Fluch und Segen des billigen Öls

15.01.2016 17:01 | Stefan Wolff

Der Ölpreis befindet sich im freien Fall. Am Freitag fiel auch Öl der Nordseesorte Brent unter 30 US-Dollar je Barrel. Das bedeutet, dass ein Liter Rohöl im Moment zu etwa 17 Euro-Cent gehandelt wird. Das ist weniger, als Discounter für einen Liter Sprudelwasser aufrufen.

 

Eine ganze Zeit galt der billige Ölpreis als willkommenes Konjunkturprogramm. Billiges Öl kurbelt die Wirtschaft an, so der Leitsatz.  Der gilt aber nur für jene, die Öl verbrauchen. Mit ziemlicher Wucht treten nun die Risiken und Nebenwirkungen zutage. Russland ist da nur ein Beispiel. Das Land, dessen Staatshaushalt etwa zur Hälfte von Öl und Gas abhängt, sieht sich selbst am Rande des Bankrotts. Zumindest sieht Ministerpräsident Dmitri Anatoljewitsch Medwedew die Gefahr.

 

Auch Saudi Arabien leidet. Das Land muss im zweiten Jahr in Folge ein Staatsdefizit verkraften. Im Haushalt fehlen 100 Milliarden US-Dollar. Bei den aktuellen Ölpreisen würden die Rücklagen etwa fünf Jahre reichen, schätzen Experten. Die Bewohner des Königreichs müssen sich wohl auf höhere Steuern und gestrichene Subventionen einrichten.

 

Wenn Verbraucher nun (zu Recht) sagen, dass sich ihr Mitleid mit russischen Oligarchen und reichen Scheichs eher in Grenzen hält, ist das klar. Tanken macht Spaß. Die Wohnung ist schön warm, und es bleibt immer noch Geld übrig. Doch die Nachteile des billigen Öls greifen sich auch hierzulande Raum.

So haben die niedrigen Spritpreise den Ehrgeiz der Autohersteller erlahmen lassen, so schnell wie möglich so viel E-Autos wie möglich auf die Straße zu bringen. Auto-Analysten berichten sogar, die Forschung sei zu einem Feigenblatt verkommen. Wozu auch mehr, wenn doch SUVs weggehen wie warme Semmeln? Von den 3,2 Millionen neu zugelassenen Fahrzeugen in Deutschland hatten gerade mal knapp 12.400 einen Elektromotor.

 

Nicht nur bei den Autos werden die Nachteile des billigen Öls sichtbar. Eigentlich müsste sich alle Welt für die Zeit nach dem Öl bereit machen, doch davon ist wenig zu spüren. Besonders hart trifft das ausgerechnet jene Unternehmen, die Öl fördern und transportieren. der niedrige Preis hat die Gewinne schrumpfen lassen. Investitionen wurden heruntergefahren, das heißt: Die Anstrengungen, neue Quellen zu erschließen, liegen brach.

 

Die Suche nach Alternativen ist ins Stocken geraten. Immer mehr Forschungsprojekte werden auf Eis gelegt oder gleich ganz aufgegeben, wie zum Beispiel ein vielversprechendes Vorhaben aus Pappeln Sprit zu gewinnen. Kurz vor der Marktreife zog sich die US-Regierung aus den Aktivitäten zurück.

 

Wenigstens haben Unternehmen, die viel Öl verbrauchen, wegen des niedrigen Preises Geld zur Verfügung, um sich für die Zukunft zu wappnen. Auch Landwirte profitieren. Sie können günstiger Lebensmittel produzieren. Und mehr davon, denn so lange Öl so billig ist, ist es unlukrativ, Mais zu Sprit zu verarbeiten oder mit Weizen zu heizen. Mit Blick auf das Fracking leistet billiges Öl sogar einen aktiven Beitrag zum Umweltschutz. Es lohnt sich schlicht nicht, Gesteinsschichten aufzubrechen und das Schwarze Gold mit Hilfe von Chemikalien ans Tageslicht zu spülen.
Doch für einen langfristigen Wandel zum Beispiel der Landwirtschaft, wird der Ölpreis nicht lange genug niedrig sein. Wenn die Nachfrage wieder anziehen sollte oder alte Quellen versiegen, dann kann Öl in der aktuellen Situation sehr schnell knapp werden. Auch wenn es im Moment überhaupt nicht danach aussieht, könnte die aktuelle Situation einen Preisschock auslösen.

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Kommentare

  1. Kommentar 1: von Jockel

    Mit Blick auf das Fracking … sind hier Ursache und Wirkung vertauscht!

    Nach der Finanzkrise hieß es in den USA: „Drill baby, drill!“, was nicht nur zur Inkaufnahme hoher Risiken (Deepwater Horizon) führte, sondern auch zum eigentlich unrentablen Fracking in großem Stil.
    Natürlich ist Fracking neben der geopolitischen Weltlage und dem Nachfragerückgang nur eine der Ursachen. Aber die USA halten diesen Kurs nun schon mehrere Jahre durch, ohne dass Kritik an den faulen Investitionen laut wird. Zu bedenken ist hier, dass die USA schon seit vielen Jahrzehnten den Löwenanteil der Weltsparleistung auf sich gezogen haben, um ihn dann bei sich (u. a. via Finanzkrise) zu verbrennen.
    Nun ist die Quelle ihres künstlichen Aufblasens vom billigen Geld zum billigen Öl verlagert. Die Unterstützung US-amerikanischer Politik durch Saudi-Arabien ist auch nicht verwunderlich, sondern geradezu Tradition. Die Blase wird Zweifels ohne irgendwann platzen, und die USA werden wieder einmal davon profitieren. Warum? Weil sie als erstes wissen, was geschehen wird und im richtigen Moment aufs richtige Pferd setzen werden. Die größten Gewinne sind generierbar, wenn große Wellen durch die Charts laufen und man diese vorher kennt.

    Die USA machen es besser als wir. Vergleichen wir nur einmal das Verhältnis Dow zu Dax jetzt und vor zehn Jahren! Obwohl der Dax Gewinne mit einpreist, performt er deutlich schlechter. Lassen wir uns nicht für dumm verkaufen. Die USA nutzen die Zeit zur Entwicklung der Erneuerbaren. Wir ließen uns den Schneid von China abkaufen und verbringen unsere Zeit mit dem Stöhnen über EEG-Umlagen.

  2. Kommentar 2: von Frommann

    Wer schreibt denn so einen Unsinn, dass der niedrige Ölpreis dafür verantworte-
    ich wäre, dass die Autohersteller nun noch weniger Interesse hätten E-Autos auf den Markt zu bringen. Hatten die das schon mal? Und das dann im Laufe der
    Woche der Dax wieder sinkt, hat auch damit etwas zu tun, dass über 1/3 der
    Banken Investmentbanken sind, die die gemachten Gewinne in Sekunden-bruchteilen wieder abholen, weil alle diese Leute Geld machen wollen. Das was
    wir einfachen Anleger nicht machen können. Insofern sind wir einfachen Anleger die Verarschten.

  3. Kommentar 3: von Robert Bendix

    Man darf bei der Analyse der Ursachen auch die politisch gewollte
    Dimension nicht vernachlässigen!
    Diese Öl-Intrige war und ist seitens der USA vor allem gegen Russland
    und unliebsame Statten in Südamerika gerichtet, deren Wirtschaft
    stark – bis nahezu ausschließlich – vom Öl und Gas abhängt!
    Im Übrigen befindet sich der Ölpreis eigentlich jetzt wieder
    auf einem vergleichsweise „normalen“ Niveau wie 2003, vor dem
    Überfall der USA auf den IRAK!
    Dies Alles wurde und wird größtenteils bewusst und vorsätzlich
    in Kauf genommen, um dem politischen (wirtschaftlichen)
    Gegner zu schaden; koste es was es wolle!
    Sollte es aber erneut zu einer weltweiten Krise kommen, wird
    es richtig brutal werden, weil es eben wegen des Verfalls der
    Rohstoffpreise an einem wesentlichen Stützpfeiler fehlt!!

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