Was wollt Ihr noch?

04.12.2015 11:12 | Stefan Wolff

Mario Draghi hält an seiner ultralockeren Geldpolitik fest. Das Anleiheprogramm wird verlängert. Banken, die ihr Geld bei der EZB parken, werden zukünftig noch härter bestraft. Und die Märkte? Reagieren enttäuscht. Auf der EZB-Pressekonferenz hat sich ein Kollege sogar soweit verstiegen, Draghi vorzuwerfen, er habe die Erwartungen nicht erfüllt. Was darf es denn noch sein fürs Vollkasko-Banking und -Börsern?

Natürlich. Der Einlagenzins hätte auch auf -0,4 Prozent sinken können. Oder auf -0,5 Prozent. Dann wären die Erwartungen über-erfüllt worden. Natürlich könnte die EZB von morgen Anleihen im Wert von 80 Milliarden Euro pro Monat kaufen. Oder 100 Milliarden oder 500 Milliarden. Sie könnte Unternehmensanleihen kaufen. Oder gleich Aktien, Öl und Gold.

Dann wären bestimmt alle happy. Dax 15.000. The sky is the limit. Die Märkte haben sich daran gewöhnt, dass es keinerlei Risiken gibt. Ein Ende der Niedrigzinspolitik bedeutet die Rückkehr der Risiken. Wenn die Geldpolitik nicht immer mehr gelockert wird, führen Gewöhnungseffekte zur Erkenntnis, dass Risiken möglich sind.

Die Reaktionen auf die jüngste EZB-Sitzung zeigen deutlich, dass die Akteure an den Finanzmärkten eine Vollkaskoversicherung wollen. Die Gewinne sollen von allein kommen, und wenn es schief läuft, rettet der Staat. Das kann nicht ewig gut gehen. Wer auf Dauer versucht, Marktmechanismen zu beeinflussen, wird irgendwann ein deftiges Echo bekommen.

An ihrem Inflationsziel beißt sich die EZB schon jetzt die Zähne aus. Sie kann sich nicht eingestehen, nicht mehr Herrin über die Teuerungsrate zu sein. In der Fachwelt spricht man vom “Transmissionsmechanismus”, wenn sich geldpolitische Maßnahmen auf die Wirtschaft auswirken. Dass dieser nicht funktioniert, stellt die Währungshüter vor ein Rätsel, auch wenn die Teuerung momentan natürlich von den gefallenen Energiepreisen bestimmt wird.

Dabei ist die niedrige Inflationsrate zu einem Stück auch das Werk der Euro-Retter. Die Reformmaßnahmen in vielen Ländern haben Löhne, Renten, Investitionen und Konsum schrumpfen oder zumindest stagnieren lassen. Das ist kein Nährboden für Inflation.

Langfristig jedoch ist die Teuerungsrate immer angesprungen, wenn mehr Geld in den Kreislauf gepumpt wurde. Das kann auch dieses Mal passieren – ganz unverhofft. Schnell werden sich dann die Währungshüter ihr Inflationsziel von oben anschauen und große Schwierigkeiten damit haben, ihre Maßnahmen zurückzuschrauben, ohne die Märkte und die Wirtschaft allzu sehr zu schocken. Vielleicht wird dann deutlich, dass die Politik der offenen Schleusen zu viel des Guten gewesen ist.

Als in der Finanzkrise die Nacht am dunkelsten gewesen ist, hat die EZB genau richtig gehandelt. Angesichts zaudernder Politiker erwies sie sich als Fels in der Brandung. Inzwischen ist sie zum Anhängsel des Marktes geworden. Draghi wurde als “Nikolaus” bezeichnet, der “Geschenke” bringen sollte. Wenn das die Aufgabe einer Zentralbank ist, dann wackelt der Schwanz mit dem Hund.

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Kommentare

  1. Kommentar 1: von Losado

    100% Zustimmung!
    Vielleicht wäre es den Herrn Brokern lieber Don Mario de Calabrese würde ihnen das Geld gleich direkt aufs Privatkonto überweisen, oder noch besser in Bar vorbeibringen lassen.

  2. Kommentar 2: von Verständniszeiger

    Das könnte man so sehen. Aber Sie sollten nicht vergessen, dass der Euro sich stärker aufgewertet hat, als der DAX verloren hat. Damit ist der Wert der deutschen Unternehmen im internationalen Vergleich gestern gestiegen!

    Deswegen ist schon der Ansatzpunkt mE sehr unglücklich.

  3. Kommentar 3: von Peter Sailer

    Genau!
    Es wird Zeit, dass der Markt wieder durch Angebot und Nachfrage geregelt wird!

  4. Kommentar 4: von Hans H.

    Wir produzieren Geld aber keine Werte.
    Mir ist schleierhaft, warum wir nicht schon längst eine Währungsreform haben wie im letzten Jahrhundert, nach dem erste Weltkrieg, nach der großen Depression und vor dem zweiten Weltkrieg.

    Als Betriebswirt mit Volkswirtschaftgrundkenntnissen muss ich nicht alles verstehen. Unbestritten ist aber, dass das neu gedruckte Geld nicht in der Realwirtschaft ankommt. Nach meiner Ansicht schaut keiner mehr nach dem Wirtschaftskreislauf, nur die Renditen der Unternehmen sind im Blickfeld. Die Renditen kommen aber auch nicht mehr da an, wo sie gebraut werden, beim Arbeitnehmer. Im Wirtschaftskreislauf sind Löhne nicht nur Belastung von Unternehmen sondern auch Kaufkraft, die Unternehmen den Absatz ermöglichen.

    Die Geldpolitik ist schon lange am Ende, die Wirtschaftspolitk geht weiter den Weg des Neoliberalismus. Wir können die Schulden nicht bezahlen, wir können nicht aus den Schulden rauswachsen. Man kann das nicht ewig in der Schwebe halten.

  5. Kommentar 5: von Martin

    Hallo Herr Wolff,

    genau diese Gedanken hatte ich gestern auch. In was für einer absurden Situation befinden wir uns eigentlich, Mario Draghi verlängert sein Kaufprogramm um ein halbes Jahr, eine gute Nachricht (zumindest für die Finanzmärkte). Ansonsten wurden keinerlei restriktive Maßnahmen angekündigt und der DAX rauscht in Minutenschnelle um mehrere 100 Punkte gen Süden. Einfach nur absurd, anscheinend ist es Aufgabe der EZB die Aktienmärkte am laufen zu halten…

  6. Kommentar 6: von ein Anleger

    Richtig!
    Wie dumm sind eigentlich die, die glauben, die EZB kann bis zum Anschlag, bis in die Unendlichkeit Geld „drucken“, damit die Äktienmärkte von einem Rekord zum anderen Rekord steigen. Irgendwann ist das Geschrei dann wieder so groß, wegen einem CRASH und der Staat (WIR) darf wieder dafür gerade stehen. Müssen es dann immer Renditen von 10 % und mehr sein????
    Abgesehen davon, wie müssen sich Arbeitnehmer fühlen, die 40 Stunden in der Woche arbeiten – vor allen Dingen die AN, die einen „Hungerlohn“ erhalten!
    Ich bin Bergwanderer: Je höher man steigt, um so tiefer kann man fallen.
    Trifft doch auch auf Aktien zu oder???

    Ein Aktionär

  7. Kommentar 7: von Losado

    #Verständniszeiger
    Die Preise der Firmen sind durch den Euroverfall um gut 25% im laufenden Jahr so stark gefallen, da kommt es auf die leichte Aufwertung wirklich nicht an. Die Aktienkurse der deutschen Unternehmen sind zwar optisch hoch, aber international durch den schwachen Euro relativiert sich das. Ziehen sie von 11000 Punkten mal 25% ab, dann sehen sie wo der DAX effektiv steht, bei 8500.
    Die ganzen Eingriffe der EZB waren Gift für die Märkte, man darf bei der Marktwirtschaft nicht eingreifen. Der nächste – immer wieder aufgeschobene Crash – wird deshalb den letzten Crash von 2007/8 bei weitem übertreffen, zumal es keine Möglichkeiten mehr gibt Zinsen zu senken und noch mehr Geld zu drucken.
    Mario Draghi ist eine Fehlbesetzung, und der gestrige Tag zeigt dass er seiner Sache nicht mehr sicher ist. Zu stark ist der Gegenwind um noch wunschgerecht liefern zu können.

  8. Kommentar 8: von Verständniszeiger

    @ Losado
    Das stimmt alles ungefähr. Aber von 1.21 auf 1.09 ist kein Verlust von 25%. Nicht annähernd.
    Gleichzeit ist der DAX von 9.800 auf 10.700 gestiegen.
    Wenn sie das ausrechnen werden die Zahlen ganz anders.

    „Die ganzen Eingriffe der EZB“ haben deshalb die Märkte kaum beeinflusst. Aber „Die ganzen Eingriffe der EZB“ haben in der Eurozone nichtmal dafür gesorgt, dass die Inflation in die Richtung ginge, die gewollt war.
    Versuchen Sie sich doch mal vorzustellen, was ein Nichteinschreiten für den Geldwert bedeutet hätte und wie eine mögliche Deflation (oder weitere Überbewertung des Euro) auf „den Markt“ gewirkt hätte.

  9. Kommentar 9: von Don.Corleone

    Börsenkollege Wolff hat absolut recht . Die Blasen werden kommen, IMMO u.
    FINANZ , dann geht es in d. andere Richtung , nur um dann gegenzusteuern,
    fehlt dann d.Kraft (Finanzen d.EZB) , obwohl das LIMIT (Geld a.d. Nichts zu gerieren) „unbegrenzt zu sein scheint . Es könnte dann TOTAL a.d. Ruder laufen , wer will dann d. galoppierenden Preise zähmen ? Draghi ?
    Liquidität entziehen , ohne d.d. Märkte crashen ?

  10. Kommentar 10: von Leepzscher

    Die Inflation ist doch da. Alle Preise steigen, außer Treibstoff (und Rohstoff) . Und diese erreicht Dragi doch nicht mit mehr Geld. Also langsam raus aus der Geldflut und wieder Zinsen gezahlt. Nur will dies Schäuble nicht. Denn die Finanzminister bauen ihre Schulden ab durch Entwertung.

  11. Kommentar 11: von reiner tiroch

    na die wollen nicht nur 30% sondern 100% im Jahr mehr verdienen, gell?

  12. Kommentar 12: von t4berlin

    Die Zeit meiner kfm. Ausbildung ist lange vorbei, aber die Verankerung der Preisstabilität durch das Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft (StabG) vom 8. Juni 1967 war damals ein wichtiger Lehrbestandteil in VWL. Aber was scheren uns heute Gesetze, wenn die Lösung von Problemen in der Sozialisierung von Schulden und Verlusten und im verdeckten Anwerfen der Notenpresse liegen. Man muss es sich mal in Ruhe auf der Zunge zergehen lassen: wir haben (angeblich) eine zu niedrige Inflation ??!!

  13. Kommentar 13: von Ein Wirtschaftsinteressierter

    Die EZB scheint eines noch nicht verstanden zu haben: Man kann den Pferden Wasser hinstellen, aber saufen müssen sie allein ( Wirtschaftsminister Schiller Ende der 1960iger Jahre)

  14. Kommentar 14: von realconversation

    Als ich vor einigen Jahren damit begann, Verträge zur privaten Altervorsorge abzuschließen, folgte ich den gebetsmühlenartig vorgetragenen Parolen der Politik. Nun stehe ich da und betrachte augenreibend die Tiefstände dieser Verträge. Wenn es so weiter läuft, darf ich mich zur stark steigenden Gruppe der Altersarmen gesellen…Danke Herr Dragisch, danke EZB, danke Herr Schäuble…

  15. Kommentar 15: von Kritikverweigerer

    Der europäische Aktienmarkt ist von den Maßnahmen der EZB lange nicht so beeindruckt wie es der US-Markt im Rahmen des QE war, und die harsche Reaktion auf die Entscheidung am 3. Dezember im DAX kann nicht einfach damit begründet werden, dass hier enttäuscht wurde.

    Der Markt verarbeitet nun mal Informationen. Kurse, vor allem Währungskurse werden im Großen und Ganzen von den Erwartungen an die Zinsdifferenzen bestimmt, auch wenn das viele nicht wahrhaben wollen. Zinsdifferenzen werden natürlich von den Notenbanken gesteuert, wohin die Richtung geht ist aber meistens bekannt. Schwächt sich die Differenz kurzfristig ab, so reagiert der Markt natürlich, aber eben kurzfristig.

    Es bedeutet also noch lange nicht, dass der Euro nun dreht. Wer das annimmt, hat nicht verstanden wie Märkte auf einen plötzlichen Umschwung reagieren. Solche Umschwünge wird es aber immer geben, sei es aufgrund der Notenbanken oder eben konjunkturbedingter Ereignisse.

    Und dass der DAX im Zuge der Entscheidung fällt, liegt einfach nur daran, dass der Großteil der Investoren aus dem US-Dollar Raum kommen. Er fällt also nicht aufgrund dessen, weil die EZB nicht wie erwartet mehr Liquidität zur Verfügung gestellt hat, sondern weil der Euro im Zuge der Reaktion steigt.

    Dass man den ökonomischen Sinn von QE-Maßnahmen kritisieren kann, daran besteht kein Zweifel. Nur sollten sich die ganzen VWL-Experten und Ökonomen mal endlich einig werden, dass der Finanzmarkt, besonders an den Börsen, nichts weiter tut als Informationen zu verarbeiten und es ist ihm egal ob diese Information seitens der Notenbanken kommt oder vom Unternehmen selbst. Die Reaktionen werden immer so harsch sein, wenn es mal Enttäuschungen gibt.

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