Die Wirtschaft wandelt sich. Auch die Sichtweise der Börse wechselt, was sich an den Kursen deutlich ablesen lassen kann. Vor kurzem hat Facebook den Elektrogiganten General Electric überholt. Die Soziale Plattform wird an der Börse höher bewertet als GE. Die Technologiebörse Nasdaq wies für Facebook eine Marktkapitalisierung von 272 Milliarden Dollar aus, gleichzeitig war GE 270 Milliarden Dollar wert.

 

Was sagt das über unsere Wirtschaftswelt aus? General Electric beschäftigt weltweit mehr als 300.000 Mitarbeiter, verkauft Produkte von der Kraftwerksturbine über Röntgengeräte bis hin zum Küchenherd. Facebook bringt Menschen zusammen und benötigt dafür 10.000 Menschen. Diese Konzerne trennen Welten.

 

Aber an der Börse wird nun einmal Zukunft gehandelt und die findet im World Wide Web statt. Die starke Bewertung von Facebook spiegelt demnach die hohen Erwartungen an die Innovationskraft und das künftige Wachstum des Unternehmens. Dass solche Einschätzungen auch kolossal in die Hose gehen können, zeigt sich immer wieder. Zum Beispiel hatten Anleger den kleinen Münchner TV-Rechtehändler EM-TV eine Zeitlang gleichhoch bewertet wie den Disney-Konzern.

 

Dass bei den Hightechwerten jetzt auch eine Spekulationsblase platzen könnte, wird immer wieder befürchtet. Allerdings haben sich die Zeiten geändert. Im Internet wird inzwischen Geld verdient. Technologien, die vor ein paar Jahren noch Science Fiction waren, sind heute Realität.

 

Und doch wechseln die Geschäftsmodelle schnell. Unternehmen, die sich nicht anpassen, geraten fix ins Hintertreffen, was auch die aktuelle Bilanzsaison zeigt. Internet-Urgestein Yahoo schreibt rote Zahlen, ist auf der Suche nach einem Alleinstellungsmerkmal. Das Online-Auktionshaus Ebay ist nach dem Verkauf des Bezahldienstes Paypal nur noch ein Schatten seiner selbst. Amazon dagegen überraschte mit einem Quartalsgewinn. Das Geschäft mit der Cloud entwickelte sich prächtig.

 

Amazon hat übrigens von der Marktkapitalisierung die Handelskette Walmart überholt. Online schlägt offline. Das gilt fast generell. Die an der Technologiebörse Nasdaq präsenten Schwergewichte Apple, Facebook, Google und Co. haben fast durchweg sei Jahresbeginn 20 Prozent zulegen können.

 

Wie schnell es aber gehen kann, dass ein Unternehmen ins Hintertreffen gerät, hat Nokia gezeigt. Die Finnen waren mal weltgrößter Handyhersteller, kamen beim Smartphone zu spät und folglich unter die Räder. Microsoft wollte Nokia nochmal groß rausbringen, doch die Rechnung ging nicht auf.
Stillstand heißt also Rückschritt. Das gilt für jeden Wirtschaftsbereich – auch für das Internet. Nur – was das nächste große Ding wird, das Kunden und Märkte gleichermaßen elektrisieren kann, ist nicht bekannt. Die Smartwatch ist es wohl nicht. Sonst hätte Apple die Umsätze nicht so verschämt in der Quartalsbilanz versteckt.

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Weiterwursteln

17.07.2015 14:07 | Stefan Wolff

Am Ende sagen alle “Ja”. Die Griechen zu Sparauflagen, die Troika zu mehr Geld, die Eurogruppe zu Brückenkrediten, die EZB zu Notkrediten. Das Ringen um ein weiteres Hilfspaket für Griechenland wird aber weiter gehen. Und die langfristige Perspektive fehlt.

 

Eigentlich kann sich Alexis Tsipras als Sieger fühlen. Ursprünglich war Griechenlands Regierungschef angetreten, um die Auszahlung des bestehenden Rettungspakets zu verhandeln. Es ging um etwa acht Milliarden Euro. Am Ende steht ein neues Rettungspaket, bis 86 Milliarden Euro schwer.

 

Eigentlich kann sich Wolfgang Schäuble als Sieger fühlen. Der deutsche Finanzminister wollte die Hilfen unter größtmöglichen Auflagen gewähren. Griechenland akzeptiert nun wieder die Troika und eine Treuhandgesellschaft, unter deren Obhut griechischer Staatsbesitz in private Hand übergeben werden soll.

 

And the winner is… ja, wer denn nun? Hat am Ende gar die Vernunft gewonnen, wie es Bundeswirtschaftsminister Gabriel postulierte? Ein Kompromiss ist immer dann super, wenn sich alle Beteiligten als Gewinner fühlen oder zumindest nicht als Verlierer. Das ist ganz offensichtlich nicht der Fall. Tsipras ist mit dem “Spardiktat” nicht happy. Und die Geldgeber sind uneins.

 

Die Drohung Schäubles mit dem Grexit hat ihn nicht nur viele Sympathien gekostet, sondern einen Keil in die Eurogemeinschaft getrieben. Der Riss geht quer durch die Gemeinschaft. Auf der einen Seite all jene Staaten, die Griechenland auch einen Schuldenschnitt verordnen wollten, auf der anderen Seite diejenigen, die klare Kante fahren wollten. Manche sagen, es ging darum, ein Exempel zu statuieren.

 

Am Ende bedeutet das neue Hilfspaket (wenn es denn durchgewunken wird), dass die Eurogemeinschaft bei ihrer schwammigen Linie bleibt, sich weiter durch die Krise zu wursteln. Mit Eurobonds und einem entschlossenen Handeln nach Ausbruch der Krise wäre längst Ruhe eingekehrt. So wird der Rechtsbruch zur permanenten Einrichtung, während die Schulden de facto vergemeinschaftet werden. Deutschland haftet. Für Gelder des Rettungsschirms, für Notfallkredite der EZB, für Hilfen des Internationalen Währungsfonds. Im Falle eines Totalausfalls wäre ein Drittel des Bundeshaushalts futsch. Einfach so.

 

Niemand kann außerdem ernsthaft garantieren, dass Griechenland ein Einzelfall bleiben wird. Und dass nicht nach drei Jahren das gleiche Gezerre wieder von vorne losgeht, wird wohl auch keiner versprechen können. Eine langfristige Perspektive für Europa ist dringend nötig. Doch jetzt freuen sich die sichtlich genervten Anleger erst einmal aufs Sommerloch.

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Im Schuldenstreit zwischen Griechenland und seinen Gläubigern ist so etwas wie ein Ultimaten-Wettlauf entstanden. Am 30. Juni “isch over”, wie Bundesfinanzminister Schäuble gesagt haben soll, doch das isses nicht. Die Zitterpartie um Hellas geht weiter.

 

So langsam dürfte man beim Internationalen Währungsfonds (IWF) gemerkt haben, dass die für 1. Juli fällige Rate aus Athen nicht eingetroffen ist. Das bedeutet zwar, dass ab sofort keine weiteren IWF-Gelder fließen, im Umkehrschluss aber nicht, dass Griechenland offiziell als “pleite” gelten darf. Denn mit der fehlenden Rate springt erst einmal die Bürokratiemaschine des IWF an.

 

Die erste Mahnung ist damit unterwegs. Nach zwei Wochen erfolgt die zweite und ein Gespräch des IWF mit seinem Schuldner. Erst nach Ablauf eines Monats wird IWF-intern der Rückstand offiziell festgestellt. Und hochoffiziell wird es erst nach drei Monaten. Dann verkündet der Fonds öffentlich, einen säumigen Schuldner zu haben.

 

Viel Zeit für Tsipras und Co., um für ein weiteres Rettungspaket zu ringen, mag man meinen, doch ganz so viel Zeit bleibt dann doch nicht. Der wahre Knackpunkt ist am 20. Juli, wenn eine Zahlung in Höhe von 3,5 Milliarden Euro an die Europäische Zentralbank fällig wird. Bleibt diese aus, wird die EZB Griechenland endgültig den Stecker ziehen, weil sie dann griechische Anleihen nicht mehr als Sicherheiten akzeptieren wird.

 

Natürlich ist die Verbindung zu Geld schon jetzt eng geworden. Die EZB hat ihre Notfallkredite gedeckelt. Wenn der Deckel erreicht ist, “isch over”, weil griechische Banken keine griechischen Anleihen mehr kaufen können. Aber das Ultimatum vom 30. Juni ist es eben nicht gewesen.

 

Fragt sich nur, warum um den 30. Juni so ein Bohei gemacht worden ist. Dass Griechenland nicht überweist, ist reine (erst einmal folgenlose) Provokation, auf die Politik und Medienmaschinerie wie gewünscht anspringen. Die CSU darf ihre Beißreflexe trainieren (“Raus mit denen”), der Rest darf Fassungslosigkeit heucheln.

Und alle anderen haben den Salat. Mindestens bis zum Referendum dürfte die Zitterpartie an den Märkten weitergehen. Die diffuse Nachrichtenlage dürfte sich nicht lichten. Interessant, wie sehr die Akteure an den Börsen ein Scheitern Griechenlands für verkraftbar halten und wie sie nun bei jedem Nachrichtensplitter zucken.

 

Bei allem Ärger über griechische Verzögerungstaktiken, kommt die gesamte “Rettungspolitik” ziemlich armselig daher. Gegenüber der Öffentlichkeit wird nicht mit offenen Karten gespielt. Spricht die Bundeskanzlerin von einem “großzügigen Angebot”, so klingt das ein bisschen nach “Der Pate, Teil II”. Viele Quellen belegen, dass sich die Gläubigerseite nicht eben deutlich auf Griechenland zubewegt hat.

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Griechenland steht mal wieder auf der Agenda. Und der Euro. Und die Zinswende sowieso. Hinzu kommen anstehende Wahlen. Die Börse wird politisch.

 

Die Briten sollen mit “Ja” stimmen, zumindest wenn sie in der EU bleiben wollen. Soviel ist zumindest mal bekannt. Der Rest bleibt unklar. Allein schon die Spekulationen, dass das Referendum über einen “Brexit” vorgezogen werden könnte, hat die Börse kräftig durchsacken lassen. Großbritanniens Votum über einen Verbleib in der EU ist allerdings nur eine von vielen Unsicherheiten, die die Märkte bewegen.

 

Ein befürchteter Linksruck der Politik ist eine weitere davon. Der Erfolg der “Podemos”-Partei bei den Kommunalwahlen in Spanien lässt erahnen, dass die Wahl des Ministerpräsidenten im November keine einfache Tasse Tee wird. “Links” bedeutet für die meisten Finanzmarktakteure Politik, die direkt aus der Vorhölle stammt. Die griechische “Syriza”-Partei gilt Beobachtern als Blaupause für das, was da aus Spanien und eventuell anderen Ländern auf die Euro-Politik zukommt.

 

Natürlich würde ein Politikschwenk mehr bedeuten, als dass immer mehr Menschen ohne Krawatte und mit dem Hemd aus der Hose das politische Parkett betreten würden. Doch “Podemos” eins zu eins mit “Syriza” zu vergleichen, ist natürlich zu kurz gesprungen. Aber das kennt man ja schon von anderen Themen, die oftmals nur zur Begründuing kurzfristiger Kursgestaltung herhalten müssen.

 

Der Euro ist dabei ein Dauerbrenner. Wochenlang galt ein sinkender Euro als willkommenes Konjunkturpaket und damit auch als Garant für steigende Kurse. Doch als mal Euro und Dax gemeinschaftlich fielen, zeigten sich viele Börsianer von der abwertenden Gemeinschaftswährung “verschreckt”.

 

Mit endender Bilanzsaison stehen politische Themen wieder voll im Fokus. Die zum Teil heftigen Kursschwankungen in beide Richtungen zeigen dabei vor allem, wie nervös die Marktteilnehmer sind, während sie auf eine Sommerrally hoffen und eine scharfe Korrektur fürchten.

 

Politischen Börsen sagt man ja nach, dass sie kurze Beine hätten, dass also die Kursreaktionen schnell auch wieder verfliegen. Doch bis die Unternehmen ihre Halbjahresbilanzen auf den Tisch legen, sollten die Themen nicht ausgehen. Allein schon die Diskussion um weitere Rettungspakete für Griechenland folgt dem gewohnten, unterhaltsamen Muster.

 

Zuckerbrot und Peitsche wechseln dabei einander ab. Dem Wehklagen einiger Politiker in Athen, die Hellenen seien nun endgültig pleite, folgt ein entschlossener Widerspruch aus der Regierung. Und eine pünktliche Überweisung an den IWF, die aber – wie sich im Nachhinein herausstellt – nur durch einen Taschenspielertrick zustandegekommen sein soll.
Trotz drohender Sommerfrische dürfte es also nicht langweilig werden. Aber ruhiger wird es auch nicht.

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Auch Rentenmärkte sind keine Einbahnstraße. In den vergangenen Wochen hat es heftige Turbulenzen bei Anleihen gegeben. Schnell haben viele Beobachter die “Zinswende” ausgerufen. Doch dafür ist es noch viel zu früh.

Die Entwicklung klingt dramatisch: Staatspapiere haben einen veritablen Crash erlebt. Ohne dass es anfangs sonderlich aufgefallen wäre, sind die Kurse steil abgefallen. Die Renditen für deutsche Staatspapiere haben sich dabei zwischenzeitlich mehr als verzehnfacht. Die Umlaufrendite, die den für alle Bundesanleihen durchschnittlich gezahlten Zins ermittelt, liegt zwar damit mit 0,5 Prozent immer noch sehr niedrig, doch der Sprung ist gewaltig.

Das zeigt sich auch bei den Termingeschäften auf Anleihen. Der von Profis viel beachtete Bund Future verbuchte in so manchem Tagesverlauf Rekordverluste. Anleihen crashen eben leiser als Aktien.

Nach diesen Renditesprüngen machte schnell die Losung von der Zinswende die Runde.

Überall wurde Witterung aufgenommen nach höheren Zinsen. Und tatsächlich: Baugeld ist teurer geworden. Auch für Ratenkredite verlangen Banken wieder mehr. Nur bei Festgeld, Tagesgeld und Sparbriefen bleiben die Finanzhäuser knauserig.

Eine Zinswende sieht anders aus. Es spricht zwar vieles dafür, dass die Tiefststände in manchen Segmenten bereits erreicht worden sind, doch viel höher werden die Zinsen nicht steigen. Seit die Europäische Zentralbank (EZB) mit ihrem Aufkaufprogramm Monat für Monat Staatspapiere und Unternehmensanleihen im Wert von 60 Milliarden Euro aus dem Markt zieht, sind die Preise solcher Papiere angezogen, die Renditen sind gesunken.

Doch Rücksetzer sind  immer möglich, zumal ja auch mehr und mehr Profianleger ihre Chance wittern. Der ansonsten eher als langweilig empfundene Rentenmarkt bietet dank der EZB-Interventionen ein ideales Umfeld für Spekulationen. In den vergangenen Wochen haben Investoren einfach mal die zuletzt immensen Gewinne realisiert und Kasse gemacht. Außerdem sorgt die EZB mit ihrem Programm dafür, dass das Angebot an Anleihen stark verknappt wird. Ein schmaleres Angebot führt nicht nur zu höheren Preisen. Enge Märkte neigen eher zu heftigen Ausschlägen.

Ein weiterer Grund liegt in der Euro-Schuldenkrise selbst. Für das schwer angeschlagene Griechenland zeichnet sich zwar noch keine Lösung ab, doch die seit Monaten laufende Hängepartie zwischen Athen und seinen Gläubigern hat nicht zu den befürchteten Panikreaktionen geführt. Ganz im Gegenteil befinden sich die Finanzmärkte in einem eher ruhigen Fahrwasser.

So wie es aussieht, wird eine Lösung gefunden werden, zumindest sind sich da die meisten Beobachter sicher. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass Deutschland als sicherer Hafen an Bedeutung verliert. Bundeswertpapiere waren stets in Krisen beliebter Fluchtpunkt und sind es immer noch. Wenn aber die Krise an Dramatik verliert, steht Sicherheit weniger hoch im Kurs.

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Europas Erosion

08.05.2015 15:05 | Stefan Wolff

 

 

Großbritannien hat gewählt, und die Europa-Skeptiker haben gewonnen. Ist das der Anfang vom Ende der Idee eines einigen Kontinents? Die Gefahr besteht.

 

Nach dem überraschend klaren Wahlausgang in Großbritannien könnte man glauben, dass Premierminister Cameron vor Kraft kaum laufen können dürfte. Doch das Gegenteil ist der Fall. Mehr denn je hängt der Konservative vom Wohlwollen seiner europakritischen Tory-Kollegen ab. Erst einmal jubelten die Börsen über die Wahl. Der FTSE-Index stieg steil an, ebenso das britische Pfund.

 

Doch der Jubel könnte schnell verhallen. Großbritannien wird die EU zu “Reformen” drängen und dann im Jahr 2017 darüber abstimmen lassen, ob die Briten Mitglied einer “reformierten EU” bleiben wollen oder eben nicht. Welche Reformen da anstehen, ist offen. Die freie Wahl des Arbeitsorts steht schon mal zur Debatte. Die hohen Zahlungen auch. Andere Beschränkungen sind möglich.

 

“Dann sollen sie doch gehen”, ist eine viel geäußerte Reaktion auf das ständige Bremsen und Quengeln von der Insel. Aber ist eine EU ohne die Briten wirklich wünschenswert? Wohl kaum, wenn die möglichen Folgeereignisse bedacht werden. Ein Austritt des Königreiches würde einen Austritt Schottlands aus dem Königreich provozieren. Die Schotten wollen nämlich in der EU bleiben.

 

Die Folge wären weitere Begehrlichkeiten. Die Basken wünschen ebenso die Unabhängigkeit, wie Katalanen, Venezier, Korsen, Südtiroler. Die Liste kann fortgesetzt werden. Der Rückzug ins Regionale und die wachsende Europaskepsis haben Methode. Die Politik hat mit Europa einen Binnenmarkt errichtet aber keine Heimat. Auch abgesehen von den notorisch europakritischen Briten erodiert das Gemeinschaftsprojekt.

 

Dabei ist ein politisch und wirtschaftlich geeinter Kontinent wichtiger denn je. In Asien wachsen Wirtschaftsriesen heran, und Russland und aber auch die USA sind zunehmend unberechenbar geworden. Ein starkes Europa ist das einzige, was dem entgegengesetzt werden kann.

 

Natürlich könnte die EU auch ohne Großbritannien existieren. Vielleicht würde die europäische Integration schneller vorangehen ohne die Querschüsse aus London. Aber Europa müsste dann auch auf die Tube drücken, um sich als starke Wirtschaftsgröße und politisches Schwergewicht zu präsentieren.

 

Mit Griechenland wackelt der Euroraum. Dass Europa von seiner schwächsten Seite und von einer der stärksten angezählt wird, ist keine wünschenswerte Situation.

 

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“Der Alte muss weg.” Was vor ein paar Tagen noch ein Zitat aus dem Aufsichtsrat war, ist nun Realität. Ferdinand Piëch hat sich selbst entmachtet, ist als Chefaufseher zurück getreten. Der Patriarch ist damit seiner Abwahl zuvorgekommen. Das Denkmal ist zerstört, das Kapitel aber noch nicht beendet. VW stehen turbulente Zeiten bevor.

Es gab nur eine persönliche Begegnung von mir mit Ferdinand Piëch. Die war kurz aber prägnant. Auf der IAA im Jahr 1999 präsentierte Volkswagen den “Phaeton”, damals unter dem Namen “Concept D”. Ich lästerte mit einem Kollegen: “Der sieht ja von hinten aus, wie ein Opel Omega.” Da hörte ich ein kaum vernehmliches Räuspern. Hinter mir stand Ferdinand Piëch. Er sagte nichts, doch den vernichtend-stechenden Blick spüre ich heute noch.

Piëch galt schon immer als Pedant, als Perfektionist. Ihm wird nachgesagt, als Audi-Chef mit dem Messschieber durch die Werkshallen gelaufen zu sein. Alles zu wissen, alles zu kontrollieren, war und ist ihm wichtig. Die Art und Weise, wie er Politik betrieb, ist aber aus der Zeit gefallen. Einen Milliardenkonzern kann man nicht nach Gutsherrenart führen. Doch genau das hat Piëch betrieben, als er versuchte, Martin Winterkorn vom Hof zu jagen.

Bei Bernd Pischetsrieder ist ihm das noch gelungen. Der ehemalige BMW-Manager wurde von Piëch mit den Worten installiert, dass er besser sei, “als ich es je war”. Später wurde Pischetsrieder mit einem frisch verlängerten Vertrag in der Tasche geschasst. Das ist die eine Seite.

Ferdinand Piëch ist aber auch ein Automann, der auf einer Stufe mit den größten Pionieren und Visionären der Branche steht. Er führte den VW-Konzern aus einer tiefen Krise heraus an die Weltspitze. Die Idee einer Vier-Tage-Woche verhinderte Massenentlassungen. Das Programm “5.000 mal 5.000” schuf später sogar Arbeitsplätze. 5.000 Menschen wurden zu einem Monatsgehalt von 5.000 D-Mark in der VW-Tochter “Auto 5.000” eingestellt.

Die “Plattform-Strategie”, viele Modelle mit den gleichen Komponenten herzustellen, ging auf. Audi wird als Premiumhersteller wahrgenommen, der auf Augenhöhe mit BMW und Mercedes steht, auch wenn sich Teile davon auch in einem Skoda wiederfinden. Viele Marken unter einem Dach zu vereinen, ist ein Verdienst von Piëch. Der befürchtete Kannibalismus der Marken untereinander ist nicht eingetreten.

Der VW-Konzern hat im vergangenen Jahr erstmals mehr als zehn Millionen Autos verkauft und hängt dem Weltmarktführer Toyota an der Heckstoßstange. Und trotzdem ist nicht alles rosig. Die Geschäfte in den USA laufen schleppend, die Margen des Konzerns sind im Vergleich zur Konkurrenz eher unbefriedigend. Der kommende VW-Markenchef Herbert Diess hat bereits ätzende Kritik geübt – noch vor Amtsantritt.

VW steht vor unruhigen Zeiten. Und auch nach seinem unrühmlichen Abgang wird Piëchs Schatten weiter über dem Konzern schweben. Die Familien Porsche und Piëch besitzen die Aktienmehrheit an VW.

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Ab ins Basislager?

22.04.2015 14:04 | Stefan Wolff

Am Berg ist es wie an der Börse. So eine Kraxeltour ist anstrengend, macht den Freunden des Alpinismus aber Spaß. Je höher es geht, desto mehr ist der Profi gefragt. 8.000er sind dann nur noch mit Sauerstoffgerät zu bezwingen, außer von Extremsportlern.

 

An der Börse sind 12.000 Dax-Punkte die 8.000 Höhenmeter, und das Sauerstoffgerät heißt “Draghi”. Nach der Kursrally der vergangenen Wochen scheint so manchem Anleger die Puste ausgegangen zu sein. Das Anleiheaufkaufprogramm der Europäischen Zentralbank allein reicht als Kurstreiber nicht mehr aus. Im Vorfeld bereits reichlich beklatscht, wurde also einiges vorweggenommen, was sich nun bemerkbar zu machen scheint.

 

Auch sonst häufen sich die Probleme. Vor allem die Diskussion um einen möglichen “Grexit”, also den Austritt Griechenlands aus dem Euro, hat den Aktienmärkten zugesetzt. Der fallende Euro hat sich gefangen, die Ölpreise sind wieder gestiegen. Damit schwinden einige Vorteile für deutsche Exporteure, die vor einigen Monaten noch das zentrale Kaufargument für deren Aktien gewesen sind. Und die aktuelle Bilanzsaison hat bislang auch nicht für den gewünschten Schwung sorgen können.

 

Nun ist die Diskussion in vollem Gange, ob es sich derzeit nur um eine Verschnaufpause handelt oder um den Beginn einer schon länger erwarteten Korrektur. Die Argumente für weitere starke Kursgewinne scheinen jedenfalls im Moment ausgereizt zu sein. Es ist die Zeit gekommen, in der viele Anleger ihr Engagement überlegen und erwägen, zumindest einen Teil der gemachten Gewinne zu versilbern.

 

Beim Dax ist ein weiteres Argument abhanden gekommen. Der Dax ist (wie schon oft erklärt) ein so genannter Performance-Index, das heißt die von den Unternehmen gezahlten Dividenden werden in den Indexstand einberechnet. Bei reinen Kurs-Indizes, wie dem Dow Jones oder dem Nikkei ist das nicht der Fall. Aus diesem Grund sind die Rekorde beim Dax mit denen anderer Indizes nicht vergleichbar gewesen.

 

Diese Lücke ist jetzt aber geschlossen. Der Dax-Kursindex hat nun ebenfalls neue Rekorde erklommen. Der immer wieder ins Spiel gebrachte “Nachholbedarf” für deutsche Aktien besteht also nicht mehr. Einen deutlichen Absturz der Aktienkurse befürchten nur wenige Beobachter. Allerdings hat sich die Gemengelage stark geändert. Nicht unbedingt zugunsten von Aktien.

 

Diese allgemeine Entwicklung mündet nun auch in der Erkenntnis, dass die deutsche Wirtschaft kein Selbstläufer ist. Zwar wird der jüngste Rückgang des ZEW-Index nicht als Katastrophe gewertet (was es ja auch nicht ist), doch zeigen die trüberen Aussichten, dass nun auch Finanzmarktakteure erkannt haben: Die Bäume wachsen nicht in den Himmel.

Die harten Daten, von den Auftragseingängen bis zur Industrieproduktion haben es schon gezeigt. Nun ziehen Anleger mit ihrer Einschätzung nach. Ob es für die Kurse eine weitere Klettertour bedeutet oder einen Abstieg ins Basislager, hängt von der laufenden Bilanzsaison ab. Und vom Euro, der derzeit eine wichtige psychologische Rolle spielt.

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Sind Märkte zynisch und Anleger gefühllose Klötze? Regelmäßig kommen nach Katastrophen, Anschlägen und Unfällen solche Vorwürfe zum Tragen. Dabei offenbaren die Reaktionen der Börsianer vor allem Ratlosigkeit.

 

“Was für eine furchtbare Nachricht. Und die Börsena… haben nichts Besseres zu tun, als panikartig ihre Lufthansa-Aktien zu verkaufen.” Das ist einer von vielen Kommentaren in den sozialen Medien am Tag des Absturzes der German Wings-Maschine in den Alpen (wobei die Beschimpfung natürlich vollständig zu lesen ist).  Die Aufregung ist groß gewesen. Sie reichte von plumpen Beleidigungen der Akteure über die Forderung, über so etwas nicht zu berichten.

 

Dabei stellt sich nicht die Frage, ob berichtet wird, sondern in welcher Form dies geschieht. Und das wird in seriösen Redaktionen engagiert diskutiert. Menschliches Leid in Euro und Cent umzurechnen ist keine leichte Aufgabe und ist auch nicht immer sinnvoll. Aber es geschieht natürlich. Die Börse ist der richtige Platz dafür. Allerdings kann zum jetzigen Zeitpunkt gar keine seriöse Einschätzung erfolgen.

 

Von “Panik” war denn auch keine Spur. Eher von Ratlosigkeit. Die Reaktion auf eine Nachricht erfolgt oft, ohne dass über die Nachricht nachgedacht wird. Aktienhändler stochern genauso im Nebel, wie die betroffenen Menschen. Natürlich gibt es auch jene, die bei so etwas den schnellen Euro wittern. Die aber greifen oft daneben, denn die Reaktionen sind nicht vorhersehbar.

 

Besonders deutlich wird dies beim Blick auf die großen Terroranschläge, die in der Vergangenheit die Welt erschüttert haben. Am 11. September 2001 ist der Dax um fast neun Prozent eingebrochen. Die Wirtschaft rutschte in eine Krise. Es dauerte Jahre, bis sich die Kurse wieder erholten. Fast drei Jahre später nach den Anschlägen von Madrid schwenkte der Dax schnell wieder auf “Normalkurs” ein. Die Terrorattacke in London im Jahr 2005 hat kaum Kursausschläge ausgelöst.

 

Ist das zynisch? Wohl sind eher Lerneffekte der Grund für die gewachsene “Coolness”. Der Terror vom 11. September war ein Anschlag auf das Finanzsystem mit herben Folgen für die gesamte Wirtschaft. Alles, was danach kam, war in den wirtschaftlichen Auswirkungen “weniger schlimm”. Da eine Erholung schnell wieder erwartet wurde, fand der Kurssturz gar nicht erst statt.

Das Verstörende und gleichzeitig Beruhigende an solchen Katastrophen ist ja, dass die Menschen schnell wieder zur Tagesordnung übergehen. Die einen haben am Morgen nach dem Absturz ganz normal Brötchen gekauft und sind zur Arbeit gegangen, die anderen haben mit Aktien gehandelt. Und damit auch nichts Verwerfliches getan.

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Es gibt den Tag des Baumes und den Tag des Bieres, den Tag des Mannes und den Tag der Frau. Nun gibt es auch den Tag der Aktie und passend dazu die 12.000 Punkte für den Dax. An diesem Montag sollten die Deutschen an diese Anlageform herangeführt werden. Ein mehr als schwieriges Unterfangen.

Es war unbestritten eine Werbeaktion führender Direktbanken und der Börse selbst. Seinen Ursprung hat der Tag in der Initiative “Aktion pro Aktie”, die von vier Direktbanken ins Leben gerufen wurde um “einen Umdenkprozess anzustoßen, um einen vorurteilsfreien und aufgeklärten Umgang mit dem Thema Aktie zu fördern”, wie es heißt.

Wenn Verkäufer ihre Verkäufe ankurbeln wollen, dann sollte das in seriösen Medien nicht unbedingt Thema sein, doch bei der Aktie verhält sich das etwas anders. Zu sehr führen Dividendenpapiere immer noch ein Mauerblümchendasein in deutschen Depots. Den meisten Deutschen gilt das Thema “Börse” als reine Spekulation. “Zocker” sind da im “Casino” aktiv und vernichten nach landläufiger Meinung eher Geld als dass sie es vermehren.

Wer will es den Sparern verdenken? Der Dax ist seit Jahresbeginn um 20 Prozent gestiegen. Das beinhaltet Übertreibungspotenzial. Außerdem hat sich das Vorurteil schon mehrmals bewahrheitet, jedenfalls kurzfristig. Sparer haben den Flop mit der Telekom-Aktie vor dem Auge, die geplatzte Internetblase und die Folgen die Finanzkrise. Diese Ereignisse trüben den Blick für die langfristigen Gewinnchancen.

In der Tat lohnt sich Aktienanlage langfristig. Es gibt in den vergangenen 50 Jahren trotz aller Schocks keinen 20-Jahreszeitraum, in dem Aktiensparer Verluste erlitten hätten. Wer 1988 Aktien kaufte und 2008 (nach der Lehman-Pleite) verkaufte, ging leer aus, um einen besonders schwachen Zeitraum zu erwähnen. Ein Jahr später allerdings liegt die Rendite bei durchschnittlich elf Prozent pro Jahr. Zwischen 1994 und 2014 konnten acht Prozent pro Jahr erzielt werden, zwischen 1975 und 1995 waren es über zwölf Prozent, und so weiter.

Dennoch konnte sich die Aktie bei den Deutschen nie durchsetzen. Das liegt neben den Negativerfahrungen daran, dass Geldanlage hierzulande als “notwendiges Übel” gilt, wie in einer Umfrage von Februar dieses Jahres über 40 Prozent aller Verbraucher angaben. Grund genug für viele Sparer auf vermeintlich sichere Anlageformen zu setzen, die zudem wenig Eigeninitiative verlangen.

Doch solche Vehikel werfen zunehmend weniger ab. Bei Lebensversicherungen ist der Garantiezins von vier Prozent Mitte der 1990er Jahre auf aktuell 1,25 Prozent gesunken. Eine hohe Überschussbeteiligung ist für die Assekuranzen nur schwer zu erwirtschaften, da hochverzinste Altverträge ja weiter bedient werden müssen. Außerdem legen die Versicherungen hauptsächlich in Staatsanleihen an, die immer weniger abwerfen. So konnten im Jahr 1991 mit Bundesanleihen zehnjähriger Laufzeit  neun Prozent Rendite erzielt werden. Aktuell sind die Zinsen bis auf 0,2 Prozent gesunken.

Der “Anlagenotstand” ist also so prekär wie selten. Dass die Deutschen aber ausgerechnet während dieser rasanten Rally die Aktie für sich entdecken, ist eher unwahrscheinlich.

 

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Gewinnfragen

10.03.2015 12:03 | Stefan Wolff

 

“Wichtig ist, was hinten rauskommt”, hat schon der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl erkannt. Was in der Politik gilt, das gilt in der Wirtschaft allemal und bei den Unternehmensbilanzen erst Recht. Nur was da so hinten rauskommt, bleibt gern auch mal im Dunklen. Oder die Finanzvorstände servieren eine Zahlenflut, dass der Fachmann staunt und sich der Laie wundert.

Zahlen sollen transparent sein. Das ist nicht jedem Unternehmen recht. Wer lieber im Geheimen herumprökelt (und dafür gibt es ganz ehrenwerte Gründe), der lässt das dann gleich mit der Börse. Denn am Aktienmarkt gelten Bilanzregeln und eine Veröffentlichungspflicht. Je nach Börsensegment müssen Jahreszahlen, Halbjahreszahlen und Quartalszahlen offengelegt werden.

Wie das Ganze erfolgen muss, bleibt weitgehend dem Verfasser überlassen. Das schafft nicht nur Platz für schriftstellerische Freiheiten, sondern auch Möglichkeiten, besonders wenige oder ausnehmend viele Kennzahlen zu veröffentlichen. Erfolgt letzteres, kommt die Bilanzmitteilung einem gekonnten Wurf von Nebelkerzen gleich.

Zum Beispiel bei RWE: Der Energieriese beschränkt sich nicht auf Umsatz und Gewinn. Da gibt es den “Gewinn”, das “betriebliche Ergebnis”, den “Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda)” und – eine hauseigene Spezialität – das “nachhaltige Nettoergebnis”. Ganz davon abgesehen, dass eine Definition, wie sich denn dieses “nachhaltige Nettoergebnis” errechnet und zusammensetzt, nicht zu bekommen war, stellen sich natürlich die Fragen, wozu es denn gleich vier Gewinnzahlen sein müssen und welche denn nun ausschlaggebend und aussagekräftig ist.

Die Antwort aus der Pressestelle fiel ebenso offenherzig wie einleuchtend aus. Welche Zahl die richtige sei, hänge davon ab, was man damit aussagen wolle, hieß es. Frei übersetzt ist also für jede Botschaft die passende Zahl vorhanden. Das reicht von “RWE verdient klotzig” (Gewinn beträgt 1,7 Milliarden Euro nach Verlusten in Höhe von 2,8 Milliarden Euro im Vorjahr), über “Wir haben trotz der widrigen Umstände einen ganz guten Job gemacht” (Ebit sinkt um zehn Prozent) und “Es läuft wegen der gesunkenen Energiepreise nicht gut” (das betriebliche Ergebnis schrumpfte um ein Viertel) bis hin zu “wir kriegen das mit der Energiewende nicht gebacken, es läuft mies, und die Politik ist schuld” (nachhaltiges Nettoergebnis fiel um 45 Prozent). Suchen Sie sich was aus.

RWE wollte mit dem Zahlenwerk nach eigenen Angaben übrigens aussagen, dass die Geschäfte besser laufen als gedacht, dass es aber nicht leicht ist. Das ist nur zum Teil gelungen, denn der zurückhaltende Ausblick hat die Anleger eher verschreckt. Obwohl sie für das abgelaufene Geschäftsjahr eine Dividende erhalten, fürchten sie um die Ausschüttung für 2015.

So ein negativer Ausblick hat natürlich auch sein Gutes. Positive Überraschungen sind durchaus möglich und werden sich bestimmt in einer der vier Gewinnzahlen niederschlagen.

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Griechenland müsse sich grundlegend umkrempeln, um überhaupt eine Chance in der Weltwirtschaft zu haben, heißt es in der aktuellen Debatte. Die Vorwürfe kommen zum Teil sehr herablassend daher und das nicht erst seit der unsäglichen “Nein”-Kampagne einer Boulevard-Postille. Dabei täten auch den “Etablierten” ein paar Reformen ganz gut.

 

Im Internet kursiert gerade ein wissenschaftlicher Aufsatz aus dem Jahr 1997, in dem Internet als “Modeerscheinung” bezeichnet wird. Es sei schlicht leichter, sich telefonisch bei der Bahn nach den Fahrzeiten zu erkundigen, als “auf die Antwort überlasteter Server warten zu müssen”, doziert der Autor, und viele Leser haben damals sicherlich zustimmend genickt. Heute fällt die Reaktion eher belustigt aus.

 

Wirtschaft bedeutet Bewegung und Veränderung. Daimler wäre sicherlich nicht einer der Premiumhersteller dieser Welt, wenn die Firma an der ersten Version des von Gottlieb Daimler und Carl Benz entwickelten Autos festgehalten hätte. Auch der erste Apple-Computer hält heutigen Belastungen nicht mehr Stand.

 

Was für die Wirtschaft gilt, gilt auch für Staaten. Frankreich muss dringend Reformen durchführen, Spanien und Portugal müssen am Ball bleiben und Griechenland sowieso. Deutschland hat mit seinen Arbeitsmarktreformen schon vor einigen Jahren das Ruder herumgerissen. Dass heute mehr Menschen in Lohn und Brot stehen als je zuvor, spricht für sich. Doch auf den Lorbeeren können sich die Deutschen auch nicht ausruhen.

 

Die niedrigen Zinsen täuschen eine trügerische Ruhe vor. Nie war es so einfach und so billig, den Staat durchzufinanzieren. So manche Regierung (auch unsere) gönnt sich da gern ein Reformpäuschen, was logisch ist. Wenn Schulden quasi gratis sind, sinkt auch die Motivation, den Berg abzubauen.

 

Dabei gäbe es genug zu tun. Von Griechenland fordern Außenstehende ein einfacheres Steuergesetz. Mehr als 50 Seiten seien nicht nötig, heißt es. Zugegeben: Im Eintreiben von Steuern ist der deutsche Fiskus dem griechischen weit voraus, doch die Steuergesetzgebung gehört zu den kompliziertesten der Welt. Fasst aber keiner an, und von einer Steuererklärung , die auf einen Bierdeckel passen sollte, ist nicht einmal mehr an den Stammtischen die Rede.

 

Auch in Sachen Infrastruktur geht es nicht wirklich voran. Schnelles Internet ist auf dem platten Land ein Fremdwort. Unternehmen denken nicht einmal daran, sich dort anzusiedeln. Neue Gewerbegebiete werden zu  beleuchteten Kuhweiden. Und während man in Bayern noch ernsthaft darüber diskutiert, ob für Nordseestrom Leitungen nötig sind oder ob der Strom nicht doch aus der Steckdose kommt, gibt es in Estland eine staatliche Garantie für flächendeckendes W-Lan. Landesweit.

 

Es bröckelt an allen Ecken. Marode Brücken werden durch “hochmoderne” Fährverbindungen ersetzt. Ein Leben von der Substanz. Deutschland droht den Anschluss zu verlieren. Vor kurzem erschien eine Studie der Beraterfirma Pricewaterhouse Coopers, der zufolge Deutschland in der Rangliste der größten Volkswirtschaften von aktuell Platz fünf bis zum Jahr 2030 auf den achten Rang sinken und bis 2050 sogar aus den Top Ten fliegen könnte. Natürlich hat dieser prognostizierte Abstieg auch viel mit den starken Wachstumsraten aufstrebender Volkswirtschaften zu tun und sagt wenig darüber aus, wie sich die Wirtschaft selbst präsentiert.

 

Deutsche Maschinen, Anlagen und Autos dürften auch weiterhin begehrt sein. Wie man Weltmarktführer in Nischen sein kann, macht beispielsweise die Schweiz vor. Maschinen und hochwertige Uhren sind trotz hoher Preise gefragt. Größe ist eben nicht alles, doch rekordhohe Börsen, billiger Euro, günstiges Öl und ein auf den ersten Blick robust erscheinender Arbeitsmarkt übertünchen vieles.
Und Stillstand ist nichts.

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Dass nicht alles nach der Wahl so heiß gegessen wird, wie es im Wahlkampf gekocht wurde, scheint für die neue griechische Regierung nicht zu gelten. Ein atemberaubendes Tempo legen Ministerpräsident Alexis Tsipras und vor allem sein Finanzminister Yanis Varoufakis vor. Die Finanzmärkte blicken gebannt auf das dynamische Duo, das gegen Wände rennt.

Mit höheren Renten, mehr Beamtenstellen und einer bestimmten Absage ans die Troika sind erst einmal neue Tatsachen geschaffen worden, nun befinden sich Tsipras und Varoufakis auf einer Art “European Bailout Tour”, einer Charmeoffensive, die das langfristige Überleben Griechenlands garantieren soll.

Eigentlich geht es ums unmittelbare Überleben, denn Kreditzusagen der EZB laufen aus, das Rettungspaket liegt auf Eis und ziemlich bald werden einige Darlehen fällig. Kurzum: Griechenland steht das Wasser bis zum Hals. Trotzdem tritt die Regierung nicht als Bittsteller auf, gibt sich aber flexibel. Der ursprünglich geforderte Schuldenschnitt ist der Forderung nach einer “Streckung” der Schulden gewichen.

Sehr erfolgreich ist die Tour bislang nicht verlaufen, ganz im Gegenteil. Zuletzt hat sogar die EZB Griechenland den letzten Draht zu den Finanzmärkten quasi durchgeschnitten. Es gibt zwar noch Mittel und Wege, an Geld zu kommen, doch sieht es ganz danach aus, als würden die Verhandlungspartner auch einen Kollaps der Hellenen in Kauf nehmen. Ein Euro-Austritt Griechenlands, so suggerieren sie, wäre halb so schlimm.

Dabei ist ein Austritt aus dem Euro gar nicht vorgesehen. Die Euro-Retter haben es auch versäumt, ihren Mitgliedsstaaten ein Insolvenzrecht zu schaffen. Als die Krise auf dem Höhepunkt war und ein ums andere Land unter den Rettungsschirm schlüpfte, stand es ganz oben auf der Agenda. Doch im “Gras-über.-die Sache-wachsen-lassen” sind die Regierenden im Euroraum immer ganz vorn mit dabei.

Bei der Tour fällt auf, dass Tsipras und Varoufakis die vermeintlich mächtigste Frau des Euroraums meiden. Das liegt zum einen daran, dass Griechenland seine kurz laufenden Anleihen vor allem Banken anderer Länder verkauft hat. Zum anderen weiß das Duo genau, dass es Angela Merkels personifizierter Alptraum ist.

Wahrscheinlich gilt das auch umgekehrt, denn für die Schieflage des Euroraums und die griechische Misere macht vor allem Varoufakis die Deutschen verantwortlich. Auch wenn in den aktuellen Verhandlungen leisere Töne angeschlagen werden, liegen alle Informationen auf dem Tisch. In seinem Buch “Der Globale Minotaurus” zeichnet der Wirtschaftsprofessor das Bild einer von den USA dominierten Wirtschaftswelt und von einem Deutschland als willigem Gehilfen.

“Den deutschen Exporten in den Rest von Europa fiel weiterhin die Rolle zu, die die amerikanischen Architekten des Globalen Plans ihnen zugewiesen hatten: Sie sollten die Stärke der D-Mark sichern und gleichzeitig von zentraler Bedeutung für die industrielle Entwicklung im Rest von Europa sein. Tatsächlich exportierte Deutschland nicht nur Volkswagen und Kühlschränke, sondern auch Investitionsgüter, die für praktisch jeden Aspekt des Produktionsprozesses in Europa wichtig waren.”,

heißt es. Auch nach der Währungsunion habe die deutsche Wirtschaft den Rest Europas an die Wand konkurriert (nicht immer zu deren Vorteil). Mit dieser Kritik an der deutschen Wirtschaftsstärke steht Varoufakis sicher nicht allein, wohl aber mit den Schlüssen, die er daraus zieht.

Wenn der Minister einen „New Deal“ für Europa fordert, “in dem Griechenland wieder atmen, wachsen und seine Schulden zahlen kann”, dann zielt er darauf, die Geburtsfehler der Euro-Gemeinschaft zu beheben. Das heißt: Es soll eine politische Einheit geschaffen werden und in dieser Konsequenz auch eine Vergemeinschaftung der Schulden.

Unsere Bundesregierung bekommt aber schon beim bloßen Gedanken an Eurobonds Schnappatmung, auch wenn völlig klar ist, dass das Anleiheaufkaufprogramm der EZB nichts anderes darstellt als eine Vergemeinschaftung, da am Ende des Tages auch das Feigenblatt der angeblich nur teilweisen Haftung fallen wird.

Wie geht es weiter? Die Eurogemeinschaft riskiert den Kollaps Griechenlands und eventuelle Folgeschäden, wie den dann sehr wahrscheinlich werdenden Austritt Zyperns. Ähnlich der Haltung bei der Lehman-Pleite, dass alles schon irgendwie gut gehen wird, vertrauen die Akteure dabei darauf, dass sich der Schock in Grenzen halten wird. Sie wissen es aber nicht.

 

Vielleicht führen Druck und Gegendruck aber auch zu einer Einigung (wonach es derzeit nicht aussieht). Ansonsten handelt es sich bei der Tour um Insolvenzverschleppung.

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Draghis “All In”

22.01.2015 17:01 | Stefan Wolff

 

Da fliegt sie nun, die letzte Patrone aus Draghis Colt. Das Anleiheaufkaufprogramm der EZB startet. Es ist im Grunde genommen unnötig und für die wirtschaftliche Situation im Euroraum wenig hilfreich.

Der Jubel an den Finanzmärkten ist verständlich. Mit dem Billionen-Programm ist völlig klar, dass auch weiterhin jede Menge billigen Geldes an die Börse fließen kann. Auch andere Anlageformen werden davon profitieren. Die eigentlichen Probleme des Euroraums (hohe Schulden, Reformstau, sinkende Wettbewerbsfähigkeit) bleiben ungelöst und dürften auch ungelöst bleiben.

Warum zum Beispiel sollte Frankreich seiner Bevölkerung unbequeme Lasten aufzwingen? Das Land kann sich auf zehn Jahre zu 0,6 Prozent verschulden. Spaniens Anleihezins ist nach der Entscheidung  auf 1,39 Prozent und damit auf ein Rekordtief gefallen. Italienische Zehnjährige rentieren mit 1,58 Prozent. Auch Deutschland kann sich freuen. Anleihen mit zehn Jahren Laufzeit werfen 0,44 Prozent Zinsen ab und kürzere Laufzeiten gar nichts mehr.

Erstmals lieh sich der Bund nun Geld für die Dauer von fünf Jahren, ohne auch nur einen Cent Zinsen zahlen zu müssen. Und obwohl die Anleihe Nullkommanix abwirft, haben Anleger zugegriffen und dem Staat fünf Milliarden Euro überlassen. Das ist ein Riesenvorteil gegenüber früheren Zeiten.

Die EZB hilft klammen und solventen Staaten. Das Inflationsziel von zwei Prozent ist nur vorgeschoben. Denn abzüglich der ungewöhnlich stark gesunkenen Energiekosten gäbe es keine Deflation im Euroraum. EZB-Chef Draghi reitet gegen Windmühlen. Wenn es Deflation gibt, dann ist sie sowieso gewollt. Schließlich wurden Löhne, Gehälter und Renten zum Teil drastisch gekürzt, damit die in Not geratenen Länder wieder in die Spur kommen konnten. Wie soll denn so Inflation entstehen?

Die Reaktionen in Deutschland eindeutig ablehnend aus. Selbst wenn der Markt für Firmenkredite anspringen sollte, so wäre die nicht wegen des EZB-Programms. Volksbanken, Sparkassen und Versicherer stürzen die nun auf Jahre zementierten Minizinsen in tiefe Not.

Das einzige Zugeständnis an die Bundesbank besteht darin, dass sie nur deutsche Anleihen kaufen muss. Sollte am Ende ein Land über die Klinge hüpfen, macht das aber keinen Unterschied. Dann haften wieder alle und Deutschland mit 17 Prozent. Das ist das Gewicht, das das Land bei der EZB in die Waagschale wirft.

Im vergangenen Herbst hat Draghi eingeräumt, dass die bisherigen Maßnahmen nicht bei der Wirtschaft angekommen seien, wohl aber den Finanzsektor stabilisiert hätten. Ob es dieses Mal anders kommt, darf bezweifelt werden. Die Leute an den Finanzmärkten haben ein ziemlich feines Näschen für sowas. Deshalb gehen die Kurse durch die Decke und nicht die Kreditanfragen der Firmen.

Beim Poker wäre Draghis Maßnahme ein All In. Vielleicht aber auch nur ein Bluff.

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Nach dem Votum des Gutachters ist ziemlich klar, dass sich der Europäische Gerichtshof (EuGH) dem Anleiheaufkaufprogramm der Europäischen Zentralbank (EZB) nicht in den Weg stellen wird. Die sich andeutenden Beschränkungen stören nicht weiter.

Für die EZB ist das Gutachten des Generalanwalts Pedro Cruz Villalón mehr als nur ein Etappensieg. Es darf nun als sicher gelten, dass das Direktorium um EZB-Chef Mario Draghi die ohnehin schon in der Schublade liegenden Pläne kommende Woche absegnen wird. Dann dürften die Anleihekäufe starten.

Abgesehen von den angeblichen Gefahren, die aus den sinkenden Energiepreisen resultieren sollen, könnte die EZB noch ganz andere Gründe haben, schnell im Anleihemarkt aktiv zu werden. Sollte der Wahlausgang in Griechenland einen Austritt der Hellenen aus der Eurogemeinschaft provozieren, würde der gezielte Kauf von Staatsanleihen die Wogen in Spanien, Portugal oder anderswo schnell glätten.

Im Gegenzug, so heißt es in dem Gutachten, soll sich die EZB bei direkten Hilfsmaßnahmen zurückhalten. Aus der Troika würde also eine Biga. Das lässt sich ebenso verschmerzen wie die Bedingung, die EZB müsse ihre Maßnahmen begründen. Aus der eigenen Logik heraus dürfte es nicht schwer sein, Gründe für die Käufe zu finden.

Und dennoch schwebt der Haut Gout der indirekten Staatsfinanzierung über dem ganzen Konstrukt. Auch wenn die EZB nicht direkt Anleihen von den Regierungen kauft, so greift sie doch ganz massiv in die Haushaltsgestaltung ein. Denn die niedrigen Zinsen haben die Reformfreude im Euroraum nicht eben beflügelt. Zinsen für Anleihen in Spanien, Frankreich, Italien oder Portugal, aber auch bei den vermeintlichen Musterschülern, wie Deutschland, haben mit realen Risiken und angemessenen Preisen nicht mehr viel zu tun. Die daraus resultierende Trägheit der Politik wird ein Anleiheaufkaufprogramm nicht beenden. Eher schreitet die Lähmung weiter voran.

Auch zeigen die Eingaben von Pedro Cruz Villalón, wie unantastbar die EZB zu sein scheint. Die größtmögliche Freiheit wird ihr zugestanden. Das birgt natürlich auch Gefahren.

Den Akteuren an den Finanzmärkten sind solche Bedenken reichlich egal. Geld bleibt billig, Geld bleibt reichlich vorhanden. Also kann es weiter an die Märkte fließen. Draghis “Whatever it takes” ist zum Mantra geworden. Jedem ist klar, dass die EZB die Eurogemeinschaft nicht den Bach runtergehen lassen wird. Sie ist bereit aus allen Rohren zu feuern und wird dies auch machen. Welche Maßnahmen da noch möglich sind, bleibt der Phantasie der Währungshüter überlassen.

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