Der Zauber ist verflogen

08.02.2016 10:02 | Stefan Wolff

“Ich sehe mehr zinslose Risiken als risikolose Zinsen.” Ein Bonmot von Martin Blessing bringt das ganze Dilemma auf den Punkt. Geäußert hat sich der Commerzbank-Chef auf einer Bundesbank-Tagung, als ausgerechnet die Profitabilität europäischer Banken kritisiert wurde.

 

Klassisches Bankgeschäft lebt von einer Marge, von dem Unterschied zwischen Kreditzinsen (was Banken kassieren) und den Guthabenzinsen (was Banken zahlen). Natürlich kommen noch Gebühren und Provisionen dazu aber im Grunde genommen ist es das, außer es kommen Investmentbanking oder kriminelle Energie ins Spiel. Oder beides.

 

Wo soll es also herkommen? Anleger (auch Banken und Versicherer), die auf Sicherheit setzen, zahlen drauf. 70 Prozent aller Bundesanleihen werfen negative Renditen ab, hat die DZ Bank ausgerechnet. Dass sich diese Situation eher noch verschärfen als entspannen wird, liegt auf der Hand. EZB-Chef Mario Draghi hält an seinem Kurs fest. Er glaubt immer noch, mit Anleihekäufen Inflation erzeugen zu können. Wenn in einem Jahr die Rohölpreise deutlich höher sein sollten als jetzt und die Inflationsrate über einem Prozent liegen sollte, wird er das EZB-Programm sicher dafür preisen.

 

Bei der US-Notenbank läuft es nicht in Sachen Zinswende. Die Renditen für US-Anleihen sind auf den tiefsten Stand seit zehn Monaten gefallen. Alle Zeichen stehen auf Negativzins. Japans Notenbank ist inzwischen dem Beispiel der EZB gefolgt. Wer sein Geld bei der Zentralbank parkt, muss Parkgebühren zahlen. Die Kreditvergabe soll so angekurbelt werden. Doch halten die Währungshüter die Unternehmen wirklich für so naiv, dass sie Kredite abschließen, nur weil die Kosten um 0,3 Prozentpunkte günstiger sind als vor einer Woche? Die Auftragslage und die allgemeine Stimmung in der Wirtschaft dürften da ausschlaggebender sein.

 

Mit Blick auf die Banken ist es eine Frage der Zeit, wann der negative Zins auf die Kunden übertragen wird. Natürlich wird auf dem Tagesgeldkonto bei den Konditionen nicht “-0,5 Prozent” stehen .Aber es steht zu erwarten, dass Dienstleistungen in Zukunft mit höheren Gebühren vergolten werden müssen. Die ökologisch-sozial wirtschaftende GLS-Bank beispielsweise will einen “Grundsolidarbeitrag” einführen, eine monatlich zu entrichtende Gebühr. Die Kunden sollen ganz angetan von der Idee sein.

 

Ein bisschen merkwürdig ist es schon, wenn in einem auf Zinsen basierenden Finanzsystem die Zinsen abgeschafft werden. Im Grunde genommen stellen die Hüter des Systems das System in Frage.  Diese Einsicht hat sich auch an den Finanzmärkten Raum gegriffen. Der Kursrutsch der vergangenen Wochen zeigt deutlich, dass die Notenbanken ihren Zauber verloren haben. Der Glauben, die EZB werde es schon richten, ist jedenfalls deutlich weniger geworden. Die Kursfeuerwerke verhallten nach jedem “all it may take” Draghis schneller.

 

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Kommentare

  1. Kommentar 1: von Subdi

    Lieber Herr Wolff, am grundlegenden Problem unserer Wirtschaft kann die EZB wohl kaum etwas ändern.

    Die Weltwirtschaft ist wahrscheinlich an eine Wachstumsgrenze gestoßen, weil die Produktionskapazitäten in den meisten Sektoren die Bedürfnisse der Menschheit schon überschreiten. Zu viel Angebot und zu wenig Nachfrage, wo man nur hinschaut. Okay, man könnte Geld vom Helikopter abwerfen um die Nachfrage anzuheizen, aber dieses Konzept hat nicht mal „Helicopter-Ben“ weiterverfolgt…

    Niedrige Zinsen fördern zwar die Investitionen, und schaffen damit womöglich kurzfristig Arbeitsplätze, aber langfristig steigern diese Investitionen nur die Produktivität, und vernichten die nicht so hoch qualifizierten Arbeitsplätze in der Produktion. Roboter können demnächst auch Arbeitskräfte im Handwerk und Dienstleistungsberufen ersetzen. Künstliche Intelligenz ersetzt zum Beispiel Investmentberater.

    Die Notenbank-Politik kann solche Probleme nicht lösen, und das ist auch nicht ihre Aufgabe. Das wäre die Aufgabe der Wirtschaftspolitik, der Sozialpolitik, der Bildungspolitik…

    Aber unsere Parteien und Politiker haben für solch komplizierte Themen leider keine Konzepte, denn mit solchen Themen kann man wohl kaum Wahlkämpfe gewinnen, und in den Medien an Profil gewinnen.

    Aus meiner Sicht macht Mario Draghi im Rahmen seiner Möglichkeiten einen guten Job. Der Euro hat weltweit nicht an Glaubwürdigkeit verloren, und neuerdings steigt er sogar wieder gegenüber dem Dollar. Wir europäischen Steuerzahler profitieren von niedrigen Zinsen, doch die Geldbesitzer und Banken leiden.

    Das berühmte Originalzitat von Mario Draghi lautet übrigens nicht “all it may take”, sondern “anything it takes”, was doch irgendwie noch knackiger klingt 😉

  2. Kommentar 2: von Helmut

    @Subdi „Zu viel Angebot und zu wenig Nachfrage, wo man nur hinschaut.“

    Das sehe ich auch so, man kann jetzt billig produzieren. Da Löhne aber nicht nur Kosten sind sondern auch die Grundlage für die Nachfrage, haben wir in der Bilanz eine Abwärtsspirale.

    Im Prinzip wirft die wirft die EZB das Geld vom Helikopter ab. Leider steht der Heli über den Banken. Es gibt viel zu viel Geld, es kommt nur nicht da an wo es gebraucht wird. Wir haben seit Schröder, Bush und Blair eine Entwicklung zur Konzentration von Einkommen und Vermögen, die langsam aber sicher den Wirtschaftskreislauf zum erliegen bringt.

    Langfristig brauchen wir das bedingungslose Grundeinkommen. Sonst sind wir bei einem Automatisierungsgrad nahe 100% alle verhungert. In einem funktionierenden Wirtschaftskreislauf wäre der Moment jetzt noch nicht gekommen. Es gibt genug Arbeit wenn man an Infrastruktur oder Bildung als Beispiel denkt. Lobbyarbeit vernebelt den Blick auf das Ganze und damit den Willen die Arbeit für einen gesunden Kreislauf entsprechend zu entlohnen. Vom Paketboten bei der Post bis zum Piloten bei der Lufthansa wird Arbeit entwertet und Nachfrage demontiert.

    Lange Zeit hat das bei der Globalisierung die Auslandsnachfrage ausgeglichen. Das fällt jetzt langsam weg, die Effekte vom Lohn- und Rentendumping bleiben aber. Nach meiner Ansicht müsste man die Soziale Marktwirtschaft einschließlich ausgleichenden Zöllen an Grenzen wieder neu aufbauen; aber selbst der Raubtierkapitalismus braucht zur Funktionsfähigkeit einen gesunden Wirtschaftskreislauf. Wenn alle „Kühe“ gefressen sind geht weder Fleisch- noch Milchwirtschaft, dann sterben auch die Raubtiere.

  3. Kommentar 3: von David

    Das Problem ist doch systembedingt. Notenbanken haben das Mandat Preisstabilität zu wahren. Wenn sie das mit niedrigen Zinsen tun, dann legen sie sich automatisch die Bürde auf, andere Assetklassen wie Aktien zu stützen. Ansonsten würde das Ganze keinen Sinn machen. Wo soll denn die Inflation sonst her kommen?

    Dass, das nicht immer funktioniert, davon werden wir gerade Zeuge. Aber wir können uns sicher sein, dass eine Stützung der Märkte in Fällen lockerer Geldpolitik so gut wie immer stattfinden wird, nach dem Motto „what ever it takes“ eben. Nicht weil der Geldpolitiker es gerne so möchte, sondern weil niedrige Zinsen alleine sonst kaum genug Inflation herbeizuführen vermögen. http://www.2i-services.com.

    Vermögend ist das Stichwort. Man kann nun mal bei der Schaffung von Inflation nicht auf den vermögenden Investor (Banken etc) verzichten. Sie sind essentiell. Ein weiterer Versuch zur Stützung der Markte wird daher unausweichlich kommen. Das Problem ist nur, dass der vermögende Investor im Falle der EU nun langsam merkt, dass hier strukturelle Probleme bestehen, die letztendlich zur Abhängigkeit von anderweitigen Risiken an den Märkten führen.

    Negative Zinsen mögen für einige Staaten funktionieren wie etwa Dänemark, weil sie bereits fortgeschrittener hinsichtlich des Finanzsystems sind und Banken ihre Margen trotz Niedrigzinsphase hoch halten können.

    Davon sind wir in der EU jedoch noch weit entfernt. Der Anleger hat es seit 2014 wahrlich nicht einfach gehabt. Bleibt für ihn nur zu hoffen, dass er bereits viel früher eingestiegen ist.

  4. Kommentar 4: von G.Ryan

    Man soll nicht so viel acht die Kursrutsch der vergangen Wochen schenken. Die Aktienpreise sind vom eine allzeit hoch herunter gekommen und in die US vom ..Tapering ..herunter begleitet. Die Republik Irland 2015 ereichte 7% Wirtschafts Wachstum mit 8.8% Arbeitslosenquote. In eu sind die Schulden Bucher der Banken sind zuruck Vorlehman Standard. Mehr ernst ist die neue norm wirtschaftliche Stagnation in alle der G7 Länder zusammen mit G7 durschnitt Staatsveschuldung von uber 100% BSP. Draghi ist schliesslich machtlos gegenüber Ölpreis Instabilität und Steuern. Negativ Zinsen konnen aber führen zu Kapital Flucht. Draghi hat auch keine Einfluss auf Geld in die Matratze , Gold oder die internet Wahrungen.

  5. Kommentar 5: von friedrich peter peeters

    Die ursprüngliche Begeisterung für die Geldpolitik von Draghi ist wohl einer starken Ernüchterung gewichen. Nur wie kommt man von dieser Politik des Gratisgeldes wieder runter. Jedenfalls zu grosse Investitionen bei Draghis Freunden in Italien hat es nicht beigetragen, eher der Spekulation weltweit.Und die Deflation ist nach wie vor ein Problem, mit der dicke Berta gegen eine Atombombe. In USA hat Draghi wohl mehr Erfolg gehabt. Wenn die grosse Dame Clinton gewinnt wird er wohl wieder mit Kusshand zurück geholt. Dann hoffe wir bekommen einen richtigen Zentralbänker.

  6. Kommentar 6: von friedrich peter peeters

    Wenn die Ölpreise sich nun doch langsam aber sicher erhöhen,einerseits weil den Saudis das Handelsbilanzdefizit zu hoch wird und andererseits weil in der USA ein Drittel der Frackingfirmen nun Pleite geht, dürfte dies wesentlich dazu beitragen das die Inflationsrate dann doch über die 2% Marke kommt. Ich schlage daher vor, das der Saudische Ölminister Chef der EZB wird, und Draghi als Ölminister anfängt. Jobrotation nennt man das.

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