Die Angst vor dem großen Crash

05.01.2016 10:01 | Stefan Wolff

So hatten sich die Anleger den ersten Börsentag des Jahres 2016 sicher nicht vorgestellt. Der Jahresauftakt ist verkorkst. Die Diskussionen, inwieweit das ein schlechtes Omen für das Gesamtjahr ist, schallen durch die Redaktionen und Chatrooms.

 

Überraschend ist die Wucht, mit der sich die Sorgen um die Wirtschaft Chinas zurück gemeldet haben. Schließlich kommt die Wachstumsschwäche alles andere als überraschend. Der Umbau der chinesischen Wirtschaft von einer billigen verlängerten Werkbank des Westens zu einem Hightech-Standort ist gewollt. China will sich so von seiner Abhängigkeit von der Welt lösen. Dienstleistung und Konsum sollen eine kaufkräftige Mittelschicht herausbilden.

 

Der Umbau verläuft allerdings sehr viel holperiger als erwartet. Das Wachstumsziel von sieben Prozent für 2015 ist deutlich verfehlt worden. Experten taxieren das Plus beim Bruttoinlandsprodukt auf nur noch 6,8 Prozent, Tendenz schrumpfend. Doch selbst diese Zahl ist höchstwahrscheinlich geschönt. In diesem Jahr wird das Reich der Mitte ganz sicher mit weiteren Hiobsbotschaften aufwarten.

 

Vor allem die Industrie schwächelt. Weniger Investitionen bedeuten auch, dass die Ausrüster – unter ihnen viele deutsche Maschinen- und Anlagenbauer – kleinere Brötchen werden backen müssen. Der Branchenverband VDMA rechnet in diesem Jahr mit einem Rückgang der China-Geschäfte um fünf Prozent.

 

Jede Medaille hat jedoch zwei Seiten. China verfügt nämlich immer noch über einen stark wachsenden Dienstleistungssektor und stetig steigenden Konsum. Die vom Sportartikelhersteller Adidas gerade angehobenen Prognosen scheinen die Einschätzung zu bestätigen, dass hier einige Möglichkeiten schlummern, die auch der Autoindustrie nützen dürften.

 

Außerdem haben es deutsche Exporteure verstanden, sich nicht zu abhängig von einem Markt zu machen. China ist zwar Deutschlands viertwichtigster Handelspartner nach Frankreich, den USA und Großbritannien, doch kommt den Exporteuren die gerade wieder erstarkende US-Wirtschaft sehr zupass. Gepaart mit einem starken Dollar ist das ein angenehmes Trostpflaster.

 

Tröstlich aus Sicht der Unternehmen ist auch, dass Börse und Wirtschaft in China weniger gemein haben als hierzulande. Dem Einbruch im vergangenen Sommer war ein Kursfeuerwerk vorausgegangen, das Chinas Regierung mit allen Mitteln hatte fortsetzen wollen. Jetzt, da die ausgesprochenen Verkaufsverbote wohl auslaufen, bringen Kleinanleger ihre Schäfchen ins Trockene, bevor sie noch billiger verkaufen müssen. Das führt zu Verwerfungen. Schwache Wirtschaftsdaten sind da eher ein Auslöser für einen Druck, der sich sowieso ein Ventil gesucht hätte.

 

Und trotzdem bleiben natürlich Unsicherheiten. Wenn Chinas Börsen niesen, kann Asien eine Grippe bekommen. Ansteckungsgefahren sind da nicht ausgeschlossen. Vier Jahre in Folge sind die Aktienmärkte glänzend gelaufen. Der Dax hat in diesem Zeitraum 82 Prozent zugelegt. Doch jede Rally endet irgendwann einmal und so sind viele Analysten und Volkswirte schon vor dem China-Crash auf eine vorsichtigere Linie eingeschwenkt und das aus gutem Grund. Zwar dürfte die lockere Geldpolitik der EZB auch weiter Aktien als Geldanlage ins Rampenlicht stellen, doch die Unsicherheiten wachsen.

 

Auch wenn alle Welt von der “Zinswende” gesprochen hat: Steigende Zinsen in den USA werden die Hausse nicht stoppen. Die US-Notenbank verschafft sich mit ihren Schritten nur ein neues Polster, um im Ernstfall die Zinsen wieder senken zu können. Außerdem hat die Fed in einem Wahljahr noch nie an den Zinsen gedreht.

 

Auch die Wirtschaft läuft weiter recht rund. Die Unternehmen sind vorsichtig optimistisch. Es sind vor allem die politischen Unsicherheiten, die aus heutiger Sicht das Jahr prägen werden. Europa droht auseinanderzufallen. Rechtspopulistische Regierungen gefährden die Existenz eines einheitlichen Wirtschaftsraums. Wiederbelebte Grenzen könnten den freien Handel bremsen. Über allem schwebt die Furcht vor dem Brexit. Sollte sich Großbritannien tatsächlich für einen Austritt aus der EU entscheiden, würde das die Gemeinschaft in ihren Grundfesten erschüttern. Hinzu kommt die wachsende Skepsis gegenüber dem Euro in immer mehr Mitgliedsstaaten.

 

Mit China hat sich ein alter Bekannter unverhofft gemeldet. Das macht neue Höchststände für den Dax in der ersten Jahreshälfte unwahrscheinlicher, aber nicht unmöglich. Richtig problematisch wird es nach der Sommerpause.

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Kommentare

  1. Kommentar 1: von AbseitsDesMainstreams

    China hat zunächst für den Wirtschaftsaufschwung die Strategie der billigen Werkbank (z. T. auch des Kopierers) gewählt. Das lief auch zwei oder drei Jahrzehnte recht gut. Nun aber wollen andere Länder wie Indien die gleiche Strategie einschlagen. Damit zerfällt das Geschäftsmodell Chinas, da die 1,3 Mrd. Bürger inzwischen einen gewissen Lebenstandard haben. Nur billig können andere inzwischen besser.

    Dann hat es China auch nicht geschafft, eigene (Marken-)Produkte zu entwickeln: Daimler & VW kommen aus der BRD, Cartier aus France und Hollywood aus den VSA. Chinesische Produkte sind unsexy. Schlimmer noch, sie halten nicht lange und man kauft sie 3x. Ich persönlich weiche ihnen gezielt aus …

    Das ist die Zwickmühle in der China steckt. Und mit der spekulativen Immobilienblase und dem Konjunkturprogrammen in die Infrastruktur hat China in den letzten Jahren lediglich Zeit erkauft.

    Mein klares Fazit lautet daher: China hat den Zenit des Wachstums überschritten und ist zukünftig nur noch Normalmaß. Überraschungen, Erfindergeist und Kreativität fehlen dort. Nur (Menschen-)Masse (Wanderarbeiter) und billig sind zu wenig.

  2. Kommentar 2: von Amanita Phalloides

    Erst der Grexit, dann der Brexit und mit Finnland der Fixit. EU-Konsolidierungspolitik: Wenn Ihr nicht unsere Schulden und Spekulationsverluste bezahlt, machen wir allein weiter. China ist weniger das Problem, als dass es indirekt an dieser Schraube drehen dürfte.

  3. Kommentar 3: von David Ramblaxx

    Vor allem der Hinweis auf den (fehlenden) Zusammenhang zwischen Chinas Börsen und Chinas Wirtschaft scheint wichtig zu sein. Wenn es stimmt, dass in China die Börsen eher von Kleinanlegern dominiert werden, dann müssen wir unsere Interpretation des Geschehens überdenken. Ist die Börse tatsächlich ein Spiegelbild der Wirtschaft? Oder ein Spiegel der Spekulation?
    Außerdem sagen Beobachter, dass die Börsen in China ohnehin überhitzt waren. Ist das also nur die notwendige Korrektur?
    Auch sei der Hinweis erlaubt, dass nicht die Fakten die Börsen bestimmen, sondern die Meinung über die Fakten.

  4. Kommentar 4: von Gold Fan

    Ihr Ausdruck „Auslöser für einen Druck, der sich sowieso ein Ventil gesucht hätte“ bringt es auf den Punkt.
    Der Druck steigt und die Anzahl der möglichen Auslöser nimmt ebenfalls zu.
    Übrig bleibt der gefährliche Versuch, das Feuer mit nassen Euro-Scheinen zu löschen. Stinkt zum Himmel und brennt weiter …

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