Bekannte Unbekannte und unbekannte Unbekannte

02.01.2017 16:01 | Stefan Wolff

Die „Null“ steht, und das ist für Anleger keine gute Nachricht. In den Prognosen für 2017 herrscht nur leichter Optimismus.

 

Erste Nullrunde: Die Zinsen. Daran, dass es bei der Nullzinspolitik der EZB bleiben wird, besteht kein Zweifel. Im Euroraum dürften die Anleihezinsen also höchstens moderat steigen. 2016 war die Umlaufrendite (das ist der durchschnittlich für alle gehandelten Bundespapiere gewährte Zins) erstmals in den negativen Bereich gefallen.

 

Da die US-Notenbank die Zinsen weiter anheben wird, werden die Zinsen weiter auseinanderdriften, was den Dollar stärken und den Euro tendenziell schwächen sollte. Der Euro könnte – so die Vorhersagen – recht bald die Parität zum Dollar erreichen. Ein Euro würde dann einen Dollar kosten. Und vermutlich weiter fallen.

 

Zweite Nullrunde: Aktien. Auch am Aktienmarkt dürften die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Im Schnitt sehen die Prognosen stagnierende Börsen voraus. Bei den großen Banken und Fondsgesellschaften reichen die Vorhersagen von einem vermuteten Rückgang auf 11.000 Dax-Punkte bis zu einem Anstieg auf 12.000 Punkte. Im Durchschnitt bedeutet dies Stagnation.

 

Mit ihren vor einem Jahr gestellten Prognosen haben die Auguren gar nicht mal schlecht gelegen. Die immer wieder gestellten Extremszenarien mal ausgeklammert, lagen die Vorhersagen im Durchschnitt bei 11.860 Punkten und damit nur leicht über dem tatsächlichen Jahresendstand.

 

Viele der bekannten Belastungsfaktoren nehmen die Anleger ins neue Jahr mit. Wenn in ein paar Tagen Donald Trump als neuer US-Präsident ins Weiße Haus einzieht, sind längst nicht alle Fragen beantwortet, die sich mit seinen Aussagen im Wahlkampf verbinden. Der Brexit wird die Börse ebenso weiter beschäftigen. Das Spiel liegt bei der britischen Premierministerin Theresa May, die zur Jahresmitte die Austrittskarte ziehen will. Es hängt maßgeblich von den Briten ab, ob es zu einem sauberen Schnitt oder einer schmutzigen Scheidung kommt.

 

Mögen also Brexit und Trumps Präsidentschaft bekannte Faktoren sein – was sie an den Finanzmärkten anrichten werden, ist unbekannt. Das hat schon die unverhoffte Börsenrally nach der US-Wahl gezeigt. Der frühere US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hat in einem anderen Zusammenhang mal über die “bekannten Unbekannten” (“known unknowns”) gesprochen. Jeder weiß, es ist was im Busch. Aber eben nicht was. Zu den bekannten Unbekannten gehören der Anstieg von Nationalismus und Protektionismus. Hier haben in vielen europäischen Ländern nicht nur Anleger die Wahl.

 

Und da sind noch die vielen “unknown unknowns”, also die vielen gänzlich Unbekannten, die niemand auf dem Radarschirm hat. Die Lehman-Pleite war so ein Ding. Aber auch im vergangenen Jahr hatte an Überraschungen kein Mangel geherrscht. Das dürfte sich 2017 nicht ändern.

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Kommentare

  1. Kommentar 1: von friedrich peter peeters

    Die Inflation hat ploetzlich erstaunliche 1,7% erreicht. Die Oelpreisteigerungl, der deutliche Lohnanstieg und das massive QE der EZB haben u n d werden weiter dazu beitragen. In einigen Monaten wird die 2% Inflationsrate dauerhaft ueberschritten sein. Die EZB wird die Zinsen anheben muessen und die Zeit des extrem billigen Geldes wird vorbei sein. Das wird sich im geringeren Wachstum, in der Politik, vor allem in Frankreich und Suedeuropa bemerkbar machen.
    Trump wird schnell kommen muessen mit seinen Steuer-und Wirtschaftsplaenen,
    ansonsten kann die positive Stimmung schnell umschlagen. Die Enttaeuschung waere sehr gross dann.

  2. Kommentar 2: von Jockel

    Die Bundesminister leisten bei der Amtsübernahme vor dem Bundestage den in Artikel 56 vorgesehenen Eid, d. h., sie schwören, den Nutzen des deutschen Volkes zu mehren.

    Dass Politiker keine Ideen haben, Nutzen zu generieren, wäre ja nicht neu.
    Aber warum leiht sich Schäuble dann nicht ein paar Milliarden zu negativen Zinsen und legt sie sich unters amtliche Kopfkissen? Für die Zins/Volumen-Balance gibt es sicher ein inflationsabhängig berechenbares Optimum. Leicht verdientes Geld!

    Und für das Kopfkissen braucht man nur ein paar Stellschrauben zu finden, wo Deutungshoheit ungenutzt rumliegt und somit Beliebigkeit noch gegeben ist.

    Man könnte z. B. einfach ein paar mehr Rückstellungen für die vielen in der Finanzkriese eingegangenen Eventualverpflichtungen betiteln. Zumindest für die Zeit, wo es sich lohnt.
    Das wäre zwar Vorsorge nach Kassenlage anstatt nach Risiko. Und wenn die Zinslandschaft es später mal verlangt, dieses Geld zurück zu geben, dann muss man es noch haben!

    Aber bis dahin wäre der Gewinn erst einmal gemacht. Und dieser würde die Staatsverschuldung verkleinern und die Kreditwürdigkeit Deutschlands verbessern.

    Es würde auch den Ehrlichkeitsfaktor der hochoben vorangetragenen schwarzen Null verbessern: Statt „keine Neuverschuldung“ müsste es „quantifizierte Vorsorge“ heißen.

    Ich merke gerade, dass das nicht so gut klingt und sich meine Eingangsfrage damit selbst beantworten könnte. Aber wer sich seinem Eid verpflichtet fühlt, kann ja auch nach anderen Kopfkissen und Schlagwörtern suchen.

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