Zinswende? Pustekuchen!

05.10.2016 15:10 | Stefan Wolff

Manche Gerüchte haben an der Börse ein sehr frühes Verfallsdatum.  Das gilt auch für die Spekulation, dass die EZB eine Zinswende einläuten könnte. Und trotzdem ist die Diskussion eröffnet.

 

Schwammiger geht es kaum. Die EZB könnte “eventuell schrittweise ihr Anleihekaufprogramm zurückfahren”, meldete eine Nachrichtenagentur. Trotzdem wirkte das Gerücht. Anleihezinsen stiegen, Aktienkurse fielen, der Euro legte zu, auch wenn die EZB schnell dementierte. Die Aufregung hat sich schnell wieder gelegt. Es dürfte auch nichts passieren.

 

Die Aktion könnte ein Testballon gewesen sein, um herauszufinden, was passieren würde, sollte die EZB tatsächlich eine Zinswende einläuten. Schließlich ist klar, dass das nicht mit einem großen Knall passieren wird sondern behutsam. Schrittweise wird das Anleiheaufkaufprogramm heruntergefahren und am Ende werden die Zinsen ebenso behutsam angehoben.

 

Das wird in ein paar Jahren sicher passieren. Momentan aber stehen die Zeichen anders. Die US-Notenbank wird in diesem Jahr nichts mehr unternehmen. Und die Bank of Japan stellt die Zeichen auf eine noch lockerere Geldpolitik. Jetzt soll auch die Zinskurve zurecht gebogen werden.

 

Als Zinskurve bezeichnet man die sich verändernde Zinshöhe bei unterschiedlichen Laufzeiten. Normalerweise sind die Zinsen bei Kurzläufern niedrig, lang laufende Anleihen kosten deutlich mehr Zinsen. Liegen die Zinsen am langen Ende der Kurve unter denen am kurzen Ende, dann spricht man von einer “inversen” Zinskurve.

 

Die laxe Geldpolitik hat dazu geführt, dass sich die Zinsen für die unterschiedlichen Laufzeiten von Anleihen stark angenähert haben. Das ist vor allem für Banken ein riesiges Problem. Denn langfristige Kredite, die die Häuser vergeben, werden mit kurz laufenden Krediten gegenfinanziert. Je höher der Zinsunterschied ist, desto höher fallen die Gewinne aus.

 

Kleiner Einschub: Das ist übrigens der Grund, warum die Finanzwirtschaft steigende Zinsen fürchtet, obwohl sie unter den niedrigen Zinsen leidet. Sollten die Zinsen steigen, würden die kurzfristigen Kredite schnell teurer werden, mit denen noch laufende und mager verzinste Kredite gegenfinanziert werden müssen.

Der Eingriff würde bedeuten, dass Japans Notenbank die Zinsen für lang laufende Anleihen heben und die für kurze Laufzeiten unten halten würde. Dieser Schritt käme vor allem den Bankbilanzen zugute. Ob sie Inflation erzeugen und Unternehmensinvestitionen ankurbeln, ist dagegen zweifelhaft.

 

In Europa und den USA werden diese Pläne genau beäugt. Sollte Japan tatsächlich mit der Brechstange in die Zinsmärkte gehen und damit auch nur kleinste Erfolge erzielen, dürfte dies als Blaupause auch für die EZB dienen. Erst einmal wird aber alles beim Alten bleiben, wobei sehr viel dafür spricht, dass spätestens zum Jahreswechsel das Anleiheaufkaufprogramm der EZB verlängert werden wird.

Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • Facebook
  • Twitter

Seitenanfang

Kommentare

  1. Kommentar 1: von Ötting

    Höchste Zeit, dass die Zinsen steigen. Sonst dürfen wir bald mit einer neuen Krise rechnen; Sparen muss attraktiver werden. Was waren das für Zeiten: 1980/1981 . 11% Zins für 1 Jahr fest.

  2. Kommentar 2: von sschgrueblerxyz

    lDie US -Leitzinserhöhung könnte doch kommen.
    Zitat:
    „Das wird in ein paar Jahren sicher passieren. Momentan aber stehen die Zeichen anders. Die US-Notenbank wird in diesem Jahr nichts mehr unternehmen. „
    Wenn ich mir die Wirtschaftsdaten der USA ansehe, glaube ich an eine Zinserhöhung in den USA noch in diesem Jahr. Die Leit-Zinsen sind aktuell zu niedrig, so dass ein Test einer Zinserhöhung dringend notwendig wäre, um nicht in Zeitverzug mit dem Zinserhöhungszyklus zu kommen. Und wenn ich mir die Kommentare der FED-Gouverneure anschaue, habe ich den Eindruck, dass sie ähnlich denken.

  3. Kommentar 3: von friedrich peter peeters

    Ob es zu einer US-Leitzinserhoehung in Dezember kommen wird, ist doch nicht so sicher. Die Konjunktur laesst zunehmend zu wuenschen uebrig. Jeder moechte eine Rezession so lange wie moeglich hinauszoegern. So auch die neue Praesidentin oder Praesident. Und die Fed wird sich nicht trauen die Politik Knueppel zwischen den beinen zu werfen. Im uebrigen die Fed ist in den letzten Jahren leider zunehmend politisiert worden, der optimale Zeitpunkt einer Zinserhoehung ist verpasst worden. Dagegen ist scheinbar die EZB Fuehrung die Politik egal, wenn ich Draghi sehe muss ich immer an Napoleon denken,

  4. Kommentar 4: von Klaus Keller

    Kennt eigentlich noch jemand den Wirtschaftskreislauf?

    Unternehmer zahlen Lohn, Arbeitnehmer kaufen bei Unternehmen.
    Man muss nicht studiert haben um diesen Teil vom einfachen Wirtschaftskreislauf zu verstehen. Ungleichgewichte sind auch nicht so kompliziert. Bekommt der Arbeitnehmer zu viel Lohn, lohnt sich das Unternehmen nicht mehr; bekommt der Arbeitnehmer zu wenig Lohn, kann der Unternehmer nicht genug verkaufen.

    Erweitert man den einfachen Wirtschaftskreislauf um den Außenhandel werden die einfachen Funktionen sicher beeinflusst aber nicht außer Kraft gesetzt. Genau das ist aber der Irrglaube der marktradikalen Globalisierung. Der Außenhandel wurde zum Wettbewerb der niedrigsten Löhne und Renten, betrachtet man beide Seiten ist das nichts anderes als eine Abwärtsspirale. Egal wie billig Kredite sind, das von der EZB neu gedruckte Geld geht nicht zu den Unternehmen und schon gar nicht kommt es bei den Bürgern an.

    Zinspolitik ist nicht der erste Schritt. Von Lohn und Rente muss man wieder Leben können, Schutz vor Lohndumping geben zum Beispiel Zölle.
    Ich mache es kurz: Globalisierung – Rückabwickeln – radikal.
    Dann kann der Bürger wieder kaufen. Weil Unternehmen Geld verdienen können, bekommt der Sparer wieder seine 3%, der Unternehmer seine 6% – 10% und Banken bekommen ein paar Gebühren.

    Jetzt lohnt sich Wirtschaft nur für wenige und bei wegbrechenden Fundamenten kann das nicht auf Dauer so weitergehen. Will man in die Zukunft muss man zurück – zurück in eine Soziale Marktwirtschaft.

  5. Kommentar 5: von Ed Boro

    Kommentar 4: von Klaus Keller ,
    es scheint, dass dieser Herr der einzige ist, der die miese Wirtschafts-Politik der EU durchschaut hat! Mein Vorschlag: selecting for Präsident!

Schreiben Sie selbst einen Kommentar!

Bitte lesen Sie die Regeln für Kommentare.

Seitenanfang