“Der Alte muss weg.” Was vor ein paar Tagen noch ein Zitat aus dem Aufsichtsrat war, ist nun Realität. Ferdinand Piëch hat sich selbst entmachtet, ist als Chefaufseher zurück getreten. Der Patriarch ist damit seiner Abwahl zuvorgekommen. Das Denkmal ist zerstört, das Kapitel aber noch nicht beendet. VW stehen turbulente Zeiten bevor.

Es gab nur eine persönliche Begegnung von mir mit Ferdinand Piëch. Die war kurz aber prägnant. Auf der IAA im Jahr 1999 präsentierte Volkswagen den “Phaeton”, damals unter dem Namen “Concept D”. Ich lästerte mit einem Kollegen: “Der sieht ja von hinten aus, wie ein Opel Omega.” Da hörte ich ein kaum vernehmliches Räuspern. Hinter mir stand Ferdinand Piëch. Er sagte nichts, doch den vernichtend-stechenden Blick spüre ich heute noch.

Piëch galt schon immer als Pedant, als Perfektionist. Ihm wird nachgesagt, als Audi-Chef mit dem Messschieber durch die Werkshallen gelaufen zu sein. Alles zu wissen, alles zu kontrollieren, war und ist ihm wichtig. Die Art und Weise, wie er Politik betrieb, ist aber aus der Zeit gefallen. Einen Milliardenkonzern kann man nicht nach Gutsherrenart führen. Doch genau das hat Piëch betrieben, als er versuchte, Martin Winterkorn vom Hof zu jagen.

Bei Bernd Pischetsrieder ist ihm das noch gelungen. Der ehemalige BMW-Manager wurde von Piëch mit den Worten installiert, dass er besser sei, “als ich es je war”. Später wurde Pischetsrieder mit einem frisch verlängerten Vertrag in der Tasche geschasst. Das ist die eine Seite.

Ferdinand Piëch ist aber auch ein Automann, der auf einer Stufe mit den größten Pionieren und Visionären der Branche steht. Er führte den VW-Konzern aus einer tiefen Krise heraus an die Weltspitze. Die Idee einer Vier-Tage-Woche verhinderte Massenentlassungen. Das Programm “5.000 mal 5.000” schuf später sogar Arbeitsplätze. 5.000 Menschen wurden zu einem Monatsgehalt von 5.000 D-Mark in der VW-Tochter “Auto 5.000” eingestellt.

Die “Plattform-Strategie”, viele Modelle mit den gleichen Komponenten herzustellen, ging auf. Audi wird als Premiumhersteller wahrgenommen, der auf Augenhöhe mit BMW und Mercedes steht, auch wenn sich Teile davon auch in einem Skoda wiederfinden. Viele Marken unter einem Dach zu vereinen, ist ein Verdienst von Piëch. Der befürchtete Kannibalismus der Marken untereinander ist nicht eingetreten.

Der VW-Konzern hat im vergangenen Jahr erstmals mehr als zehn Millionen Autos verkauft und hängt dem Weltmarktführer Toyota an der Heckstoßstange. Und trotzdem ist nicht alles rosig. Die Geschäfte in den USA laufen schleppend, die Margen des Konzerns sind im Vergleich zur Konkurrenz eher unbefriedigend. Der kommende VW-Markenchef Herbert Diess hat bereits ätzende Kritik geübt – noch vor Amtsantritt.

VW steht vor unruhigen Zeiten. Und auch nach seinem unrühmlichen Abgang wird Piëchs Schatten weiter über dem Konzern schweben. Die Familien Porsche und Piëch besitzen die Aktienmehrheit an VW.

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Ab ins Basislager?

22.04.2015 14:04 | Stefan Wolff

Am Berg ist es wie an der Börse. So eine Kraxeltour ist anstrengend, macht den Freunden des Alpinismus aber Spaß. Je höher es geht, desto mehr ist der Profi gefragt. 8.000er sind dann nur noch mit Sauerstoffgerät zu bezwingen, außer von Extremsportlern.

 

An der Börse sind 12.000 Dax-Punkte die 8.000 Höhenmeter, und das Sauerstoffgerät heißt “Draghi”. Nach der Kursrally der vergangenen Wochen scheint so manchem Anleger die Puste ausgegangen zu sein. Das Anleiheaufkaufprogramm der Europäischen Zentralbank allein reicht als Kurstreiber nicht mehr aus. Im Vorfeld bereits reichlich beklatscht, wurde also einiges vorweggenommen, was sich nun bemerkbar zu machen scheint.

 

Auch sonst häufen sich die Probleme. Vor allem die Diskussion um einen möglichen “Grexit”, also den Austritt Griechenlands aus dem Euro, hat den Aktienmärkten zugesetzt. Der fallende Euro hat sich gefangen, die Ölpreise sind wieder gestiegen. Damit schwinden einige Vorteile für deutsche Exporteure, die vor einigen Monaten noch das zentrale Kaufargument für deren Aktien gewesen sind. Und die aktuelle Bilanzsaison hat bislang auch nicht für den gewünschten Schwung sorgen können.

 

Nun ist die Diskussion in vollem Gange, ob es sich derzeit nur um eine Verschnaufpause handelt oder um den Beginn einer schon länger erwarteten Korrektur. Die Argumente für weitere starke Kursgewinne scheinen jedenfalls im Moment ausgereizt zu sein. Es ist die Zeit gekommen, in der viele Anleger ihr Engagement überlegen und erwägen, zumindest einen Teil der gemachten Gewinne zu versilbern.

 

Beim Dax ist ein weiteres Argument abhanden gekommen. Der Dax ist (wie schon oft erklärt) ein so genannter Performance-Index, das heißt die von den Unternehmen gezahlten Dividenden werden in den Indexstand einberechnet. Bei reinen Kurs-Indizes, wie dem Dow Jones oder dem Nikkei ist das nicht der Fall. Aus diesem Grund sind die Rekorde beim Dax mit denen anderer Indizes nicht vergleichbar gewesen.

 

Diese Lücke ist jetzt aber geschlossen. Der Dax-Kursindex hat nun ebenfalls neue Rekorde erklommen. Der immer wieder ins Spiel gebrachte “Nachholbedarf” für deutsche Aktien besteht also nicht mehr. Einen deutlichen Absturz der Aktienkurse befürchten nur wenige Beobachter. Allerdings hat sich die Gemengelage stark geändert. Nicht unbedingt zugunsten von Aktien.

 

Diese allgemeine Entwicklung mündet nun auch in der Erkenntnis, dass die deutsche Wirtschaft kein Selbstläufer ist. Zwar wird der jüngste Rückgang des ZEW-Index nicht als Katastrophe gewertet (was es ja auch nicht ist), doch zeigen die trüberen Aussichten, dass nun auch Finanzmarktakteure erkannt haben: Die Bäume wachsen nicht in den Himmel.

Die harten Daten, von den Auftragseingängen bis zur Industrieproduktion haben es schon gezeigt. Nun ziehen Anleger mit ihrer Einschätzung nach. Ob es für die Kurse eine weitere Klettertour bedeutet oder einen Abstieg ins Basislager, hängt von der laufenden Bilanzsaison ab. Und vom Euro, der derzeit eine wichtige psychologische Rolle spielt.

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Sind Märkte zynisch und Anleger gefühllose Klötze? Regelmäßig kommen nach Katastrophen, Anschlägen und Unfällen solche Vorwürfe zum Tragen. Dabei offenbaren die Reaktionen der Börsianer vor allem Ratlosigkeit.

 

“Was für eine furchtbare Nachricht. Und die Börsena… haben nichts Besseres zu tun, als panikartig ihre Lufthansa-Aktien zu verkaufen.” Das ist einer von vielen Kommentaren in den sozialen Medien am Tag des Absturzes der German Wings-Maschine in den Alpen (wobei die Beschimpfung natürlich vollständig zu lesen ist).  Die Aufregung ist groß gewesen. Sie reichte von plumpen Beleidigungen der Akteure über die Forderung, über so etwas nicht zu berichten.

 

Dabei stellt sich nicht die Frage, ob berichtet wird, sondern in welcher Form dies geschieht. Und das wird in seriösen Redaktionen engagiert diskutiert. Menschliches Leid in Euro und Cent umzurechnen ist keine leichte Aufgabe und ist auch nicht immer sinnvoll. Aber es geschieht natürlich. Die Börse ist der richtige Platz dafür. Allerdings kann zum jetzigen Zeitpunkt gar keine seriöse Einschätzung erfolgen.

 

Von “Panik” war denn auch keine Spur. Eher von Ratlosigkeit. Die Reaktion auf eine Nachricht erfolgt oft, ohne dass über die Nachricht nachgedacht wird. Aktienhändler stochern genauso im Nebel, wie die betroffenen Menschen. Natürlich gibt es auch jene, die bei so etwas den schnellen Euro wittern. Die aber greifen oft daneben, denn die Reaktionen sind nicht vorhersehbar.

 

Besonders deutlich wird dies beim Blick auf die großen Terroranschläge, die in der Vergangenheit die Welt erschüttert haben. Am 11. September 2001 ist der Dax um fast neun Prozent eingebrochen. Die Wirtschaft rutschte in eine Krise. Es dauerte Jahre, bis sich die Kurse wieder erholten. Fast drei Jahre später nach den Anschlägen von Madrid schwenkte der Dax schnell wieder auf “Normalkurs” ein. Die Terrorattacke in London im Jahr 2005 hat kaum Kursausschläge ausgelöst.

 

Ist das zynisch? Wohl sind eher Lerneffekte der Grund für die gewachsene “Coolness”. Der Terror vom 11. September war ein Anschlag auf das Finanzsystem mit herben Folgen für die gesamte Wirtschaft. Alles, was danach kam, war in den wirtschaftlichen Auswirkungen “weniger schlimm”. Da eine Erholung schnell wieder erwartet wurde, fand der Kurssturz gar nicht erst statt.

Das Verstörende und gleichzeitig Beruhigende an solchen Katastrophen ist ja, dass die Menschen schnell wieder zur Tagesordnung übergehen. Die einen haben am Morgen nach dem Absturz ganz normal Brötchen gekauft und sind zur Arbeit gegangen, die anderen haben mit Aktien gehandelt. Und damit auch nichts Verwerfliches getan.

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Es gibt den Tag des Baumes und den Tag des Bieres, den Tag des Mannes und den Tag der Frau. Nun gibt es auch den Tag der Aktie und passend dazu die 12.000 Punkte für den Dax. An diesem Montag sollten die Deutschen an diese Anlageform herangeführt werden. Ein mehr als schwieriges Unterfangen.

Es war unbestritten eine Werbeaktion führender Direktbanken und der Börse selbst. Seinen Ursprung hat der Tag in der Initiative “Aktion pro Aktie”, die von vier Direktbanken ins Leben gerufen wurde um “einen Umdenkprozess anzustoßen, um einen vorurteilsfreien und aufgeklärten Umgang mit dem Thema Aktie zu fördern”, wie es heißt.

Wenn Verkäufer ihre Verkäufe ankurbeln wollen, dann sollte das in seriösen Medien nicht unbedingt Thema sein, doch bei der Aktie verhält sich das etwas anders. Zu sehr führen Dividendenpapiere immer noch ein Mauerblümchendasein in deutschen Depots. Den meisten Deutschen gilt das Thema “Börse” als reine Spekulation. “Zocker” sind da im “Casino” aktiv und vernichten nach landläufiger Meinung eher Geld als dass sie es vermehren.

Wer will es den Sparern verdenken? Der Dax ist seit Jahresbeginn um 20 Prozent gestiegen. Das beinhaltet Übertreibungspotenzial. Außerdem hat sich das Vorurteil schon mehrmals bewahrheitet, jedenfalls kurzfristig. Sparer haben den Flop mit der Telekom-Aktie vor dem Auge, die geplatzte Internetblase und die Folgen die Finanzkrise. Diese Ereignisse trüben den Blick für die langfristigen Gewinnchancen.

In der Tat lohnt sich Aktienanlage langfristig. Es gibt in den vergangenen 50 Jahren trotz aller Schocks keinen 20-Jahreszeitraum, in dem Aktiensparer Verluste erlitten hätten. Wer 1988 Aktien kaufte und 2008 (nach der Lehman-Pleite) verkaufte, ging leer aus, um einen besonders schwachen Zeitraum zu erwähnen. Ein Jahr später allerdings liegt die Rendite bei durchschnittlich elf Prozent pro Jahr. Zwischen 1994 und 2014 konnten acht Prozent pro Jahr erzielt werden, zwischen 1975 und 1995 waren es über zwölf Prozent, und so weiter.

Dennoch konnte sich die Aktie bei den Deutschen nie durchsetzen. Das liegt neben den Negativerfahrungen daran, dass Geldanlage hierzulande als “notwendiges Übel” gilt, wie in einer Umfrage von Februar dieses Jahres über 40 Prozent aller Verbraucher angaben. Grund genug für viele Sparer auf vermeintlich sichere Anlageformen zu setzen, die zudem wenig Eigeninitiative verlangen.

Doch solche Vehikel werfen zunehmend weniger ab. Bei Lebensversicherungen ist der Garantiezins von vier Prozent Mitte der 1990er Jahre auf aktuell 1,25 Prozent gesunken. Eine hohe Überschussbeteiligung ist für die Assekuranzen nur schwer zu erwirtschaften, da hochverzinste Altverträge ja weiter bedient werden müssen. Außerdem legen die Versicherungen hauptsächlich in Staatsanleihen an, die immer weniger abwerfen. So konnten im Jahr 1991 mit Bundesanleihen zehnjähriger Laufzeit  neun Prozent Rendite erzielt werden. Aktuell sind die Zinsen bis auf 0,2 Prozent gesunken.

Der “Anlagenotstand” ist also so prekär wie selten. Dass die Deutschen aber ausgerechnet während dieser rasanten Rally die Aktie für sich entdecken, ist eher unwahrscheinlich.

 

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Gewinnfragen

10.03.2015 12:03 | Stefan Wolff

 

“Wichtig ist, was hinten rauskommt”, hat schon der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl erkannt. Was in der Politik gilt, das gilt in der Wirtschaft allemal und bei den Unternehmensbilanzen erst Recht. Nur was da so hinten rauskommt, bleibt gern auch mal im Dunklen. Oder die Finanzvorstände servieren eine Zahlenflut, dass der Fachmann staunt und sich der Laie wundert.

Zahlen sollen transparent sein. Das ist nicht jedem Unternehmen recht. Wer lieber im Geheimen herumprökelt (und dafür gibt es ganz ehrenwerte Gründe), der lässt das dann gleich mit der Börse. Denn am Aktienmarkt gelten Bilanzregeln und eine Veröffentlichungspflicht. Je nach Börsensegment müssen Jahreszahlen, Halbjahreszahlen und Quartalszahlen offengelegt werden.

Wie das Ganze erfolgen muss, bleibt weitgehend dem Verfasser überlassen. Das schafft nicht nur Platz für schriftstellerische Freiheiten, sondern auch Möglichkeiten, besonders wenige oder ausnehmend viele Kennzahlen zu veröffentlichen. Erfolgt letzteres, kommt die Bilanzmitteilung einem gekonnten Wurf von Nebelkerzen gleich.

Zum Beispiel bei RWE: Der Energieriese beschränkt sich nicht auf Umsatz und Gewinn. Da gibt es den “Gewinn”, das “betriebliche Ergebnis”, den “Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda)” und – eine hauseigene Spezialität – das “nachhaltige Nettoergebnis”. Ganz davon abgesehen, dass eine Definition, wie sich denn dieses “nachhaltige Nettoergebnis” errechnet und zusammensetzt, nicht zu bekommen war, stellen sich natürlich die Fragen, wozu es denn gleich vier Gewinnzahlen sein müssen und welche denn nun ausschlaggebend und aussagekräftig ist.

Die Antwort aus der Pressestelle fiel ebenso offenherzig wie einleuchtend aus. Welche Zahl die richtige sei, hänge davon ab, was man damit aussagen wolle, hieß es. Frei übersetzt ist also für jede Botschaft die passende Zahl vorhanden. Das reicht von “RWE verdient klotzig” (Gewinn beträgt 1,7 Milliarden Euro nach Verlusten in Höhe von 2,8 Milliarden Euro im Vorjahr), über “Wir haben trotz der widrigen Umstände einen ganz guten Job gemacht” (Ebit sinkt um zehn Prozent) und “Es läuft wegen der gesunkenen Energiepreise nicht gut” (das betriebliche Ergebnis schrumpfte um ein Viertel) bis hin zu “wir kriegen das mit der Energiewende nicht gebacken, es läuft mies, und die Politik ist schuld” (nachhaltiges Nettoergebnis fiel um 45 Prozent). Suchen Sie sich was aus.

RWE wollte mit dem Zahlenwerk nach eigenen Angaben übrigens aussagen, dass die Geschäfte besser laufen als gedacht, dass es aber nicht leicht ist. Das ist nur zum Teil gelungen, denn der zurückhaltende Ausblick hat die Anleger eher verschreckt. Obwohl sie für das abgelaufene Geschäftsjahr eine Dividende erhalten, fürchten sie um die Ausschüttung für 2015.

So ein negativer Ausblick hat natürlich auch sein Gutes. Positive Überraschungen sind durchaus möglich und werden sich bestimmt in einer der vier Gewinnzahlen niederschlagen.

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Griechenland müsse sich grundlegend umkrempeln, um überhaupt eine Chance in der Weltwirtschaft zu haben, heißt es in der aktuellen Debatte. Die Vorwürfe kommen zum Teil sehr herablassend daher und das nicht erst seit der unsäglichen “Nein”-Kampagne einer Boulevard-Postille. Dabei täten auch den “Etablierten” ein paar Reformen ganz gut.

 

Im Internet kursiert gerade ein wissenschaftlicher Aufsatz aus dem Jahr 1997, in dem Internet als “Modeerscheinung” bezeichnet wird. Es sei schlicht leichter, sich telefonisch bei der Bahn nach den Fahrzeiten zu erkundigen, als “auf die Antwort überlasteter Server warten zu müssen”, doziert der Autor, und viele Leser haben damals sicherlich zustimmend genickt. Heute fällt die Reaktion eher belustigt aus.

 

Wirtschaft bedeutet Bewegung und Veränderung. Daimler wäre sicherlich nicht einer der Premiumhersteller dieser Welt, wenn die Firma an der ersten Version des von Gottlieb Daimler und Carl Benz entwickelten Autos festgehalten hätte. Auch der erste Apple-Computer hält heutigen Belastungen nicht mehr Stand.

 

Was für die Wirtschaft gilt, gilt auch für Staaten. Frankreich muss dringend Reformen durchführen, Spanien und Portugal müssen am Ball bleiben und Griechenland sowieso. Deutschland hat mit seinen Arbeitsmarktreformen schon vor einigen Jahren das Ruder herumgerissen. Dass heute mehr Menschen in Lohn und Brot stehen als je zuvor, spricht für sich. Doch auf den Lorbeeren können sich die Deutschen auch nicht ausruhen.

 

Die niedrigen Zinsen täuschen eine trügerische Ruhe vor. Nie war es so einfach und so billig, den Staat durchzufinanzieren. So manche Regierung (auch unsere) gönnt sich da gern ein Reformpäuschen, was logisch ist. Wenn Schulden quasi gratis sind, sinkt auch die Motivation, den Berg abzubauen.

 

Dabei gäbe es genug zu tun. Von Griechenland fordern Außenstehende ein einfacheres Steuergesetz. Mehr als 50 Seiten seien nicht nötig, heißt es. Zugegeben: Im Eintreiben von Steuern ist der deutsche Fiskus dem griechischen weit voraus, doch die Steuergesetzgebung gehört zu den kompliziertesten der Welt. Fasst aber keiner an, und von einer Steuererklärung , die auf einen Bierdeckel passen sollte, ist nicht einmal mehr an den Stammtischen die Rede.

 

Auch in Sachen Infrastruktur geht es nicht wirklich voran. Schnelles Internet ist auf dem platten Land ein Fremdwort. Unternehmen denken nicht einmal daran, sich dort anzusiedeln. Neue Gewerbegebiete werden zu  beleuchteten Kuhweiden. Und während man in Bayern noch ernsthaft darüber diskutiert, ob für Nordseestrom Leitungen nötig sind oder ob der Strom nicht doch aus der Steckdose kommt, gibt es in Estland eine staatliche Garantie für flächendeckendes W-Lan. Landesweit.

 

Es bröckelt an allen Ecken. Marode Brücken werden durch “hochmoderne” Fährverbindungen ersetzt. Ein Leben von der Substanz. Deutschland droht den Anschluss zu verlieren. Vor kurzem erschien eine Studie der Beraterfirma Pricewaterhouse Coopers, der zufolge Deutschland in der Rangliste der größten Volkswirtschaften von aktuell Platz fünf bis zum Jahr 2030 auf den achten Rang sinken und bis 2050 sogar aus den Top Ten fliegen könnte. Natürlich hat dieser prognostizierte Abstieg auch viel mit den starken Wachstumsraten aufstrebender Volkswirtschaften zu tun und sagt wenig darüber aus, wie sich die Wirtschaft selbst präsentiert.

 

Deutsche Maschinen, Anlagen und Autos dürften auch weiterhin begehrt sein. Wie man Weltmarktführer in Nischen sein kann, macht beispielsweise die Schweiz vor. Maschinen und hochwertige Uhren sind trotz hoher Preise gefragt. Größe ist eben nicht alles, doch rekordhohe Börsen, billiger Euro, günstiges Öl und ein auf den ersten Blick robust erscheinender Arbeitsmarkt übertünchen vieles.
Und Stillstand ist nichts.

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Dass nicht alles nach der Wahl so heiß gegessen wird, wie es im Wahlkampf gekocht wurde, scheint für die neue griechische Regierung nicht zu gelten. Ein atemberaubendes Tempo legen Ministerpräsident Alexis Tsipras und vor allem sein Finanzminister Yanis Varoufakis vor. Die Finanzmärkte blicken gebannt auf das dynamische Duo, das gegen Wände rennt.

Mit höheren Renten, mehr Beamtenstellen und einer bestimmten Absage ans die Troika sind erst einmal neue Tatsachen geschaffen worden, nun befinden sich Tsipras und Varoufakis auf einer Art “European Bailout Tour”, einer Charmeoffensive, die das langfristige Überleben Griechenlands garantieren soll.

Eigentlich geht es ums unmittelbare Überleben, denn Kreditzusagen der EZB laufen aus, das Rettungspaket liegt auf Eis und ziemlich bald werden einige Darlehen fällig. Kurzum: Griechenland steht das Wasser bis zum Hals. Trotzdem tritt die Regierung nicht als Bittsteller auf, gibt sich aber flexibel. Der ursprünglich geforderte Schuldenschnitt ist der Forderung nach einer “Streckung” der Schulden gewichen.

Sehr erfolgreich ist die Tour bislang nicht verlaufen, ganz im Gegenteil. Zuletzt hat sogar die EZB Griechenland den letzten Draht zu den Finanzmärkten quasi durchgeschnitten. Es gibt zwar noch Mittel und Wege, an Geld zu kommen, doch sieht es ganz danach aus, als würden die Verhandlungspartner auch einen Kollaps der Hellenen in Kauf nehmen. Ein Euro-Austritt Griechenlands, so suggerieren sie, wäre halb so schlimm.

Dabei ist ein Austritt aus dem Euro gar nicht vorgesehen. Die Euro-Retter haben es auch versäumt, ihren Mitgliedsstaaten ein Insolvenzrecht zu schaffen. Als die Krise auf dem Höhepunkt war und ein ums andere Land unter den Rettungsschirm schlüpfte, stand es ganz oben auf der Agenda. Doch im “Gras-über.-die Sache-wachsen-lassen” sind die Regierenden im Euroraum immer ganz vorn mit dabei.

Bei der Tour fällt auf, dass Tsipras und Varoufakis die vermeintlich mächtigste Frau des Euroraums meiden. Das liegt zum einen daran, dass Griechenland seine kurz laufenden Anleihen vor allem Banken anderer Länder verkauft hat. Zum anderen weiß das Duo genau, dass es Angela Merkels personifizierter Alptraum ist.

Wahrscheinlich gilt das auch umgekehrt, denn für die Schieflage des Euroraums und die griechische Misere macht vor allem Varoufakis die Deutschen verantwortlich. Auch wenn in den aktuellen Verhandlungen leisere Töne angeschlagen werden, liegen alle Informationen auf dem Tisch. In seinem Buch “Der Globale Minotaurus” zeichnet der Wirtschaftsprofessor das Bild einer von den USA dominierten Wirtschaftswelt und von einem Deutschland als willigem Gehilfen.

“Den deutschen Exporten in den Rest von Europa fiel weiterhin die Rolle zu, die die amerikanischen Architekten des Globalen Plans ihnen zugewiesen hatten: Sie sollten die Stärke der D-Mark sichern und gleichzeitig von zentraler Bedeutung für die industrielle Entwicklung im Rest von Europa sein. Tatsächlich exportierte Deutschland nicht nur Volkswagen und Kühlschränke, sondern auch Investitionsgüter, die für praktisch jeden Aspekt des Produktionsprozesses in Europa wichtig waren.”,

heißt es. Auch nach der Währungsunion habe die deutsche Wirtschaft den Rest Europas an die Wand konkurriert (nicht immer zu deren Vorteil). Mit dieser Kritik an der deutschen Wirtschaftsstärke steht Varoufakis sicher nicht allein, wohl aber mit den Schlüssen, die er daraus zieht.

Wenn der Minister einen „New Deal“ für Europa fordert, “in dem Griechenland wieder atmen, wachsen und seine Schulden zahlen kann”, dann zielt er darauf, die Geburtsfehler der Euro-Gemeinschaft zu beheben. Das heißt: Es soll eine politische Einheit geschaffen werden und in dieser Konsequenz auch eine Vergemeinschaftung der Schulden.

Unsere Bundesregierung bekommt aber schon beim bloßen Gedanken an Eurobonds Schnappatmung, auch wenn völlig klar ist, dass das Anleiheaufkaufprogramm der EZB nichts anderes darstellt als eine Vergemeinschaftung, da am Ende des Tages auch das Feigenblatt der angeblich nur teilweisen Haftung fallen wird.

Wie geht es weiter? Die Eurogemeinschaft riskiert den Kollaps Griechenlands und eventuelle Folgeschäden, wie den dann sehr wahrscheinlich werdenden Austritt Zyperns. Ähnlich der Haltung bei der Lehman-Pleite, dass alles schon irgendwie gut gehen wird, vertrauen die Akteure dabei darauf, dass sich der Schock in Grenzen halten wird. Sie wissen es aber nicht.

 

Vielleicht führen Druck und Gegendruck aber auch zu einer Einigung (wonach es derzeit nicht aussieht). Ansonsten handelt es sich bei der Tour um Insolvenzverschleppung.

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Draghis “All In”

22.01.2015 17:01 | Stefan Wolff

 

Da fliegt sie nun, die letzte Patrone aus Draghis Colt. Das Anleiheaufkaufprogramm der EZB startet. Es ist im Grunde genommen unnötig und für die wirtschaftliche Situation im Euroraum wenig hilfreich.

Der Jubel an den Finanzmärkten ist verständlich. Mit dem Billionen-Programm ist völlig klar, dass auch weiterhin jede Menge billigen Geldes an die Börse fließen kann. Auch andere Anlageformen werden davon profitieren. Die eigentlichen Probleme des Euroraums (hohe Schulden, Reformstau, sinkende Wettbewerbsfähigkeit) bleiben ungelöst und dürften auch ungelöst bleiben.

Warum zum Beispiel sollte Frankreich seiner Bevölkerung unbequeme Lasten aufzwingen? Das Land kann sich auf zehn Jahre zu 0,6 Prozent verschulden. Spaniens Anleihezins ist nach der Entscheidung  auf 1,39 Prozent und damit auf ein Rekordtief gefallen. Italienische Zehnjährige rentieren mit 1,58 Prozent. Auch Deutschland kann sich freuen. Anleihen mit zehn Jahren Laufzeit werfen 0,44 Prozent Zinsen ab und kürzere Laufzeiten gar nichts mehr.

Erstmals lieh sich der Bund nun Geld für die Dauer von fünf Jahren, ohne auch nur einen Cent Zinsen zahlen zu müssen. Und obwohl die Anleihe Nullkommanix abwirft, haben Anleger zugegriffen und dem Staat fünf Milliarden Euro überlassen. Das ist ein Riesenvorteil gegenüber früheren Zeiten.

Die EZB hilft klammen und solventen Staaten. Das Inflationsziel von zwei Prozent ist nur vorgeschoben. Denn abzüglich der ungewöhnlich stark gesunkenen Energiekosten gäbe es keine Deflation im Euroraum. EZB-Chef Draghi reitet gegen Windmühlen. Wenn es Deflation gibt, dann ist sie sowieso gewollt. Schließlich wurden Löhne, Gehälter und Renten zum Teil drastisch gekürzt, damit die in Not geratenen Länder wieder in die Spur kommen konnten. Wie soll denn so Inflation entstehen?

Die Reaktionen in Deutschland eindeutig ablehnend aus. Selbst wenn der Markt für Firmenkredite anspringen sollte, so wäre die nicht wegen des EZB-Programms. Volksbanken, Sparkassen und Versicherer stürzen die nun auf Jahre zementierten Minizinsen in tiefe Not.

Das einzige Zugeständnis an die Bundesbank besteht darin, dass sie nur deutsche Anleihen kaufen muss. Sollte am Ende ein Land über die Klinge hüpfen, macht das aber keinen Unterschied. Dann haften wieder alle und Deutschland mit 17 Prozent. Das ist das Gewicht, das das Land bei der EZB in die Waagschale wirft.

Im vergangenen Herbst hat Draghi eingeräumt, dass die bisherigen Maßnahmen nicht bei der Wirtschaft angekommen seien, wohl aber den Finanzsektor stabilisiert hätten. Ob es dieses Mal anders kommt, darf bezweifelt werden. Die Leute an den Finanzmärkten haben ein ziemlich feines Näschen für sowas. Deshalb gehen die Kurse durch die Decke und nicht die Kreditanfragen der Firmen.

Beim Poker wäre Draghis Maßnahme ein All In. Vielleicht aber auch nur ein Bluff.

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Nach dem Votum des Gutachters ist ziemlich klar, dass sich der Europäische Gerichtshof (EuGH) dem Anleiheaufkaufprogramm der Europäischen Zentralbank (EZB) nicht in den Weg stellen wird. Die sich andeutenden Beschränkungen stören nicht weiter.

Für die EZB ist das Gutachten des Generalanwalts Pedro Cruz Villalón mehr als nur ein Etappensieg. Es darf nun als sicher gelten, dass das Direktorium um EZB-Chef Mario Draghi die ohnehin schon in der Schublade liegenden Pläne kommende Woche absegnen wird. Dann dürften die Anleihekäufe starten.

Abgesehen von den angeblichen Gefahren, die aus den sinkenden Energiepreisen resultieren sollen, könnte die EZB noch ganz andere Gründe haben, schnell im Anleihemarkt aktiv zu werden. Sollte der Wahlausgang in Griechenland einen Austritt der Hellenen aus der Eurogemeinschaft provozieren, würde der gezielte Kauf von Staatsanleihen die Wogen in Spanien, Portugal oder anderswo schnell glätten.

Im Gegenzug, so heißt es in dem Gutachten, soll sich die EZB bei direkten Hilfsmaßnahmen zurückhalten. Aus der Troika würde also eine Biga. Das lässt sich ebenso verschmerzen wie die Bedingung, die EZB müsse ihre Maßnahmen begründen. Aus der eigenen Logik heraus dürfte es nicht schwer sein, Gründe für die Käufe zu finden.

Und dennoch schwebt der Haut Gout der indirekten Staatsfinanzierung über dem ganzen Konstrukt. Auch wenn die EZB nicht direkt Anleihen von den Regierungen kauft, so greift sie doch ganz massiv in die Haushaltsgestaltung ein. Denn die niedrigen Zinsen haben die Reformfreude im Euroraum nicht eben beflügelt. Zinsen für Anleihen in Spanien, Frankreich, Italien oder Portugal, aber auch bei den vermeintlichen Musterschülern, wie Deutschland, haben mit realen Risiken und angemessenen Preisen nicht mehr viel zu tun. Die daraus resultierende Trägheit der Politik wird ein Anleiheaufkaufprogramm nicht beenden. Eher schreitet die Lähmung weiter voran.

Auch zeigen die Eingaben von Pedro Cruz Villalón, wie unantastbar die EZB zu sein scheint. Die größtmögliche Freiheit wird ihr zugestanden. Das birgt natürlich auch Gefahren.

Den Akteuren an den Finanzmärkten sind solche Bedenken reichlich egal. Geld bleibt billig, Geld bleibt reichlich vorhanden. Also kann es weiter an die Märkte fließen. Draghis “Whatever it takes” ist zum Mantra geworden. Jedem ist klar, dass die EZB die Eurogemeinschaft nicht den Bach runtergehen lassen wird. Sie ist bereit aus allen Rohren zu feuern und wird dies auch machen. Welche Maßnahmen da noch möglich sind, bleibt der Phantasie der Währungshüter überlassen.

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Die ersten großen Themen für das neue Jahr sind gesetzt. Sie machen deutlich: 2015 wird politisch und ökonomisch kein einfaches Jahr sein.

Griechenland steht vor Neuwahlen. Der Austritt aus dem Euroraum wird lauter denn je diskutiert. Die erste Nagelprobe des Jahres steht. Denn nur vier Wochen nach der Wahl Ende Januar läuft das aktuelle Hilfspaket aus. Das dürfte die Finanzmärkte nicht kalt lassen, auch wenn die politische Krise in Griechenland weit niedrigere Wellen wirft als beim letzten Mal.

Der Ölpreis steht weiter unter Druck, Russlands Banken werden gestützt, die Sanktionen gegen das Land entfalten ihre Wirkung. Hier brodelt der zweite Krisenherd, eine Erblast aus dem vergangenen Jahr und eine große Unbekannte.

Russland und Griechenland sind die beiden großen Themen des noch jungen Jahres. Wer vor ein paar Wochen eher zurückhaltende Prognosen für die Finanzmärkte und die Wirtschaft gegeben hat, kann sich jetzt auf Kurs sehen. Dabei sehen die Vorhersagen für den Dax gar nicht so schlecht aus. Die Ausreißer nach oben und unten ausgeklammert (Extreme sollen vor allem Aufmerksamkeit erzeugen), sehen Banken und andere Institutionelle Investoren den Dax Ende 2015 zwischen 9.400 Punkten und 11.500 Punkten. Im Schnitt betrachtet steht ein schmales Wachstum in Aussicht, das sogar höher ausfällt als das, was 2014 erreicht wurde.

Wirtschaftlich sind die Aussichten nicht so rosig. Deutschland hat seine Rolle als Wachstumslokomotive eingebüßt. Das liegt unter anderem an der schwächer als erwartet ausgefallenen Wirtschaftsentwicklung bei vielen Kundenländern der deutschen Exporteure. Immerhin weisen die jüngsten Daten vom Ifo-Index über den ZEW-Konjunkturindikator bis zum GfK-Konsumklima wieder nach oben. Doch die Bäume wachsen nicht in den Himmel. Die Helaba hat ihr Zukunftsszenario passenderweise mit dem Titel „Bonsai“ überschrieben.

Es gibt eben nur wenige Wachstumsimpulse. Das billige Öl und der schwache Euro sind für viele Unternehmen willkommenes Konjunkturprogramm. Während die Nachfrage nach Öl ansteigen dürfte (der Preis wird also auch wieder anziehen), sollte der Euro gegenüber dem Dollar weiter abwerten. Das erhöht den Druck europäischer Importeure. Ein Nullsummenspiel.

Der Euroraum hat sich stabilisiert, doch an den grundlegenden Problemen hat sich nichts geändert. Nach wie vor ist der Euroraum ein Wirtschaftsgefüge der unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Zwar haben Länder wie Spanien wichtige Reformen initiiert. Es gibt aber auch Nachzügler, wie Italien oder Frankreich. Ob das von der EU-Kommission angestoßene Konjunkturpaket die entsprechenden Impulse setzen kann, ist offen. Die angepeilte Investitionssumme, die sich aus EU-Mitteln, Garantien und vor allem Mitteln privater Investoren zusammensetzt, macht mit 300 Milliarden Euro zwei Prozent des EU-BIP aus. Aber es müssen sich erst einmal Investoren finden.

A propos Konjunktur: Auch in Deutschland sind Reformbemühungen weitgehend zum Erliegen gekommen. Die niedrigen Zinsen ersparen dem Finanzminister, unangenehme Wahrheiten auszusprechen. Zu Zeiten der Euro-Einführung war Deutschland der kranke Mann Europas. Nun droht Stillstand, eine unwillkommene schwarze Null.

Viele Hoffnungen ruhen auch weiter auf der Europäischen Zentralbank (EZB). Das Anleiheaufkaufprogramm wird bald kommen. Das hält die Marktzinsen niedrig und sorgt für gute Refinanzierungskonditionen für die Regierungen aller Euro-Länder. Ob das alles auch die Börse in Schwung halten kann? Das Vertrauen in die Maßnahmen der Geldpolitik hat zuletzt gelitten. Alle wissen: Die EZB kann nur Zeit kaufen. Die tatsächlichen Rahmenbedingungen bessern sich dadurch nicht.

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Nach den kräftigen Kursgewinnen im Jahr 2013 war schon klar, dass es an den Finanzmärkten nicht leicht werden würde. Dass es aber so schwer werden würde, war irgendwie auch nicht klar. Aus wirtschaftlicher Sicht war das endende Jahr 2014 das Jahr der Fragezeichen.

 

Für die meisten Beobachter hat es nur eine Frage gegeben: Wann würde der Deutsche Aktienindex (Dax) endlich fünfstellig? Wann würde die 10.000-Punkte-Marke fallen? Es geschah später als gedacht. Erst im Juni wurde die magische Marke geknackt. Und danach war nicht mehr viel. Unterm Strich wird es wohl eine “Seitwärtsbörse” gewesen sein. Es ist viel geschehen und im Jahresschnitt dann doch wenig passiert.

 

Immerhin hat es neue Rekorde gegeben, nicht nur beim Dax. Der Dow Jones markierte im Herbst ein Allzeithoch nach dem nächsten. Auch Japan startete durch. Die nach dem Regierungschef Abe benannte Wirtschaftspolitik “Abenomics” schien zu greifen. Die Mehrwertsteuererhöhung kostete Wachstum.

 

Aber für den Rest gibt es ja die Notenbanken. Die Bank of Japan jedenfalls hat die Schleusen so richtig geöffnet. Zur seit Jahren bestehenden Nullzinspolitik kommen massive Anleihekäufe hinzu. Inflation soll entstehen, wo jahrzehntelang keine war. Den Aktienkursen in Nippon hat es gut getan.

 

Die Notenbanken geben ohnehin den Ton an. 2014 wird das Jahr gewesen sein, in dem die Weichen gestellt worden sind für das Auseinanderdriften der Geldpolitik. Von steigenden Zinsen ist die Welt freilich noch lange entfernt. Aber die US-Notenbank hat im Herbst ihr Anleihe-Aufkaufprogramm beendet.

 

Japan aber auch der Euroraum gehen in die andere Richtung. Gleich zweimal hat die Europäische Zentralbank in diesem Jahr die Zinsen gesenkt, zuletzt auf 0,05 Prozent. Doch das reicht EZB-Chef Matrio Draghi noch nicht. Er will massiv Anleihen kaufen. Eine Billion Euro macht er in den kommenden Wochen dafür locker. Und so sind es diese “draghischen” Momente, die die Börse vor allem getrieben haben.

 

Die große Angst der Notenbanker ist die vor der Deflation. Dabei sind sinkende Preise doch gut. Jedenfalls dürfte es die meisten Verbraucher freuen, dass sie im kommenden Jahr Nebenkosten erstattet bekommen. Tanken ist günstiger geworden. Da muckt auch keiner auf deswegen. Aber die EZB fürchtet eben, dass die sinkenden Preise vor allem im Süden des Euroraums die Wirtschaft weiter lahmen lassen könnten.

 

Außerdem sollen die niedrigen Zinsen ja vor allen Dingen zwei Dinge bewirken: Erstens können sich Staaten so günstiger ent- oder zumindest umschulden. Und zweitens sollen Banken ihr Geld lieber an Unternehmen verleihen als es zu bunkern. Die zweite Rechnung ist bislang nicht aufgegangen. Die Kreditvergabe ist im Euroraum rückläufig.

 

Die niedrigen Zinsen lassen Zinspapiere unattraktiv erscheinen. Auf der anderen Seite führen sie zu Hypes bei anderen Anlageformen. Der Goldrausch war schnell abgeebbt. Auch in diesem Jahr ließ sich mit dem Edelmetall kein Blumentopf gewinnen. Immobilien sind in einigen Regionen deutlich teurer geworden. Doch die stärkste Spekulationsblase verortete die Finanzgemeinde schnell im Internet.

 

Der Börsengang des Internetkonzerns Alibaba sprengte alles Dagewesene. Selbst die Preissuche war rekordverdächtig. Es dauerte mehr als eine Stunde, bis der erste Kurs feststand. Anleger, die dabei waren, wurden dann allerdings mit einem Kurssprung belohnt.

 

Erstaunlich für ein so intransparentes Unternehmen. Der Firmensitz in der Steueroase Cayman Islands schafft nicht gerade Vertrauen. Auch die Besitzverhältnisse haben mit Aktionärsdemokratie nur wenig zu tun. Großanleger können so viele Anteile besitzen wie sie wollen, Mitspracherechte erwerben sie dadurch noch lange nicht.

 

Trotzdem setzten die Anleger darauf, dass Alibaba das Eis brechen würde für deutsche Unternehmen aus dem Netz. Die Blase platzte aber schnell. Die Börsengänge von Rocket Internet und Zalando waren zunächst veritable Flops.

 

Doch der kurze Internet-Boom war nicht das größte Wunder dieses Jahres. Die Eine-Million-Dollar-Frage bleibt unbeantwortet. Wo sind der Optimismus und das Wachstum hin? Vor ein paar Monaten noch strotzten Unternehmen, Finanzmärkte und Politik nur so vor Optimismus. Doch dann bröckelte die Fassade. Das Ifo-Geschäftsklima kollabierte, der ZEW-Konjunkturindex gab nach, und die Wirtschaftsforschungsinstitute strichen die Konjunkturprognosen zusammen. Viel blieb da nicht übrig.

 

Nur die Gründe dafür liegen im Dunklen. Klar, die Sanktionen gegen Russland machen manchen Exporteuren das Leben schwer, doch an den Unternehmensbilanzen lässt sich das kaum ablesen. Unternehmen wie der Konsumgüterkonzern Henkel sind in Russland engagiert, verkaufen ihr Waschmittel aber eben woanders.

 

Die Tonlage hat deutlich in Richtung Moll gewechselt. Das hört man nun auch in den ersten Finanzmarktprognosen für das Jahr 2015. Die Rolle als Wachstumslokomotive hat die deutsche Wirtschaft jedenfalls verloren. Vieles deutet darauf hin, dass es im kommenden Jahr nicht eben leichter wird. Die Zinsdiskussion wird weiter andauern. Sie wird die beherrschenden Themen setzen. Doch die Wirtschaft hat dem immer weniger entgegenzusetzen. Für uns Journalisten bedeutet dies, die Spannung bleibt erhalten. Doch die Themen drohen zunehmend unerfreulich zu werden.

 

Auch für den Sparer wird es nicht leicht werden. Die Diskussion um “negative” Zinsen ist voll entbrannt. Wer Geld mit seinem Geld verdienen will, muss ins Risiko gehen, zumindest stärker als bisher. Auch das wird ein Thema sein, das sich zunehmend verbreiten wird. Dabei wird sehr viel davon abhängen, ob sich der robuste Jobmarkt in Deutschland dem Abwärtssog entziehen können wird.
Wie wird 2015? Eine ausführliche Prognose folgt in der Silvesterwoche.

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Was für ein Gezackere! Pünktlich zum Nikolausfest hatten sich die Aktienhändler mit neuen Höchstständen bei Dax und Dow selbst beschert. Zwar dürfte die Rekordjagd damit noch nicht zu Ende sein, doch befinden sich die Anleger im Neuland. Die nervösen Zuckungen an der Börse machen das deutlich.

 

Die US-Wirtschaft präsentiert sichderzeit überraschend stark. Die Konsumausgaben ziehen an, der Arbeitsmarkt präsentiert sich robust. Auf der anderen Seite des Atlantiks sorgen die im Raum stehenden Maßnahmen der Europäischen Zentralbank für Schwung. Deutlich tritt dabei zutage, wie sich dabei die Schere weiter öffnet. Geldpolitische Maßnahmen hier und konjunkturelle Renaissance dort machen deutlich, dass die Gründe für Aktienkauf ganz unterschiedlich ausfallen.

 

Dabei mehren sich auch die Warnsignale. Die ultralockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) begünstigt eine Blasenbildung. Das Motto muss hier lauten, so lange die Welle zu reiten, bis sie bricht. Wer zu spät abspringt, den bestraft der Kursrutsch. In den USA endet die Unterstützung seitens der Notenbank langsam aber gewiss. Hier setzen die Anleger auf einen robusten Wirtschaftsaufschwung. Bedenklich stimmt hier, dass immer mehr Aktien auf Pump gekauft worden sind. Das Kreditvolumen in diesem Bereich hat neue Höchststände erreicht. Rückzahlungstermine können da auch zu Aktienverkaufsterminen werden.

 

Die Rekordstände bei Dax und Dow haben also durchaus ihre berechtigten Anlässe, doch stehen sie auf wackeligem Fundament. Wie immer bei neuen Höchstständen betreten Anleger Neuland. Auch versierte Profis müssen sich langsam voran tasten. Dabei ist natürlich nicht ausgeschlossen, das die Anleger hierzulande auch auf Wirtschaftsnachrichten reagieren.

 

Es ist nicht nur die EZB. Die Börse nimmt was kommt und interpretiert gern auch mal von beiden Seiten (wenn auch nicht gleichzeitig). Der Ölpreis ist ein gutes Beispiel dafür. Gelten die sinkenden  Preise vor ein paar Tagen noch als unverhofftes Konjunkturprogramm, so geht nun die Angst um, die Entwicklung am Ölmarkt könne ein Vorbote einer Rezession sein.

 

Und überhaupt, die niedrige Teuerungsrate! Anlass zur Sorge, weil Europa japanische Verhältnisse drohen? Grund zur Freude, weil den Verbrauchern mehr Geld für den Konsum bleibt? Die Argumente finden mal so, mal so Verwendung.

 

Auf alle Fälle hat die EZB nun alle Argumente in der Hand, kräftig am Anleihemarkt zuzugreifen. Ein weiteres Argument ist, dass alle bisherigen Maßnahmen nicht den erwünschten Effekt erzielt haben. Das Kredit-Riesenbaby TLTRO liegt wie ein schrumpeliger Apfel im Regal. Keiner will es haben.

 

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Irgendwie kommt es dann doch so, wie es kommen musste. Nach der ersten Bank erhebt nun auch eine zweite einen Zins auf Guthaben ihrer Kunden. Kleine Eisbrecher sind das, die aber die Richtung vorgeben. Irgendwann werden wohl viele Sparer zahlen müssen, wenn sie ihre paar Mäuse auf einem Konto parken.

 

Die Diskussion um “Negative Zinsen” ist voll entbrannt. Seit Juni erhebt die Europäische Zentralbank solche “Parkgebühren”, wenn Banken Geld bei der EZB unterbringen. Einige Institute haben diese als “Strafzins” bezeichneten Kosten an ihre Geschäftskunden weiter gegeben. Jetzt ist wohl der Privatkunde dran.

 

Die kleine Skatbank mit Sitz in Altenburg verlangt seit ein paar Wochen als erste Bank einen negativen Zins. Allerdings erst für Einlagen ab 500.000 Euro. Für sie müssen Sparer dort  0,25 Prozent Zinsen zahlen, falls ihre Gesamteinlagen drei Millionen Euro überschreiten. Erst einmal geht es also um große Vermögen. Durchschnittssparer zahlen nicht. Noch nicht. Denn eine weitere Bank ist dem Beispiel gefolgt.

 

Mit diesen negativen Zinsen auch für Privatkunden ist das Eis gebrochen. Andere Geldhäuser werden folgen und auch kleinere Vermögen mit Parkgebühren belegen. Die Deutsche Bank geht jedenfalls fest davon aus. Vertreter der Sparkassen widersprechen heftig und das aus gutem Grund. Geldanlage ist Vertrauenssache. Ein breit angelegter “Strafzins” für Einlagen wäre nicht eben förderlich für das ohnehin schwer angeschlagene Vertrauen der Deutschen in das Bankensystem.

 

Da die Proteste nicht allzu laut ausfallen kann der Negativzins kommen; die Finanzwirtschaft kann einen solchen Schritt auch begründen. Die Banken selbst müssen (siehe oben) Strafzinsen bei der EZB zahlen, der Markt gibt in Sachen konservative Geldanlage nicht viel her. Schon jetzt bei einem halben Prozent Tagesgeldsatz machen die Banken den Kunden deutlich: “Wir brauchen Euer Geld nicht.” So entstehen Gebühren, wie es sie auch schon gibt, wenn Bankkunden Gold einlagern oder andere Wertsachen im Schließfach wegsperren.

 

Für konservative Sparer ist die aktuelle Zinslandschaft aber auch ohne Strafzins ein Graus. Es gibt kaum etwas zu holen, und das wenige, das reinkommt, verschlingt die Inflation. Seit Sommer 2010 liegt die Teuerungsrate jetzt schon über den durchschnittlichen Tagesgeldkonditionen. Daran wird sich so bald nichts ändern.
Die Frage ist nur, welche Schlüsse die Anleger daraus ziehen. Das Geld unter der Matratze zu verstecken ist eine Lösung, die vor allem Diebe anlockt. Alles andere, was eine annehmbare Rendite verspricht, birgt andere Risiken. Wer ernsthaft sparen will, muss langfristig umdenken.

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Klingelingelingeling

10.11.2014 16:11 | Stefan Wolff

“Im Unterschied zur Straßenbahn wird an der Börse zum Ein- und Aussteigen nicht geklingelt.” Der Bankier Carl Fürstenberg hat dieses Börsen-Bonmot formuliert. Doch inzwischen gilt es nicht mehr. Das liegt nicht etwa daran, dass Straßenbahnen keine Klingeln mehr hätten. Aber die Börsen haben einen Draghi.

 

Nachdem Japans Notenbank die Woche zuvor die Schleusen geöffnet hat, hat nun die Europäische Zentralbank (EZB) noch einmal bekräftigt, dass sie mit ihrem Anleiheaufkaufprogramm ernst macht. Noch sind es nur Pfandbriefe, die die EZB kauft, doch es kommen Kreditpakete (ABS) hinzu. In einer weiteren Eskalationsstufe wird die Notenbank Unternehmensanleihen erwerben und in letzter Konsequenz Staatspapiere.

 

Zwei Ziele verfolgt die EZB damit. Wenn sie Anleihen kauft, bleiben die Zinsen für diese Papiere niedrig. Außerdem schafft die EZB damit Platz in den Bilanzen der Banken. Diesen Platz und das frei gewordene Geld sollen die Banken in Form von Krediten an Unternehmen weitergeben. Das soll Investititonen und Konjunktur ankurbeln.

 

In der Praxis hat das bislang mäßig funktioniert.  Die Kreditvergabe der Banken an Firmen ist im Euroraum seit Jahren rückläufig. Doch nicht nur weil die Maßnahmen der EZB die eigentlichen Ziele nicht erreichen, sind sie umstritten. Gerade der Aufkauf von Staatsanleihen gilt unter Kritikern als Staatsfinanzierung durch die Hintertür.

 

Aber somit ist auch klar, dass Aktien das favorisierte Anlagevehikel bleiben. Der Markt für fest verzinste Wertpapiere wird nach Renditegesichtspunkten bald mausetot sein. Zumindest werden die zu erwartendenden Zinsen das Risiko nicht spiegeln. Bahn frei also für die Weihnachtsrally! Doch so einfach wie in der Vergangenheit wird es nicht werden.

 

Die Lage in der Ukraine bleibt die größte Unbekannte. Nun, da der Rubel nicht mehr gestützt wird und vermutlich weiter abwärts rollt, wird es für deutsche Unternehmen noch schwerer werden, Geschäfte dort zu machen. Da, wo die Sanktionen nicht greifen, können sich russische Unternehmen ausländische Waren und Güter immer weniger leisten.

 

Aber auch sonst ist die Stimmung in den Firmen mies. Die Kfw-Gruppe sieht den deutschen Mittelstand im Abschwung. In den großen Unternehmen  sei die Stimmung noch schlechter, heißt es. Der Ifo-Index bestätigt das. Also koppeln sich Wirtschaft und Börse weiter voneinander ab.
Anleger werden die Welle weiter surfen bis sie bricht. Das Aufkaufprogramm von Draghi liefert den Wind dazu. auch wenn am Ende nur ein laues Lüftchen dabei herausspringt.

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Bis zuletzt hatten die Anleger gehofft, die US-Notenbank würde es sich noch einmal anderrs überlegen. Doch die Fed machte ernst und beendet – wie von langer Hand angekündigt – ihr Anleiheaufkaufprogramm. Einige Marktteilnehmer sprechen schon von einer neuen Ära an den Aktienmärkten.

 

Mehrere Billionen Dollar hat die US-Notenbank in ihr Anleiheprogramm gesteckt und so vor allem die Aktienmärkte aufgeblasen. Vordergründig hat die Fed ihre Ziele erreicht. Die Zahl der Arbeitslosen ist in den USA deutlich gesunken. Und die Wirtschaft stellt die Zeichen auf Wachstum. Im dritten Quartal verzeichnete das Bruttoinlandsprodukt einen Anstieg um 3,5 Prozent.

 

Jetzt müssen nur noch die Aktienmärkte zeigen, dass sie auch ohne die Schwimmflügel der Fed schwimmen können. doch müssen sie das wirklich? Nicht nur, dass die US-Notenbank einen Vollkasko-Schutz gegen einen Absturz anbietet. Schließlich hat Fed-Chefin Janet Yellen angekündigt, jederzeit wieder Quantitative Easing zu betreiben, falls dies nötig sein sollte.

 

Unterstützung kommt nun auch aus Japan. Der Kampf gegen Deflation eskaliert. Japans Notenbank schmeißt die Druckmaschine an und erhöht die Geldmenge. Das Anleiheaufkaufprogramm wird ausgeweitet, und als würde das als Initial für eine weitere Kursrally nicht ausreichen, kündigt Japans größter Pensionsfonds an, sein Depot gründlich umzuschichten.

 

Japanische Anleihen sollen aus dem Depot fliegen. Den Bestand an Aktien aus dem In- und Ausland will der Fonds verdoppeln. Das wird gravierende Folgen für die Märkte haben. Nicht nur Japan ist betroffen. Der GPIF-Fonds ist der größte seiner Art. Die Aktienkäufe dürften auch nach Europa und in andere Märkte strahlen.

 

Die Ära des billigen Geldes wird also noch lange nicht enden. Die Entscheidung der Bank of Japan gepaart mit den GPIF-Plänen klingen wie Freifahrtsscheine für die Tokioter Börse und die Aktienmärkte insgesamt. Mehr noch: Auch wenn die Fed den Fuß weiter vom Gas nehmen sollte, bleibt es bei der Situatiion, dass Märkte von der Geldpolitik bestimmt werden und nicht etwa von der Wirtschaft.

 

Damit wächst natürlich die Gefahr von Spekulationsblasen. Denn Einflüsse der Wirtschaft auf die Börse gibt es zwar; sie führen aber nur zu kurzzeitigen Ausschlägen. Über allem schwebt die Gewissheit, dass es die Notenbanken schon richten werden.

 

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat eine mögliche Deflation zur größten Gefahr für den Euroraum erklärt. Mit Blick auf die japanischen Verhältnisse dürfte die Bereitschaft wachsen, auch im Euroraum zu den vorgestellten Maßnahmen zu greifen. Japan könnte zur Blaupause werden.

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