Risikoradar neu einstellen

09.06.2016 14:06 | Stefan Wolff

Vor kurzem ist die Europäische Zentralbank (EZB) dazu übergegangen, auch Unternehmensanleihen zu kaufen. Wie viel Geld die Währungshüter dafür in die Hand nehmen werden, ist nicht bekannt. Das Programm wird aber mächtig in den Markt eingreifen und die Koordinaten der Geldanlage weiter deutlich verschieben.

 

Es geht um Milliarden. Wenn eine Firma Anleihen herausgibt, steht die EZB bereit, bis zu 70 Prozent dieser Emission aufzukaufen. Das heißt: Für Groß- und Kleinanleger bleibt nicht einmal ein Drittel der Papiere übrig. Das Angebot wird also deutlich verknappt werden. Der von der EZB verursachte Nachfrageschub dürfte die Preise ordentlich nach oben treiben, für den Preis niedriger Zinsen.

 

Schon als die EZB im vergangenen März ihr Programm angekündigt hatte, waren die so genannten “Risikoprämien” stark gesunken. Das sind die Zinsaufschläge, die bei Firmenanleihen gegenüber Staatspapieren verlangt werden. Binnen kurzer Zeit sanken diese Prämien um zehn Prozent, bei Anleihen aus der Autobranche sogar um die Hälfte, wie die Helaba ausgerechnet hat. Das ist eine verzerrte Welt, denn natürlich sind die Risiken nicht geschrumpft. Bei Unternehmen kann es schneller zu Ausfällen kommen als bei Staaten (Ausnahmen bestätigen die Regel). Die tatsächlichen Risiken sollten von höheren Zinsen gespiegelt werden.

 

Kritik an dem Programm lässt EZB-Chef Draghi an sich abperlen. Natürlich handelt sich die Notenbank damit den Vorwurf ein, indirekt Firmen zu finanzieren. Der Eingriff ins Wirtschaftsleben kann ganz eklatant ausfallen. Zum Beispiel könnten die neuen Finanzierungskonditionen Unternehmen dazu verleiten, Fusionen und Übernahmen anzustreben, die unter “normalen” Bedingungen gar nicht zu stemmen wären.

 

Auf der anderen Seite stehen Anleger vor einem weiteren Dilemma. Auskömmliche Zinsen bei überschaubaren Risiken werden noch schwerer zu finden sein. Da auch Versicherer und Pensionsfonds betroffen sind, zahlen Privatanleger die Zeche doppelt.

 

Allerdings ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass sich Großanleger nun blind ins Risiko stoßen. Die fundamentalen Daten dürften bei der Anlageentscheidung weiter eine entscheidende Rolle spielen. Auch Privatanleger sollten sich Unternehmen vor einer Investitionsentscheidung genau anschauen. Gewinnsituation und Schuldenstand sind sehr viel wichtigere Kriterien als der Zins.

 

Mal wieder muss also der Risikoradar neu justiert werden. Wohin die Reise geht, zeigt ein Blick auf die Staatsanleihen. Die Umlaufrendite (das ist der Durchschnittszins für deutsche Anleihen) ist erstmals in den negativen Bereich gefallen. Konkret bedeutet dies, dass sich der Bund bis zu einer Laufzeit von neun Jahren nicht nur “für umsonst” verschulden kann. Er bekommt sogar noch etwas dafür.

 

Dass Risiken dennoch wahrgenommen werden, zeigt sich beim Blick auf andere Staaten, die ja Zinsen zahlen müssen. Oder zumindest niedrigere Minuszinsen aufrufen. Bei Unternehmen wird das nicht anders sein.

 

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Kommentare

  1. Kommentar 1: von Moneyconnection

    Der Finanzmarkt ist eben ein kreativer und unproduktiver Pfad. Sicherheiten spielen in diesem Falle keine Rolle mehr. Wenn das so weiter geht, wird der Grad der Verschuldung weiter zunehmen. In diese Spirale haben schon die Versicherungen ihren Anteil eingefahren. Bei diesem Aspekt ist ein Abschluss einer Lebensversicherung oder Kapitallebensversicherung schon eine „Anleihe“. Wo liegt denn sonst der Unterschied ?. Der Versicherungsnehmer stellt der Versicherung einen „zinslosen“ Kredit zur Verfügung. Bei Renditen von zurzeit 1,75 % Zinsen ist doch für die Altersvorsorge kein Plus zu erwarten. Das ist doch auch bei den Unternehmensanleihen doch nichts anderes, aber da bekommt man noch einen „Risikoaufschlag“ von 4% bis 5% in Ausnahmefällen noch etwas mehr.
    Aber das Risiko steigt damit an, wie zum Beispiel bei der KtG Agrar SE in Hamburg. Die zahlen 7,5% Zinsen und jetzt sich die an ihre Grenzen gestoßen. Warum kontrolliert niemand die Volatilität dieser Unternehmen?? Bei den Wirtschaftsprüfern fehle es auch an der konkreten Kontrolle!!
    Dies ist nur noch alles mit den Worten zu umschreiben, Finger davon zu lassen, solange der Gesetzgeber nicht endlich einmal eine für den „kriminellen“ Kapitalmarkt einen nachhaltigen und konkreten Maßnahmenkatalog herausbringt, um die „schwarzen“ Schafe davon abzuhalten, den Anleger abzuzocken. Denn was hier abläuft ist ein paralleler Finanzkreislauf, der außer Kontrolle geraten kann, oder der ist schon außer Kontrolle geraten. Sonst könnte die EZB nicht die Unternehmensanleihen ihr zu Eigen machen. Ob damit die den Kapitalmarkt kontrollieren möchte, wird stark bezweifelt. Sie zieht damit nur noch mehr Fliegen an Sich und für bestimmte Personen . . . so wie es die Versicherungen mit ihren Produkten gemacht haben.

  2. Kommentar 2: von Josus

    Was soll die EZB machen, wenn keiner mehr sich verschulden will und alle nur noch Geld anhäufen wollen? Die Schuldenbremse in Deutschland ist das Beste Beispiel dafür.

  3. Kommentar 3: von friedrich peter peeters

    Moneyconnection. Guter Kommentar. Der Grad der Verschuldung erreicht eine extreme Höhe. Dies kann nicht mehr die Aufgabe der EZB sein. Es gibt zunehmend starke Kritik aus der USA, nicht nur aus EU-NORD. Ihre Kritik an der fehlende Kontrolle der Wirtschaftsprüfer ist mehr als zurecht. Siehe die Landesbank in Bremen. Ich denke da sollte strafrechtlich endlich was unternommen werden. Warum passiert hier nichts….

  4. Kommentar 4: von M.B.

    Solange sich europäische Investoren (ohne Briten) von den Angelsachsen und Amerikanern ausnehmen lassen, wird es in Europa genauso laufen wie in Japan und den anderen weltweiten Börsen. Nennen wir einfach den Ankauf von Staatsanleihen der EZB Subventionierung des europäischen Kapitalmarktes. Wie lange schon wird der Agrarmarkt, sprich die Bauern, durch die EU subventioniert? Übernimmt Herr Draghi jetzt die Regulierung des Kapitalmarktes oder sorgt er nur für Preisstabilität? Vielleicht wird es ja ein Fall für den europäischen Gerichtshof, wenn er Staatsanleihen von Firmen kauft die nach kürzester Zeit insolvent sind und die Papiere wertlos sind.

  5. Kommentar 5: von Leitner,Manfred Ing.

    Alle (Merkel, Schäuble – er lobt schon wieder die Griechen, denn dann fließen wieder Mrd. – bis zum letzten Sesselkleber im Bundestag ) schauen tatenlos zu, wie uns Südländer , allen voran Draghi, schadenfroh in den Graben fahren. Die Spitze gehört endlich verjagt und vor Gericht gestellt. Wer vertraut noch diesen EU-Institutionen. Das gibt jede Menge Protest gegen solche Versager/Verbrecher und kommt der AfD zugute.
    Was hat denn Sarrazin so falsch vorhergesagt?
    Muss es noch schlechter werden, bis es endlich wieder besser wird?

  6. Kommentar 6: von H1

    Meine Meinung:

    „Geld drucken“ führte bisher in ALLEN Fällen in der Weltgeschichte, früher oder später, zu einer Währungsreform; und je früher, um so schmerzloser sollte es werden ….

  7. Kommentar 7: von Tanja Kilian

    Ich sag nur Sommerloch. Die jetzt investieren – gute Chancen – aber mit viel Geduld. Der DAX wird noch weiter runter gehen. Einsteigen oder Warten das Risiko muß man einschätzen können. Meine Meinung: Ja, aber ein gemischtes Portfolio.
    BÄREN & BULLEN.

  8. Kommentar 8: von Tanja Kilian-Zeiner Bankbetriebswirtin

    Geld drucken ❓❓❓
    So ein Quatsch. Haben wir doch schon mehrfach hinter uns. Geld bleib Geld. Was auf den Banknoten steht zählt und zahlen müssen wir ab so oder so. Nein eine ganze einfache Geschäftsidee. Ich hab sie!

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