Schadensersatz ausschließen, kann es auch keinen Betrug gegeben haben. Und fertig.

  6. Kommentar 6: von friedrich peter peeters

    Erstaunlich, nach dem die Superdinos in der Energiewirtschaft die Entwicklung sowohl in der Neuentwicklung, Produktion als im Vertrieb völlig verschlafen und fehleingeschätzt haben, scheint nun das Gleiche zu passieren in der Automobilwirtschaft. Jedenfalls die Richtung der Entwicklung wird nicht mehr vorgegeben durch die deutschen Autohersteller. Dabei werden die E-Autos auch in Zukunft nur eine begrenzte Funktion erfüllen können, vielleicht bringt das Wasserstoffauto eine Lösung in circa 10 Jahre.

    Fazit aber und das gibt sehr, sehr zu denken, die multinationale Gigaunternehmen in allen Branchen sind u n f ä h i g neue Trends, Produktionsmethoden und Vertriebswege festzustellen, zu entwickeln und auf dem Markt zu bringen. Beispielen? Die Foodbranche Nestle, Procter and Gamble und Unilever, die Rüstungsbranche mit völlig überteuerte Neuentwicklungen nicht mehr wettbewerbsfähig ist gegen Terroristen oder Kleinststaaten, die Elektrobranche wie Philips, AEG, Grundig und sämtliche amerikanische Unternehmen die im Konsumbereich nicht mehr vorhanden sind
    ,die gesamte Kleidungsproduktion, und und und.
    Darum, die e i n s e i t i g e s t e u e r l i c h e Bevorzugung der Großunternehmen gegenüber kleiner Unternehmen ist sehr, sehr gefährlich, insbesondere wird es auf Sicht eine wirtschaftliche Stagnation verursachen.
    Aber Lobby und Politik werden alle Initiativen verhindern.

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