Jetzt wird durchregiert

09.11.2016 13:11 | Stefan Wolff

Wieder einmal bestätigt sich: Umfragen sind keine Wahlergebnisse. Schwarze Schwäne gibt es nicht, die Lehman Brothers werden niemals kollabieren und Großbritannien wird gegen den Brexit stimmen. Für Meinungsforscher und Analysten sind es keine guten Zeiten. Fest steht: Amerikas kommender Präsident heißt Trump. Den hatte bis zuletzt kaum einer auf dem Radarschirm gehabt. Die Märkte reagieren trotzdem gelassen.

In seiner ersten Rede nach dem Wahlsieg habe Trump sehr versöhnlich geklungen, heißt es zur Begründung. Kann man so sehen. Allerdings kann auch eine Menge Kreide im Spiel gewesen sein. Spielt Amerika seine Trumpfkarte (“play the trump”) oder erklingen die Posaunen des Jüngsten Tages (“The last Trump”). Wie wissen es nicht und werden auch ganz gewiss – siehe oben – keine Meinungsforscher fragen, halten aber fest, dass die englische Sprache für diesen Fall die schöneren Wortspiele bereit hält.

Vor der Wahl war die deutsche Wirtschaft in großer Sorge, die Handelsbeziehungen zu den USA könnten zertrumpelt werden. Inzwischen halten sich die Vertreter eher zurück. Kein Wunder, denn wenn nur die Hälfte von dem eintritt, was Trump im Wahlkampf angekündigt hatte, wird es einen heftigen Dämpfer für die Weltwirtschaft geben.

TTIP, das Abkommen zwischen EU und USA, ist ohnehin Geschichte. Trump hat angekündigt, sämtlichen Freihandel aufzukündigen. Theoretisch wäre ein Austritt der USA aus der Welthandelsorganisation (WHO) die logische Konsequenz. Ganz praktisch stehen Nafta, das Abkommen zwischen Kanada, Mexiko und den USA, und das gerade verhandelte transatlantische Bündnis TPP ebenso zur Disposition, wie diverse bilaterale Abkommen zwischen den USA und einzelnen EU-Staaten.

Auf alle Fälle kann das Pariser Klimaabkommen geknickt werden. In der Welt Donald Trumps findet kein Klimawandel statt. Kohle, Öl, Gas und das mit letzteren verbundene Fracking bleiben die Energieträger der ersten Wahl.  Hinzu kommt, dass die öffentliche Hand gesetzlich dazu verpflichtet werden soll, bei Anschaffungen und Investitionen ausschließlich US-amerikanische Anbieter zu berücksichtigen. Außerdem drohen Straf- und Schutzzölle. Festhalten, die nächste Fahrt geht rückwärts.

Das klingt alles so, als würde zumindest erst einmal alles in Frage gestellt, was wirtschaftlich gestern noch sicher schien. Der kommende US-Präsident hat die Macht dazu, kann durchregieren. Denn die Mehrheit im Kongress gibt ihm sehr viel mehr Spielraum als Clinton ihn gehabt hätte. Trump wird in der kommenden Zeit wichtige Schlüsselpositionen – zum Beispiel am Obersten Gerichtshof – besetzen. Die Amtszeit von US-Notenbankpräsidentin Janet Yellen endet zudem Anfang 2018.

Was das alles für die Finanzmärkte bedeutet, ist unklar. Tendenziell wird es nervöser zugehen. Anleger werden sich auf größere Schwankungen einstellen müssen. Gold gewinnt als Krisenmetall wieder an Glanz. Auch langfristig ist die Welt sehr viel unsicherer geworden.

Am Jahrestag des Mauerfalls in Deutschland kommt in den USA ein Maurer an die Macht. Ein mehrfach gescheiterter Großkapitalist macht sich auf, die freie Marktwirtschaft zu erledigen. Welch feine Ironie. Karl Marx hätte seine Freude daran gehabt.

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Kommentare

  1. Kommentar 1: von Andrea

    An den Autor:

    Das hier:

    „Auf alle Fälle kann das Pariser Klimaabkommen geknickt werden. In der Welt Donald Trumps findet kein Klimawandel statt. Kohle, Öl, Gas und das mit letzteren verbundene Fracking bleiben die Energieträger der ersten Wahl.“

    stimmt einfach nicht! Die USA haben das Klima-Abkommen bereits ratifiziert und das kann Trump nicht mehr zuruecknehmen! Von daher bitte mal bei der Wahrheit bleiben, @ Autor.

  2. Kommentar 2: von friedrich peter peeters

    Es koennte kommen das Dollar und Euro am Jahresende pari stehen. Spaetestens im naechsten Jahr. Trump machts moeglich. Sicher wird die Fed jetzt in Dezember die Zinsen anheben. Dem steht jetzt nichts mehr im Wege. Trump wird die Inlandskonjunktur ankurbeln. Nutzniesser wird die Bauwirtschaft sein. Aber auch sonstige Industriebetriebe. Und Trump wird neue Arbeitsplaetze schaffen. Die Konsumausgaben werden deutlich ansteigen und damit die Inflation. Die Fed wird die Zinsen anheben muessen. Gold und Silber werden deutlich billiger werden. Auslandkapital wird verstaerkt nach Amerika ziehen und dafuer gibt es viele Gruende. Der staerker werdende $, der Konjunktur Aufschwung in Amerika, die Konjunkturprogramme und die Fluchtgelder aus Europa, die Wahlen in Frankreich, Italien, Holland und Deutschland machen es moeglich. Und noch etwas, Trump wird die ZIG und Zig Milliarden Dollars der amerikanischen Multis nach Hause holen. Dieses Geld muss in Amerika investiert werden. Zur Kasse gebeten werden an erster Stelle Apple, Google, Amazon, also die Multinationale High Tec Unternehmen. Dies wird Steuerfluchtlaender wie Irland, Holland, Luxemburg, England, Malta weh tun.

  3. Kommentar 3: von GoldFan

    Na ja, wie bei anspringender Inflation und Erstarken der Industrieproduktion die Silberpreise verfallen sollen, erschließt sich mir nicht so richtig. Obwohl es schon erstaunlich ist, mit welch fadenscheinigen Argumenten die kommende Trump-Präsidentschaft schöngeredet wird. Man sieht es an den Kursen; die Investoren können momentan nicht anders, als das im Überfluss vorhandene Geld in Aktien zu belassen. Erst hieß es, eine Wahl Trumps sei ein Brexit hoch fünf und dann ist der DAX nach 15 Minuten Vorbörsencrash wieder im Plus. Irgendwie ganz schön verrückt, die Realität.

  4. Kommentar 4: von schgrueblerxyz

    „Wird die Marktwirtschaft in USA erledigt?“
    diese Aussage des Textes scheint mir doch außerhalb der gemachten Aussagen von Herrn Trump zu liegen. Ich erkenne vor allem seine Absicht, mehr Investitionen und Arbeitsplätze in den USA anzusiedeln anstatt fertige Produkte zu kaufen, die im Ausland zu Arbeitsplätzen und Investitionen geführt haben. Dies bedeutet meines Erachtens nicht das Ende der Marktwirtschaft sondern eine Einschränkung des Imports der USA. Wenn Herr Trump dies umsetzt, mag das eine Abschaffung der Idee des unbegrenzten Freihandels sein aber bis jetzt kann man daraus nicht das Ende der Marktwirtschaft herleiten.

  5. Kommentar 5: von th.roehrig

    Samstag, 07.01.2017

    Nun sind schon einige Tage seit der US Wahl vergangen und es wird immer noch spekuliert…..
    Was macht Onkel Donald ??
    Ich bin Anfang 70 und habe noch keinen Wahlkampf erlebt, der ohne falsche Versprechungen, Verleumdungen oder falschen Anschuldigungen ausgekommen wäre. Warum sollte es diesmal anders gewesen sein.
    Psychologisch gesehen haben alle bis zum Ende geglaubt sie hätten gewonnen!
    Nach dem Schlußpfiff stand fest: das game ist verloren. Die Reaktion darauf ist:
    Enttäuschung, Frust, Zorn, Unverständnis und der Absturz der Gefühle aus großer Höhe.
    Wir wurden von den Medien auf Frau Clinton eingestimmt, bis man es geglaubt hat… und nun das.
    Diesmal ist es ein Makler, vor einigen Jahren war es ein Schauspieler, dann ein Trinker ( der hat wohl die meisten Toten auf dem Kerbholz).
    Will see..

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