Kein Zins ist auch keine Lösung

18.03.2016 12:03 | Stefan Wolff

 

 

Nullzinsen sind ehrlich? Nullzinsen sind die Bankrotterklärung eines Finanzsystems, das auf dem Zinsprinzip aufbaut. Man kann Zinsen als ungerecht empfinden. Der Islam verbietet die “Riba”. Die Thora gebietet gläubigen Juden, alle sieben Jahre anderen die Schulden zu erlassen. Auch das frühe Christentum kannte ein Zinsverbot. Geblieben ist die bei vielen Menschen tief verwurzelte Überzeugung, dass Geld nur der Lohn für harte Arbeit sein kann. Geld mit dem Einsatz von Geld zu verdienen gilt dagegen als unanständig.

 

Es ist davon auszugehen, dass die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) nicht von religiösen Motiven geprägt ist. Ihre Aufgabe ist es, für Preisstabilität zu sorgen. Das gelingt prächtig. Die Preise steigen so langsam, wie lange nicht mehr. Die Ziele, die die Währungshüter darüber hinaus verfolgen, sind aller Ehren wert. Draghis magische Worte “Whatever it takes…” haben den Euro unbestritten vor dem Zusammenbruch gerettet.

 

Doch jetzt ist Ende Gelände. Die EZB ist am Ende ihrer Möglichkeiten angekommen. Es war klar, dass dies passieren wird. Denn die EZB konnte und kann mit ihren Maßnahmen nur Zeit kaufen. Und jeder Zeithorizont endet mal.  Die EZB-Politik als “gut” oder “schlecht” zu beurteilen, ist die falsche Kategorisierung. Sie ist eben nur nicht mehr zielführend.

 

Dass die Minizinsen die falschen Anreize setzen, weiß Mario Draghi übrigens selbst. Erst kürzlich hat er betont, dass niedrige Zinsen Strukturreformen nicht ersetzen. Aber wer reformiert schon, wenn der Zaster nur so fließt? Über 80 Prozent der deutschen Bundesanleihen rentieren im negativen Bereich. Eine anstrengungslose schwarze Null ersetzt Investitionen und Reformen. Selbst Staaten, in denen Reformen noch nötiger erscheinen, wie in Frankreich oder Italien, erfreuen sich negativer Zinsen.

 

Probleme lassen sich nicht mit jenen Mitteln lösen, durch die sie entstanden sind, hat Einstein mal gesagt. Doch genau versucht die EZB. Die zu lange zu niedrigen Zinsen haben in den USA Subprime-  und Finanzkrise ausgelöst. Die darauf gefolgte weltweite Bankenrettung hat das Schuldenproblem vieler Staaten hochploppen lassen.

 

Kritiker wenden nun ein, das Problem sei entstanden, weil die Leitzinsen zu schnell gestiegen seien. Stimmt, aber auch das offenbart einfach nur das Versäumnis der US-Notenbank. Sie hatte zu lange gezögert, die Zinsen der Realität anzupassen.

 

Die EZB kann die Probleme, die sie lösen soll, gar nicht lösen. Sie kann die Energiepreise nicht beeinflussen und die Demografie auch nicht. In Japan beispielsweise lähmt die Überalterung der Bevölkerung den Konsum. Die Geldpolitik ist seit Jahrzehnten ultra-expansiv. Niedrige Zinsen sind aber kein Jungbrunnen.

 

Das eigentliche Problem ist, dass die EZB als Finanzfeuerwehr den schwelenden Brand unter Kontrolle behält, dass aber der Löschwasserschaden immer größer wird. Und der geht weit darüber hinaus, dass Sparer fürs Nichtstun keine Zinsen mehr erhalten. Lebensversicherungen, Pensionskassen, Krankenkassen und deren Leistungen sind in Gefahr, weil sie gar nicht so stark ins Risiko gehen dürfen.

 

Ein weiteres Beispiel ist das Stiftungswesen. 21.300 Stiftungen spenden ihre Zinserträge, fördern Kunst und Kultur, begabte und in Not geratene Menschen. Wie “normale” Sparer auch stehen die Einrichtungen vor der Wahl: Gehen sie stärker ins Risiko oder legen sie mehr Geld auf die hohe Kante um ähnliche Erträge zu erzielen wie vorher?
Am Ende könnten auch dort weniger Gelder fließen. Nullzinsen sind in immer mehr Bereichen nicht ehrlich, sondern ganz großer Mist.

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Kommentare

  1. Kommentar 1: von BlueAngel

    Zins(Null) = Nullzins. Damit einhergehend, kann man bei der Berechnung nichts falsch machen. Doch hier ist immer Vorsicht geboten. Das zeigt sich insbesondere bei dem effektiven und dem normalen Zins. Da spielt eine wichtige Rolle die Banken. Denn unter dem effektiven Zinssatz wird der Zinseszinseffekt mit eingespeist. Während bei dem normalen Zins, handelt es sich um den Zins ohne Zinseszins. Deshalb ist hier angezeigt, dass Null nicht gleich Null ist. Damit ist für viele das Sparbuch nur noch ein Verlustgeschäft. So traurig das klingt, aber so ist die Realität. Damit soll angezeigt werden, dass Sparer, ob durch Inflation, durch Geldentwertung oder vollständige Abwertung (Bsp. Ende des 2.Weltkrieges) ihr erspartes verloren haben. Jetzt kommt der nächste Schritt, das (Papier/Münz) Geld ganz abzuschaffen. Das heisst man muss mit Obst und Gemüse handeln. Eine Banane mit einer Mohrrübe, um so seinen Verpflichtungen nachzukommen. Der Gedanke, das war doch einmal so, nach der großen Inflation (Hyperinflation 1923), wo das Papier- und Münzgeld keinen Wert mehr besaß.(2 Kaffee’s für 14000 Mark)
    Also muss nur in Naturalien getauscht werden, wenn das Geld abgeschafft werde. Zinsen(-zahlungen) gibt es also dann nicht mehr. Die institutionellen Anleger, wie Pensionskassen, Krankenkassen, Lebensversicher werden untergehen. Im Ergebnis, man gehe in den Produkthandel. Es folgt Ricardo.

  2. Kommentar 2: von suchgrueblerxyz

    Nullzinsen sind also alternativlos, weil die Staaten, die davon profitieren, keine Strukturreformen machen wollen, die ihre Staatshaushalte gesunden lassen, weil es so bequem ist weiter Staatsanleihen zu Nullzins zu verkaufen. Und die Anleger folgen auch folgsam diesem Repressionsmodell.

    Das haben die Anleger in Tulpenzwiebeln auch mal gedacht und plötzlich fiel es den Tulpenzwiebelnanlegern wie Schuppen von den Augen, dass die Tulpenzwiebeln überteuert waren, keine Wertsubstanz mehr hatten und nicht kaufenswert waren.

    Mir graust vor dem Tag, wo Staatsanleihenanleger merken, dass Staatsanleihen überteuert sind, keinen angemessenen Gegenwert(Zins) mehr liefern und der Rücktausch des Wertpapiers in die druckerpressengeflutete Währung auch noch Substanzverluste (Kaufkraftverluste ) mit sich bringt.

    Der dann einsetzende Käuferstreik wird die alternativlose Rettungsgeldpolitik zu Gunsten reformfauler Staaten in einen alternativlosen Crash münden lassen, der weitaus schlimmere Folgen haben wird als es eine rechtzeitigige moderate konjunkturangepasste Mindestverzinsung jemals haben könnte.

  3. Kommentar 3: von friedrich peter peeters

    EZB und Firmenbonds….. Nutzniesser sind insbesondere einige Multinationals die sowieso mit oder ohne der EZB ihre Bonds herausgegeben hätten. Dazu kommt das sie kaum Steuern bezahlen. Und dies soll gut für die Konjunktur sein? Und dies soll neue Arbeitsplätze bringen ? Und dies soll Klein-und Mittelgrosse Unternehmen unterstützen bei ihrem Wachstum ? Es kostet nur unsere Steuergelder für Unternehmen die keine Steuern zahlen. Und dies ist die Wirtschaftspolitik der EZB? Verteilung der Gelder von unten nach oben und von Nord nach Süd. Die EZB s o l l und m u s s bei ihren eigentlichen Aufgaben einer Zentralbank bleiben. Die Finanzminister Europas gleichen eine Lämmerparade vor dem Abgrund. Wirtschaftspolitik wird national im Wirtschaft-, Finanz- und Arbeitsministerium betrieben. Hier fehlt es.

  4. Kommentar 4: von GoldFan

    Hallo Herr Wolff,
    bitte erklären Sie mir den letzten Absatz. Wie soll den eine Stiftung oder ein Privatmann bei Nullzinsen durch Erhöhung der Anlagesumme wieder auf die alte Höhe der Zinserträge kommen? Bei mir ergibt die Multiplikation mit Null immer wieder Null. Das zeigt für meine Augen auch, dass die von Ihnen angesprochene Wahl gar nicht existiert!
    Sparer und Stiftungen teilen das gleiche Schicksal: Wenn für irgendeinen Zweck Geld benötigt wird, kann das nur unter Verbrauch der Substanz erfolgen. Und irgendwann erhalten die Nobelpreisträger nur noch ein Zertifikat.

  5. Kommentar 5: von Helmut S.

    @“Nullzinsen sind die Bankrotterklärung eines Finanzsystems, das auf dem Zinsprinzip aufbaut.“

    Volle Zustimmung!
    Eine Weile kann man sich von der Realwirtschaft abkoppeln, eine Weile kann sich die Realwirtschaft vom Einkommen der Bürger abkoppeln. Irgendwann ist aber die Abzockermentalität am Ende.

    Auch wenn einige Religionen etwas anderes sagen, Zins ist nicht grundsätzlich schlecht. Hat man Geld über kann man es dem geben, der damit investieren kann. Hat die Investition Erfolg, kann man sich den Gewinn teilen. Der Investor gibt dem Gläubiger den Zins, den Rest kann der Investor behalten. Manchmal geht die Investition schief, dann haben beide Pech gehabt und fangen neu an; in einer gesunden Wirtschaft macht das in der Summe nichts aus. Das ist auch nicht sonderlich kompliziert.

    Wir haben aber keine gesunde Wirtschaft – wir haben den sogenannten Neoliberalismus. In der Summe kann man in der Realität nichts verdienen. Egal wie viel Geld man für die Finanzmärkte druckt, so kann der Wirtschaftskreislauf nicht in Gang gebracht werden. Lohn und Rente schaffen Nachfrage und könnten die Wirtschaft ankurbeln. Das sind zwar zunächst Kosten und mindern kurz- und mittelfristig die Unternehmergewinne. Langfristig kann eine Wirtschaftskreislauf aber ohne Gleichgewicht zwischen Unternehmerlohn und Arbeitnehmerlohn nicht funktionieren. Genau dieses Problem zeigt sich heute in einem fehlenden Zinsertrag.

    Wir brauchen mehr Lohn, wir brauchen mehr Zins und wir brauchen besonders mehr Regulierung.

  6. Kommentar 6: von wennmanmichnurinfriedenließe

    Wieso soll es überhaupt Zinsen geben?
    Niemand konnte mir bislang aber auch nur einen einzigen Grund dafür nennen, daß man dafür bezahlt daß man Geld hat. Jemanden für geleistete Arbeit zu bezahlen ist vernünftig. Jemand dafür zu bezahlen dass er Geld hat nicht. Zinsen brauchen nicht verboten werden, allerdings ist die Vorstellung, daß man ein Anrecht auf Zinsen hat schlicht krank.

  7. Kommentar 7: von GoldFan

    Hallo Herr Wolff,
    ist meine Frage oben unberechtigt, oder warum antworten Sie nicht?

  8. Kommentar 8: von Stefan Wolff

    Hallo Goldfan,

    meine ausgebliebene Antwort ist kein börse Wille. Ich war an anderenb Baustellen unterwegs und hatte auf das Blogtool keinen Zugriff.
    Sie haben natürlich Recht. Wenn alle Zinsen negativ sind, dass bringt auch eine höhere Anlagesumme nicht. Stiftungen versuchen dieses Problem mit verstärktem Fundraising zu lösen, was Otto Normalanleger natürlich nicht kann. Der einzige Ausweg besteht darin, etwas rentierlichere Anlagen zu suchen. Da diese aber (soweit sie als halbwegs sicher angesehen werden können) ebenfalls vergleichsweise wenig abwerfen, dürfte ein höheres Anlagevolumen vonnöten sein, um ehemalige Anlageziele erreichen zu können.

    Schöne Grüße

    wo

  9. Kommentar 9: von GoldFan

    Pardon wegen meiner Ungeduld und danke für die Antwort!

  10. Kommentar 10: von Stefan Wolff

    Alles gut. Und: gern geschehen.

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