Schmutz als Chance

12.09.2016 14:09 | Stefan Wolff

“Spiel nicht mit den Schmuddelkindern”, hat vor langer Zeit der Liedermacher Franz Josef Degenhardt gesungen. An der Börse hält man das anders. Der Börsengang von Uniper war fulminant. Allen Bedenken zum Trotz hielt sich das Papier am ersten Handelstag wacker.

Es war einer der größten Börsengänge der vergangenen Jahre. Das Unternehmen war sogar einen Tag Dax-Mitglied, weil es von einem Dax-Mitglied abgetrennt wird. Diesen Titel führten schon die Siemens-Tochter Osram und der Bayer-Spaltpilz Lanxess. Das Debüt von Uniper hat auch RWE Mut gemacht. Das Unternehmen hat nicht wie Eon die Vergangenheit ausgegliedert, sondern die Zukunft. Die Tochter Innogy bündelt das Ökostromgeschäft, die Stromnetze und den Vertrieb. Der Mutterkonzern RWE bei Stromerzeugung aus Gas und Kohle Auch die Atomkraftwerke bleiben dort.

Zwei Taktiken, ein Ziel: Die Aufspaltung soll befreiend wirken. Die Energiewende soll schneller und besser vollzogen werden. Damit wollen die beiden Energieriesen vom Gejagten zum Jäger werden. Schließlich haben sie in den vergangenen Jahren ein jammervolles Bild abgegeben. Vom Beschluss, das Atomzeitalter in Deutschland zu beenden, wurden sie kalt erwischt und haben allenfalls reagiert.

Vor der Energiewende haben die vier Energieriesen fast den gesamten Strom produziert, den die Deutschen benötigten. EnBW, Vattenfall, RWE und Eon kamen auf einen Marktanteil von 82 Prozent. Diese Zeiten sind vorbei. Denn während der Anteil von Strom aus kleineren Wind- und Solaranlagen beständig wuchs, sanken die Preise für herkömmlich erzeugten Strom. RWE hatte 2013  noch einen Marktanteil von 27 Prozent. Fünf Jahre davor waren es über 32 Prozent gewesen. Bei Eon ging der Anteil an der Stromerzeugung sogar  von 22 Prozent auf 15 Prozent zurück.

Dieser Niedergang erforderte radikale Schnitte. Und ausgerechnet den Schmuddelkindern könnte das zugute kommen. Wenn die Sonne nicht scheint oder der Wind nicht weht, müssen herkömmliche Kraftwerke einspringen. Das ist zwar teuer. Die Netzumschaltkosten sind in den vergangenen Monaten rasant gestiegen. Doch ist es alternativlos, zumindest so lange, bis Lagermöglichkeiten für Wind- und Sonnenstrom geschaffen worden sind und die Transporttrassen stehen. Das heißt: Hier schlägt die Stunde von Uniper und von RWE.

Das Thema “Versorgungssicherheit” ist immer wichtiger geworden. Auch die größten und kompromisslosesten Fans alternativer Energieträger wollen nicht bei der Stromversorgung hohe Ausfallwahrscheinlichkeiten hinnehmen. Und in Sachen Zuverlässigkeit sind nun einmal die “Großen” weit vorn, auch wenn der Strom dann aus abgeschriebenen, 40 Jahre alten Dreckschleudern kommt.

An der Börse dürfte Uniper auch mit der Dividende punkten. Bis zu 75 Prozent seiner Gewinne will Uniper ausschütten. Das kommt zwar vor allem Großaktionärin Eon zugute, dürfte aber ein gutes Lockmittel sein. Zumindest so lange Kohle und Gas verstromt werden, kann sich die Aktie den Status eines Witwen- und Waisenpapiers erarbeiten. Das war bei Eon und RWE lange nicht mehr der Fall.

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