Der Pyrrhussieg

22.02.2017 14:02 | Stefan Wolff

Der BGH hat entschieden: Bausparkassen dürfen zu treuen Kunden kündigen. Sie müssen damit ihre gemachten Zinsversprechen nicht unbegrenzt einhalten. Die Branche verbucht den Gerichtsentscheid als Sieg. Doch der Schuss geht nach hinten los. Das Geschäftsmodell Bausparvertrag erledigt sich selbst.

 

2,5 Prozent Zinsen? Nichts wie hin, würden heute viele Anleger denken. Aber vor 10, 20 Jahren war das ein Mickerangebot. Wer damals einen solchen Vertrag abschloss, setzte auf niedrige Bauzinsen in der Zukunft und nahm die niedrigen Guthabenzinsen dafür in Kauf.

 

Heute wissen wir, die Welt hat sich weitergedreht, und die Zinslandschaft ist auf den Kopf gestellt. Was damals als toller Bauzins dastand, grenzt heute an Wucher.  Der gänzlich unattraktive Guthabenzins von früher hat jetzt einen unglaublichen Sex-Appeal. Die Entwicklung enthüllt das wahre Wesen des Bausparvertrags. In Gestalt eines buff-konservativen Vermögensaufbaus daher kommend ist er in Wahrheit eine Wette.

 

So lange die Bausparkassen diese Wette gewonnen hatten, war alles in Ordnung. Sie konnten in der Ansparphase lächerliche Guthabenzinsen gewähren und in der Darlehensphase auskömmliche Zinsen verlangen. Mehr noch: Viele Bausparkassen versprachen ihren Kunden sogar Bonuszinsen für den Fall, dass sie kein Darlehen annehmen würden.

 

Die Quittung für jene, die ihre Bausparkasse beim Wort nahmen oder attraktiveren Finanzierungsangeboten den Vorzug gaben, war die Kündigung. Gegen die wurde geklagt. Und gegen-geklagt. Und gegen-gegen-geklagt. Und nun folgt der BGH der Argumentation der Bausparkassen. Der Gerichtshof entscheidet: Bausparverträge sind gar keine echte Geldanlage.

 

Das ist eigentlich ein Schlag ins Gesicht der Kunden und eine Bestätigung eines lange gehegten Vorurteils: Die Finanzwirtschaft privatisiert Gewinne ebenso gern, wie sie Risiken und Verluste sozialisiert. In der Tat ist es so: Wer heute einen Bausparvertrag abschließt, wettet auf steigende Zinsen. Sonst könnte er ebenso gut den Ansparbetrag in einem Fonds anhäufen und das Darlehen zum benötigten Zeitpunkt abschließen.

 

Vieles spricht dafür, dass die Bausparkassen die Wetten der Zukunft gewinnen werden. Zinsen werden auch wieder steigen. Die Frage ist nur, ob ihre Kunden dann noch darauf einsteigen, ob sie sich daran erinnern, dass ihre Vorgänger erst eingeladen worden waren, ihr Geld zu parken, dann wurden sie rausgeschmissen. Wer darüber hinaus dieses Schicksal noch nicht erlitten hat, dürfte versucht sein, den gut verzinsten Vertrag bis an die Schmerzgrenze anzusparen. Ein teurer Sieg für die Bausparkassen.
Im Grunde genommen hat die klagende Bausparkasse ihr eigenes Geschäftsmodell höchstrichterlich erledigen lassen. Sie stehen entweder als unzuverlässige Geschäftspartner oder als schlechte Verlierer da. Beides dürfte nicht gut fürs Geschäft sein.

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Kommentare

  1. Kommentar 1: von Miichael C. Kissig

    Ich kann diesen Abgesang auf das Bausparen nicht nachvollziehen – und das Urteil empfinde ich als Selbstverständlichkeit! Das Wesen eines Bausparvertrags ist, über mehrere Jahre EIGENkapital (Bausparguthaben) anzusparen, um im Anschluss FREMDkapital (Darlehen) zu erhalten und beides als Finanzierung fürs Eigenheim nutzen zu können. Das Eine gibt es nicht ohne das Andere. Man bekommt von der Bausparkasse auch kein Darlehen, wenn man nicht zuvor angespart hat. Selbst bei einer Einmaleinzahlung muss man waten, bis man die nötige Bewertungszahl erreicht hat. Dass Kunden aufgrund der Niedrigzinsen nun das Darlehensangebot ausschlagen, ist okay. Dass sie das Geld endlos lange auf den Konten rumliegen lassen, ohne dass es dem eigentlichen Vertragszweck dient, nämlich als Eigenkapitalanteil für die Gesamtfinanzierung, und die Bausparkassen das auch noch ohne Kündigungsmöglichkeit hinnehmen sollen müssen, ist kaum rational nachzuvollziehen. Und deshalb hat es der BGH auch nicht getan.

    Verwunderlich ist nur, dass hier von einer 10jährigen Frist gesprochen wird. Also 10 Jahre lang nach Zuteilungsreife, kann der Kunde das Geld noch verzinst auf dem Konto liegen lassen. Ich hätte hier nach 3 Jahren die Grenze gesetzt. Denn von Anfang des Vertrags an ist klar, wie lange die Sparphase ist und ab wann die Zuteilungsreife erreicht wird. Man stelle sich mal den umgekehrten Fall vor: die Bausparkasse sagt, trotz erreichter Zuteilungsreife, der Kunde müsse sich jetzt noch 10 Jahre gedulden bis er das Darlehen erhält. Da wäre die Butter aber braun. Und das zurecht. Deshalb sollte aus meiner Sicht auch ggü. der Bausparkasse keine unnötig lange Frist gelten.

  2. Kommentar 2: von Lange

    Lieber Herr Kissig,
    hätten Sie in einer Bausparkasse vor 15 Jahren die Bausparverträge so nach Ihrer Vorstellung verfasst, gäbe es in Ihrer Bausparkasse kein Problem.
    Die Bausparkassen haben andere Konditionen verkauft zu die sie auch gebunden sein sollten.
    Bausparkassen haben sich aber z.T. auch als alternative Geldanlage verkauft:
    es wurden zusätzliche Zinsprämien in Vertragvarianten festgeschrieben, falls man als Bausparer später auf den Kredit verzichtet: der Bausparvertrag war eindeutig eine Finanzanlage, die mit dieser Flexibilität vermarktet wurde. Auch die staatliche Bausparförderung fördert ja auch ohne Kreditzwang oder Bauzwang- man muß den Vertrag nur eine längere Zeit halten.

  3. Kommentar 3: von Lange

    Müssen wir jetzt erwarten, dass 20-jährige Staatsschuldverschreibungen aus der Hochzinsphase auch vorzeitig z.B. nach10 J. gekündigt werden?

  4. Kommentar 4: von GoldFan

    Wie war noch der Spruch:“Ein Banker leiht Dir gerne einen Regenschirm; bis es anfängt zu regnen.“
    Als nächstes kommen die ersten Lebensversicherer, die sich leider im schwierigen Umfeld nicht in der Lage sehen, ihre vertraglich eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen. Dann gibt es eben statt Garantiezins nur große Augen. Wenn ich es nicht selber erleben würde, ich hätte es nicht geglaubt, dass sich die Bausparkassen ihr eigenes Wettbüro ad absurdum führen würden. Man sieht, dass im Finanzsektor Verträge das Papier nicht wert sind, auf dem sie mal gedruckt waren …

  5. Kommentar 5: von diskobolos

    Das Bausparen ist schon immer eine zweifekhafte Angelegenheit:
    1. Seinen Hausbau vollständig über ein Bauspardarlehen zu finanzieren ist wegen der hohen Tilgungsleistungen kaum möglich.
    2. Nur weil es „Bau“-Sparen heißt, ist es noch lange keine sinnvolle Sparform
    3. Völlig sinnlos ist die staatliche Förderung: Wer wirklich ein Haus finanzieren möchte, dem nützen die paar Euro gar nichts.
    4. bekommen nur die die Bausparprämie, die sich das Bauen gar nicht leisten können
    5. Werden Anleger durch die Bausparprämie in eine sinnlose Sparform gelockt
    6. Ist gar nicht zu verstehen, warum der Steuerzahler diese Sparform im Gegensatz zu anderen subventionieren soll.

  6. Kommentar 6: von Daniel V.

    Hallo Lange,

    ich verstehe voll und ganz Ihren Ansatz, jedoch ist es ein Unterschied, wie man sich verkauft und was in Wirklichkeit in einem Vertrag steht.

    Es ist ja bisher das völlige Recht eines jeden Bausparkunden gewesen, sein Geld dort liegen zu lassen.
    Die Bausparkassen stellen dem Kunden ja auch die Entscheidungsmöglichkeiten: Entweder den Bausparvertrag auflösen oder in ein heutiges Modell wechseln.
    In beiden Fällen bleibt der Großteil der zugesicherten Zinsen dem Kunden ja erhalten, es entfällt je nach Vertrag vermutlich nur das Zinsplus.

    Es ist immer noch weitaus besser, als das die Bausparkassen aus so einem Vertrag zurücktreten dürften und der Kunde nur seine Einlagen zurück bekommen würde, was auf die Laufzeit gesehen sicherlich ein horrender Verlust für den Kunden wäre.

    Als Fazit möchte ich sagen, dass es vollkommen richtig ist, so einen Vertrag kündigen zu dürfen, da der Kunde trotzdem seinen versprochenen Zins bis zur Kündigung bekommt und somit trotzdem für die vergangenen Jahre ein deutlich Zinsplus macht.

    Und den Vergleich mit einer Schuldverschreibung zu machen ist hier fehl am Platz, da der Emittent das Recht hat, vor Ablauf der Schuldverschreibung das jeweilige Wertpapier zum Nennwert zurück zu kaufen.

  7. Kommentar 7: von friedrich peter peeters

    Es kommt Bewegung in der Zinslandschaft. Heute am 15 Maerz gabs die lang erwartete Leitzinserhoehung um ein 1/4 Punkt von 0,75 auf 1 in den USA. Dies trotz Gegenstreben von Trump. Und es werden weitere Zinserhoehungen kommen. Die EZB wird nicht abseits stehen koennen, zumehr die Inflation in Deutschland schon mehr als 2 % erreicht hat. Das war doch das Ziel der EZB, oder gillt das nicht mehr ? Das Draghi Wirtschaftsfoerderungsprogramm fuer Suedeuropa geht zu Ende. Trump und sein publizitaetsfreudiger Wirtschaftsweiser Navarro duerften sich beruhigen, der Euro wird teurer. Die Zinslasten fuer die Verschuldung der Modernisierung der Infrastruktur in den USA duerften deutlich zunehmen. Eine neue Aufgabe fuer Herrn Navarro.

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