Der Pyrrhussieg

22.02.2017 14:02 | Stefan Wolff

Der BGH hat entschieden: Bausparkassen dürfen zu treuen Kunden kündigen. Sie müssen damit ihre gemachten Zinsversprechen nicht unbegrenzt einhalten. Die Branche verbucht den Gerichtsentscheid als Sieg. Doch der Schuss geht nach hinten los. Das Geschäftsmodell Bausparvertrag erledigt sich selbst.

 

2,5 Prozent Zinsen? Nichts wie hin, würden heute viele Anleger denken. Aber vor 10, 20 Jahren war das ein Mickerangebot. Wer damals einen solchen Vertrag abschloss, setzte auf niedrige Bauzinsen in der Zukunft und nahm die niedrigen Guthabenzinsen dafür in Kauf.

 

Heute wissen wir, die Welt hat sich weitergedreht, und die Zinslandschaft ist auf den Kopf gestellt. Was damals als toller Bauzins dastand, grenzt heute an Wucher.  Der gänzlich unattraktive Guthabenzins von früher hat jetzt einen unglaublichen Sex-Appeal. Die Entwicklung enthüllt das wahre Wesen des Bausparvertrags. In Gestalt eines buff-konservativen Vermögensaufbaus daher kommend ist er in Wahrheit eine Wette.

 

So lange die Bausparkassen diese Wette gewonnen hatten, war alles in Ordnung. Sie konnten in der Ansparphase lächerliche Guthabenzinsen gewähren und in der Darlehensphase auskömmliche Zinsen verlangen. Mehr noch: Viele Bausparkassen versprachen ihren Kunden sogar Bonuszinsen für den Fall, dass sie kein Darlehen annehmen würden.

 

Die Quittung für jene, die ihre Bausparkasse beim Wort nahmen oder attraktiveren Finanzierungsangeboten den Vorzug gaben, war die Kündigung. Gegen die wurde geklagt. Und gegen-geklagt. Und gegen-gegen-geklagt. Und nun folgt der BGH der Argumentation der Bausparkassen. Der Gerichtshof entscheidet: Bausparverträge sind gar keine echte Geldanlage.

 

Das ist eigentlich ein Schlag ins Gesicht der Kunden und eine Bestätigung eines lange gehegten Vorurteils: Die Finanzwirtschaft privatisiert Gewinne ebenso gern, wie sie Risiken und Verluste sozialisiert. In der Tat ist es so: Wer heute einen Bausparvertrag abschließt, wettet auf steigende Zinsen. Sonst könnte er ebenso gut den Ansparbetrag in einem Fonds anhäufen und das Darlehen zum benötigten Zeitpunkt abschließen.

 

Vieles spricht dafür, dass die Bausparkassen die Wetten der Zukunft gewinnen werden. Zinsen werden auch wieder steigen. Die Frage ist nur, ob ihre Kunden dann noch darauf einsteigen, ob sie sich daran erinnern, dass ihre Vorgänger erst eingeladen worden waren, ihr Geld zu parken, dann wurden sie rausgeschmissen. Wer darüber hinaus dieses Schicksal noch nicht erlitten hat, dürfte versucht sein, den gut verzinsten Vertrag bis an die Schmerzgrenze anzusparen. Ein teurer Sieg für die Bausparkassen.
Im Grunde genommen hat die klagende Bausparkasse ihr eigenes Geschäftsmodell höchstrichterlich erledigen lassen. Sie stehen entweder als unzuverlässige Geschäftspartner oder als schlechte Verlierer da. Beides dürfte nicht gut fürs Geschäft sein.

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Der frische Franzose

14.02.2017 19:02 | Stefan Wolff

Trump und Brexit wirken. Opel könnte zu einem französischen Unternehmen werden, weil Konzernmutter General Motors (GM) nach fast 90 Jahren die Risiken zu groß werden. Was ein Weltkrieg und mehrere Wirtschaftskrisen nicht geschafft haben, schaffen die neuen politischen Verhältnisse. Die Wirtschaftsräume driften auseinander, anstatt sich weiter zu verzahnen.

 

Schon mehrfach stand die Verbindung zwischen Opel und GM scheinbar vor dem “Aus”. In der großen Finanzkrise, die die Autostadt Detroit in eine öde Wüstenei verwandelten, erschien der österreichische Zulieferer Magna als Opel-Retter auf dem Plan. Konkreter waren Übernahmepläne nie zuvor gewesen und sollten es auch nicht mehr werden, selbst als Solarworld-Chef Frank Asbeck die Rüsselsheimer für 250 Millionen Euro übernehmen wollte.

 

Der Verkauf an Magna scheiterte damals mit der Begründung, dass GM sich seine internationale Strategie erhalten wolle und Opel deshalb als wichtiges Standbein in Europa benötige. Das ist wohl vorbei. Erstens schreiben die Rüsselsheimer immer noch rote Zahlen. Der Brexit könnte Kosten und Verluste maximieren. Man stelle sich nur vor, der Austausch von Komponenten zwischen den Werken in zwei verschiedenen Wirtschaftsräumen würde durch Zölle erschwert. Großbritannien ist über die Marke Vauxhall de wichtigste Auslandsmarkt für Opel.

 

Zweitens dürfte US-Präsident Trump bald Steuerpläne vorlegen, die heimische Produktion großzügig bevorzugen. Der Rückzug könnte also zum Gewinnkatalysator für GM werden. Lateinamerika und vor allem China bleiben als mit Abstand wichtigste Auslandsmärkte erhalten.

 

China dürfte auch bei den Käufern das Zauberwort sein. Für Opel ist das Reich der Mitte Terra incognita. GM hat sich stets die deutsche Konkurrenz außerhalb Europas verbeten (außer in Chile, Israel und Südafrika). PSA litt zuletzt unter einem schwachen China-Geschäft, obwohl der Konzern mit Dongfeng einen chinesischen Ankeraktionär hat. Unterm Strich würden sich viele Chancen ergeben. Aus zwei mittelgroßen Herstellern kann ein großer werden.

 

Und trotzdem kennt das Geschäft nicht nur Gewinner. Opel und PSA haben schon umfangreiche Kooperationen vereinbart. So wird der Nachfolger des Opel Zafira im französischen Sochaux gebaut werden. Die Kastenwagen von Peugeot, Citroen und Opel kommen auf eine gemeinsame Plattform. Im Opel-Werk in Saragossa werden zukünftig auch PSA-Modelle vom Band laufen.

 

In Rüsselsheim, Kaiserslautern und Eisenach geht dagegen das große Zittern um die Jobs los. Der französische Staat sitzt bei PSA im Boot. Er wird darauf achten, dass die Einspareffekte eher auf der rechten Rheinseite eintreten. Rüsselsheim hat einige Auftragspolster in der Entwicklung. Der Standort scheint vorerst gesichert zu sein. Alles andere ist vage.

 

Ein schmerzliches Beispiel, wie es kommen kann, ist aus deutscher Sicht das Schicksal der Hoechst AG. Das Chemie-Unternehmen fusionierte zu Aventis und ging dann im Sanofi-Konzern auf. Sitz: Paris.

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“Lass uns Freunde bleiben”, ist wohl einer der bei Trennungen am häufigsten ausgesprochenen Sätze. Und (fast) jeder, der diesen Satz schon einmal gehört oder ausgesprochen hat, weiß genau: Das läuft nicht. Natürlich muss für Beziehungen zwischen Ländern nicht gelten, was für Beziehungen zweier Menschen gilt. Doch so einfach, wie Theresa May sich das vorstellt, wird der Brexit dann doch nicht werden.

 

Die britische Premierministerin blieb freundlich im Ton aber hart in der Sache. May strebt den klaren Schnitt an. Brexit means Brexit, wie sie ja schon einmal sagte. Das bedeutet, es wird keine Zollunion geben, keinen Binnenmarkt und keine Freizügigkeit. Auf der anderen Seite strebt sie freien Handel an, am liebsten ganz ohne Zölle. Das soll ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und Großbritannien regeln.

 

Das klingt nach Rosinenpickerei und gar nicht mehr nach hartem Brexit. Würde der Rücktritt Großbritanniens von allen Pflichten bei weitgehend zollfreiem Zugang zum Binnenmarkt gelingen, würde das Begehrlichkeiten wecken und Konfliktpotenzial schüren. Ein Streit zwischen der EU und Großbritannien ist also schon vorprogrammiert, zumal die wirtschaftlichen Interessen auf beiden Seiten des Ärmelkanals hoch sind.

 

Autoindustrie, Maschinenbau und Chemiebranche in Deutschland haben ein vitales Interesse daran, den Marktzugang zu Großbritannien zu behalten. Die Autoindustrie Großbritanniens, die ja fest in US-amerikanischer (Vauxhall), deutscher (Mini) und indischer (Jaguar) Hand liegen, sind auf Zulieferer aus Kontinentaleuropa angewiesen.

 

Und dann ist da ja noch die Finanzindustrie. Die Börse will unbedingt und trotz aller Unsicherheiten die Fusion mit London, während einige Banken schon angekündigt hatten, der Insel den Rücken zu kehren. Aber auch hier dominieren die leiseren Töne. Die deutsche Bank hatte ursprünglich mal den Rückzug aus London erwogen, geht jetzt aber nicht davon aus, kurzfristig etwas zu ändern.

 

Es dominieren die leisen Töne. Auch die Märkte haben sich von der Zauberformel “Freihandel” einlullen lassen. Alle setzen nun auf sanfte Trennung trotz eines harten Brexits, wohl wissend, dass dafür Gesetze, Vorschriften gedehnt werden müssen und dass in einem engen zeitlichen Korsett langwierige Verhandlungen anstehen.
Dabei hat Theresa May auch keinen Hehl daraus gemacht, was passiert, wenn die britischen Vorstellungen nicht umgesetzt werden. Dann nämlich wird Großbritannien zum Steuerparadies und Investoren-Dorado – ohne Rücksicht auf die lieben Nachbarn. So ist das mit “Freunde bleiben”.

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Die „Null“ steht, und das ist für Anleger keine gute Nachricht. In den Prognosen für 2017 herrscht nur leichter Optimismus.

 

Erste Nullrunde: Die Zinsen. Daran, dass es bei der Nullzinspolitik der EZB bleiben wird, besteht kein Zweifel. Im Euroraum dürften die Anleihezinsen also höchstens moderat steigen. 2016 war die Umlaufrendite (das ist der durchschnittlich für alle gehandelten Bundespapiere gewährte Zins) erstmals in den negativen Bereich gefallen.

 

Da die US-Notenbank die Zinsen weiter anheben wird, werden die Zinsen weiter auseinanderdriften, was den Dollar stärken und den Euro tendenziell schwächen sollte. Der Euro könnte – so die Vorhersagen – recht bald die Parität zum Dollar erreichen. Ein Euro würde dann einen Dollar kosten. Und vermutlich weiter fallen.

 

Zweite Nullrunde: Aktien. Auch am Aktienmarkt dürften die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Im Schnitt sehen die Prognosen stagnierende Börsen voraus. Bei den großen Banken und Fondsgesellschaften reichen die Vorhersagen von einem vermuteten Rückgang auf 11.000 Dax-Punkte bis zu einem Anstieg auf 12.000 Punkte. Im Durchschnitt bedeutet dies Stagnation.

 

Mit ihren vor einem Jahr gestellten Prognosen haben die Auguren gar nicht mal schlecht gelegen. Die immer wieder gestellten Extremszenarien mal ausgeklammert, lagen die Vorhersagen im Durchschnitt bei 11.860 Punkten und damit nur leicht über dem tatsächlichen Jahresendstand.

 

Viele der bekannten Belastungsfaktoren nehmen die Anleger ins neue Jahr mit. Wenn in ein paar Tagen Donald Trump als neuer US-Präsident ins Weiße Haus einzieht, sind längst nicht alle Fragen beantwortet, die sich mit seinen Aussagen im Wahlkampf verbinden. Der Brexit wird die Börse ebenso weiter beschäftigen. Das Spiel liegt bei der britischen Premierministerin Theresa May, die zur Jahresmitte die Austrittskarte ziehen will. Es hängt maßgeblich von den Briten ab, ob es zu einem sauberen Schnitt oder einer schmutzigen Scheidung kommt.

 

Mögen also Brexit und Trumps Präsidentschaft bekannte Faktoren sein – was sie an den Finanzmärkten anrichten werden, ist unbekannt. Das hat schon die unverhoffte Börsenrally nach der US-Wahl gezeigt. Der frühere US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hat in einem anderen Zusammenhang mal über die “bekannten Unbekannten” (“known unknowns”) gesprochen. Jeder weiß, es ist was im Busch. Aber eben nicht was. Zu den bekannten Unbekannten gehören der Anstieg von Nationalismus und Protektionismus. Hier haben in vielen europäischen Ländern nicht nur Anleger die Wahl.

 

Und da sind noch die vielen “unknown unknowns”, also die vielen gänzlich Unbekannten, die niemand auf dem Radarschirm hat. Die Lehman-Pleite war so ein Ding. Aber auch im vergangenen Jahr hatte an Überraschungen kein Mangel geherrscht. Das dürfte sich 2017 nicht ändern.

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Wenn die Aktienkurse steigen, weil die Zinsen steigen, dann hat die US-Notenbank wohl alles richtig gemacht. Janet Yellen hat geliefert, was inzwischen alle erwartet haben. Ein Jahr lang hat die Notenbankchefin diesen zweiten Zinsschritt herausgezögert, verschoben, vertagt. Jetzt ist die Zinswende endgültig eingeläutet worden. Und alle freuen sich.

Die Freude ist Resultat der Erwartungen. Denn wenn die Fed erneut gekniffen hätte, wäre das nicht gut angekommen. Die Kurse wären eingebrochen, weil die Anleger Ungemach vermutet hätten; zum Beispiel, dass die US-Wirtschaft wackeliger dasteht als angenommen. Nun stellt Yellen drei weitere Zinsanhebungen im kommenden Jahr in Aussicht.

Die Frage ist nur, ob sie diesen Kurs beibehalten kann. Zwar hat Donald Trump in seinem Wahlkampf vehement für steigende Zinsen plädiert. Für seine testosterongetriebene Wirtschaftspolitik wird er aber Geld brauchen, viel Geld. Und das bekommt man nun einmal  bei niedrigen Zinsen zu erträglicheren Konditionen. Yellens Amtszeit endet Ende 2017. Eine weitere soll es nach Aussagen Trumps nicht geben. Schon bei der Ministerwahl hat er ja eine gewisse Affinität zu Goldman Sachs aufschimmern lassen.

Bleibt die Fed bei ihrem Kurs, dann schließt sich die Frage an, wie lange die EZB sich diesem Sog wird entziehen können. Theoretisch hängt sie natürlich nicht von Entscheidungen der Fed ab. Jedoch ist es nicht sehr ratsam, die eigene Währung dem freien Fall zu überlassen, wenn gerade die Ölpreise wieder anziehen. Schließlich wird die Ölrechnung in Dollar beglichen. Für Exporteure können die vermeintlichen Währungsvorteile schnell zum Nullsummenspiel werden.

Auch bei den Banken könnte die Freude über die Zinswende schnell in ihr Gegenteil umschlagen. Natürlich versprechen höhere Zinsen tendenziell höhere Gewinnmargen. Doch gerade die langfristigen Engagements können den Banken und Sparkassen schnell um die Ohren fliegen. Lang laufende Kredite werden mit kurz laufenden Engagements gegenfinanziert. Wenn die Zinsen am kurzen Ende hochgehen, lässt sich so kein Geld mehr verdienen. Bei steil ansteigenden Zinsen zahlen die Kreditgeber am Ende drauf.

Auch an den europäischen Märkten sind Ausläufer der Zinswende angekommen. Es besteht die leise Hoffnung, dass über kurz oder lang auch Geldanlage in Zinsprodukten wieder lohnen könnte. Eigentlich mehren sich die Zeichen dafür. Die EZB allerdings hält weiter dagegen. Dabei zeigt sich die Wirtschaft weitgehend abgestumpft gegenüber den Verlockungen der lockeren Geldpolitik. Das Kreditgeschäft ist jedenfalls nicht eben angesprungen. Investitionen sind immer noch die fehlende Größe im Wirtschaftswachstumskonzert.

Aber die EZB dürfte vor allem die italienischen Banken im Auge gehabt haben, als sie eine Woche vor der Fed-Sitzung das Anleiheaufkaufprogramm verlängerte. Die Geldhäuser sind akut schwindsüchtig, sitzen auf einem Berg fauler Kredite und sind anfällig für Verwerfungen an den Anleihemärkten.

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Wieder einmal bestätigt sich: Umfragen sind keine Wahlergebnisse. Schwarze Schwäne gibt es nicht, die Lehman Brothers werden niemals kollabieren und Großbritannien wird gegen den Brexit stimmen. Für Meinungsforscher und Analysten sind es keine guten Zeiten. Fest steht: Amerikas kommender Präsident heißt Trump. Den hatte bis zuletzt kaum einer auf dem Radarschirm gehabt. Die Märkte reagieren trotzdem gelassen.

In seiner ersten Rede nach dem Wahlsieg habe Trump sehr versöhnlich geklungen, heißt es zur Begründung. Kann man so sehen. Allerdings kann auch eine Menge Kreide im Spiel gewesen sein. Spielt Amerika seine Trumpfkarte (“play the trump”) oder erklingen die Posaunen des Jüngsten Tages (“The last Trump”). Wie wissen es nicht und werden auch ganz gewiss – siehe oben – keine Meinungsforscher fragen, halten aber fest, dass die englische Sprache für diesen Fall die schöneren Wortspiele bereit hält.

Vor der Wahl war die deutsche Wirtschaft in großer Sorge, die Handelsbeziehungen zu den USA könnten zertrumpelt werden. Inzwischen halten sich die Vertreter eher zurück. Kein Wunder, denn wenn nur die Hälfte von dem eintritt, was Trump im Wahlkampf angekündigt hatte, wird es einen heftigen Dämpfer für die Weltwirtschaft geben.

TTIP, das Abkommen zwischen EU und USA, ist ohnehin Geschichte. Trump hat angekündigt, sämtlichen Freihandel aufzukündigen. Theoretisch wäre ein Austritt der USA aus der Welthandelsorganisation (WHO) die logische Konsequenz. Ganz praktisch stehen Nafta, das Abkommen zwischen Kanada, Mexiko und den USA, und das gerade verhandelte transatlantische Bündnis TPP ebenso zur Disposition, wie diverse bilaterale Abkommen zwischen den USA und einzelnen EU-Staaten.

Auf alle Fälle kann das Pariser Klimaabkommen geknickt werden. In der Welt Donald Trumps findet kein Klimawandel statt. Kohle, Öl, Gas und das mit letzteren verbundene Fracking bleiben die Energieträger der ersten Wahl.  Hinzu kommt, dass die öffentliche Hand gesetzlich dazu verpflichtet werden soll, bei Anschaffungen und Investitionen ausschließlich US-amerikanische Anbieter zu berücksichtigen. Außerdem drohen Straf- und Schutzzölle. Festhalten, die nächste Fahrt geht rückwärts.

Das klingt alles so, als würde zumindest erst einmal alles in Frage gestellt, was wirtschaftlich gestern noch sicher schien. Der kommende US-Präsident hat die Macht dazu, kann durchregieren. Denn die Mehrheit im Kongress gibt ihm sehr viel mehr Spielraum als Clinton ihn gehabt hätte. Trump wird in der kommenden Zeit wichtige Schlüsselpositionen – zum Beispiel am Obersten Gerichtshof – besetzen. Die Amtszeit von US-Notenbankpräsidentin Janet Yellen endet zudem Anfang 2018.

Was das alles für die Finanzmärkte bedeutet, ist unklar. Tendenziell wird es nervöser zugehen. Anleger werden sich auf größere Schwankungen einstellen müssen. Gold gewinnt als Krisenmetall wieder an Glanz. Auch langfristig ist die Welt sehr viel unsicherer geworden.

Am Jahrestag des Mauerfalls in Deutschland kommt in den USA ein Maurer an die Macht. Ein mehrfach gescheiterter Großkapitalist macht sich auf, die freie Marktwirtschaft zu erledigen. Welch feine Ironie. Karl Marx hätte seine Freude daran gehabt.

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Manche Gerüchte haben an der Börse ein sehr frühes Verfallsdatum.  Das gilt auch für die Spekulation, dass die EZB eine Zinswende einläuten könnte. Und trotzdem ist die Diskussion eröffnet.

 

Schwammiger geht es kaum. Die EZB könnte “eventuell schrittweise ihr Anleihekaufprogramm zurückfahren”, meldete eine Nachrichtenagentur. Trotzdem wirkte das Gerücht. Anleihezinsen stiegen, Aktienkurse fielen, der Euro legte zu, auch wenn die EZB schnell dementierte. Die Aufregung hat sich schnell wieder gelegt. Es dürfte auch nichts passieren.

 

Die Aktion könnte ein Testballon gewesen sein, um herauszufinden, was passieren würde, sollte die EZB tatsächlich eine Zinswende einläuten. Schließlich ist klar, dass das nicht mit einem großen Knall passieren wird sondern behutsam. Schrittweise wird das Anleiheaufkaufprogramm heruntergefahren und am Ende werden die Zinsen ebenso behutsam angehoben.

 

Das wird in ein paar Jahren sicher passieren. Momentan aber stehen die Zeichen anders. Die US-Notenbank wird in diesem Jahr nichts mehr unternehmen. Und die Bank of Japan stellt die Zeichen auf eine noch lockerere Geldpolitik. Jetzt soll auch die Zinskurve zurecht gebogen werden.

 

Als Zinskurve bezeichnet man die sich verändernde Zinshöhe bei unterschiedlichen Laufzeiten. Normalerweise sind die Zinsen bei Kurzläufern niedrig, lang laufende Anleihen kosten deutlich mehr Zinsen. Liegen die Zinsen am langen Ende der Kurve unter denen am kurzen Ende, dann spricht man von einer “inversen” Zinskurve.

 

Die laxe Geldpolitik hat dazu geführt, dass sich die Zinsen für die unterschiedlichen Laufzeiten von Anleihen stark angenähert haben. Das ist vor allem für Banken ein riesiges Problem. Denn langfristige Kredite, die die Häuser vergeben, werden mit kurz laufenden Krediten gegenfinanziert. Je höher der Zinsunterschied ist, desto höher fallen die Gewinne aus.

 

Kleiner Einschub: Das ist übrigens der Grund, warum die Finanzwirtschaft steigende Zinsen fürchtet, obwohl sie unter den niedrigen Zinsen leidet. Sollten die Zinsen steigen, würden die kurzfristigen Kredite schnell teurer werden, mit denen noch laufende und mager verzinste Kredite gegenfinanziert werden müssen.

Der Eingriff würde bedeuten, dass Japans Notenbank die Zinsen für lang laufende Anleihen heben und die für kurze Laufzeiten unten halten würde. Dieser Schritt käme vor allem den Bankbilanzen zugute. Ob sie Inflation erzeugen und Unternehmensinvestitionen ankurbeln, ist dagegen zweifelhaft.

 

In Europa und den USA werden diese Pläne genau beäugt. Sollte Japan tatsächlich mit der Brechstange in die Zinsmärkte gehen und damit auch nur kleinste Erfolge erzielen, dürfte dies als Blaupause auch für die EZB dienen. Erst einmal wird aber alles beim Alten bleiben, wobei sehr viel dafür spricht, dass spätestens zum Jahreswechsel das Anleiheaufkaufprogramm der EZB verlängert werden wird.

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Schmutz als Chance

12.09.2016 14:09 | Stefan Wolff

“Spiel nicht mit den Schmuddelkindern”, hat vor langer Zeit der Liedermacher Franz Josef Degenhardt gesungen. An der Börse hält man das anders. Der Börsengang von Uniper war fulminant. Allen Bedenken zum Trotz hielt sich das Papier am ersten Handelstag wacker.

Es war einer der größten Börsengänge der vergangenen Jahre. Das Unternehmen war sogar einen Tag Dax-Mitglied, weil es von einem Dax-Mitglied abgetrennt wird. Diesen Titel führten schon die Siemens-Tochter Osram und der Bayer-Spaltpilz Lanxess. Das Debüt von Uniper hat auch RWE Mut gemacht. Das Unternehmen hat nicht wie Eon die Vergangenheit ausgegliedert, sondern die Zukunft. Die Tochter Innogy bündelt das Ökostromgeschäft, die Stromnetze und den Vertrieb. Der Mutterkonzern RWE bei Stromerzeugung aus Gas und Kohle Auch die Atomkraftwerke bleiben dort.

Zwei Taktiken, ein Ziel: Die Aufspaltung soll befreiend wirken. Die Energiewende soll schneller und besser vollzogen werden. Damit wollen die beiden Energieriesen vom Gejagten zum Jäger werden. Schließlich haben sie in den vergangenen Jahren ein jammervolles Bild abgegeben. Vom Beschluss, das Atomzeitalter in Deutschland zu beenden, wurden sie kalt erwischt und haben allenfalls reagiert.

Vor der Energiewende haben die vier Energieriesen fast den gesamten Strom produziert, den die Deutschen benötigten. EnBW, Vattenfall, RWE und Eon kamen auf einen Marktanteil von 82 Prozent. Diese Zeiten sind vorbei. Denn während der Anteil von Strom aus kleineren Wind- und Solaranlagen beständig wuchs, sanken die Preise für herkömmlich erzeugten Strom. RWE hatte 2013  noch einen Marktanteil von 27 Prozent. Fünf Jahre davor waren es über 32 Prozent gewesen. Bei Eon ging der Anteil an der Stromerzeugung sogar  von 22 Prozent auf 15 Prozent zurück.

Dieser Niedergang erforderte radikale Schnitte. Und ausgerechnet den Schmuddelkindern könnte das zugute kommen. Wenn die Sonne nicht scheint oder der Wind nicht weht, müssen herkömmliche Kraftwerke einspringen. Das ist zwar teuer. Die Netzumschaltkosten sind in den vergangenen Monaten rasant gestiegen. Doch ist es alternativlos, zumindest so lange, bis Lagermöglichkeiten für Wind- und Sonnenstrom geschaffen worden sind und die Transporttrassen stehen. Das heißt: Hier schlägt die Stunde von Uniper und von RWE.

Das Thema “Versorgungssicherheit” ist immer wichtiger geworden. Auch die größten und kompromisslosesten Fans alternativer Energieträger wollen nicht bei der Stromversorgung hohe Ausfallwahrscheinlichkeiten hinnehmen. Und in Sachen Zuverlässigkeit sind nun einmal die “Großen” weit vorn, auch wenn der Strom dann aus abgeschriebenen, 40 Jahre alten Dreckschleudern kommt.

An der Börse dürfte Uniper auch mit der Dividende punkten. Bis zu 75 Prozent seiner Gewinne will Uniper ausschütten. Das kommt zwar vor allem Großaktionärin Eon zugute, dürfte aber ein gutes Lockmittel sein. Zumindest so lange Kohle und Gas verstromt werden, kann sich die Aktie den Status eines Witwen- und Waisenpapiers erarbeiten. Das war bei Eon und RWE lange nicht mehr der Fall.

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Tagelang hatten Anleger auf einen Verbleib der Briten in der Europäischen Union spekuliert. Die Kursreaktion am Tage nach der Brexit-Reaktion zeigt deutlich, dass Wetten auch verloren gehen können. Großbritannien hat entschieden. Das Land wird die EU verlassen. Die “splendid isolation” ist nah.

Es wird eine schmutzige Scheidung. Zwei Jahre sind nun Zeit, um die Bedingungen für die Trennung auszuhandeln. Es drohen Zölle, Einfuhrbeschränkungen und andere Handelshemmnisse. Vermutlich wird ziemlich viel Geld von der Insel abfließen. Deutsche Bank-Chef John Cryan hat im Vorfeld der Abstimmung gesagt, im Falle eines Brexit würden viele Kunden keinen Sinn darin sehen, in der Londoner City Euro-Anleihen zu handeln.

Börsen-Fusion überhaupt noch sinnvoll?

Als führender Devisenhändler der Welt dürfte der Einfluss der Deutschen Bank nicht zu unterschätzen sein. Auch andere Finanzinsititute dürften ihre Zelte in London zumindest verkleinern. Die Deutsche Börse sollte ihre Fusionspläne mit London noch einmal überdenken. Frankfurt kann auch aus eigener Kraft zum führenden Finanzplatz in Europa heranwachsen. Die nun eingetretenen Rechtsunsicherheiten dürften einen Zusammenschluss erschweren und den Erfolg weniger planbar machen.

Die heftigen Kursverluste sind natürlich nicht nur das Resultat einer verloren gegangenen Wette. Das Wirtschaftsklima in Europa wird sich eintrüben. Unternehmen, die in Großbritannien gute Geschäfte machen, gehören zu den stärksten Verlierern an der Börse, wie eben die Deutsche Bank, die ein Fünftel ihrer Unternehmensgewinne in der City erwirtschaftet. Oder eben die Versorger, die in Großbritannien aktiv sind. Und natürlich die Autohersteller. Nicht nur, dass diese wegen der großen Verunsicherung der Verbraucher damit rechnen müssen, weniger Neuwagen mit Rechtslenkung abzusetzen.

Der Bremser geht von Bord

Und politisch? Ein “Weiterso” kann es nicht geben. Der Austritt eines so großen Landes aus der EU ist ein historischer Einschnitt. Und im Falle Großbritanniens eine historische Chance. Der Bremser geht von Bord. Das bedeutet auch, dass der Zug mehr Fahrt aufnehmen kann. Die Briten waren personifizierte Extrawurst. Die Antwort auf den Austritt kann nur heißen: Mehr Europa. Die Zeit dafür ist reif.

Für die Politik wird das eine Mammutaufgabe sein. Den Populisten, die in Großbritannien einen Pyrrhussieg errungen haben, darf der Raum nicht gelassen werden, den sie sich in den Niederlanden, Deutschland, Frankreich und anderswo erobert haben. An die Spitze müssen sich wieder begeisterte Europäer setzen, nicht irgendwelche Ärmelschoner, die nur Verwaltungsakte tätigen und über Gurkenlängen diskutieren.

Gemeinsame Verteidigungspolitik, gemeinsame Wirtschaftspolitik, gemeinsame Flüchtlingspolitik sind möglich. Als Belohnung winkt ein gemeinsamer Markt, der zukunftsfähig ist.

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Das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) hat die Frage, ob die Europäische Zentralbank (EZB) durch Anleihekäufe klammen Euro-Staaten helfen darf, mit einem klaren “Ja, aber” beantwortet. Das Urteil ist für alle Beteiligten gesichtswahrend und gibt der EZB längst nicht unbegrenzt freie Hand.

 

Im Jahr 2014 hatte das BVerfG entschieden, nicht für die Geldpolitik der EZB zuständig zu sein und den Fall an den Europäischen Gerichtshof (EuGH) verwiesen. Dabei hatten die Karlsruher Richter deutlich gemacht, dass sie mit bei den umstrittenen Outright Monetary Transactions (OMT), unbegrenzten Anleihekäufen durch die Währungshüter, durchaus Bauchschmerzen haben. Den Vorgang habe ich in diesem Blog unter anderem hier und hier kommentiert. Schon damals war klar: Europa hat in Karlsruhe nichts zu suchen.

 

Die deutschen Verfassungsrichter sind bei ihrer Linie geblieben. Sie teilen die Auffassung des EuGH, dass OMT rechtens sein können, ohne ihre Bedenken ganz aufzugeben. Die EZB würde mit ihrem Programm, das der Draghi’schen Logik des “Whatever it takes” folgt, nicht willkürlich in Wirtschaft und Politik eingreifen. Dass die Geldpolitik aber Einflüsse und Wirkungen erzielt, ist ebenso logisch wie hinzunehmen.

 

Gleichzeitig ist das Urteil des BVerfG ein Aufruf, weiter wachsam zu sein, damit es eben nicht zu einer unzulässigen direkten Staatsfinanzierung durch die EZB kommt. Diese Aufgabe kommt klar der Bundesbank zu. Auch Bundesregierung und Bundestag müssen genau hinschauen, sollte OMT je zur Anwendung kommen.

 

Das Urteil spaltet. Während die einen von einem vernünftigen Kompromiss sprechen, sehen andere schon die EZB mit einem Freibrief ausgestattet, die Demokratie in Europa zu beerdigen. Man kann zu OMT stehen wie man möchte, doch das Urteil ist alles andere als ein Freibrief. Sollte es zu gravierenden Verstößen kommen, werden diese angezeigt werden können.

 

Für das von der EZB bereits durchgeführte Anleiheaufkaufprogramm hat das Urteil des Bundesverfassungsgerichts keinerlei Relevanz. Es ist ja bereits eine Art “OMT light”, weil die Käufe begrenzt sind und gleichmäßig Papiere aus allen Euro-Ländern betreffen. Mit den Statuten der EZB ist das wohl vereinbar. Ob die Maßnahmen dagegen zielführend sind, steht auf einem anderen Blatt.

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Vor kurzem ist die Europäische Zentralbank (EZB) dazu übergegangen, auch Unternehmensanleihen zu kaufen. Wie viel Geld die Währungshüter dafür in die Hand nehmen werden, ist nicht bekannt. Das Programm wird aber mächtig in den Markt eingreifen und die Koordinaten der Geldanlage weiter deutlich verschieben.

 

Es geht um Milliarden. Wenn eine Firma Anleihen herausgibt, steht die EZB bereit, bis zu 70 Prozent dieser Emission aufzukaufen. Das heißt: Für Groß- und Kleinanleger bleibt nicht einmal ein Drittel der Papiere übrig. Das Angebot wird also deutlich verknappt werden. Der von der EZB verursachte Nachfrageschub dürfte die Preise ordentlich nach oben treiben, für den Preis niedriger Zinsen.

 

Schon als die EZB im vergangenen März ihr Programm angekündigt hatte, waren die so genannten “Risikoprämien” stark gesunken. Das sind die Zinsaufschläge, die bei Firmenanleihen gegenüber Staatspapieren verlangt werden. Binnen kurzer Zeit sanken diese Prämien um zehn Prozent, bei Anleihen aus der Autobranche sogar um die Hälfte, wie die Helaba ausgerechnet hat. Das ist eine verzerrte Welt, denn natürlich sind die Risiken nicht geschrumpft. Bei Unternehmen kann es schneller zu Ausfällen kommen als bei Staaten (Ausnahmen bestätigen die Regel). Die tatsächlichen Risiken sollten von höheren Zinsen gespiegelt werden.

 

Kritik an dem Programm lässt EZB-Chef Draghi an sich abperlen. Natürlich handelt sich die Notenbank damit den Vorwurf ein, indirekt Firmen zu finanzieren. Der Eingriff ins Wirtschaftsleben kann ganz eklatant ausfallen. Zum Beispiel könnten die neuen Finanzierungskonditionen Unternehmen dazu verleiten, Fusionen und Übernahmen anzustreben, die unter “normalen” Bedingungen gar nicht zu stemmen wären.

 

Auf der anderen Seite stehen Anleger vor einem weiteren Dilemma. Auskömmliche Zinsen bei überschaubaren Risiken werden noch schwerer zu finden sein. Da auch Versicherer und Pensionsfonds betroffen sind, zahlen Privatanleger die Zeche doppelt.

 

Allerdings ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass sich Großanleger nun blind ins Risiko stoßen. Die fundamentalen Daten dürften bei der Anlageentscheidung weiter eine entscheidende Rolle spielen. Auch Privatanleger sollten sich Unternehmen vor einer Investitionsentscheidung genau anschauen. Gewinnsituation und Schuldenstand sind sehr viel wichtigere Kriterien als der Zins.

 

Mal wieder muss also der Risikoradar neu justiert werden. Wohin die Reise geht, zeigt ein Blick auf die Staatsanleihen. Die Umlaufrendite (das ist der Durchschnittszins für deutsche Anleihen) ist erstmals in den negativen Bereich gefallen. Konkret bedeutet dies, dass sich der Bund bis zu einer Laufzeit von neun Jahren nicht nur “für umsonst” verschulden kann. Er bekommt sogar noch etwas dafür.

 

Dass Risiken dennoch wahrgenommen werden, zeigt sich beim Blick auf andere Staaten, die ja Zinsen zahlen müssen. Oder zumindest niedrigere Minuszinsen aufrufen. Bei Unternehmen wird das nicht anders sein.

 

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Die Argumente erinnern sehr an die Heuschrecken-Debatte aus dem Jahr 2005. Damals hatte der damalige Vizekanzler Franz Müntefering Beteiligungsfirmen vorgeworfen, dem Standort Deutschland zu schaden, indem sie Unternehmen aufkaufen, zerlegen und die Einzelteile wieder verhökern. Dieses Mal heißt der Vizekanzler Sigmar Gabriel. Und der ist in Sorge, Chinas Staatsunternehmen könnten die deutsche Unternehmenslandschaft leerkaufen.

 

Schon seit einigen Jahren plagt chinesische Unternehmen der Übernahmehunger. In den vergangenen Monaten haben sie wieder verstärkt zugeschnappt. Aktuell steht der Graphitexperte SGL Carbon auf dem Einkaufszettel. Auch am Maschinenbauer Aixtron und dem Roboterhersteller Kuka haben die Chinesen Interesse bekundet.

 

Schon die früheren Unternehmenskäufe und Beteiligungen haben gezeigt, dass Geld im Prinzip keine Rolle spielt. Chinesische Staatsunternehmen haben Devisenüberschüsse, die eines Exportweltmeisters würdig sind, vor allem in US-Dollar. Ein Ökonom hat mal vorgerechnet, dass das Reich der Mitte sämtliche Dow-Jones-Konzerne aufkaufen könnte. Es gäbe sogar noch Geld zurück.

 

Jetzt aber steht ersteinmal deutsches Knowhow im Mittelpunkt. Das Beuteschema ist klar definiert. Vor allem Autoindustrie und Maschinenbau interessieren die Chinesen und damit zwei Kernkompetenzen der deutschen Wirtschaft. Dabei haben sie vor allem in Mittelständler investiert und machen manchmal mit illustren Namen auf sich aufmerksam. Kraussmaffei, der Baumaschinenhersteller Putzmeister, Kion (die Gabelstaplersparte von Linde), Autoschloss-Spezialist Kiekert und Müllverbrenner EEW Energy befinden sich unter anderem in chinesischer Hand.

 

Nicht wenige Beobachter heben schon den Zeigefinger und warnen davon, dass deutscher Technologievorsprung abgesaugt werden könnte. Kompetenzen und Arbeitsplätze könnten verloren gehen. Deshalb haben zum Beispiel die Kuka-Aktionäre ordentlich Stimmung auf der Hauptversammlung gemacht. Gerade Kuka gilt als sensibel, da das Unternehmen maßgeblich für die Industrie 4.0 steht, also für die Vernetzung von Internet und Industrie.

 

Das ruft die Politik auf den Plan. Doch kann solch ein Protektionismus wirklich funktionieren? Die Franzosen machen es vor. Ohne ein zustimmendes Nicken aus dem Elysée-Palast geht wenig für ausländische und einheimische Firmen. Sigmar Gabriel wird es allerdings schwerfallen, ein Konsortium zu finden, das sich Kuka annehmen könnte. Schon aus diplomatischen Gründen. Deutsche Autohersteller machen sehr gute Geschäfte im Reich der Mitte. Das wird man sich nicht verscherzen.

 

Die Angst vor einem ungewollten Technologietransfer ist durchaus berechtigt. Die Gegenargumente sind aber ebenso klar und einleuchtend. Der chinesische Markt bietet ungeheure Möglichkeiten. Chinesische Eigner könnten sich als ideale Türöffner erweisen und so den deutschen Technologiestandort eher stärken als schwächen. Schließlich schauen Kunden bei hochspezialisierten Maschinen mehr auf Qualität, Präzision und Leistung als auf den Preis.
Bei weniger komplizierter Technik sieht das schon anders aus. Ein Negativ-Beispiel ist die Solarbranche. Hier dominieren inzwischen Billiganbieter aus China den Markt.

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In Leverkusen bahnt sich die größte Firmenübernahme der Geschichte an, und die Reaktionen fallen eindeutig aus. Monsanto-Aktien steigen in Richtung Übernahmeangebotspreis. Einige Versprengte setzen auch noch auf Gegengebote. Schließlich galt BASF auch als interessiert. Bayer-Aktien gehen währenddessen auf Tauchfahrt. Dabei geht es nicht nur um die geplante Kapitalerhöhung. Viele Anleger werden mit dem anstehenden Deal nicht warm. Sie finden 62 Milliarden Dollar (etwa 55 Milliarden Euro) für Monsanto schlicht zu teuer.

Das düfrte aber nicht das einzige Problem sein. Monsanto selbst sieht sich ja gern als Lebensspender, als Streiter für das Ende des Hungers in der Welt. Monsanto-Gegner beschreiben den Konzern als Todesstern, dessen Mission es ist, Leben zu beherrschen und Vielfalt zu vernichten. Die Diskussion um den umstrittenen Unkrautvernichter Glyphosat ist dabei nur Spitze des Eisbergs, zeigt aber deutlich, dass Bayer mit seinem Kaufangebot für Monsanto auch jede Menge Konfliktpotenzial einkauft. Das kann zu einem Imageproblem für die normalerweise relativ wohlklingende Marke Bayer werden.

Warum also tut sich Bayer das an? Die Antwort ist einfach: Weil Monsanto Geschäfte macht, die Bayer in Europa nicht machen darf, die die Leverkusener anderswo aber schon machen. Nur ist ihnen Monsanto in vielen Bereichen voraus.

Als großes Ziel steht das Doppel-Monopol. Monsanto und Bayer können Saatgut für Pflanzen liefern, die sich nicht von allein vermehren und die passenden Mittelchen dazu, die der Landwirt versprühen muss, damit die Pflanzen überhaupt überleben. In bestimmten Bereichen lässt sich dann eine marktbeherrschende Stellung quasi gar nicht mehr vermeiden. Und: Durch den Erwerb von Monsanto käme der Genmais quasi durch die Hintertür. In Deutschland verpönt, hätten die Produkte ganz andere Potenziale, würden sie von den USA aus in die Welt getragen.

Die ganz große Sorge sollte sein, ob denn ein Bayer-Monsanto Konzern überhaupt in Leverkusen noch eine Perspektive für sich sieht. Der Laden steht immer dort, wo die Geschäfte laufen. Die Musik in der Agrar-Chemie spielt ganz klar nicht am Rhein. Die Übernahme könnte der erste Schritt sein für eine Auswanderer-Geschichte.

Ein Beispiel dafür ist die Hoechst AG. Im Zuge der Fusion mit Rhone-Poulenc zog das Gemeinschaftsunternehmen mit dem Namen Aventis nach Straßburg, um sich dann mit Sanofi nach Paris zu fusionieren. Von Hoechst ist am Main nicht viel übrig.

Damals handelte es sich um einen Zusammenschluss auf Augenhöhe. Auch wenn Monsanto für Bayer allenfalls ein Juniorpartner ist, könnten die Marktmächte ungeahnte Anziehungskräfte entwickeln.

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Die Aussicht auf eine lange Ära niedriger Zinsen hat die Koordinaten im Geldanlageuniversum verschoben. Sachwerte sind gefragt. Dazu gehören ganz zweifelsfrei auch Immobilien. Anleger müssen ungeheuer aufpassen.

 

Die eigenen vier Wände stehen hoch im Kurs. Auch Objekte zur Vermietung sind heiß begehrt. Kein Wunder, denn die Bauzinsen sind historisch niedrig. Für Immobilienkredite mit zehn Jahren Laufzeit verlangen Banken (hervorragende Bonität vorausgesetzt) verlangen Banken derzeit durchschnittlich etwas mehr als 1,3 Prozent Zinsen.

 

Dennoch kann so manche Schnäppchen-Finanzierung schnell teuer werden, sollten die gestiegenen Immobilienpreise den Zinsvorteil wieder wettmachen. Dass das durchaus möglich ist, ist ein offenes Geheimnis. Das 25-Fache der jährlich zu erzielenden Kaltmiete gilt als realistischer Kaufpreis. Liegt er darunter, lässt sich als Vermieter mehr verdienen. Doch angesichts gestiegener Immobilienpreise ist das unwahrscheinlich. In einigen Ballungsräumen werden schon Preise aufgerufen, die 30 Jahresmieten übersteigen.

 

Diese Entwicklung lässt sich durchaus als sich aufpumpende Preisblase interpretieren. Ein weiteres Indiz: Immer weniger Menschen können sich ihre eigenen vier Wände leisten. Eine Studie der Postbank hat vor kurzem die Kosten für eine Immobilie zu den durchschnittlichen Jahreseinkommen ins Verhältnis gesetzt. In der Spitzenreiterstadt München kostete 2005 den Berechnungen zufolge eine 100-Quadratmeter-Wohnung knapp neun Jahreseinkommen, im vergangenen Jahr waren es 15. In Hamburg stiegen die Preise im gleichen Zeitraum um drei Jahreseinkommen, ebenso wie in Mainz. Sinkende Preise gab es nur in Wuppertal, Essen, Gelsenkirchen und Chemnitz.

 

Drittes Indiz: die Fondsbranche. Offene Immobilienfonds haben sich zu den größten Favoriten deutscher Anleger entwickelt. Allein im Januar und Februar dieses Jahres flossen 1,78 Milliarden Euro in diese Anlagevehikel. Der Ansturm ist so riesig, dass erste Gesellschaften gar kein Geld mehr annehmen. Der Grund: Es finden sich nicht genügend geeignete Objekte.

 

Und so liegt Anlegergeld, das nicht in Betongold gegossen werden kann, bar herum und wirft somit in diesen zinslosen Zeiten nichts ab, was die Gesamtvorstellung des Fonds natürlich erheblich beeinträchtigt. Offene Immobilienfonds sind keine Kursraketen. Anleger können mit Jahresrenditen um drei Prozent herum rechnen. Das größte Plus ist dabei die Kontinuität, was sich gleichzeitig als gleichzeitig als großes Manko herausstellen kann. Starke Zu- und Abflüsse können nicht kompensiert werden, weil Immobiliengeschäfte nun einmal langsam ablaufen. Das Wort “Immobilie” bedeutet nicht umsonst “unbeweglich”.

 

Dieser Umstand hatte nach der Finanzkrise 2007/2008 die Branche in eine tiefe Krise gestürzt. Großanleger hatten angesichts drastischer Kursverluste an den Aktienmärkten und nach den massiven Zinssenkungen der Zentralbanken offene Immobilienfonds als Tagesgeldkonten “missbraucht“, um auf sichere Art und Weise Geld zu parken und zu vermehren. Unzählige Fonds hatten damals ihre Pforten schließen müssen und ihre Ausschüttungen gestoppt.
Waren es damals massive Abflüsse, die den Fondsmanagern zu schaffen machten, so ist es heute die Geldflut, derer sie sich erwehren müssen. Die Gefahr, dass die Immobilienmärkte eine Finanzkrise auslösen, besteht nach Ansicht der Branche jedoch nicht. Trotzdem ist deutlich zu erkennen, wie sich die Koordinaten der Geldanlage verschieben.

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Es war die Euphorie rund um die “Hochzeit im Himmel”. Die Ehe zwischen Daimler und Chrysler jagte im Jahr 1998 den Kurs der Daimler-Aktien über die Marke von 100 Euro. Solche Höhen wurden seither nie mehr gesehen. Papiere der Deutschen Bank erreichten ihr Allzeithoch Mitte 2007, kurz vor Ausbruch der Finanzkrise. Von den damals 102 Euro sind gerade noch knapp 17 Euro übrig (Stand: 26.04.2016).

 

Niedergänge zweier Weltkonzerne an der Börse. Ganz ähnliche Geschichten erzählen auch die Kursverläufe von Volkswagen und Commerzbank. Und die Parallelen sind ganz erstaunlich, wenn man sie von einer Perspektive betrachtet. Es geht um Vertrauen oder besser: um verlorengegangenes Vertrauen.

 

Es war keine wirkliche Überraschung, als klar wurde, dass nicht nur VW bei Abgaswerten geschummelt hat.  Ein Schock war es schon. Die Branche steht nun endgültig unter Generalverdacht. Sollte sich der Skandal ausweiten, dann werden Autoaktien zu den neuen Bankwerten werden. Diese hatten im Zuge der Finanzkrise nicht nur erhebliche Kursverluste wegstecken müssen sondern auch deutlich an Renommee eingebüßt.

 

Erst war es die Enttäuschung darüber, dass viele Institute vor der Krise hemmungslos gezockt haben, dass sie ihren Kunden Produkte aufschwätzten, die sie eigentlich nicht brauchten. Dann kamen die Geldstrafen und Prozesse und die hohen Regulierungsanforderungen, die bis heute dafür sorgen, dass es auch bilanztechnisch nicht rund läuft.

 

Die Folge: Bankaktien haben sich zu Mauerblümchen an der Börse entwickelt. Anleger schrecken immer noch vor den vielen bestehenden Unsicherheiten zurück. Ein ähnliches Schicksal droht nun auch den Papieren der Automobilhersteller.  Es ist kaum zu erwarten, dass die US-Justizbehörden und Gerichte VW (und neuerdings auch Daimler) schnell vom Haken lassen werden. Die Prozesse werden sich ziehen, die Kosten werden sich kontinuierlich erhöhen. Bis der Skandal sich in – dann hoffentlich saubere – Luft aufgelöst hat werden nicht Monate sondern Jahre vergehen.

 

Zumindest VW hat es versäumt, die Sache schnell und geräuschlos beizulegen. Das ist vermutlich auch angesichts des Umfangs nur schwer möglich gewesen. Dieses Versäumnis allerdings strahlt auf die gesamte Branche ab. Während VW Aktien auf einen Schlag verloren haben, hat sich der Niedergang bei Daimler kontinuierlich vollzogen. Chrysler, Mitsubishi und andere Träume vom Weltkonzern kosteten langsam aber sicher Substanz. Ende 2012 schien die Talsohle durchschritten. Die Stuttgarter glänzten mit steigenden Verkaufszahlen, intelligenter Modellpolitik, schienen alles richtig zu machen.

 

Jetzt folgte der Dämpfer. Wie nachhaltig dieser ist, entscheiden die Manager in Wolfsburg und Stuttgart. Verbraucher vergessen bekanntermaßen schnell. Sie verzeihen “ihrer” Marke. An der Börse ist das nicht so. Einmal verloren gegangenes Vertrauen lässt sich nur sehr schwer wieder herstellen.

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