Das erste Brexit-Opfer

29.03.2017 16:03 | Stefan Wolff

Es ist sicherlich kein Zufall, dass die EU-Kommission ausgerechnet  an dem Tag, an dem Großbritannien sein offizielles Austrittsgesuch stellt, der Börsenfusion zwischen Frankfurt und London die Rote Karte zeigt. Die EU setzt ihr erstes Ausrufezeichen in Richtung Brexiteers. Man wird sich die Butter nicht vom Brot nehmen lassen und keine Extrawürste braten, scheint das “Nein” aus Brüssel zu rufen. Brexit means Brexit. Es gibt keine Vergünstigungen.

 

Die Absage hatte sich abgezeichnet. An der Themse hatte man keine Lust mehr auf die Deutschen. Deshalb ist man auf die Forderungen der Wettbewerbskommission nicht weiter eingegangen, obwohl es “nur” um den Verzicht auf eine Handelsplattform für Anleihen ging. Noch gar nicht diskutiert worden ist da die deutsche Forderung, das fusionierte Unternehmen müsse seinen Sitz in Deutschland haben.

 

Mit dem Brexit-Entscheid muss allen Beteiligten klar gewesen sein, dass gleichzeitig die Fusion gescheitert ist. Ein Unternehmen in zwei verschiedenen Rechtsräumen zu etablieren, zwischen denen die Verhältnisse über Jahre komplett ungeklärt sind, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Hinzu kommt, dass Wertpapierhandel eine hoheitliche Aufgabe ist. Dass die Börse als britisches Unternehmen in der Lage gewesen sein wäre, diesen auf dem Festland zu garantieren, hat sie wohl nicht überzeugend erklären können.

 

Dreimal hat die Deutsche Börse versucht mit London anzubandeln, dreimal ist das Vorhaben krachend gescheitert. Einmal waren es die Londoner Anteilseigner, die sich sperrten, einmal funkte der Hedgefonds TCI dazwischen und ließ sich die Fusionskasse der Frankfurter als “Sonderdividende” ausschütten. Nun also der Brexit, und damit wird ziemlich klar: Es wird wohl keinen vierten Versuch geben.

 

Auch andere Fusionsmöglichkeiten sind in weite Ferne gerückt. Anbandelungsversuche mit der Vierländerbörse Euronext waren ebenso gescheitert wie die Vorhaben, mit der Schweizer Börse Six, der Borsa Italiana oder der NYSE Euronext zusammenzugehen. Der Kauf der Optionsbörse ISE wurde nach ein paar Jahren rückabgewickelt.

 

Menschen mit einer solchen Vita würde man vermutlich Beziehungsunfähigkeit attestieren. Die Deutsche Börse sollte nun dazu übergehen, aus sich selbst heraus zu wachsen. Das Unternehmen steht gut da und wird die gescheiterte Fusion überstehen, ohne größeren Schaden zu nehmen. Sorgen müssen sich Börsenchef Kengeter und sein Oberaufseher machen.

 

Und der Finanzplatz Rhein-Main wird eher profitieren. Zu groß war die Sorge gewesen, Geschäft an die Themse zu verlieren. Nun könnte der Brexit die Attraktivität Frankfurts steigern. Die Konkurrenz ist aber groß. Auch Paris hat eine schöne Börse.

Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • Facebook
  • Twitter

Seitenanfang

Kommentar

  1. Kommentar 1: von Blackbox

    Da muss sich die deutsche Börse selbst fragen, wie viel Sachverstand in dieser komplexen Materie dahinter sich verbirgt. Wenn ein Zusammenschluss von beiden Seiten angestrebt werden will, dann müssen doch die bestehenden
    Unternehmensteile und – verbindungen beleuchtet, analysiert, bewertet und anschliessend die Wettbewerbsbedingungen abgeglichen werden. Weil das wahrscheinlich nicht geschehen ist und anzumerken ist, da es sich um „Profis“ der Szene handelte, dann liegt hier der Verdacht nahe, man wollte nicht den gesamten Laden beleuchten. Oder viele Teile behalten, um den großen Player weiterbetreiben zu können. Da haben die Verantwortlichen die Rechnung ohne den „Brexit“ und er EU gemacht. Die Verantwortlichen sollte man aus dem Vorstand entfernen.

Schreiben Sie selbst einen Kommentar!

Bitte lesen Sie die Regeln für Kommentare.

Seitenanfang