Wieder einmal bestätigt sich: Umfragen sind keine Wahlergebnisse. Schwarze Schwäne gibt es nicht, die Lehman Brothers werden niemals kollabieren und Großbritannien wird gegen den Brexit stimmen. Für Meinungsforscher und Analysten sind es keine guten Zeiten. Fest steht: Amerikas kommender Präsident heißt Trump. Den hatte bis zuletzt kaum einer auf dem Radarschirm gehabt. Die Märkte reagieren trotzdem gelassen.

In seiner ersten Rede nach dem Wahlsieg habe Trump sehr versöhnlich geklungen, heißt es zur Begründung. Kann man so sehen. Allerdings kann auch eine Menge Kreide im Spiel gewesen sein. Spielt Amerika seine Trumpfkarte (“play the trump”) oder erklingen die Posaunen des Jüngsten Tages (“The last Trump”). Wie wissen es nicht und werden auch ganz gewiss – siehe oben – keine Meinungsforscher fragen, halten aber fest, dass die englische Sprache für diesen Fall die schöneren Wortspiele bereit hält.

Vor der Wahl war die deutsche Wirtschaft in großer Sorge, die Handelsbeziehungen zu den USA könnten zertrumpelt werden. Inzwischen halten sich die Vertreter eher zurück. Kein Wunder, denn wenn nur die Hälfte von dem eintritt, was Trump im Wahlkampf angekündigt hatte, wird es einen heftigen Dämpfer für die Weltwirtschaft geben.

TTIP, das Abkommen zwischen EU und USA, ist ohnehin Geschichte. Trump hat angekündigt, sämtlichen Freihandel aufzukündigen. Theoretisch wäre ein Austritt der USA aus der Welthandelsorganisation (WHO) die logische Konsequenz. Ganz praktisch stehen Nafta, das Abkommen zwischen Kanada, Mexiko und den USA, und das gerade verhandelte transatlantische Bündnis TPP ebenso zur Disposition, wie diverse bilaterale Abkommen zwischen den USA und einzelnen EU-Staaten.

Auf alle Fälle kann das Pariser Klimaabkommen geknickt werden. In der Welt Donald Trumps findet kein Klimawandel statt. Kohle, Öl, Gas und das mit letzteren verbundene Fracking bleiben die Energieträger der ersten Wahl.  Hinzu kommt, dass die öffentliche Hand gesetzlich dazu verpflichtet werden soll, bei Anschaffungen und Investitionen ausschließlich US-amerikanische Anbieter zu berücksichtigen. Außerdem drohen Straf- und Schutzzölle. Festhalten, die nächste Fahrt geht rückwärts.

Das klingt alles so, als würde zumindest erst einmal alles in Frage gestellt, was wirtschaftlich gestern noch sicher schien. Der kommende US-Präsident hat die Macht dazu, kann durchregieren. Denn die Mehrheit im Kongress gibt ihm sehr viel mehr Spielraum als Clinton ihn gehabt hätte. Trump wird in der kommenden Zeit wichtige Schlüsselpositionen – zum Beispiel am Obersten Gerichtshof – besetzen. Die Amtszeit von US-Notenbankpräsidentin Janet Yellen endet zudem Anfang 2018.

Was das alles für die Finanzmärkte bedeutet, ist unklar. Tendenziell wird es nervöser zugehen. Anleger werden sich auf größere Schwankungen einstellen müssen. Gold gewinnt als Krisenmetall wieder an Glanz. Auch langfristig ist die Welt sehr viel unsicherer geworden.

Am Jahrestag des Mauerfalls in Deutschland kommt in den USA ein Maurer an die Macht. Ein mehrfach gescheiterter Großkapitalist macht sich auf, die freie Marktwirtschaft zu erledigen. Welch feine Ironie. Karl Marx hätte seine Freude daran gehabt.

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Manche Gerüchte haben an der Börse ein sehr frühes Verfallsdatum.  Das gilt auch für die Spekulation, dass die EZB eine Zinswende einläuten könnte. Und trotzdem ist die Diskussion eröffnet.

 

Schwammiger geht es kaum. Die EZB könnte “eventuell schrittweise ihr Anleihekaufprogramm zurückfahren”, meldete eine Nachrichtenagentur. Trotzdem wirkte das Gerücht. Anleihezinsen stiegen, Aktienkurse fielen, der Euro legte zu, auch wenn die EZB schnell dementierte. Die Aufregung hat sich schnell wieder gelegt. Es dürfte auch nichts passieren.

 

Die Aktion könnte ein Testballon gewesen sein, um herauszufinden, was passieren würde, sollte die EZB tatsächlich eine Zinswende einläuten. Schließlich ist klar, dass das nicht mit einem großen Knall passieren wird sondern behutsam. Schrittweise wird das Anleiheaufkaufprogramm heruntergefahren und am Ende werden die Zinsen ebenso behutsam angehoben.

 

Das wird in ein paar Jahren sicher passieren. Momentan aber stehen die Zeichen anders. Die US-Notenbank wird in diesem Jahr nichts mehr unternehmen. Und die Bank of Japan stellt die Zeichen auf eine noch lockerere Geldpolitik. Jetzt soll auch die Zinskurve zurecht gebogen werden.

 

Als Zinskurve bezeichnet man die sich verändernde Zinshöhe bei unterschiedlichen Laufzeiten. Normalerweise sind die Zinsen bei Kurzläufern niedrig, lang laufende Anleihen kosten deutlich mehr Zinsen. Liegen die Zinsen am langen Ende der Kurve unter denen am kurzen Ende, dann spricht man von einer “inversen” Zinskurve.

 

Die laxe Geldpolitik hat dazu geführt, dass sich die Zinsen für die unterschiedlichen Laufzeiten von Anleihen stark angenähert haben. Das ist vor allem für Banken ein riesiges Problem. Denn langfristige Kredite, die die Häuser vergeben, werden mit kurz laufenden Krediten gegenfinanziert. Je höher der Zinsunterschied ist, desto höher fallen die Gewinne aus.

 

Kleiner Einschub: Das ist übrigens der Grund, warum die Finanzwirtschaft steigende Zinsen fürchtet, obwohl sie unter den niedrigen Zinsen leidet. Sollten die Zinsen steigen, würden die kurzfristigen Kredite schnell teurer werden, mit denen noch laufende und mager verzinste Kredite gegenfinanziert werden müssen.

Der Eingriff würde bedeuten, dass Japans Notenbank die Zinsen für lang laufende Anleihen heben und die für kurze Laufzeiten unten halten würde. Dieser Schritt käme vor allem den Bankbilanzen zugute. Ob sie Inflation erzeugen und Unternehmensinvestitionen ankurbeln, ist dagegen zweifelhaft.

 

In Europa und den USA werden diese Pläne genau beäugt. Sollte Japan tatsächlich mit der Brechstange in die Zinsmärkte gehen und damit auch nur kleinste Erfolge erzielen, dürfte dies als Blaupause auch für die EZB dienen. Erst einmal wird aber alles beim Alten bleiben, wobei sehr viel dafür spricht, dass spätestens zum Jahreswechsel das Anleiheaufkaufprogramm der EZB verlängert werden wird.

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Schmutz als Chance

12.09.2016 14:09 | Stefan Wolff

“Spiel nicht mit den Schmuddelkindern”, hat vor langer Zeit der Liedermacher Franz Josef Degenhardt gesungen. An der Börse hält man das anders. Der Börsengang von Uniper war fulminant. Allen Bedenken zum Trotz hielt sich das Papier am ersten Handelstag wacker.

Es war einer der größten Börsengänge der vergangenen Jahre. Das Unternehmen war sogar einen Tag Dax-Mitglied, weil es von einem Dax-Mitglied abgetrennt wird. Diesen Titel führten schon die Siemens-Tochter Osram und der Bayer-Spaltpilz Lanxess. Das Debüt von Uniper hat auch RWE Mut gemacht. Das Unternehmen hat nicht wie Eon die Vergangenheit ausgegliedert, sondern die Zukunft. Die Tochter Innogy bündelt das Ökostromgeschäft, die Stromnetze und den Vertrieb. Der Mutterkonzern RWE bei Stromerzeugung aus Gas und Kohle Auch die Atomkraftwerke bleiben dort.

Zwei Taktiken, ein Ziel: Die Aufspaltung soll befreiend wirken. Die Energiewende soll schneller und besser vollzogen werden. Damit wollen die beiden Energieriesen vom Gejagten zum Jäger werden. Schließlich haben sie in den vergangenen Jahren ein jammervolles Bild abgegeben. Vom Beschluss, das Atomzeitalter in Deutschland zu beenden, wurden sie kalt erwischt und haben allenfalls reagiert.

Vor der Energiewende haben die vier Energieriesen fast den gesamten Strom produziert, den die Deutschen benötigten. EnBW, Vattenfall, RWE und Eon kamen auf einen Marktanteil von 82 Prozent. Diese Zeiten sind vorbei. Denn während der Anteil von Strom aus kleineren Wind- und Solaranlagen beständig wuchs, sanken die Preise für herkömmlich erzeugten Strom. RWE hatte 2013  noch einen Marktanteil von 27 Prozent. Fünf Jahre davor waren es über 32 Prozent gewesen. Bei Eon ging der Anteil an der Stromerzeugung sogar  von 22 Prozent auf 15 Prozent zurück.

Dieser Niedergang erforderte radikale Schnitte. Und ausgerechnet den Schmuddelkindern könnte das zugute kommen. Wenn die Sonne nicht scheint oder der Wind nicht weht, müssen herkömmliche Kraftwerke einspringen. Das ist zwar teuer. Die Netzumschaltkosten sind in den vergangenen Monaten rasant gestiegen. Doch ist es alternativlos, zumindest so lange, bis Lagermöglichkeiten für Wind- und Sonnenstrom geschaffen worden sind und die Transporttrassen stehen. Das heißt: Hier schlägt die Stunde von Uniper und von RWE.

Das Thema “Versorgungssicherheit” ist immer wichtiger geworden. Auch die größten und kompromisslosesten Fans alternativer Energieträger wollen nicht bei der Stromversorgung hohe Ausfallwahrscheinlichkeiten hinnehmen. Und in Sachen Zuverlässigkeit sind nun einmal die “Großen” weit vorn, auch wenn der Strom dann aus abgeschriebenen, 40 Jahre alten Dreckschleudern kommt.

An der Börse dürfte Uniper auch mit der Dividende punkten. Bis zu 75 Prozent seiner Gewinne will Uniper ausschütten. Das kommt zwar vor allem Großaktionärin Eon zugute, dürfte aber ein gutes Lockmittel sein. Zumindest so lange Kohle und Gas verstromt werden, kann sich die Aktie den Status eines Witwen- und Waisenpapiers erarbeiten. Das war bei Eon und RWE lange nicht mehr der Fall.

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Tagelang hatten Anleger auf einen Verbleib der Briten in der Europäischen Union spekuliert. Die Kursreaktion am Tage nach der Brexit-Reaktion zeigt deutlich, dass Wetten auch verloren gehen können. Großbritannien hat entschieden. Das Land wird die EU verlassen. Die “splendid isolation” ist nah.

Es wird eine schmutzige Scheidung. Zwei Jahre sind nun Zeit, um die Bedingungen für die Trennung auszuhandeln. Es drohen Zölle, Einfuhrbeschränkungen und andere Handelshemmnisse. Vermutlich wird ziemlich viel Geld von der Insel abfließen. Deutsche Bank-Chef John Cryan hat im Vorfeld der Abstimmung gesagt, im Falle eines Brexit würden viele Kunden keinen Sinn darin sehen, in der Londoner City Euro-Anleihen zu handeln.

Börsen-Fusion überhaupt noch sinnvoll?

Als führender Devisenhändler der Welt dürfte der Einfluss der Deutschen Bank nicht zu unterschätzen sein. Auch andere Finanzinsititute dürften ihre Zelte in London zumindest verkleinern. Die Deutsche Börse sollte ihre Fusionspläne mit London noch einmal überdenken. Frankfurt kann auch aus eigener Kraft zum führenden Finanzplatz in Europa heranwachsen. Die nun eingetretenen Rechtsunsicherheiten dürften einen Zusammenschluss erschweren und den Erfolg weniger planbar machen.

Die heftigen Kursverluste sind natürlich nicht nur das Resultat einer verloren gegangenen Wette. Das Wirtschaftsklima in Europa wird sich eintrüben. Unternehmen, die in Großbritannien gute Geschäfte machen, gehören zu den stärksten Verlierern an der Börse, wie eben die Deutsche Bank, die ein Fünftel ihrer Unternehmensgewinne in der City erwirtschaftet. Oder eben die Versorger, die in Großbritannien aktiv sind. Und natürlich die Autohersteller. Nicht nur, dass diese wegen der großen Verunsicherung der Verbraucher damit rechnen müssen, weniger Neuwagen mit Rechtslenkung abzusetzen.

Der Bremser geht von Bord

Und politisch? Ein “Weiterso” kann es nicht geben. Der Austritt eines so großen Landes aus der EU ist ein historischer Einschnitt. Und im Falle Großbritanniens eine historische Chance. Der Bremser geht von Bord. Das bedeutet auch, dass der Zug mehr Fahrt aufnehmen kann. Die Briten waren personifizierte Extrawurst. Die Antwort auf den Austritt kann nur heißen: Mehr Europa. Die Zeit dafür ist reif.

Für die Politik wird das eine Mammutaufgabe sein. Den Populisten, die in Großbritannien einen Pyrrhussieg errungen haben, darf der Raum nicht gelassen werden, den sie sich in den Niederlanden, Deutschland, Frankreich und anderswo erobert haben. An die Spitze müssen sich wieder begeisterte Europäer setzen, nicht irgendwelche Ärmelschoner, die nur Verwaltungsakte tätigen und über Gurkenlängen diskutieren.

Gemeinsame Verteidigungspolitik, gemeinsame Wirtschaftspolitik, gemeinsame Flüchtlingspolitik sind möglich. Als Belohnung winkt ein gemeinsamer Markt, der zukunftsfähig ist.

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Das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) hat die Frage, ob die Europäische Zentralbank (EZB) durch Anleihekäufe klammen Euro-Staaten helfen darf, mit einem klaren “Ja, aber” beantwortet. Das Urteil ist für alle Beteiligten gesichtswahrend und gibt der EZB längst nicht unbegrenzt freie Hand.

 

Im Jahr 2014 hatte das BVerfG entschieden, nicht für die Geldpolitik der EZB zuständig zu sein und den Fall an den Europäischen Gerichtshof (EuGH) verwiesen. Dabei hatten die Karlsruher Richter deutlich gemacht, dass sie mit bei den umstrittenen Outright Monetary Transactions (OMT), unbegrenzten Anleihekäufen durch die Währungshüter, durchaus Bauchschmerzen haben. Den Vorgang habe ich in diesem Blog unter anderem hier und hier kommentiert. Schon damals war klar: Europa hat in Karlsruhe nichts zu suchen.

 

Die deutschen Verfassungsrichter sind bei ihrer Linie geblieben. Sie teilen die Auffassung des EuGH, dass OMT rechtens sein können, ohne ihre Bedenken ganz aufzugeben. Die EZB würde mit ihrem Programm, das der Draghi’schen Logik des “Whatever it takes” folgt, nicht willkürlich in Wirtschaft und Politik eingreifen. Dass die Geldpolitik aber Einflüsse und Wirkungen erzielt, ist ebenso logisch wie hinzunehmen.

 

Gleichzeitig ist das Urteil des BVerfG ein Aufruf, weiter wachsam zu sein, damit es eben nicht zu einer unzulässigen direkten Staatsfinanzierung durch die EZB kommt. Diese Aufgabe kommt klar der Bundesbank zu. Auch Bundesregierung und Bundestag müssen genau hinschauen, sollte OMT je zur Anwendung kommen.

 

Das Urteil spaltet. Während die einen von einem vernünftigen Kompromiss sprechen, sehen andere schon die EZB mit einem Freibrief ausgestattet, die Demokratie in Europa zu beerdigen. Man kann zu OMT stehen wie man möchte, doch das Urteil ist alles andere als ein Freibrief. Sollte es zu gravierenden Verstößen kommen, werden diese angezeigt werden können.

 

Für das von der EZB bereits durchgeführte Anleiheaufkaufprogramm hat das Urteil des Bundesverfassungsgerichts keinerlei Relevanz. Es ist ja bereits eine Art “OMT light”, weil die Käufe begrenzt sind und gleichmäßig Papiere aus allen Euro-Ländern betreffen. Mit den Statuten der EZB ist das wohl vereinbar. Ob die Maßnahmen dagegen zielführend sind, steht auf einem anderen Blatt.

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Vor kurzem ist die Europäische Zentralbank (EZB) dazu übergegangen, auch Unternehmensanleihen zu kaufen. Wie viel Geld die Währungshüter dafür in die Hand nehmen werden, ist nicht bekannt. Das Programm wird aber mächtig in den Markt eingreifen und die Koordinaten der Geldanlage weiter deutlich verschieben.

 

Es geht um Milliarden. Wenn eine Firma Anleihen herausgibt, steht die EZB bereit, bis zu 70 Prozent dieser Emission aufzukaufen. Das heißt: Für Groß- und Kleinanleger bleibt nicht einmal ein Drittel der Papiere übrig. Das Angebot wird also deutlich verknappt werden. Der von der EZB verursachte Nachfrageschub dürfte die Preise ordentlich nach oben treiben, für den Preis niedriger Zinsen.

 

Schon als die EZB im vergangenen März ihr Programm angekündigt hatte, waren die so genannten “Risikoprämien” stark gesunken. Das sind die Zinsaufschläge, die bei Firmenanleihen gegenüber Staatspapieren verlangt werden. Binnen kurzer Zeit sanken diese Prämien um zehn Prozent, bei Anleihen aus der Autobranche sogar um die Hälfte, wie die Helaba ausgerechnet hat. Das ist eine verzerrte Welt, denn natürlich sind die Risiken nicht geschrumpft. Bei Unternehmen kann es schneller zu Ausfällen kommen als bei Staaten (Ausnahmen bestätigen die Regel). Die tatsächlichen Risiken sollten von höheren Zinsen gespiegelt werden.

 

Kritik an dem Programm lässt EZB-Chef Draghi an sich abperlen. Natürlich handelt sich die Notenbank damit den Vorwurf ein, indirekt Firmen zu finanzieren. Der Eingriff ins Wirtschaftsleben kann ganz eklatant ausfallen. Zum Beispiel könnten die neuen Finanzierungskonditionen Unternehmen dazu verleiten, Fusionen und Übernahmen anzustreben, die unter “normalen” Bedingungen gar nicht zu stemmen wären.

 

Auf der anderen Seite stehen Anleger vor einem weiteren Dilemma. Auskömmliche Zinsen bei überschaubaren Risiken werden noch schwerer zu finden sein. Da auch Versicherer und Pensionsfonds betroffen sind, zahlen Privatanleger die Zeche doppelt.

 

Allerdings ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass sich Großanleger nun blind ins Risiko stoßen. Die fundamentalen Daten dürften bei der Anlageentscheidung weiter eine entscheidende Rolle spielen. Auch Privatanleger sollten sich Unternehmen vor einer Investitionsentscheidung genau anschauen. Gewinnsituation und Schuldenstand sind sehr viel wichtigere Kriterien als der Zins.

 

Mal wieder muss also der Risikoradar neu justiert werden. Wohin die Reise geht, zeigt ein Blick auf die Staatsanleihen. Die Umlaufrendite (das ist der Durchschnittszins für deutsche Anleihen) ist erstmals in den negativen Bereich gefallen. Konkret bedeutet dies, dass sich der Bund bis zu einer Laufzeit von neun Jahren nicht nur “für umsonst” verschulden kann. Er bekommt sogar noch etwas dafür.

 

Dass Risiken dennoch wahrgenommen werden, zeigt sich beim Blick auf andere Staaten, die ja Zinsen zahlen müssen. Oder zumindest niedrigere Minuszinsen aufrufen. Bei Unternehmen wird das nicht anders sein.

 

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Die Argumente erinnern sehr an die Heuschrecken-Debatte aus dem Jahr 2005. Damals hatte der damalige Vizekanzler Franz Müntefering Beteiligungsfirmen vorgeworfen, dem Standort Deutschland zu schaden, indem sie Unternehmen aufkaufen, zerlegen und die Einzelteile wieder verhökern. Dieses Mal heißt der Vizekanzler Sigmar Gabriel. Und der ist in Sorge, Chinas Staatsunternehmen könnten die deutsche Unternehmenslandschaft leerkaufen.

 

Schon seit einigen Jahren plagt chinesische Unternehmen der Übernahmehunger. In den vergangenen Monaten haben sie wieder verstärkt zugeschnappt. Aktuell steht der Graphitexperte SGL Carbon auf dem Einkaufszettel. Auch am Maschinenbauer Aixtron und dem Roboterhersteller Kuka haben die Chinesen Interesse bekundet.

 

Schon die früheren Unternehmenskäufe und Beteiligungen haben gezeigt, dass Geld im Prinzip keine Rolle spielt. Chinesische Staatsunternehmen haben Devisenüberschüsse, die eines Exportweltmeisters würdig sind, vor allem in US-Dollar. Ein Ökonom hat mal vorgerechnet, dass das Reich der Mitte sämtliche Dow-Jones-Konzerne aufkaufen könnte. Es gäbe sogar noch Geld zurück.

 

Jetzt aber steht ersteinmal deutsches Knowhow im Mittelpunkt. Das Beuteschema ist klar definiert. Vor allem Autoindustrie und Maschinenbau interessieren die Chinesen und damit zwei Kernkompetenzen der deutschen Wirtschaft. Dabei haben sie vor allem in Mittelständler investiert und machen manchmal mit illustren Namen auf sich aufmerksam. Kraussmaffei, der Baumaschinenhersteller Putzmeister, Kion (die Gabelstaplersparte von Linde), Autoschloss-Spezialist Kiekert und Müllverbrenner EEW Energy befinden sich unter anderem in chinesischer Hand.

 

Nicht wenige Beobachter heben schon den Zeigefinger und warnen davon, dass deutscher Technologievorsprung abgesaugt werden könnte. Kompetenzen und Arbeitsplätze könnten verloren gehen. Deshalb haben zum Beispiel die Kuka-Aktionäre ordentlich Stimmung auf der Hauptversammlung gemacht. Gerade Kuka gilt als sensibel, da das Unternehmen maßgeblich für die Industrie 4.0 steht, also für die Vernetzung von Internet und Industrie.

 

Das ruft die Politik auf den Plan. Doch kann solch ein Protektionismus wirklich funktionieren? Die Franzosen machen es vor. Ohne ein zustimmendes Nicken aus dem Elysée-Palast geht wenig für ausländische und einheimische Firmen. Sigmar Gabriel wird es allerdings schwerfallen, ein Konsortium zu finden, das sich Kuka annehmen könnte. Schon aus diplomatischen Gründen. Deutsche Autohersteller machen sehr gute Geschäfte im Reich der Mitte. Das wird man sich nicht verscherzen.

 

Die Angst vor einem ungewollten Technologietransfer ist durchaus berechtigt. Die Gegenargumente sind aber ebenso klar und einleuchtend. Der chinesische Markt bietet ungeheure Möglichkeiten. Chinesische Eigner könnten sich als ideale Türöffner erweisen und so den deutschen Technologiestandort eher stärken als schwächen. Schließlich schauen Kunden bei hochspezialisierten Maschinen mehr auf Qualität, Präzision und Leistung als auf den Preis.
Bei weniger komplizierter Technik sieht das schon anders aus. Ein Negativ-Beispiel ist die Solarbranche. Hier dominieren inzwischen Billiganbieter aus China den Markt.

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In Leverkusen bahnt sich die größte Firmenübernahme der Geschichte an, und die Reaktionen fallen eindeutig aus. Monsanto-Aktien steigen in Richtung Übernahmeangebotspreis. Einige Versprengte setzen auch noch auf Gegengebote. Schließlich galt BASF auch als interessiert. Bayer-Aktien gehen währenddessen auf Tauchfahrt. Dabei geht es nicht nur um die geplante Kapitalerhöhung. Viele Anleger werden mit dem anstehenden Deal nicht warm. Sie finden 62 Milliarden Dollar (etwa 55 Milliarden Euro) für Monsanto schlicht zu teuer.

Das düfrte aber nicht das einzige Problem sein. Monsanto selbst sieht sich ja gern als Lebensspender, als Streiter für das Ende des Hungers in der Welt. Monsanto-Gegner beschreiben den Konzern als Todesstern, dessen Mission es ist, Leben zu beherrschen und Vielfalt zu vernichten. Die Diskussion um den umstrittenen Unkrautvernichter Glyphosat ist dabei nur Spitze des Eisbergs, zeigt aber deutlich, dass Bayer mit seinem Kaufangebot für Monsanto auch jede Menge Konfliktpotenzial einkauft. Das kann zu einem Imageproblem für die normalerweise relativ wohlklingende Marke Bayer werden.

Warum also tut sich Bayer das an? Die Antwort ist einfach: Weil Monsanto Geschäfte macht, die Bayer in Europa nicht machen darf, die die Leverkusener anderswo aber schon machen. Nur ist ihnen Monsanto in vielen Bereichen voraus.

Als großes Ziel steht das Doppel-Monopol. Monsanto und Bayer können Saatgut für Pflanzen liefern, die sich nicht von allein vermehren und die passenden Mittelchen dazu, die der Landwirt versprühen muss, damit die Pflanzen überhaupt überleben. In bestimmten Bereichen lässt sich dann eine marktbeherrschende Stellung quasi gar nicht mehr vermeiden. Und: Durch den Erwerb von Monsanto käme der Genmais quasi durch die Hintertür. In Deutschland verpönt, hätten die Produkte ganz andere Potenziale, würden sie von den USA aus in die Welt getragen.

Die ganz große Sorge sollte sein, ob denn ein Bayer-Monsanto Konzern überhaupt in Leverkusen noch eine Perspektive für sich sieht. Der Laden steht immer dort, wo die Geschäfte laufen. Die Musik in der Agrar-Chemie spielt ganz klar nicht am Rhein. Die Übernahme könnte der erste Schritt sein für eine Auswanderer-Geschichte.

Ein Beispiel dafür ist die Hoechst AG. Im Zuge der Fusion mit Rhone-Poulenc zog das Gemeinschaftsunternehmen mit dem Namen Aventis nach Straßburg, um sich dann mit Sanofi nach Paris zu fusionieren. Von Hoechst ist am Main nicht viel übrig.

Damals handelte es sich um einen Zusammenschluss auf Augenhöhe. Auch wenn Monsanto für Bayer allenfalls ein Juniorpartner ist, könnten die Marktmächte ungeahnte Anziehungskräfte entwickeln.

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Die Aussicht auf eine lange Ära niedriger Zinsen hat die Koordinaten im Geldanlageuniversum verschoben. Sachwerte sind gefragt. Dazu gehören ganz zweifelsfrei auch Immobilien. Anleger müssen ungeheuer aufpassen.

 

Die eigenen vier Wände stehen hoch im Kurs. Auch Objekte zur Vermietung sind heiß begehrt. Kein Wunder, denn die Bauzinsen sind historisch niedrig. Für Immobilienkredite mit zehn Jahren Laufzeit verlangen Banken (hervorragende Bonität vorausgesetzt) verlangen Banken derzeit durchschnittlich etwas mehr als 1,3 Prozent Zinsen.

 

Dennoch kann so manche Schnäppchen-Finanzierung schnell teuer werden, sollten die gestiegenen Immobilienpreise den Zinsvorteil wieder wettmachen. Dass das durchaus möglich ist, ist ein offenes Geheimnis. Das 25-Fache der jährlich zu erzielenden Kaltmiete gilt als realistischer Kaufpreis. Liegt er darunter, lässt sich als Vermieter mehr verdienen. Doch angesichts gestiegener Immobilienpreise ist das unwahrscheinlich. In einigen Ballungsräumen werden schon Preise aufgerufen, die 30 Jahresmieten übersteigen.

 

Diese Entwicklung lässt sich durchaus als sich aufpumpende Preisblase interpretieren. Ein weiteres Indiz: Immer weniger Menschen können sich ihre eigenen vier Wände leisten. Eine Studie der Postbank hat vor kurzem die Kosten für eine Immobilie zu den durchschnittlichen Jahreseinkommen ins Verhältnis gesetzt. In der Spitzenreiterstadt München kostete 2005 den Berechnungen zufolge eine 100-Quadratmeter-Wohnung knapp neun Jahreseinkommen, im vergangenen Jahr waren es 15. In Hamburg stiegen die Preise im gleichen Zeitraum um drei Jahreseinkommen, ebenso wie in Mainz. Sinkende Preise gab es nur in Wuppertal, Essen, Gelsenkirchen und Chemnitz.

 

Drittes Indiz: die Fondsbranche. Offene Immobilienfonds haben sich zu den größten Favoriten deutscher Anleger entwickelt. Allein im Januar und Februar dieses Jahres flossen 1,78 Milliarden Euro in diese Anlagevehikel. Der Ansturm ist so riesig, dass erste Gesellschaften gar kein Geld mehr annehmen. Der Grund: Es finden sich nicht genügend geeignete Objekte.

 

Und so liegt Anlegergeld, das nicht in Betongold gegossen werden kann, bar herum und wirft somit in diesen zinslosen Zeiten nichts ab, was die Gesamtvorstellung des Fonds natürlich erheblich beeinträchtigt. Offene Immobilienfonds sind keine Kursraketen. Anleger können mit Jahresrenditen um drei Prozent herum rechnen. Das größte Plus ist dabei die Kontinuität, was sich gleichzeitig als gleichzeitig als großes Manko herausstellen kann. Starke Zu- und Abflüsse können nicht kompensiert werden, weil Immobiliengeschäfte nun einmal langsam ablaufen. Das Wort “Immobilie” bedeutet nicht umsonst “unbeweglich”.

 

Dieser Umstand hatte nach der Finanzkrise 2007/2008 die Branche in eine tiefe Krise gestürzt. Großanleger hatten angesichts drastischer Kursverluste an den Aktienmärkten und nach den massiven Zinssenkungen der Zentralbanken offene Immobilienfonds als Tagesgeldkonten “missbraucht“, um auf sichere Art und Weise Geld zu parken und zu vermehren. Unzählige Fonds hatten damals ihre Pforten schließen müssen und ihre Ausschüttungen gestoppt.
Waren es damals massive Abflüsse, die den Fondsmanagern zu schaffen machten, so ist es heute die Geldflut, derer sie sich erwehren müssen. Die Gefahr, dass die Immobilienmärkte eine Finanzkrise auslösen, besteht nach Ansicht der Branche jedoch nicht. Trotzdem ist deutlich zu erkennen, wie sich die Koordinaten der Geldanlage verschieben.

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Es war die Euphorie rund um die “Hochzeit im Himmel”. Die Ehe zwischen Daimler und Chrysler jagte im Jahr 1998 den Kurs der Daimler-Aktien über die Marke von 100 Euro. Solche Höhen wurden seither nie mehr gesehen. Papiere der Deutschen Bank erreichten ihr Allzeithoch Mitte 2007, kurz vor Ausbruch der Finanzkrise. Von den damals 102 Euro sind gerade noch knapp 17 Euro übrig (Stand: 26.04.2016).

 

Niedergänge zweier Weltkonzerne an der Börse. Ganz ähnliche Geschichten erzählen auch die Kursverläufe von Volkswagen und Commerzbank. Und die Parallelen sind ganz erstaunlich, wenn man sie von einer Perspektive betrachtet. Es geht um Vertrauen oder besser: um verlorengegangenes Vertrauen.

 

Es war keine wirkliche Überraschung, als klar wurde, dass nicht nur VW bei Abgaswerten geschummelt hat.  Ein Schock war es schon. Die Branche steht nun endgültig unter Generalverdacht. Sollte sich der Skandal ausweiten, dann werden Autoaktien zu den neuen Bankwerten werden. Diese hatten im Zuge der Finanzkrise nicht nur erhebliche Kursverluste wegstecken müssen sondern auch deutlich an Renommee eingebüßt.

 

Erst war es die Enttäuschung darüber, dass viele Institute vor der Krise hemmungslos gezockt haben, dass sie ihren Kunden Produkte aufschwätzten, die sie eigentlich nicht brauchten. Dann kamen die Geldstrafen und Prozesse und die hohen Regulierungsanforderungen, die bis heute dafür sorgen, dass es auch bilanztechnisch nicht rund läuft.

 

Die Folge: Bankaktien haben sich zu Mauerblümchen an der Börse entwickelt. Anleger schrecken immer noch vor den vielen bestehenden Unsicherheiten zurück. Ein ähnliches Schicksal droht nun auch den Papieren der Automobilhersteller.  Es ist kaum zu erwarten, dass die US-Justizbehörden und Gerichte VW (und neuerdings auch Daimler) schnell vom Haken lassen werden. Die Prozesse werden sich ziehen, die Kosten werden sich kontinuierlich erhöhen. Bis der Skandal sich in – dann hoffentlich saubere – Luft aufgelöst hat werden nicht Monate sondern Jahre vergehen.

 

Zumindest VW hat es versäumt, die Sache schnell und geräuschlos beizulegen. Das ist vermutlich auch angesichts des Umfangs nur schwer möglich gewesen. Dieses Versäumnis allerdings strahlt auf die gesamte Branche ab. Während VW Aktien auf einen Schlag verloren haben, hat sich der Niedergang bei Daimler kontinuierlich vollzogen. Chrysler, Mitsubishi und andere Träume vom Weltkonzern kosteten langsam aber sicher Substanz. Ende 2012 schien die Talsohle durchschritten. Die Stuttgarter glänzten mit steigenden Verkaufszahlen, intelligenter Modellpolitik, schienen alles richtig zu machen.

 

Jetzt folgte der Dämpfer. Wie nachhaltig dieser ist, entscheiden die Manager in Wolfsburg und Stuttgart. Verbraucher vergessen bekanntermaßen schnell. Sie verzeihen “ihrer” Marke. An der Börse ist das nicht so. Einmal verloren gegangenes Vertrauen lässt sich nur sehr schwer wieder herstellen.

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Spaltereien

30.03.2016 16:03 | Stefan Wolff

An der Börse geht der Spaltpilz um. Mischkonzerne sind out. War es früher noch chic, den größtmöglichen Bauchladen zu haben, muss es jetzt der hochspezialisierte Konzern sein. Während Daimler früher von der “Welt AG” träumte und neben der Straße auch die Lüfte und das Weltall beherrschen wollte, besinnen sich die Konzerne heute auf das so genannte Kerngeschäft.

 

Hoechst hat es vorgemacht, der Chemie abgeschworen und mit Rhone-Poulenc in “Life Science” gemacht. Dass sich das ehemals hessische Unternehmen inzwischen selbst wegfusioniert hat, macht es zu einem schlechten Beispiel, dem aber andere folgen. Bayer löste sich erst von der Spezialchemie (Lanxess) und dann vom Kunststoff (Covestro). Reiseveranstalter TUI braucht keine Reederei mehr und Stahlkonzern Thyssen denkt laut daüber nach, wie denn das Leben ohne Stahlgeschäft wäre.

 

Die großen Energieversorger teilen sich in Vergangenheits- und Zukunftsgeschäft auf, manche sagen auch, in Gut und Böse. Was gleich zu der Frage führt, was denn bei Metro aufgeteilt wird und weshalb das Ganze die Anleger so elektrisiert. Es spricht sehr viel für den Entschluss, die Elektronik-Märkte und die Lebensmittel-Sparte zukünftig getrennte Wege gehen zu lassen. Es haben sich einfach zu viele Probleme aufgetürmt, die sich individuell besser anpacken lassen. Außerdem wächst hier auseinander, was nie zusammen gehört hat.

 

Aber die Probleme bleiben erst einmal bestehen. Die Supermarktkette Real ist angestaubt, dringend renovierungsbedürftig. Das gilt nicht nur für die fast 300 Filialen, sondern vor allem für das Image. Real braucht ein Alleinstellungsmerkmal, um gegen Platzhirsch Edeka und andere Konkurrenten, wie Rewe oder den Lidl-Ableger Kaufland, bestehen zu können. Es ist ansonsten nicht unwahrscheinlich, dass die Supermarktkette aus dem Metrokonzern wegfusioniert wird und Metro selbst wieder “nur” Großmarktkette ist.

 

Bei Media-Saturn fehlt ein schlüssiges Online-Konzept, mit dem Amazon und Ebay die Stirn geboten werden kann. Hier ist ein Spagat nötig, denn auf der anderen Seite müssen die Manager ihren Kunden erklären, warum es sich lohnt, die Läden zu besuchen. Geiz ist auch im Internet geil. Ansonsten unterscheidet sich das Einkaufserlebnis vor allem dadurch, dass der Kunde die Ware selbst nach Hause schleppen darf.

 

“Selbstbedienung ist kein Service”, hat Metro-Chef Olaf Koch gesagt und damit angedeutet, wohin die Reise gehen soll. Einkaufen muss wieder zu einem positiv belegten Erlebnis werden. In dem Punkt sind sich dann Lebensmittel- und Elektronik-Abteilung doch näher, als die Trennung es suggeriert.

 

Der Anfang ist gemacht. Für das Management und die Anleger fühlt sich der Entschluss wie ein Befreiungsschlag an, der mit dem Verkauf der Kaufhauskette Kaufhof begann. Dass die Anleger gegen diesen Beschluss meutern könnten, steht jedenfalls nicht zu erwarten. In den Kursgewinnen sind jede Menge Vorschusslorbeeren enthalten. Jetzt muss Metro liefern.

 

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Nullzinsen sind ehrlich? Nullzinsen sind die Bankrotterklärung eines Finanzsystems, das auf dem Zinsprinzip aufbaut. Man kann Zinsen als ungerecht empfinden. Der Islam verbietet die “Riba”. Die Thora gebietet gläubigen Juden, alle sieben Jahre anderen die Schulden zu erlassen. Auch das frühe Christentum kannte ein Zinsverbot. Geblieben ist die bei vielen Menschen tief verwurzelte Überzeugung, dass Geld nur der Lohn für harte Arbeit sein kann. Geld mit dem Einsatz von Geld zu verdienen gilt dagegen als unanständig.

 

Es ist davon auszugehen, dass die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) nicht von religiösen Motiven geprägt ist. Ihre Aufgabe ist es, für Preisstabilität zu sorgen. Das gelingt prächtig. Die Preise steigen so langsam, wie lange nicht mehr. Die Ziele, die die Währungshüter darüber hinaus verfolgen, sind aller Ehren wert. Draghis magische Worte “Whatever it takes…” haben den Euro unbestritten vor dem Zusammenbruch gerettet.

 

Doch jetzt ist Ende Gelände. Die EZB ist am Ende ihrer Möglichkeiten angekommen. Es war klar, dass dies passieren wird. Denn die EZB konnte und kann mit ihren Maßnahmen nur Zeit kaufen. Und jeder Zeithorizont endet mal.  Die EZB-Politik als “gut” oder “schlecht” zu beurteilen, ist die falsche Kategorisierung. Sie ist eben nur nicht mehr zielführend.

 

Dass die Minizinsen die falschen Anreize setzen, weiß Mario Draghi übrigens selbst. Erst kürzlich hat er betont, dass niedrige Zinsen Strukturreformen nicht ersetzen. Aber wer reformiert schon, wenn der Zaster nur so fließt? Über 80 Prozent der deutschen Bundesanleihen rentieren im negativen Bereich. Eine anstrengungslose schwarze Null ersetzt Investitionen und Reformen. Selbst Staaten, in denen Reformen noch nötiger erscheinen, wie in Frankreich oder Italien, erfreuen sich negativer Zinsen.

 

Probleme lassen sich nicht mit jenen Mitteln lösen, durch die sie entstanden sind, hat Einstein mal gesagt. Doch genau versucht die EZB. Die zu lange zu niedrigen Zinsen haben in den USA Subprime-  und Finanzkrise ausgelöst. Die darauf gefolgte weltweite Bankenrettung hat das Schuldenproblem vieler Staaten hochploppen lassen.

 

Kritiker wenden nun ein, das Problem sei entstanden, weil die Leitzinsen zu schnell gestiegen seien. Stimmt, aber auch das offenbart einfach nur das Versäumnis der US-Notenbank. Sie hatte zu lange gezögert, die Zinsen der Realität anzupassen.

 

Die EZB kann die Probleme, die sie lösen soll, gar nicht lösen. Sie kann die Energiepreise nicht beeinflussen und die Demografie auch nicht. In Japan beispielsweise lähmt die Überalterung der Bevölkerung den Konsum. Die Geldpolitik ist seit Jahrzehnten ultra-expansiv. Niedrige Zinsen sind aber kein Jungbrunnen.

 

Das eigentliche Problem ist, dass die EZB als Finanzfeuerwehr den schwelenden Brand unter Kontrolle behält, dass aber der Löschwasserschaden immer größer wird. Und der geht weit darüber hinaus, dass Sparer fürs Nichtstun keine Zinsen mehr erhalten. Lebensversicherungen, Pensionskassen, Krankenkassen und deren Leistungen sind in Gefahr, weil sie gar nicht so stark ins Risiko gehen dürfen.

 

Ein weiteres Beispiel ist das Stiftungswesen. 21.300 Stiftungen spenden ihre Zinserträge, fördern Kunst und Kultur, begabte und in Not geratene Menschen. Wie “normale” Sparer auch stehen die Einrichtungen vor der Wahl: Gehen sie stärker ins Risiko oder legen sie mehr Geld auf die hohe Kante um ähnliche Erträge zu erzielen wie vorher?
Am Ende könnten auch dort weniger Gelder fließen. Nullzinsen sind in immer mehr Bereichen nicht ehrlich, sondern ganz großer Mist.

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Wenn es die Europäische Zentralbank (EZB) als ihre Aufgabe betrachtet, die Aktienkurse hochzujazzen, dann hat sie mit ihrem neuesten Beschluss alles richtig gemacht. Sollte es darum gehen, für Stabilität und Wachstum im Euroraum zu sorgen, heißt es : “Setzen, sechs.” Denn die Geldpolitik läuft ins Leere, während die Zahl der Kollateralschäden kontinuierlich wächst.

 

Die Inflationsrate  im Euroraum ist zuletzt auf -0,2 Prozent gesunken. Sie ist damit meilenweit von der gesetzten Zielmarke von zwei Prozent entfernt. Immer noch drücken die niedrigen Energiepreise auf die Teuerung. Dass die EZB dagegen nicht (erfolgreich) anrennen kann, dürfte außerhalb des Eurotowers Konsens sein.

 

Das Kreditgeschäft springt nur langsam an. Das liegt daran, dass Unternehmen keine Kredite aufnehmen, nur weil der zu zahlende Zins heute um zwei Basispunkte niedriger ausfällt als gestern. Außerdem behindern sich europäische Bankenregulierer und Geldpolitiker gegenseitig. Wenn die Banken für ihre Ausleihungen immer mehr Eigenkapital hinterlegen müssen, kann die Zurückhaltung der Branche eigentlich nicht wundern.

 

Das sind zwei Gründe von vielen dafür, dass auch der radikale Schnitt der EZB verpuffen wird. Nullzins hatten wir de facto schon. Die höheren Parkgebühren für Banken werden allenfalls deren Bargeldbestände nach oben treiben. Und das Anleiheaufkaufprogrammen ist zwar gut für die schwarze Null, doch um marode Brücken sanieren zu können bedarf es eher eines Infrastrukturprogramms, das es aber in Deutschland wegen der fast schon götzenhaft verehrten schwarzen Null (sic!) nicht geben wird.

 

Der Bundesverband Öffentlicher Banken bezeichnet die EZB-Politik als “geldpolitische Irrfahrt” und das zurecht. Das Geschäftsmodell der Volksbanken und Sparkassen wird nachhaltig beschädigt. Kleine Sparer haben kaum mehr eine Chance, ihren Rentengroschen zu vermehren, sodass ihnen im Alter eine Versorgungslücke droht.

 

Schließlich trifft der Negativzins auch die Assekuranzen. Selbst die Krankenkassen leiden, weil ihren Angaben zufolge die Rücklagen in den Gesundheitsfonds negativ verzinst werden. Erste Kassen rufen bereits nach staatlicher Hilfe, was übersetzt Steuergelder bedeutet, die ja bekanntlich aus dem Säckel jener stammen, die auf ärztliche Versorgung angewiesen sind. Nach einem weiteren Kassen-Soli vermutlich umso mehr.

 

Die Negativzinsen werden also zumindest indirekt die Taschen der Verbraucher leeren. Und direkt auch. Denn die Negativzinsen fressen sich wie ein schleichendes Gift ins Finanzsystem. Nicht nur Staaten können sich auf diese Weise gegen Gebühren finanzieren (also, ohne Zinsen zu zahlen). Der relativ kleinen Bank Berlin Hypo ist es gelungen, eine 500 Millionen Euro schwere Anleihe zu platzieren. Die Nachfrage war so groß, dass Anleger bereit waren, -0,162 Prozent Zinsen zu akzeptieren.

 

Es ist das erste Mal, dass eine nicht-staatliche Anleihe bei der Ausgabe negative Zinsen ausweist. Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein.

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“I got you Babe.” Das Lied, von dem der von Bill Murray gespielte Phil Connors täglich im Film “Und täglich grüßt das Murmeltier” geweckt wurde, dürfte sich derzeit nicht in der Playlist von Börsenchef Carsten Kengeter befinden. Denn von einem Zusammenschluss mit der Londoner Konkurrenz ist die Deutsche Börse noch recht weit entfernt. Trotzdem ist Murmeltiertag an der Börse. Wer schon ein paar Tage das Geschehen und die Schlagzeilen beobachtet, fühlt sich schnell in einer Zeitschleife gefangen.

“Deutsche Börse und LSE wollen fusionieren.” Die Schlagzeile weckt Erinnerungen. Keine ruhmreichen, denn seit der Jahrtausendwende versucht die Börse, einen großen Zusammenschluss hinzubekommen. Bislang vergeblich. Gleich zweimal scheiterten die Fusionspläne mit London. Im Jahr 2000 hatte der schwedische Börsenbetreiber OM Gruppen für einen heißen Börsenherbst gesorgt und Gegengebote für die LSE abgegeben. Letzendlich scheiterten die Deutschen aber an den LSE-Eignern.

Vier Jahre später war es der Hedgefonds TCI, der als Großaktionär der Deutschen Börse die Fusionspläne mit London vereitelte und in Form einer Sonderdividende die Kriegskasse der Frankfurter plünderte. Damit war nicht nur die #Heuschreckendebatte geboren. Die geplatzte Fusion markierte auch das Ende des damaligen Börsenchefs Werner Seifert.

Um seinen Kopf muss Kengeter sicher nicht fürchten. Doch steht der geplante Zusammenschluss unter unerwünschtem Zeitdruck, da das Vorhaben deutlich früher an die Öffentlichkeit gesickert ist, als es den Verhandlungspartnern lieb ist. Somit wird der gesamte Prozess öffentlich diskutiert und in jedem Fall wird der Zusammenschluss teurer als gedacht. Schließlich steht zu erwarten, dass die US-Börse ICE (Intercontinental Exchange) mit einem Konterangebot um die Ecke biegen wird.

Dabei hat das in Atlanta ansässige Börsennetzwerk eigentlich kein Interesse am europäischen Geschäft. Nach der Übernahme der NYSE Euronext behielt die ICE neben der Wall Street nur die Londoner Terminbörse Liffe. Die eigentliche Vierländerbörse Euronext und damit die Handelsplätze Amsterdam, Brüssel, Paris und Lissabon ging im Juni 2014 als eigenständiges Unternehmen an die Börse.

Auch die Deutsche Börse hatte versucht, mit der NYSE Euronext anzubandeln. Dagegen hatten aber die Kartellbehörden etwas, weshalb die kartellrechtliche Betrachtung eines Zusammenschlusses zwischen der LSE und der ICE kritisch aussehen würde. Die mögliche Fusion zwischen London und Frankfurt dürfte auch nicht ohne kartellrechtliche Einschränkungen vonstatten gehen. Viel wichtiger aber ist die politische Komponente.

Börsenhandel ist eine hoheitliche Aufgabe. Das hessische Wirtschaftsministerium als Aufsichtsbehörde muss überzeugt werden, dass der Gang von Eschborn nach London das eigentliche Börsengeschehen nicht einschränkt. Der (ebenfalls wichtige) Wertpapierhandel auf dem Frankfurter Parkett sollte nicht das Einzige bleiben, was vom Finanzmarkt am Main übrig bleibt.

Schließlich denkt und handelt die Deutsche Börse als gewinnorientiertes Unternehmen. Wer mag das verübeln? Umso mehr aber ist dann die Politik gefragt, das beste für den Finanzplatz herauszuholen. Machen wir uns nichts vor: Wenn Werner Seifert seinerzeit erfolgreich gewesen, der eigentliche Aktienhandel nach London gewandert und der (damals florierende) Neue Markt in Frankfurt verblieben wäre, dann wäre der Finanzplatz heute mausetot.

Die Deutsche Börse muss sich auch nicht unter Wert verkaufen. Mit ihrem hochmodernen Handelssystem und der vermutlich breitesten Wertschöpfungskette der Wertpapierbranche kann sie auch weiter allein bestehen, sollte London zu teuer werden. Und sollte das Vorhaben nicht gelingen und die Euronext, die Chicago Mercantile Exchange, die Borsa Italiana oder die Schweizer Börse auf dem Radarschirm auftauchen, ist wieder Murmeltiertag.

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Die Deutsche Börse hat gut Lachen. Die heftigen Kursschwankungen spülen dem Konzern eine Menge Geld in die Taschen. Ganz anders sieht das bei den Anlegern aus. Profis und Private brauchen Nerven wie Drahtseile.

 

Es gibt ein Wort, dass Aktienhändler nur selten in den Mund nehmen. Es lautet: “Panik”. Doch wie anders als mit “Panik” soll man den steilen Kursrutsch der vergangenen Tage und Wochen sonst erklären? Auch die Erholungsversuche fallen entweder zaghaft aus oder aber – wie zuletzt – mit Wucht. Auch eine Art von Panik.

 

Doch wo kommt diese Panik her? So panisch die Märkte agieren, so übertrieben sind inzwischen die Kursverluste. Was in den Boomzeiten nach oben ins Kraut schoss, fällt nun auf der Verlustseite zu sehr in die Grütze. Die Weltwirtschaft funkt langsameres Wachstum. Doch die deutsche Wirtschaft präsentiert sich (noch) robust. Der Konsum bleibt eine solide Säule. Außerdem sind die staatlichen Investitionen angezogen. Die gewachsenen außenwirtschaftlichen Probleme stören da, doch können die Verwerfungen kompensiert werden. Jedenfalls scheinen die aktuell grassierenden Konjunkturängste aus dieser Perspektive überzogen zu sein.

 

Doch die Angst steht im Raum. Anleger fürchten eine erneute Finanzkrise. Der niedrige Ölpreis belastet Förderländer und -firmen. Das könnte, so die Befürchtung, auf deren Kreditgeber, also die Banken abstrahlen. Dass eine einzige Branche den gesamten Finanzsektor ins Tal der Tränen stürzen könnte, ist keine unbegründete Sorge. In den Jahren 2007 und 2008 waren es die Immobilien, dieses Mal könnte es das Öl sein. Die Kosten für die Absicherung von Kreditrisiken (Credit Default Swaps/CDS) sind bei der Deutschen Bank auf den höchsten Stand seit etwa dreieinhalb Jahren gestiegen.

 

Und trotzdem drängen sich die Parallelen, die da gesehen und durchgespielt werden, nur zum Teil auf. Unbestreitbar haben Ölförderer ein Problem. Die Ausrüstungsinvestitionen gehen zurück. Kreditausfälle sind durchaus wahrscheinlich, aber überschaubar. Einer Studie zufolge sind von etwa 500 untersuchten Unternehmen ungefähr 175 von einer Insolvenz bedroht. Die Schulden werden auf 150 Milliarden US-Dollar (135 Milliarden Euro) beziffert. Das ist eine Menge Holz, bedeutet im Umkehrschluss jedoch, dass das Weltfinanzsytem eine Hypo Real Estate könnte verkraften müssen. Das ist machbar.

 

Die Immobilienblase damals war flankiert von einer massiven Spekulationswelle geplatzt. Am Ende lösten nicht die gefallenen Häuserpreise in den USA eine Finanzkrise aus, sondern die unzähligen Verbriefungen und Wetten auf den Häusermarkt, die zum Teil bis heute ihr Zombie-Dasein in diversen Bad Banks fristen. Ein solches Chaos droht dieses Mal mit großer Wahrscheinlichkeit nicht.

 

Sehr viel wahrscheinlicher ist es da, dass an den Aktienmärkten die Zinswende in die Kurse eingearbeitet wird. Kaum signalisiert die US-Notenbank, die nächsten Schritte auf die lange Bank schieben zu wollen, steigen die Kurse wieder.

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