Twist and shout

22.09.2011 10:09 | Stefan Wolff

Die US-Notenbank (Fed) entdeckt den Twist für sich, doch die Börsen kann sie so nicht rocken. Die Liquiditätsjunkies der Finanzwelt hatten eine weitere Geldinfusion herbeigesehnt, die sie (vorerst) nicht erhalten werden. Statt „QE 3“, das ein weiteres, großangelegtes Anleiheaufkaufprogramm wäre, wird also nun die „Operation Twist“ für niedrige Zinsen sorgen.
Die Fed wird zu diesem Zwecke Kurzläufer oder bald fällige Anleihen verkaufen und im Gegenzug Langläufer vom Markt nehmen. Auf diese Art und Weise steigt die Nachfrage nach lang laufenden Bonds. Die Preise steigen, die Renditen sinken. Das soll die langfristigen Zinsen niedrig halten. Für Häuslebauer und andere Kreditnehmer.
“Operation Twist” hat den Charme, dass kein zusätzliches Geld gedruckt werden muss, um die Zinsen zu drücken. Gratis ist das Programm natürlich deswegen noch lange nicht. Denn wenn die Fed auf lang laufenden Anleihen sitzt, erschwert das den Ausstieg aus dem Programm – irgendwann in ferner Zeit.
Die Entscheidung fiel nicht einstimmig. Drei Direktoriumsmitglieder der Fed lehnten die Aufforderung zum Twist ab. Es herrschen massive Zweifel darüber, ob die Maßnahme auch wirklich bei der Wirtschaft ankommt. Die Aufkaufprogramme QE 1 und QE 2 haben jedenfalls nicht die gewünschten Effekte erzielt. Die Aussichten für die US-Wirtschaft bleiben düster, was kein Wunder ist. Schließlich gilt der schwache Arbeitsmarkt als Hauptproblem der Amerikaner, wenn man mal vom Investitionsstau bei den Unternehmen absieht.
Mit dem Twist finanziert die Fed langfristige Kreditengagements über kurzfristige Kreditengagements. Einigen Banken, wie der Depfa, hat ein solches Gebaren fast das Genick gebrochen. Ein solches Schicksal blüht der Fed nicht, da sie sich jederzeit Geld drucken kann, wenn sie es braucht. Doch so langsam leert sich der Köcher der Währungshüter. “Operation Twist” ist einer der letzten Pfeile, dann geht nur noch Liquiditätsschwemme, und die konnte bislang nur die eigentlich siechenden Märkte aufpumpen.
Auch die Ratingagenturen haben das erkannt und den Daumen über drei US-amerikanischen Großbanken gesenkt. Deren Geschäftsmodelle stehen auf tönernen Füßen. Die Rettungsbereitschaft des Staats dürfte sich angesichts angesichts klammer Finanzen in engen Grenzen halten. Auch deutsche Banken sind in Gefahr. Schließlich agieren sie nicht im luftleeren Raum. Die drohenden Ratingschritte gegen die Unicredit würden über den Link zur Hypovereinsbank direkt auf den deutschen Markt durchschlagen.
Am Ende steht nicht mehr die Frage, ob die aus einer Bankenkrise resultierende Schuldenkrise erneut eine Bankenkrise auslöst. Es geht nur noch um den Zeitpunkt und die Härte des Einschlags.

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Kommentare

  1. Kommentar 1: von GoldFan

    Also bis zum DAX-Stand von 4500 warten (Oktober 2011) und günstig gute deutsche Aktien kaufen; als Versicherung bei leicht sinkenden Kursen mit einem Drittel rein ins Gold.
    Der Einschlag wird hart, die Zeit danach noch härter …

  2. Kommentar 2: von Jockel

    Die Fed will die Zinsen immer nur drücken und erkennt nicht ihren Sinn.

    Meine Meinung:
    Hohe Zinsen bremsen Investitionen, weil dann nur wenige Investoren sich zutrauen, darunter Gewinn zu machen.
    Niedrige aber verlocken jeden Idioten, irgend etwas anzustellen (siehe Subprime-Krise).

    Nur der mittere Bereich ist langfristig und volkswirtschaftlich gut, weil er die guten Investitionspläne gegenüber dem Unsinn bevorzugt.
    Realwirtschaftlich finden sich dann z. B. unentschlossene (Anleger wie Arbeitskräfte) bei denen mit den wirtschaftlich machbaren Plänen ein.

    Am Rand der Mitte gibts noch ein ‘Lenkgefühl’; aber dort ist Bernanke ja nun schon länger ‘mal weg’.

    Der aktuelle ‘Twist’ kommt mir vor, wie nur wiedereinmal eine weitere Verlängerung – der Einforderung von Versprechen (was Geld im Grunde ja ist). Nur ein Verzicht auf Verbindlichkeit, kein wirtschaftlicher Impuls und nur wenig Orientierung:
    Im obigen Sinn: Kein Druckaufbau, sich von den Sünden abzukehren, was aber – wie Griechenland lehrt – durchaus auch etwas früher beginnen dürfte.

    Die Frage die bleibt: Wie (und warum) ging die Vorlage von 1961 aus?

  3. Kommentar 3: von silver

    Marc Faber Interview vom 22.September 2011
    Marc Faber warnt vor erneutem Ausbruch der globalen Finanzkrise….

    http://goo.gl/o486b

  4. Kommentar 4: von GoldFan

    Hallo Jockel,

    1961 hatte der Twist nicht den erwarteten Erfolg, deshalb wahrscheinlich die zurückhaltenden Reaktionen beim aktuellen Twist.
    Die Idee ist ja eigentlich gar nicht so schlecht, eignet sich aber wohl nicht als Notfallwerkzeug.

  5. Kommentar 5: von Stefan Wolff

    1961 rutschte die Handelsbilanz der USA ins Minus. Die Regierung musste Gold verkaufen. So beschreibt jedenfalls die BBC die Beweggründe für die erste “Operation Twist”:

    http://www.bbc.co.uk/news/business-15016921

  6. Kommentar 6: von Kleine Presseschau vom 22. September 2011 | Die Börsenblogger

    [...] Best Börsen Blog: Twist and shout [...]

  7. Kommentar 7: von Fionn H.

    Geldpolitik allein reicht nicht – die USA brauchen eine Beschäftigungspolitik, eine Industriepolitik, eine Investmentpolitik….

  8. Kommentar 8: von Jockel

    Dank, Zustimmung und noch eine andere Frage (anderes Thema):

    Wie ist die Relation des jüngsten Banken-Stresstests zum August-September-Niedergang? Wurde er von der Wirklichkeit eingeholt?

  9. Kommentar 9: von BoerseNewYork.de

    Die ganze Gelddruckerei bringt doch nichts. Kernproblem sind die vielen Arbeitslosen in den USA. Erst wenn sich dieses Monsterproblem gelöst wird, geht es wieder aufwärts. Je mehr Jobs und je mehr Einkommen es gibt, desto besser läuft der Immobilienmarkt. Wenn das Betongold sich erholt, gibt es wiederum weniger Privatinsolvenzen usw. usw.
    http://www.timschaefermedia.com

  10. Kommentar 10: von Otti Steinlenger

    Es beklagen sich einige Kommentatoren, dass Papandreou zuerst zugesagt hatte, dass das Sparprogramm durchgeführt würde, dann gab es den Schock eines Referendums und dann zoge er es zurück und jetzt hat er die Vertrauen sfrage gewonnen. Manche reden davon, dass dies keine Demokratie mehr wäre.
    Dazu sage ich nur: Wäre es nicht demokratisch legitimiert gewesen, was sich Papandreou “geleistet” hat, hätte es, “das Theater”, nicht stattgefunden.
    Man muss sich damit abfinden, dass nicht jede Verfassung wie die unsere ist. Niemand zwingt die anderen EU-Staaten, einen Rettungsschirm für Griechenland – und anderen EU-Staaten – zu bilden. Papandreou hat das getan, was er für richtig hielt. Amen.

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