Chinesen auf Einkaufstour

02.06.2016 11:06 | Stefan Wolff

Die Argumente erinnern sehr an die Heuschrecken-Debatte aus dem Jahr 2005. Damals hatte der damalige Vizekanzler Franz Müntefering Beteiligungsfirmen vorgeworfen, dem Standort Deutschland zu schaden, indem sie Unternehmen aufkaufen, zerlegen und die Einzelteile wieder verhökern. Dieses Mal heißt der Vizekanzler Sigmar Gabriel. Und der ist in Sorge, Chinas Staatsunternehmen könnten die deutsche Unternehmenslandschaft leerkaufen.

 

Schon seit einigen Jahren plagt chinesische Unternehmen der Übernahmehunger. In den vergangenen Monaten haben sie wieder verstärkt zugeschnappt. Aktuell steht der Graphitexperte SGL Carbon auf dem Einkaufszettel. Auch am Maschinenbauer Aixtron und dem Roboterhersteller Kuka haben die Chinesen Interesse bekundet.

 

Schon die früheren Unternehmenskäufe und Beteiligungen haben gezeigt, dass Geld im Prinzip keine Rolle spielt. Chinesische Staatsunternehmen haben Devisenüberschüsse, die eines Exportweltmeisters würdig sind, vor allem in US-Dollar. Ein Ökonom hat mal vorgerechnet, dass das Reich der Mitte sämtliche Dow-Jones-Konzerne aufkaufen könnte. Es gäbe sogar noch Geld zurück.

 

Jetzt aber steht ersteinmal deutsches Knowhow im Mittelpunkt. Das Beuteschema ist klar definiert. Vor allem Autoindustrie und Maschinenbau interessieren die Chinesen und damit zwei Kernkompetenzen der deutschen Wirtschaft. Dabei haben sie vor allem in Mittelständler investiert und machen manchmal mit illustren Namen auf sich aufmerksam. Kraussmaffei, der Baumaschinenhersteller Putzmeister, Kion (die Gabelstaplersparte von Linde), Autoschloss-Spezialist Kiekert und Müllverbrenner EEW Energy befinden sich unter anderem in chinesischer Hand.

 

Nicht wenige Beobachter heben schon den Zeigefinger und warnen davon, dass deutscher Technologievorsprung abgesaugt werden könnte. Kompetenzen und Arbeitsplätze könnten verloren gehen. Deshalb haben zum Beispiel die Kuka-Aktionäre ordentlich Stimmung auf der Hauptversammlung gemacht. Gerade Kuka gilt als sensibel, da das Unternehmen maßgeblich für die Industrie 4.0 steht, also für die Vernetzung von Internet und Industrie.

 

Das ruft die Politik auf den Plan. Doch kann solch ein Protektionismus wirklich funktionieren? Die Franzosen machen es vor. Ohne ein zustimmendes Nicken aus dem Elysée-Palast geht wenig für ausländische und einheimische Firmen. Sigmar Gabriel wird es allerdings schwerfallen, ein Konsortium zu finden, das sich Kuka annehmen könnte. Schon aus diplomatischen Gründen. Deutsche Autohersteller machen sehr gute Geschäfte im Reich der Mitte. Das wird man sich nicht verscherzen.

 

Die Angst vor einem ungewollten Technologietransfer ist durchaus berechtigt. Die Gegenargumente sind aber ebenso klar und einleuchtend. Der chinesische Markt bietet ungeheure Möglichkeiten. Chinesische Eigner könnten sich als ideale Türöffner erweisen und so den deutschen Technologiestandort eher stärken als schwächen. Schließlich schauen Kunden bei hochspezialisierten Maschinen mehr auf Qualität, Präzision und Leistung als auf den Preis.
Bei weniger komplizierter Technik sieht das schon anders aus. Ein Negativ-Beispiel ist die Solarbranche. Hier dominieren inzwischen Billiganbieter aus China den Markt.

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Kommentare

  1. Kommentar 1: von Phantom

    Wenn man soviel Geld auf der Kante hat wie chinesische Firmen, dann ist doch kein Problem auf Einkaufstour zu gehen. Und da Deutschland mit seinen Tüftlern (Ingenieure) bei VW – Softwaremanipulierung bei den Dieselfahrzeugen oder SAP mit der Cloud-Abwicklungen, Aixtron und nicht zu vergessen nun KuKa. KuKa ist natürlich für die Chinesen das Non-Plus-Ultra. Da geht es um eine Zukunft, welche die „Arbeit“ erleichtern soll, nicht nur in der Autolackiererei oder vielleicht, den Chinesen bei dem Anbau von Reispflanzen und der Ernte, was natürlich eine Erleichterung darstellen würde. Aber dafür das Unternehmen und dessen Know how so leicht zu überlassen, ist nicht besonders schlau, auch nicht von bisherigen Ankeraktionären. Auch wenn man dies mit der Überlegung im Hinterkopf, den Markt damit in China durch „ständige“ Änderungen politischer Rahmenbedingungen, besser begegnen zu können, halte ich für ein vorgeschobenes Argument. Man bedenke, was chinesische Unternehmen in Deutschland an die Börse gebracht haben, war nur „Müll“ und dabei wurden viele Anleger über den „Tisch“ gezogen. Abgesehen von deutschen Unternehmen, wie NINO, Praktiker, IVG, RWE, EON, Pfleiderer etc. die auch nicht eine besondere Rollen spiel(t)en, wo Aktionäre kalt gestellt worden sind. Besser die Ankeraktionäre sollten sich zu einem Pool zusammen schliessen und damit KuKa vor dem Angriff retten, damit das Wissen nicht woanders landet und billigst weiterproduziert werde. Was dann als Konkurrenz auf den deutschen Markt zurück kommt. Eine nicht nachvollziehbare Geschichte.

  2. Kommentar 2: von Amanita Phalloides

    In jedem Kondratieff-Zyklus werden nicht innovationstaugliche Technologien ausgelagert. Schmierstoffe werden schon lange in Indien – China produziert, weil dort die Maschinen stehen, die diese Stoffe brauchen. Bei Kuka stellen sich andere Fragen. China dürfte Roboter zunächst kaum brauchen, also geht es um Auslandsmärkte. Weiter stellt das die Frage, wie autonom Kuka produzieren kann, denn Roboterstraßen werden von den Firmen geplant, die sie einsetzen. Was kaufen die Chinesen denn konkret? Die Steuerung der Roboter oder deren Assembling?

  3. Kommentar 3: von Phantom

    ZU Amanita Phalloides
    Bei dem Kondratieff-Zyklus, der nun der sechste ist, wird angenommen, wie immer, das das Wirtschaftswachstum in den Industrieländern Europas tendenziell abnimmt. In Japan stagniert es und in den USA haben die auch nach dem 5 Kondratieff-Zyklus noch keine Lösung gefunden, den Abwärtstrend entgegen zu treten.

    Auch wenn die Innovationsforscher, die hoffen, dass ein technologischer Durchbruch stattfinden könnte, aber die Realität sieht bekanntlich anders aus.

    Gerade nach der Finanzkrise, die uns den haltlosen Geldfluss durch die Banken, vor Augen geführt hat, dass die Banken, die zerstörerischen Parameter darstellen. Was damit einhergeht, dass die Innovations“lust“ der Unternehmen zurückgeht, aber nicht in den Wellen, die wie sie Kondratieff sich das vorgestellt hat. Denn da war die Finanzindustrie noch eingebunden in das Wirtschaftssystem. Heut ist das nicht mehr der Fall. Die Finanzindustrie ist in eine Parallelwirtschaft abgeglitten und somit nicht mehr beherrschbar zu machen.

    Was das mit KuKa zu Tun hat, ist doch, dass ein innovative Unternehmen „geschluckt“ wird, damit das aufkaufende Unternehmen sich die Investitionskosten erspart hat.
    Ob dann, und auch im Sinne von Kondratieff, es sich, oder auch selbst weiterentwickelt, hängt von dem Investor ab. Da habe ich meine Zweifel, ob die chinesischen Investoren dazu fähig sind, muss sich zeigen. Es ist nicht zu vergleichen, wie mit Japan. Man bedenke, Japan stagniert seit zwanzig Jahren und kommt nicht weiter. Das die Japaner ein innovatives Volk ist, haben die schon mehrfach bewiesen.
    Die Chinesen aber nur im Kopieren.(Ausnahmen bestätigen die Regel) Bei dem Kopieren entstehen keine neue Innovationen, im Gegenteil, man“n“ muss sich erst einmal in die Technologie einarbeiten und das verschlingt natürlich Zeit. Und in dieser Zeit kann man keine neuen Impulse setzen für neue kreative Anknüpfungspunkte. Damit fällt der Kondratiell-Zyklus wieder aus.

  4. Kommentar 4: von Amanita Phalloides

    Zu Phantom

    „ob die chinesischen Investoren dazu fähig sind, muss sich zeigen.“

    Das war mein Zweifel und meine Frage. Die Chinesen kaufen die Fertigung, nicht die Innovationskraft. In Frankreich haben die eine Agrarmaschinenfirma gekauft, die sie in den endgültigen Abgrund manövrierten. Gleiches Muster im Hafen von Piräus: Ein Teil, aber nicht in den Strukturen. Die haben dort die Überkapazität teuer gekauft. Was die Chinesen nicht begriffen haben: veraltete Technologien auszulagern, ist eines für Dritte Welt, Innovation aus der ersten aufzukaufen etwas völlig anderes und etwas, was so nicht geht. Von Volvo haben die bisher auch nichts erkennbar gewonnen.

    Bei Kuka ist der Symbolwert enorm. Doch Roboter zu proudzieren verlangt kein Wissen über Produktionsfunktionen und -abläufe, denn die legt der Auftraggeber vor. Wenn dem so ist, würde ich den chinesischen Versuch des Aufkaufes als Industriespionage bezeichnen. Dann darf Herr Wolff einen neuen Kommentar schreiben.

  5. Kommentar 5: von OnegShimas

    Die Wahrnehmung chinesischer Investitionen in Deutschland/Europa ist zu sehr geprägt von den „Erfahrungen“ mit westlichen Ländern bzw Japan. Keines der Ländern -auch die USA nicht- hat(te) das Dominierungspotential, das China heute hat. China braucht das technologische Know-How aus deutschen Unternehmen für die eigene industrielle Weiterentwicklung – als Übergangstechnologie – bis die eigene technologische Innovation übernimmt. Das China das als „Kopiernation“ nicht könne, ist Schwachsinn. Es hat eine Raumfahrttechnologie aufgebaut, die sicherlich nicht von den konkurrienden Unternehmen/Konsortien in USA und Europa unterstützt wurde.
    Wenn der technologie-Transfer nach chinesischer Wahrnehmung ausreichend ist, dann werden die ausländischen Standorte verkauft oder abgewickelt – jedenfalls nicht mehr als mögliche Konkurrenz auf dem Weltmarkt geduldet. Das mag 10 Jahre dauern in denen sich lokale Beschäftigte und die Politik freuen, dass das mit China so gut funktioniert.
    Aber dann ist Schluß! Langfristig China braucht auch Deutschland nicht als „Abnehmerland“ für seine Technologieprodukte und hat deshab keinerlei wirkliches Interesse deutsche Wirtschaftskraft wie auch immer zu erhalten. Es hat einen eigenen Markt der auf Jahrzehnte aufnahmefähig genug ist. Und es steht vor der Aufgabe in den nächsten 1-2 Jahrzehnten 300 Millionen besser bezahlte Arbeitsplätze zu schaffen. Hier braucht die Poltiik schon 20 Jahre um über einen Dumping-Lohnsektor ca 3-5 Millionen Arbeitsplätze zu „schaffen“.
    Jedes dieser Beteiligungsgeschäfte mit Chinesischen Unternehmen – von denen sich keines dem bestimmenden, fördernden und fordernden Einfluß der Partei entziehen kann und will – ist ein Schaufeln am eigenen Grab – egal wie verlockend die Angebote bei der Übernahme sind. Handeln/Investitionen in/mit China ist ein völlig anderes Spiel als das, das die Entscheider in Politik und Wirtschaft aus der „westlichen“ Welt gewohnt sind.
    Wenn sie das doch nur begreifen würden….

  6. Kommentar 6: von Klaus Keller

    Der angelsächsische Kapitalismus ist zerstörerisch. Da werden Unternehmen von Heuschrecken zerschlagen, kleinere Häppchen werden verscherbelt aber ganz besonders verlieren die Mitarbeiter an Lohn und Rente oder gleich die Lebensgrundlage. Betriebswirtschaftlich lukrativ – volkswirtschaftlich ein Desaster. Das mag nicht in jede Ideologie passen aber Protektionismus ist grundsätzlich und im angemessenen Umfang etwas Gutes.

    Den chinesischen Einkaufsdrang würde ich eher in Richtung „Eroberungsfeldzug“ einschätzen. Man baut Brückenköpfe und kann Gleichzeitig Wissen für die eigene Wirtschaft abgreifen. Kurzfristig könnte das sogar vorteilhaft für die Arbeitnehmer sein, langfristig wird es zum Ausverkauf der deutschen (ehemals Sozialen) Marktwirtschaft. Und wieder passt der Satz: Das mag nicht in jede Ideologie passen aber Protektionismus ist grundsätzlich und im angemessenen Umfang etwas Gutes.

    Jedenfalls kommen wir seit Gerd Schröders Weichenstellung von einer Krise in die Nächste, wobei bisher nicht eine Krise wirklich gelöst ist. Großkonzerne gewinnen; der Sparer, der Arbeitnehmer, der Rentner – also die gesamte Volkswirtschaft verliert.

    Vizekanzler Sigmar Gabriel hat in Denkansatz durchaus recht. Er bekommt das nur mit Schröders Erbe nie in Einklang. Ein Umdenken ist bei der SPD und den anderen etablierten Parteien aber nicht in Sicht.

  7. Kommentar 7: von schgrueblerxyz

    Als Link zu dieser Seite habe ich einen sehr erfreulich formulierten Beitrag in börse.ard.de über den Schutz von Kunden- und Lieferantendaten, Respekt gegenüber dem Aufsichtsrat, Standortgarantie,Kooperation, Arbeitsplatzgarantie,DAS NICHTANSTREBEN EINES BEHERRSCHUNGSVERTRAGES gelesen.
    All diese Zusagen kommen mir bekannt vor. So ähnlich wurden diese Versprechen auch bei dem Hochtechnologieanbieter Gildemeister gemacht, früher unter diesem Namen Mitglied der Daxfamilie.
    Nachdem nun ein wenig Gras über den harmlosen Gildemeisteranfangsdeal 2009 gewachsen ist, hat sich einiges schon verändert. das Unternehmen heißt jetzt DMG MORI AG und der Vorstand hat dem Abschluß eines Beherrschungsvertrages am 27.5.16 zugestimmt. Der Name Gildemeister hat in einigen Veröffentlichungen einen Vornamen erhalten nämlich: „vormals“ Diesen möglichen Vornamen können wir uns für Kuka schon einmal merken. übrigens auch interessant: Bei Gildemeister hat das meines Wissens kleinere Unternehmen das Größere übernommen. Eine Meisterleistung, leider nicht für Deutschland.

  8. Kommentar 8: von schgrueblerxyz

    China ist klüger
    bei der Umsetzung des wirtschaftlichen Ziels, seine Innovationen, Firmen und damit auch Arbeitsplätze/Wirtschaftserlöse im Land zu behalten, denn 1)ausländische Investitionen in China sind dem Investitionslenkungskatalog (FIE) unterworfen; 2)Verträge mit ausländischen Investoren sind solange rechtlich unwirksam, bis die Maßnahmen von den staatlichen Stellen genehmigt werden. Daher können sich ausländische Investitionen nicht zum Nachteil der wirtschaftsstrategischen Ziele Chinas auswirken. Der Erfolg gibt China recht durch außergewöhnliche Wachtstumszahlen und einen rasanten Zuwachs von immer höherwertigen Arbeitsplätzen; dem gegenüber steht unser Glaube an den freien Wettbewerb, der jedoch im Falle Chinas bei Firmeninvestitionen nicht gleichberechtigt (=nicht frei) ist. Für China als zweitgrößte Wirtschaft der Welt sind Wettbewerbsvorteile bei Firmenübernahmen nicht mehr rational begründbar. Wir haben auch wegen dieser Benachteiligung in Europa niedrige Wachstumszahlen , eine abnehmende Breite von Firmen und Branchen und deshalb einen geringeren Erfolg bei Arbeitsplätzen. Die noch relativ bessere Situation Deutschlands ist nur dem momentan höheren Anteil am Weltwachstum zu verdanken, nicht einer besseren Strategie.

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