Niemals geht man so ganz

17.01.2017 16:01 | Stefan Wolff

 

 

“Lass uns Freunde bleiben”, ist wohl einer der bei Trennungen am häufigsten ausgesprochenen Sätze. Und (fast) jeder, der diesen Satz schon einmal gehört oder ausgesprochen hat, weiß genau: Das läuft nicht. Natürlich muss für Beziehungen zwischen Ländern nicht gelten, was für Beziehungen zweier Menschen gilt. Doch so einfach, wie Theresa May sich das vorstellt, wird der Brexit dann doch nicht werden.

 

Die britische Premierministerin blieb freundlich im Ton aber hart in der Sache. May strebt den klaren Schnitt an. Brexit means Brexit, wie sie ja schon einmal sagte. Das bedeutet, es wird keine Zollunion geben, keinen Binnenmarkt und keine Freizügigkeit. Auf der anderen Seite strebt sie freien Handel an, am liebsten ganz ohne Zölle. Das soll ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und Großbritannien regeln.

 

Das klingt nach Rosinenpickerei und gar nicht mehr nach hartem Brexit. Würde der Rücktritt Großbritanniens von allen Pflichten bei weitgehend zollfreiem Zugang zum Binnenmarkt gelingen, würde das Begehrlichkeiten wecken und Konfliktpotenzial schüren. Ein Streit zwischen der EU und Großbritannien ist also schon vorprogrammiert, zumal die wirtschaftlichen Interessen auf beiden Seiten des Ärmelkanals hoch sind.

 

Autoindustrie, Maschinenbau und Chemiebranche in Deutschland haben ein vitales Interesse daran, den Marktzugang zu Großbritannien zu behalten. Die Autoindustrie Großbritanniens, die ja fest in US-amerikanischer (Vauxhall), deutscher (Mini) und indischer (Jaguar) Hand liegen, sind auf Zulieferer aus Kontinentaleuropa angewiesen.

 

Und dann ist da ja noch die Finanzindustrie. Die Börse will unbedingt und trotz aller Unsicherheiten die Fusion mit London, während einige Banken schon angekündigt hatten, der Insel den Rücken zu kehren. Aber auch hier dominieren die leiseren Töne. Die deutsche Bank hatte ursprünglich mal den Rückzug aus London erwogen, geht jetzt aber nicht davon aus, kurzfristig etwas zu ändern.

 

Es dominieren die leisen Töne. Auch die Märkte haben sich von der Zauberformel “Freihandel” einlullen lassen. Alle setzen nun auf sanfte Trennung trotz eines harten Brexits, wohl wissend, dass dafür Gesetze, Vorschriften gedehnt werden müssen und dass in einem engen zeitlichen Korsett langwierige Verhandlungen anstehen.
Dabei hat Theresa May auch keinen Hehl daraus gemacht, was passiert, wenn die britischen Vorstellungen nicht umgesetzt werden. Dann nämlich wird Großbritannien zum Steuerparadies und Investoren-Dorado – ohne Rücksicht auf die lieben Nachbarn. So ist das mit “Freunde bleiben”.

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Kommentare

  1. Kommentar 1: von W.Herch

    Die dt. Bank hat einen britischen Chef. Die Bank macht in den letzten Jahren ja auch unheimlich viel richtig, oder? Anstatt den Engländern mal ein Signal zu senden – nur heiße Luft.

  2. Kommentar 2: von Peter Thiess

    Sehr geehrter Herr Wolff,

    zunächst einmal herzlichen Dank für Ihren wertvollen Blog, ich lese ihre interessanten Beiträge sehr gern.
    Eine Freundschaft war die Beziehung zwischen den Brieten und der EU wohl eher nicht – eine Zweckgemeinschaft trifft es meiner Meinung nach eher; weniger emotional und sichtlich auf den eigenen Vorteil bedacht. GB wird sich enger an den USA orientieren – wir sollten uns auf ein starkes Europa konzentrieren und überlegen wie ein guter Deal für die Europäische Union und deren Bürger aussieht. GB ist zwar ein wichtiger Partner für die EU, wir sollten allerdings unserer Freiheit Nein zu sagen auch Raum geben damit das nationalistische Denken scheitert.

    VG

  3. Kommentar 3: von Manfred Malik

    Ich halte es mit klaren Regeln und konsequentem Handeln.
    Brexit – na und. Die Entscheidung der Briten wird angenommen, aber die Ziele Europas sollten nie aufgegeben werden. Jedes Zaudern und Wanken unsererseite macht uns schwach; und das in einer Welt, in der jede Nation ihre Stärke betont.
    Und diese versteckten – oder besser gesagt beiläufigen Drohungen sollten wir mit Gelassenheit begegnen. Europa ist stark, auch im internationalen Vergleich, solang wir uns nicht auseinander dividieren lassen (Trump, Putin, Nationalisten, …). Und dann haben wir halt mal einen schwierigeren Markt; wir suchen uns andere.
    Viel zu lange haben wir uns (EU) von den Briten am Nasenring durch die Manege ziehen lassen, nur um sie zu besänftigen bzw. zum Mitmachen zu animieren. Und wie immer sieht man dann: Wer nicht mitmachen will, den hält man auch mit Zugeständnissen nicht.
    Es ist schade, das die Briten diesen Weg gehen – aber was solls.

  4. Kommentar 4: von schgrueblerxyz

    Die Briten wollen keine Europäer werden
    denn sie wollen ihr Land zurück, nur noch eigene Gesetze anerkennen, keine freie Zuwanderung anderer Eu-Bürger mehr zulassen, keine Solidarbeiträge mehr an Europa leisten. Zuwanderung beschränkt sich auf nützliche Menschen. Handel soll vor allem Britannien Vorteile bringen. Sie wollen nur Briten sein und bleiben. Das ist der wahre Kern der Rede Theresa Mays. Europa liegt den Briten genau so viel oder genau so wenig am Herzen wie jedes andere Land der Welt. Die „Freundschaft“ zu Europa beschränkt sich auf den Nutzen, den Europa bieten kann in der militärischen Selbstverteidigung, in den wirtschaftlichen Beziehungen, in den sonstigen Gemeinschaftsaufgaben (z.B. Umweltschutz, Terrorismusbekämpfung etc.).
    Das Erklärte ist schlicht nur nationaler Egoismus und nicht Freundschaft. Ob nationaler Egoismus noch eine Zukunft hat, wird die zunehmend vernetzte und zusammenarbeitende Welt den Briten beantworten. Betrachtet man den Geist der Rede Theresa Mays ist die Unlogik der Gedankenführung erkennbar: Enerseits propagiert man den gleichberechtigten Freihandel mit allen Staaten, im gleichen Atemzug droht man mit Steuerdumping, um Unternehmen anzulocken, wenn man nicht bekommt, was man fordert. Wie will der britische Staat dann seine Wohlstandsversprechen erfüllen, wenn in diesem Fall die Steuereinnahmen sinken? Wie will der britische Staat den angelockten Investoren dann eine Rendite bieten, wenn die vom Steuerdumping betroffenen Staaten sich wehren undGegenmaßnhamen ergreifen?

  5. Kommentar 5: von friedrich peter peeters

    Die Zeiten fuer Europa haben sich in den letzten Monaten drastisch gewandelt. Konnte man noch vor einem halben Jahr aus der Position der Staerke heraus verhandeln, so ist man jetzt zum Bittgaenger geworden. Es kann gut sein das im Herbst dieses Jahres Frankreich, Italien nicht mehr in der EU sind. Die FN in Frankreich und 5 Sterne/Liga Nord in Italien werden eine strikt nationale Politik betreiben. In den Niederlanden kann es zu einer weniger freundlichen EU Politik kommen. Und in Deutschland wird eine kuenftige Regierung weniger tatkraeftig in Bezug auf EU koennen sein. Europa WIRD bestenfalls kaum noch Entscheidungsfaehig in EU Fragen sein, im schlimmsten Fall werden die Laender sich verselbstaendigen und wir werden es hinnehmen, da wir den Export nicht verlieren wollen. Und im allerschlimmsten Fall wird die EU viel kleiner werden, 5/6 Staaten.Vor dieser politische Kulisse werden die Briten im Verbund mit den Amerikanern, dessen Vertreter sie sind, uns sagen was sie wollen und die Deutschen, Hollaender und Skandinavier, da sie vom britischen Export zum Teil abhaengig sind, werden nachgeben. Die Finanzmaerkte werden weiter von London aus bedient werden, die deutsche Boerse zieht nach London um und so manches Unternehmen werden gezwungenermassen, da sie keine 45% Zoelle zahlen wollen, in Amerika beginnen zu produzieren. Die Briten werden sich wie eine Freihandelszone verhalten, Gueter aus der ganzen Welt werden ueber UK nach Europa hereinkommen, dies mit Unterstuetzung der Amerikaner. Niedrigsteuersaetze sind keine Frage, sondern wieviel. Sie glauben dies passiert nicht, Sie werden sich wundern.

  6. Kommentar 6: von W.Herch

    was ich immer wieder komisch finde: Angeblich hat England durch einen EU-Austritt viele Nachteile ! Nur merke ich davon bisher nichts, angeblich ziehen Banken viele Arbeitsplätze weg. Ist dem so ? Ich denke nicht. Da fragt man sich wieviel Ahnung die dt. Medien haben?

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