Murmeltiertag im Börsenpoker

01.03.2016 14:03 | Stefan Wolff

“I got you Babe.” Das Lied, von dem der von Bill Murray gespielte Phil Connors täglich im Film “Und täglich grüßt das Murmeltier” geweckt wurde, dürfte sich derzeit nicht in der Playlist von Börsenchef Carsten Kengeter befinden. Denn von einem Zusammenschluss mit der Londoner Konkurrenz ist die Deutsche Börse noch recht weit entfernt. Trotzdem ist Murmeltiertag an der Börse. Wer schon ein paar Tage das Geschehen und die Schlagzeilen beobachtet, fühlt sich schnell in einer Zeitschleife gefangen.

“Deutsche Börse und LSE wollen fusionieren.” Die Schlagzeile weckt Erinnerungen. Keine ruhmreichen, denn seit der Jahrtausendwende versucht die Börse, einen großen Zusammenschluss hinzubekommen. Bislang vergeblich. Gleich zweimal scheiterten die Fusionspläne mit London. Im Jahr 2000 hatte der schwedische Börsenbetreiber OM Gruppen für einen heißen Börsenherbst gesorgt und Gegengebote für die LSE abgegeben. Letzendlich scheiterten die Deutschen aber an den LSE-Eignern.

Vier Jahre später war es der Hedgefonds TCI, der als Großaktionär der Deutschen Börse die Fusionspläne mit London vereitelte und in Form einer Sonderdividende die Kriegskasse der Frankfurter plünderte. Damit war nicht nur die #Heuschreckendebatte geboren. Die geplatzte Fusion markierte auch das Ende des damaligen Börsenchefs Werner Seifert.

Um seinen Kopf muss Kengeter sicher nicht fürchten. Doch steht der geplante Zusammenschluss unter unerwünschtem Zeitdruck, da das Vorhaben deutlich früher an die Öffentlichkeit gesickert ist, als es den Verhandlungspartnern lieb ist. Somit wird der gesamte Prozess öffentlich diskutiert und in jedem Fall wird der Zusammenschluss teurer als gedacht. Schließlich steht zu erwarten, dass die US-Börse ICE (Intercontinental Exchange) mit einem Konterangebot um die Ecke biegen wird.

Dabei hat das in Atlanta ansässige Börsennetzwerk eigentlich kein Interesse am europäischen Geschäft. Nach der Übernahme der NYSE Euronext behielt die ICE neben der Wall Street nur die Londoner Terminbörse Liffe. Die eigentliche Vierländerbörse Euronext und damit die Handelsplätze Amsterdam, Brüssel, Paris und Lissabon ging im Juni 2014 als eigenständiges Unternehmen an die Börse.

Auch die Deutsche Börse hatte versucht, mit der NYSE Euronext anzubandeln. Dagegen hatten aber die Kartellbehörden etwas, weshalb die kartellrechtliche Betrachtung eines Zusammenschlusses zwischen der LSE und der ICE kritisch aussehen würde. Die mögliche Fusion zwischen London und Frankfurt dürfte auch nicht ohne kartellrechtliche Einschränkungen vonstatten gehen. Viel wichtiger aber ist die politische Komponente.

Börsenhandel ist eine hoheitliche Aufgabe. Das hessische Wirtschaftsministerium als Aufsichtsbehörde muss überzeugt werden, dass der Gang von Eschborn nach London das eigentliche Börsengeschehen nicht einschränkt. Der (ebenfalls wichtige) Wertpapierhandel auf dem Frankfurter Parkett sollte nicht das Einzige bleiben, was vom Finanzmarkt am Main übrig bleibt.

Schließlich denkt und handelt die Deutsche Börse als gewinnorientiertes Unternehmen. Wer mag das verübeln? Umso mehr aber ist dann die Politik gefragt, das beste für den Finanzplatz herauszuholen. Machen wir uns nichts vor: Wenn Werner Seifert seinerzeit erfolgreich gewesen, der eigentliche Aktienhandel nach London gewandert und der (damals florierende) Neue Markt in Frankfurt verblieben wäre, dann wäre der Finanzplatz heute mausetot.

Die Deutsche Börse muss sich auch nicht unter Wert verkaufen. Mit ihrem hochmodernen Handelssystem und der vermutlich breitesten Wertschöpfungskette der Wertpapierbranche kann sie auch weiter allein bestehen, sollte London zu teuer werden. Und sollte das Vorhaben nicht gelingen und die Euronext, die Chicago Mercantile Exchange, die Borsa Italiana oder die Schweizer Börse auf dem Radarschirm auftauchen, ist wieder Murmeltiertag.

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Kommentar

  1. Kommentar 1: von Susanne Wibbe

    Es ist ausgesprochen gut, dass zu den Fusionsbemühungen der Deutschen Börse die junge Geschichte zitiert wird. Die Parallelität der Akteure und ihrer Rollen in den Fusionsbemühungen ist erstaunlich. Erwähnenswert ist auch die Koinzidenz mit den Diskussionen über die zukünftige Rolle Großbritanniens in der EU und die jeweils schwierigen Börsenjahre.

    Für noch interessanter halte ich aber die Frage, welche tatsächlich erzielbaren und nachhaltigen, messbaren Vorteile diesem Fusionswunsch zugrundeliegen und welche potentiellen Risiken damit einhergehen. Und: Lassen sich die hoheitlichen Rechte und Pflichten und die Eingriffsmöglichkeiten der Aufsichtsbehörden sinnvoll mit einer solchen Fusion vereinbaren? Oder sind die bisherigen Regeln nicht mehr zeitgemäß?

    Es bleibt spannend, den weiteren Verlauf zu beobachten und darauf zu bauen, dass auf Basis der umfangreichen Erfahrungswerte und ableitbaren Szenarien die richtigen Entscheidungen getroffen werden.

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