Das Inflatiönchen

14.12.2015 18:12 | Stefan Wolff

Vor dem Plätzchenbacken kommt der Schock. Kokosraspeln, süße Mandeln und andere Zutaten sind um 40 Prozent teurer als vor einem Jahr. Kürbisse und Kartoffeln kosten bis zu 27 Prozent mehr, und wer zu dieser Jahreszeit unbedingt Erdbeeren essen möchte, muss dafür ein Viertel mehr bezahlen als im November 2014. Die Inflationsrate liegt aber nur bei 0,4 Prozent.

 

Wer täglich einkauft, weiß es: Das Leben wird teurer, und das ist auch der Grund, warum die meisten Verbraucher der offiziellen Inflationsrate nicht trauen. Sie kennen die Preise im Supermarkt. Für das tägliche Leben fällt es ja auch nicht allzu stark ins Gewicht, dass Fernseher billiger geworden sind. Mit etwas Glück hält so ein Gerät zehn Jahre und länger.

 

Preise werden nur wahrgenommen, wenn sie auch zur eigenen Lebenswirklichkeit gehören. Der größte Posten im privaten Budget stellt die Miete dar. Der leichte Anstieg um durchschnittlich 1,1 Prozent dürfte ebenfalls stärker ins Gewicht fallen als die etwas billigeren Pauschalreisen. Kurzum: Den Anstieg der Teuerungsrate auf 0,4 Prozent wird wohl niemand so richtig nachvollziehen können. Da können sich die Volkswirte noch so sehr die Köpfe heiß reden.

 

Immerhin bleibt die Entlastung auf der Energieseite. Tanken ist günstiger als vor Jahresfrist. Die Wohnung kann günstiger geheizt werden. Auch dürften die Nebenkostenabrechnungen unterm Strich angenehm ausfallen. Das alles entlastet die Haushaltskasse, schafft Platz für Vorsorge und Konsum. Auch wenn Klimaschützer klagen, die Preise würden die Energiewende behindern: Es ist eine gute Nachricht.

 

Der Ölpreis befindet sich im freien Fall. Verantwortlich dafür ist die Opec. Sie fördert Öl, das niemand haben will. In absehbarer Zeit wird sogar mehr Öl fließen. Der Iran will nämlich mit dem Ende der Sanktionen im kommenden Jahr wieder jede Menge Öl verkaufen. Auch der Irak plant den Ausbau seiner Kapazitäten. Und Indonesien tritt dem Kartell nach neun Jahren Pause wieder bei. Das bedeutet, dass innerhalb des Kartells das Angebot deutlich angehoben wird.

 

Aus diesem Grund wirbt der Iran massiv für eine Förderkürzung. Die anderen Mitglieder sollen Platz schaffen für das Angebot des Iran. Das allerdings liegt nicht im Interesse Saudi Arabiens. Die beiden Nationen sind sich spinnefeind. Ein niedriger Ölpreis schadet dem Iran.

 

Ein zu niedriger Ölpreis schadet aber auch Saudi-Arabien. Das Königreich braucht seine Einnahmen, um die Untertanen des Königreichs mit niedrigen Steuern und Subventionen bei Laune zu halten.

 

Öl ist eine Waffe, auch wenn Förderländer wie Venezuela sich herzlich wenig für die Rivalität zwischen Saudi-Arabien und dem Irak interessieren dürften. Aus Sicht der Opec sitzt der größte Feind auch nicht an ihrem Tisch. Es sind die nordamerikanischen Ölsandförderer und Fracker. Fracking lohnt sich nur bei einem teuren Ölpreis. Auch deshalb soll Öl lange billig bleiben.

 

Gerade angesichts des schwachen Euro ist der niedrige Ölpreis ein Segen. Er nutzt energieintensiv produzierenden Unternehmen und ermöglicht Verbrauchern mehr Konsum, was sich positiv auf die deutsche Wirtschaft auswirken wird. Dieser Tage veröffentlichen viele Volkswirte ihre Prognosen für das kommende Jahr. In einem Punkt dürften sich die meisten davon jetzt schon erledigt haben. Es ist weit und breit unterm Strich nur ein Inflatiönchen zu sehen.

 

Und ja – langfristig hat der Anfang vom Ende des Ölzeitalters begonnen. Die Beschlüsse der Klimakonferenz lassen keinen anderen Schluss zu. Verbraucher sollten das beachten und das nicht nur, wenn sie sich eine neue Heizung anschaffen wollen. Viele Unternehmen und Staaten brauchen ein neues Geschäftsmodell. Das wird auch an den Aktienmärkten nicht spurlos vorbei gehen.

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Kommentare

  1. Kommentar 1: von Gruffel

    *seufz*
    Muss ich wirklich darauf hinweisen, dass ein anziehender Konsum etwas absolut bescheuert schlechtes für die Welt ist?
    Wir verkonsumieren doch nur die Rohstoffe, die uns dann in 20 Jahren fehlen und zu weiteren Kriegen führen.
    Die Kurzsichtigkeit und Dummheit unserer Politik und Medien kotzt mich einfach nur noch an!
    Wir ALLE brauchen ein neues Geschäftsmodell!
    Und ja – ich hätte eins.

  2. Kommentar 2: von CiccioFormaggio

    Ich möchte daran erinnenr, dass heutzutage die Inflationsrate auf dem Niveau der Eurozone gemessen wird. Die Steigerung der Preisen (1) von Kokosraspeln (2) in Deutschland (3) in der Adventszeit hat, ökonomisch gesehen, die gleiche Bedeutung der Steigerung der Preisen (1) von Sonnenschirmen (2) in Griechenland (3) im Sommer.

  3. Kommentar 3: von Manfred Malik

    Freuen wir uns über niedrige Kosten und die Möglichkeit sich ein schönes Leben zu machen – und vergessen wir nicht die vielen anderen Menschen, denen es nicht so gut geht (Spenden, FairTrade, ..).
    Warum Konsum etwas schlechtes sein soll und wir dabei ein schlechtes Gewissen haben sollten, geht mir nicht ein. Es ist Arbeit für andere (Arbeitsteilung), auch für andere Regionen der Welt und solange dieser Konsum umweltverträglich ist (inklusive Erzeugung), ist er positiv. Auch Dienstleistungen gehören übrigens zum Konsum. Und Konsum ist der Motor für die technologische Entwicklung; dieser hat uns von der Steinzeit in unsere Zeit gebracht. Übrigens – Rohstoffe können auch nicht verbraucht werden und mit Recycling bleiben sie auch gut verfügbar (siehe Alu, ..).
    Ein Blick in die Natur zeigt, Waren zu erzeugen, zu nutzen und wieder in den Recyclingkreislauf (Insekten, Pilze, …) abzugeben ist kein Teufelswerk. Unser Waren-/Konsum-Kreislauf muss noch verbessert, d.h. natürlicher werden.
    Der Wandel der Welt in der Energienutzung vom fosilen Karbonzeitalter zum Sonnenzeitaltern (auch Biomasse, Wind und Wellen sind Sonnenenergie) wird sehr langsam beschritten, jedoch steigt stetig ihr Beitrag.
    Ich persönlich würde nicht auf Öl-/Gasheizungen setzen, wenn ich ein Haus bauen würde; sei es noch so billig.
    Kriegsgefährlich könnte es werden, wenn der Ölpreis immer weiter sinkt, denn viele „Erzeugerländer“ haben sich an den hohen Einnahmen aus dem Ölgeschäft gewöhnt und benötigen diese Summen für den Staatshaushalt. Da könnte jemand auf die Idee kommen, die Konkurenz auszuschalten.
    Jedenfalls stehen wir wieder einmal vor großen Umwälzungen.
    Allen zum Jahreswechsel eine positive Zeit im Kreise von Familie und Freunden.

  4. Kommentar 4: von Leitner,Manfred Ing.

    Zur Aufbesserung der miesen BfA-Rente (demographischer Faktor, starke Schultern stützen schwächere, Solidaritätsabschläge usw.) habe ich lange vor Rentenantritt gespart und habe mit 5 % Zinsen gerechnet. Zur Jahrtausendwende dachte ich niemals daran, dass es Renten-Nullrunden geben könnte! Die gefühlte Inflation war damals unter den Zinswerten. Heute ist die gelogene Preissteigerung (Draghi, zur Begründung seiner betrügerischen Anleihekäufe ) gegen Null; ich empfinde sie bei etwa 5% und die Zinsen liegen bei Null! Damit werden die Staatsschulden finanziert und vor allem die zu rasche EU-Erweiterung nach Süden und Osten.
    Alles auf Druck unserer Groß/Raubkapitalisten, die uns die Umverteilung verkaufen, als würden alle profitieren. In Wahrheit handelt es sich um massiven Sozialabbau der tüchtigen Bevölkerungsgruppen.
    Der gesunkene Ölpreis von über 100 auf unter 40 USD je Barrel kommt beim Endverbraucher sehr zögerlich an und schon denken manch wohlmeinende Zeitgenossen darüber nach, die Energiesteuern anzuheben.
    Heute müssen wir schon “ fröhlich“ sein, wenn der Euro nicht zerfällt, unsere Aufbauleistungen nicht umsonst waren und das Friedensprojekt EU – mangels fähiger Staatsmänner – nicht im Chaos versinkt.

  5. Kommentar 5: von GoldFan

    Ich habe mal geglaubt, verstanden zu haben, dass die wahre Inflation der Steigerung der Geldmenge M3 entspricht. Somit werden die 4 Billionen Euro Vermögensbestand der Deutschen gerade jährlich mit über 10 % in den Mülleimer inflationiert.

    Ich habe das Gefühl, dass in 2016 für Shortie-Besitzer und Goldfans die Erntezeit anbricht (habe ich zwar schon länger, ändert aber nichts am Gefühl).

    Trotzdem alles Gute !

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