Occupy Kanzleramt

09.02.2012 09:07 | Stefan Wolff

Die SPD rudert zurück. Sie habe gar nicht vor, einen Wahlkampf gegen Banken zu führen, heißt es, nachdem das “Handelsblatt” ziemlich genüsslich zum Teil neue Zitate von SPD-Chef Sigmar Gabriel, zum Teil alte Plakate und Spots zu einer Kampagne gefügt hat. Und dennoch: Der Slogan “Demokratie statt Bankenmacht” wird wohl im kommenden Wahlkampf nicht ganz unbedeutend sein.

Kapitalismuskritik ist en Vogue. Während die meisten deutschen Wähler der Bundeskanzlerin die Stange halten, spricht sich jüngsten Umfragen zufolge jeder zweite Deutsche für einen Umbau des Wirtschaftssystems aus. Das natürlich, ohne mögliche Alternativen zu benennen oder gar zu kennen. Aber Kritiker haben es leicht dieser Tage. Das Image der Finanzwirtschaft ist unterirdisch.

Daran trägt die Branche jede Menge Schuld. Immer, wenn man denkt, es geht nicht tiefer, gräbt irgend ein Vertreter der Finanzindustrie einen neuen Image-Keller. Wenn die Deutsche Bank ein Produkt auflegt, mit dem auf den Tod ausgewählter Menschen gewettet werden kann, wenn die Commerzbank einer alten Damen geschlossene Fonds verkauft, die sie im zarten Alter von 126 Jahren ausgezahlt bekommt, wenn ein Händler bei der Societé Génèrale mal eben 50 Milliarden Euro ins Feuer stellt und wenn die Jungs von der Hamburg-Mannheimer ihre besten Vertreter mit drogengeschwängerten Bordell-Sausen feiern, dann stößt das nur bedingt auf Verständnis der Endverbraucher.

Mit solchen Beispielen kann man Empörung erzeugen und Stimmen fangen, doch ist es überhaupt nicht sinnvoll, die gesamte Branche in einen Sack zu stecken und draufzuhauen. Zum einen hat sich das auf drei Säulen stehende deutsche Bankensystem in der Krise bewährt. Die genossenschaftlich organisierten Volksbanken und die Sparkassen haben sich gut geschlagen und sind bewährte Partner von Sparern und Mittelstand.

Auch Privatbanken sind nicht per se “böse”. Es gibt zwar die kollabierten Oppenheims, Deutschbanker, die 25 Prozent Zinsen wollen aber auch die grundsoliden Metzlers, die Hauck & Aufhäusers und die Bethmanns. Und an den Beraterschaltern der Deutschen und der Commerzbank dürfte die kriminelle Energie auch nicht messbar höher sein als in anderen Betrieben.

Es ist fahrlässig den Eindruck zu erwecken, die Finanzindustrie trete nur an, um Menschen abzuzocken. Natürlich war die Kasinomentalität in vielen Handelsabteilungen einer der Auslöser der Finanzkrise. Noch heute sind ganze Hundertschaften von Finanzjongleuren damit beschäftigt, Produkte zu erfinden, die die Welt nicht braucht. Aber die Kasinomentalität wurde in nicht unerheblichem Maße in den staatlich kontrollierten Landesbanken gepflegt.  Auf keinen Fall hat der Staat den Beweis angetreten, der bessere Bankier zu sein.

Außerdem könnten natürlich auch Fragen aufkommen, wer denn die Weichen für den nun kritisierten Kasinokapitalismus gestellt hat. Schon als die Heuschreckendebatte durch die Republik waberte, kam die Kritik zurück, dass ja schließlich Finanzminister Hans Eichel (SPD) Finanzinvestoren und Hedge Fonds das Tor geöffnet habe. Dazu kommt, dass die Sozialdemokratie in der Finanzkrise nicht immer eine gute Figur abgegeben hat. Die Liberalisierung der Finanzmärkte  ist von rot-grünen oder schwarz-roten Regierungen ausgegangen, abgesehen von der Börsenumsatzsteuer, die 1991 noch unter Kanzler Kohl abgeschafft wurde.

Der Ausbau des Verbriefungsmarktes, der in den Depots vieler Banken eine toxische Buchstabennudelsuppe anrührte (ABS, CDO, etc.), geht voll auf die Kappe der SPD und des jetzigen EZB-”Außenministers”, des damaligen Staatssekretärs Jörg Asmussen.

Zu guter Letzt sollte auch nicht vergessen werden, dass die Staatsschuldenkrise nicht nur auf Bankenversagen zurück zu führen ist. Dass in den Haushalten vieler Industrieländer Zeitbomben ticken, ist seit vielen Jahren klar, selbst denen, die die Schuldenberge angehäuft haben. Sonst hätte man sich nicht die Mühe mit den inzwischen zur Makulatur gewordenen Maastricht-Kriterien gegeben.

Leider blieb es weitgehend bei Versprechen als die Bunddesregierung nach der Lehman-Pleite weitgehende Reformen für den Finanzsektor ankündigte. Denn dass die Märkte stärker reguliert werden müssen, liegt auf der Hand. Ungebremste Finanzakteure steuern gern in Richtung Abgrund und richten ihre eigenen Waffen auch mal gegen sich selbst, wenn es Gewinn verspricht. Das muss die Politik ihren Bürgern nun wirklich nicht zumuten.

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Tanzbären an der Börse

25.01.2012 16:48 | Stefan Wolff

So richtige Euphorie will an den Märkten nicht aufkommen. Dabei ist die Börse glänzend ins neue Jahr gestartet.  Satte vier Prozent hat der Deutsche Aktienindex (Dax) allein in der vergangenen Woche zulegen können, doch lachende Gesichter gibt es an der Börse nur selten zu sehen. Die meisten Händler, die ja oft nur für Minuten auf bestimmte Entwicklungen aufspringen, wundern sich selbst darüber, wie robust der  Aufwärtstrend seit fünf Wochen ist.

Der Aufschwung weist alle Anzeichen einer Bärenmarkt-Rally auf. Dabei handelt es sich um eine Erholungsphase in einem eigentlich dauerhaften Abwärtstrend. Üblicherweise beginnen die Kurse nach einem heftigen Absturz mit einem Anstieg, der von der Hoffnung getragen wird, dass es wohl doch nicht so schlimm sei, wie angenommen. Gern setzen die Anleger in diesem Umfeld auch auf weiter sinkende Zinsen. Selbst die größten Pessimisten, die Börsenbären, wechseln dann das Lager, weil sie einfach nicht recht bekommen.

Die Stimmung kippt, wenn die Erwartungen  unerfüllt bleiben.

Dieses Mal berufen sich die Händler auf robuste Konjunkturdaten. Ein Absturz der Wirtschaft werde unwahrscheinlicher, heißt es. Das Ifo-Geschäftsklima hat mit seinem dritten Anstieg in Folge diese Hoffnung weiter genährt. Zudem setzen die Akteure darauf, dass die Europäische Zentralbank (EZB) alles unternimmt, um den wackeligen Finanzsektor mit billigem Geld zu fluten. Auch die zum großen Teil noch sehr guten Unternehmensgewinne gelten als Kaufargument, und zusammen reichen alle diese Argumente locker aus, um Bedenken beiseite zu schieben.

Derer sind aber auch reichlich vorhanden. So hat die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) den Finanzbedarf angeschlagener Staaten auf weltweit eine Billion Dollar taxiert. Die Weltbank sieht das weltweite Wirtschaftswachstum bei nur noch 2,5 Prozent (nach 3,6 Prozent). Europa sieht das Institut in einer Rezession. Hinzu gesellen sich alle  ungelösten Fragen der Schuldenkrise.

Es ist also gut möglich, dass sich innerhalb der kommenden Tage oder Wochen die Bedenken wie Mehltau über den Optimismus legen. Es kann aber auch länger dauern. Statistiker haben die durchnittliche Dauer einer Bärenmarkt-Rally mit vier Monaten bemessen. Viele Börsianer bezeichnen die Bewegung auch wenig schmeichelhaft als “Rally für die Doofen”. “Doof”, beziehungsweise gekniffen sind allerdings nur jene, die ganz am Ende einer solchen Rally einsteigen, “weil es ja nur noch aufwärts gehen kann”. Und die dann den Ausstieg verpassen.

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Geht doch!

12.01.2012 16:46 | Stefan Wolff

Vielleicht werden wir in einem Jahr vom 12. Januar als einem der Wendepunkte in der Schuldenkrise sprechen können. Aus heutiger Sicht ist das alles noch nicht absehbar aber möglich ist es schon. Für Spanien und Italien sind die Refinanzierungskosten spürbar gesunken.

Für die Länder ist es nun einfacher, Ihre Schuldenlast zu stemmen. Die Rechung der Europäischen Zentralbank geht auf. Sie leiht den Banken Geld zu Minizinsen für eine Dauer von bis zu drei Jahren. Die Banken kaufen von dem Geld Anleihen aus den so genannten “Problemstaaten” und streichen dabei eine schöne Marge ein. Für die Banken ist das ein fast risikoloses Geschäft, da am Ende des Tages der Rettungsschirm für eventuelle Ausfälle geradestehen wird. Man mag dieses Vollkasko-Banking mögen oder nicht, doch es funktioniert.

Sollte sich diese Entwicklung fortsetzen, dann sieht die Lage gar nicht mal schlecht aus. Frankreich, Deutschland und Österreich behalten erst einmal ihre Top-Note “Triple A”, Spanien und Italien erhalten Geld zu einem erträglichen Zins, Irland steht bald wieder auf eigenen Füßen, und der Ausstieg Griechenlands aus dem Euro ist zumindest für Merkozy keine Option. Geht doch!

Wahrscheinlich ist es zu früh für diesen optimistischen Zungenschlag, doch scheint die Krise zumindest wieder beherrschbar geworden zu sein. Kein Vergleich mit den Untergangsszenarien, die noch vor ein paar Wochen die Schlagzeilen beherrscht haben. Die apokalyptischen Reiter dürfen noch mal absatteln.

Am wenigsten Sorgen sollte eigentlich Spanien bereiten. Die Exporte wachsen, die Wirtschaft ist recht stark. Die Neuverschuldung ist mit über acht Prozent gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) zwar hoch, die Gesamtverschuldung aber klein. Spaniens Schuldenquote erreicht gerade mal 60 Prozent des BIP und erfüllt damit das Maastricht-Kriterium. Die deutschen Schulden übersteigen 85 Prozent.

Auch bei der Neuverschuldung muss sich der Euro-Raum nicht verstecken. Nach Angaben der OECD wird sich der Euroraum insgesamt mit drei Prozent des BIP neu verschulden. In Japan, Großbritannien und in den USA erreichen die Neuverschuldungsquoten diesen Schätzungen zufolge wohl um neun Prozent. Die Frage ist erlaubt und drängt sich geradezu auf, wer wohl den immer wieder auch von den Ratingagenturen geforderten Schuldenabbau ernster nimmt.

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Blick in die Kristallkugel

02.01.2012 11:06 | Stefan Wolff

Viel Zeit zum Durchatmen hat dieses kurzes Silvesterwochenende nicht geboten. Und während viele Privatanleger sicher noch mit dem Aktienjahr 2011 hadern, haben die Profis die Verluste abgehakt und blicken nach vorn. Die Fahrt ins Jahr 2012 ist aber eine Reise ins Ungewisse.

Wie immer nach einem schwankungs- und verlustreichen Jahr gehen die Prognosen weit auseinander. Für das kommende Jahr gehen die Vorhersagen weit auseinander. Die Societe Generale sieht den Deutschen Aktienindex (Dax) auf 5.400 Punkte fallen, die HSH Nordbank glaubt an eine Rally und an den Dax bei 7.400 Punkten zum Jahresende. Dazwischen gibt es viele Schätzungen. Im Schnitt erwarten Banker, Fondsmanager und Analysten den Dax bei 7.000 Punkten zum Jahresende 2012. Das wäre ein Anstieg um 13 Prozent.

Die Wahrheit liegt wahrscheinlich wie immer irgendwo dazwischen oder ganz woanders. Schließlich hat niemand die Aktienverluste des vergangenen Jahres vorhergesehen. Selbst die vorsichtigsten Schätzungen waren von Kursgewinnen ausgegangen. Der Optimismus entstand unter dem Eindruck des eindrucksvollen Comebacks, das der Dax in den Jahren 2009 und 2010 hingelegt hatte. Die bestehenden Gefahren waren auf keinem Radarschirm sichtbar oder sie wurden nicht gesehen.

Jetzt gehen die Optimisten davon aus, dass Aktien der meisten Unternehmen unterbewertet sind und dass Anleger dies erkennen werden. Die Pessimisten rechnen damit, dass sich zur Euro-Schuldenkrise nun auch eine schwächere Wirtschaftslage gesellen wird. Auch die anstehenden Wahlen in Frankreich und in den USA bergen Unsicherheiten. Klar ist aber: Sollte es nicht gelingen, die Schuldenkrise zu lösen oder die Märkte in die Schranken zu weisen, kann es weiter ungemütlich werden.

Ich selbst glaube eher an die ungemütliche Variante. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass die Ratingagenturen, wenn sie aus ihrem Winterschlaf erwachen, mit einer kollektiven Abwertung des Euroraums in Sachen Schuldenkrise für neue Turbulenzen sorgen. Da nützt auch kein Gipfel-Hopping unserer Politiker.  Außerdem marschiert der Ölpreis wieder in Richtung alter Höchststände. Das macht es vielen Branchen auch nicht eben einfacher.

Die Börse bleibt politisch, und es kommen konjunkturelle Unsicherheiten hinzu. Außerdem wäre ein zu starkes Comeback der Aktienmärkte nicht gut, weil damit die Gefahr eines Crashs am Rentenmarkt wächst.  Wer in diesem Jahr mit Aktien Geld verdienen will, wird sehr starke Nerven und eine gute Reaktionsfähigkeit brauchen.

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Goldfreunde in Sorge

20.12.2011 10:45 | Stefan Wolff

Viele Menschen werden sich an den Feiertagen mit Schmuckgeschenken zeigen, dass ihnen ihre Liebste oder ihr Liebster nicht nur lieb sondern auch teuer ist. Vor Schmuck als Geldanlage warnen die Experten dagegen regelmäßig. Schließlich müsse neben dem Rohstoff auch das Kunsthandwerk mitbezahlt werden.

Generell gelten die Preise für Edelmetalle nicht nur während der Feiertage oder in der aktuellen Finanzkrise als sichere Anlagehäfen. Doch in der jüngeren Vergangenheit geht diese Rechnung nicht mehr auf. Während die Schuldenkrise kräftig auf den Euro und auf Aktien drückt, bleibt die Flucht ins Gold aus. Mehr noch: Die Preise für Edelmetalle sind in den vergangenen Wochen deutlich zurück gekommen. Allein in diesem Monat knickte der Goldpreis um über zehn Prozent ein. Die Silbernotierungen gaben sogar noch stärker nach.

Beobachter fürchten, hier könne sich das Ende einer langen Erfolgsgeschichte ankündigen. Zum Jahreswechsel wird Gold elf Jahre in Folge mit Preissteigerungen abgeschlossen haben. Eine blitzblanke Bilanz. Ob aber das Dutzend voll gemacht wird ist offen. Das liegt unter anderem an der prekären Lage mancher Bankhäuser. Haben diese Löcher zu stopfen, werden auch schon einmal die Goldvorräte versilbert.

Außerdem haben viele Anleger Gold aus Angst gekauft. Doch die Inflation ist ebenso wenig ins Unermessliche gestiegen, wie Papiergeld seine Kaufkraft verloren hat. Auch wenn die Schuldenkrise nicht gelöst ist, so ist der Untergang ausgeblieben. “Noch ist er ausgeblieben”, sagen die Katastrophen-Propheten und trommeln auch weiter zum Goldkauf.

In der Tat dürfte kein Absturz ins Bodenlose drohen. Gold bleibt für viele Anleger eine attraktive Beimischung im Depot, ein Inflationsschutz. Doch auch bei drei Prozent Inflation ist die Frage nach Inflationsschutz nicht so drängend, wie mancher meint. Ältere Anleger werden sich erinnern, dass von den 80er Jahren an mit dem Edelmetall fast drei Jahrzehnte kein Staat zu machen war.

Solche Durststrecken hat es immer wieder mal gegeben, und es ist nicht auszuschließen, dass es auch mal wieder zu einer solchen kommt. Als noch schwankungsanfälliger hat sich Silber erwiesen. Die weiße kleine Schwester des Goldes beschert in diesem Jahr Anlegern sogar Verluste.

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Inflationsziel adé

08.12.2011 16:49 | Stefan Wolff

Die Europäische Zentralbank (EZB) wird vom Falkenhorst zum Taubenschlag. Die Bankenrettung verdrängt das Ziel der Preisstabilität von der Prioritätenliste. Außerdem scheint das Direktorium so uneinig zu sein wie selten zuvor. Die Entscheidung, die Zinsen wieder auf ein Prozent zu schrauben, fiel jedenfalls nicht einstimmig, was EZB-Präsident Draghi gleich mehrmals betonte.

Die Falken in der EZB (gemeint sind damit die Hardliner) haben im Moment einen schweren Stand. Gleich in seiner zweiten Sitzung als EZB-Chef schraubte Mario Draghi die Zinsen zum zweiten Mal herunter. Vor einem Monat waren Beobachter noch bass erstaunt. Dieser Schritt war nun erwartet worden und dennoch ist er erstaunlich.

Denn während die EZB die Zinsen senkt, hebt sie gleichzeitig die Inflationsprognosen an. Im laufenden Jahr soll die Teuerungsrate bei 2,6 bis 2,8 Prozent liegen. Das ist deutlich über der von der EZB angestrebten Obergrenze von zwei Prozent. Erst 2013 sollt die Inflation wieder in den von der EZB tolerierten Korridor zurück kehren.

Dem scheidenden EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark und Bundesbankchef Jens Weidmann dürfte die heutige Sitzung des EZB-Direktoriums nicht gefallen haben. Ich gehe davon aus, sie haben beide (zu Recht) gegen sinkende Leitzinsen gestimmt. Denn die Botschaft, dass die EZB ihre Inflationsziele zugunsten von den Finanzsektor stützender Maßnahmen aufgibt, erweckt die Urangst der Deutschen vor Inflation neu.

Außerdem sind diese einschneidenden Maßnahmen, die den Bankensektor stützen sollen, durchaus auch ein Indiz dafür, dass es um die Branche schlechter bestellt sein könnte als gedacht. Auch weiterhin gilt billiges Geld als einziges Heilmittel. Die ausgeweitete Laufzeit von 36 Monaten für EZB-Kredite ist dabei ebenso bemerkenswert, wie die Tatsache, dass die Währungshüter nun auch Papiere minderer Bonität als Sicherheiten akzeptieren. Endlich wissen die Banken, wohin mit ihren ABS:

Noch steht nicht fest, welchen Kurs die EZB letztendlich einschlagen wird. Vieles hängt davon ab, ob die Euro-Politiker in den kommenden Tagen die richtigen Signale setzen. Es erhärtet sich aber der Verdacht, dass unsere Währungshüter ein Stück opportunistischer geworden sind.

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Schleusen auf und Wasser marsch!

01.12.2011 14:38 | Stefan Wolff

Die wichtigsten Notenbanken konzertieren wieder. Das ist kein gutes Zeichen, auch wenn die Märkte jubeln. Vielleicht ist das auch der Grund, warum am Mittwoch Bayer-Aktien so gefragt waren. Der Bedarf an Kopfschmerztabletten dürfte steigen, denn die Finanzkrise erreicht eine neue Eskalationsstufe. Lehman 2.0 ist näher an uns heran gerückt als wir alle gedacht haben. Sonst hätten die Notenbanken nichts unternommen.

Seit Tagen schon herrscht eine merkwürdige Stimmung auf dem Börsenparkett. Es kursieren Verschwörungstheorien, Untergangsszenarien. Pleitekandidaten werden genannt. Auch wenn die Kurse mal steigen, wirkt das ziemlich zermürbend. Die Unzufriedenheit mit den politischen Ansätzen zur Lösung der Krise, die deutsche Blockadehaltung und die vielen Hiobsbotschaften lasten schwer auf der Händlerpsyche.

In dieser Situation wirkt die konzertierte Aktion der Notenbanken wie ein Befreiungsschlag. Die entstandenen Ungleichgewichte werden per Intervention geglättet, nachdem US-amerikanische Bankhäuser ihre Dollars aus dem Euroraum abgezogen haben, teils wegen der bestehenden Unsicherheiten, teils vermutlich auch, um heimische Löcher damit zu stopfen.

Wieder einmal stand der Interbankenmarkt kurz davor auszutrocknen. Wie zuletzt nach der Lehman-Pleite mussten die Zentralbanken einspringen. Allein die Tatsache, dass eine solche Aktion nicht zum ersten Mal erfolgt, macht deutlich: Es handelt sich um eine flankierende Hilfsmaßnahme für Banken, bietet aber keinen Ansatz, die Krise zu lösen. Hier müssen die Impulse von der Politik kommen.

Was schlichtweg fehlt, ist das Vertrauen. Vertrauen in die Politik, die Krise zu meistern, Vertrauen in die Banken, eventuelle Verluste wegstecken zu können, Vertrauen in die Märkte, es schon irgendwie richten zu können. Geld löst nicht alle Probleme, auch billiges Zentralbankgeld nicht.

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Dr. No gegen Euro-Bond

25.11.2011 06:23 | Stefan Wolff

Nein“ zu sagen ist leicht. Das Schöne am kategorischen „Nein“ ist, dass es keinen Widerspruch duldet. Es hat auch keine Konsequenzen. Und Entscheidungen werden so auch nicht gefällt, höchstens werden sie blockiert.

Angela Merkel sagt „Nein“. Die Bundeskanzlerin will keine Euro-Bonds. Angela Merkel will auch nicht, dass die Europäische Zentralbank (EZB) massiv in die Anleihemärkte eingreift. Natürlich ist sie gleichzeitig eine glühende Bekennerin der europäischen Sache.

Möchtest Du Rotwein?“ „Nein.“ – „Möchtest Du Weißwein?“ „Nein.“ – „Möchtest Du überhaupt Wein?“ „Ja.“ – „Rosé?“ „Nein.“ Mit vergleichbaren Antworten hat sich die Kanzlerin in Europa den Spitznamen „Dr. No“ erworben. Das Problem an diesem Kurs ist, dass sie nicht sagt, wie es gehen soll. Sie bleibt den Lösungsweg aus der Krise schuldig.

Wofür steht Angela Merkel, wenn sie Pest und Cholera, also Eurobonds und EZB-Druckmaschine ablehnt? Ach nein, sie findet es ja nur unpassend, „mitten in der Krise“ über diese Lösungsansätze zu diskutieren. Nach der Krise wäre aber noch unpassender, denn dann ist die Krise vorbei und die europäische Idee ist womöglich tot.

Das kategorische „Nein“ funktioniert eben nur in der Opposition. Wer regiert und die Lösungsansätze „A“ und „B“ ablehnt muss „C“ in der Tasche haben. Das hat die Kanzlerin aber nicht, lediglich das vage Versprechen, mit Sarkozy und Monti Vorschläge erarbeiten zu wollen. Die Antwort der Märkte auf diese substanzlose Taktiererei fällt klar aus. Auch die Deutschen verspielen ihren Kredit und dürften mit steigenden Zinsen bestraft werden.

Dabei stemmen sich Europäer schon jetzt mit den Mitteln gegen die Krise, die sie eigentlich noch erst ins Leben rufen wollen (oder auch nicht):

  • - Der Rettungsschirm wird über Anleihen finanziert, für die die Euro-Staaten gemeinschaftlich haften. (Eurobonds)
  • - Die EZB kauft bereits Anleihen wackelnder Staaten auf, um die Rentenmärkte zu stabilisieren.
  • - Die Forderungen der Bundesbank gegenüber der EZB sind massiv angestiegen. Sie liegen inzwischen bei über 460 Milliarden Euro (Transferunion?)

Nach außen harte Kante zeigen und dabei einknicken, das ist hier die Taktik. Gegen Mindestlöhne und für eine „Lohnuntergrenze“ zu sein, gegen die Abschaffung der Wehrpflicht und für eine „Bundeswehrreform“, gegen Frauenquote und für eine „Flexiquote“. Wahrscheinlich ist nur noch kein passender Name für Eurobonds gefunden. Der von Barroso ins Spiel gebrachte „Stabilitätsbond“ könnte ein Anfang des munteren Begrifferatens sein.

Das Problem ist, dass Merkels Kurs impliziert, sie wolle gar keine Währungsunion. Ihr abwartendes Lavieren führt direkt zurück in die D-Mark. An den Anleihemärkten ist diese Entwicklung längst vorweggenommen. Die Bewertungen der Staatspapiere bedeuten eine Rückkehr zu den nationalen Zinsniveaus. Ob die Anleihen dabei in „Euro“, „Lira“ oder „Schilling“ gehandelt werden, spielt erst einmal eine untergeordnete Rolle.

Wenn Merkel zurück zur Mark will, muss sie es sagen. Wenn sie den Euro behalten will, muss sie sagen, welchen Weg sie gehen will. Alles andere zerstört das Vertrauen der Märkte, zerstört langfristig die Vermögen der Sparer, verschärft die Krise und verlängert das Leiden

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Domino Days

17.11.2011 11:11 | Stefan Wolff

Jetzt schwappen die Wellen des Finanzsturms auch in die vermeintlich sicheren Häfen. In Frankreich, Österreich, den Niederlanden, Belgien und Finnland schießen die Renditen nach oben. Nur in Deutschland hält der Deich. Da kann der Finanzminister sich für zehn Jahre Geld leihen und würde gerade mal 1,5 Prozent Zinsen zahlen. Für ein halbes Jahr gibt es das Geld für Umme. 0,08 Prozent Zinsen. So seh’n Sieger aus!

Das “Schalalala” darf aber getrost im Halse stecken bleiben. Schließlich tritt genau das ein, was zu befürchten war. Die Anleihemärkte geraten aus den Fugen. Es herrscht blanker Aktionismus. Staatspapiere haben als sichere Häfen ausgedient. Zu groß sind die wahrgenommenen Ansteckungsgefahren, egal, ob sie für wahr genommen oder ob darauf spekuliert wird.

Die Politik hat nicht glaubhaft darlegen können, wie sie die Schuldenkrise in den Griff bekommen will. Es gibt nicht viele Möglichkeiten, wie diesem Phänomen zu begegnen ist. Natürlich könnte die Europäische Zentralbank (EZB) die Druckerpresse anschmeißen und alles aufkaufen, was in den Depots der Großanleger keinen Platz mehr findet. Macht die US-Notenbank doch auch.

Oder weicht der deutsche Widerstand doch noch auf, und es kommen die Euro-Bonds? Fakt ist: Wenn alle Länder (und nicht nur die in der Schuldenperipherie) auf einmal höhere Zinsen und damit sowieso für die Risiken der Nachbarn bezahlen, dürfte auch der Druck auf die Deutschen steigen, sich an den Zinskosten zu beteiligen. Denn es ist vollkommen klar, dass Spanien nicht lange die (wie bei der jüngsten Auktion aufgerufenen) Zinsen in Höhe von fast sieben Prozent wird zahlen können (oder wollen).

Deutschland zahlt absurd niedrige Zinsen für seine Staatsschulden. Wer sich auf dieses Niveau beruft, erklärt den Ausnahmefall zur Normalität. Zudem haben die niedrigen Zinsen nicht eben den Sparwillen unserer Regierenden stimuliert. Ganz im Gegenteil öffne Finanzminister Schäuble womöglich seine Schatulle für Versicherer, falls sich diese als “systemisch” herausstellen sollten.

Diese Schuldenkrise entwickelt sich genau so, wie es viele vor einem Jahr vorhergesagt haben. Denkverbote haben hier keinen Platz mehr. Vermutlich ist es sinnvoll, einen Teil der Schulden zu vergemeinschaften, wenn uns denn wirklich so viel an dieser Währungs- und Wertegemeinschaft liegt
.
Die Finanzwirtschaft wird am Anleihemarkt nach den gemachten Erfahrungen nicht eben hilfreich zur Seite springen. Versicherungen und Banken ziehen sich auf breiter Front aus diesem Geschäft zurück. Die Allianz bezeichnete sich kürzlich als “von den Märkten getrieben”. Noch so eine Lehre aus dieser Krise. “Die Märkte”, das sind immer die anderen.

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Wer will Anleihen?

10.11.2011 23:11 | Stefan Wolff

Immer mehr Banken haben von der Schuldenkrise die Nase voll. Sie werfen Anleihen schwächelnder Euro-Länder schubkarrenweise auf den Markt. Kritiker werfen den Finanzhäusern vor, die Krise zu verschärfen, doch insbesondere die jüngsten Volten des griechischen Ministerpräsidenten haben viel Vertrauen gekostet.

Viele Anleger fragen sich, ob sie dem Beispiel der Banken folgen sollen, doch die Verlockung ist auf der anderen Seite groß. Die Rendite zehnjähriger italienischer Papiere ist schließlich über sieben Prozent geschossen.

Dagegen bekommen deutsche Sparer in ihrer Heimat Magerkost geboten: Die Umlaufrendite, das ist der durchschnittlich für alle deutschen Anleihen gewährte Zins, liegt bei 1,55 Prozent und damit nicht nur deutlich unter den Renditen der Südeuropäer, sondern auch deutlich unter der Inflationsrate. Wer deutsche Anleihen hält, vernichtet also Geld, anstatt es zu vermehren. Noch deutlicher wird das beim Blick auf kurze Laufzeiten. Ein Papier mit halbjähriger Laufzeit rentiert mit unglaublichen 0,08 Prozent.

Aber den Renditen spanischer, italienischer oder portugiesischer Anleihen stehen auch Kursverluste bei den Papieren gegenüber. Die hohen Zinsen spiegeln die Sorgen der Anleger und die Risiken wieder, die Staaten mit hohen Schulden nun einmal darstellen.

Anleihen werden an den Rentenmärkten gehandelt. Sie stehen mit ihrem Prozentwert an den Kurstafeln. Die Staaten geben sie zu einhundert Prozent heraus mit einem vorher festgelegten Zins, dem so genannten Kupon. Fällt der Kurs der Anleihe, dann steigt die Rendite, die sich aus aktuellem Kurs und den gebotenen Zinsen errechnet. Diese Rendite stellt den Zins dar, den ein Anleger rein rechnerisch erhalten würde, würde er die Anleihe bis zum Ende der Laufzeit halten. Denn am Ende dieser Laufzeit zahlt der Staat die Anleihe zu 100 Prozent zurück. Wenn es gut läuft.

Der griechische Schuldenschnitt zeigt, dass die Gefahren real sind. Selbst bei Ländern wie Frankreich raten Experten im Moment von einem Engagement ab. Französische Anleihen rentieren mit mehr als drei Prozent. Allerdings wackelt auch die von den Ratingagenturen vergebene Bestnote. Sollte das Triple A fallen, würden die Anleihekurse folgen. Anleger hätten sich definitiv zu teuer eingedeckt. Wer jedoch die Papiere schon hat, sollte darüber nicht in Panik verfallen. Frankreich dürfte seine Verbindlichkeiten auch weiter erfüllen.

Bei den als ganz sicher geltenden Kandidaten des Euroraums sind die Margen zu den deutschen Renditen verschwindend gering. Österreichische Papiere bieten auch nur knapp zwei Prozent, die Niederlande, Finnland oder Luxemburg liegen nur knapp darüber. Ein Schnäppchen gibt es nicht an den Rentenmärkten, zumal sich zu kleine Zinsvorteile gegenüber den deutschen Papieren auch gar nicht lohnen. Wer mit Anleihen im benachbarten Ausland sein Heil sucht, muss dafür ein Depot anlegen. Das kostet Gebühren, die natürlich den Gewinn schmälern. Wer dagegen deutsche Staatspapiere kauft, kann diese kostenfrei bei der Deutschen Finanzagentur lagern.

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Kratzer im Lack

03.11.2011 17:26 | Stefan Wolff

“Man kann die Pferde zur Tränke führen, saufen müssen sie selber”, sagte einst der SPD-Politiker und ehemalige Superminister Karl Schiller. Griechenlands Regierungschef Giorgos Papandreou schien auf einmal nicht mehr sicher zu sein, ob er seinem Volk mit dem Rettungspaket einen Drink „für unsere guten Freunde“ präsentiert oder ob er den Hellenen den Schierlingsbecher reicht. Nur so erklärt sich sein inzwischen wieder revidierter Wille, das Volk zu befragen.

Demokratie ist ja eine feine Sache aber doch bitte nicht hier und nicht jetzt. Papandreou hätte eher fragen müssen, bevor die ganze Gipfelei gestartet wurde. „Wollt Ihr überhaupt gerettet werden?“, ist eine gute Frage, wenn nicht schon sämtliche Rettungsmaßnahmen beschlossen und verkündet sind. Die Folge ist ein realsatirischer Eiertanz griechischer Politiker, Ratlosigkeit der europäischen Kollegen und Fassungslosigkeit an den Märkten. Auch wenn es nur parteipolitisches Taktieren war: Die Glaubwürdigkeit ist endgültig dahin.

Banken fliehen fast schon panisch aus Staatsanleihen. Wer soll denn in Zukunft Anleihen des EFSF kaufen, wenn sich die Stimmungslage alle paar Minuten dreht? Wer soll Staaten finanzieren? Selbst in Cannes wussten die Staatenlenker gar nicht mehr, über was sie eigentlich reden sollen. Das Ultimatum an Griechenland lief so schnell ins Leere, wie es ausgesprochen wurde.

Auch die Glaubwürdigkeit der EZB wackelt. Trotz steigender Inflationsraten sinken die Leitzinsen. Die wichtigste Zielvorgabe der Währungshüter – die Geldwertstabilität – könnte auf dem Altar der Schuldenkrise geopfert werden. Der neue EZB-Chef Mario Draghi reagiert, wie er sagt, auf Rezessionsgefahr. Das ist Konjunkturpolitik à la Federal Reserve.

In dieser Situation dürften die Märkte weiter ohne einen stabilisierenden Kiel durch die Gegend schlingern. Die Hängepartie geht weiter. Überraschungen sind garantiert.

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Das große Würfchen

27.10.2011 16:47 | Stefan Wolff

Die Politik liefert – die Märkte jubeln. Doch das Ende der Schuldenkrise ist damit nicht eingeläutet. Der nächste Krisengipfel kommt bestimmt.

Im Prinzip sind die beschlossenen Schritte richtig. Die Banken sind zurecht mit ins Boot geholt worden. Der Schuldenschnitt macht deutlich, dass die eingegangenen Risiken realistisch waren. Zweistellige Renditen gibt es nicht für lau. Die Börse ist kein Free Lunch, auch nicht für Großbanken.  Diese verlieren zwar Geld, gewinnen aber Sicherheit.

Dass für zukünftige Geldgeschäfte mehr Eigenkapital hinterlegt werden muss, ist ebenfalls sinnvoll. Im Falle einer erneuten Finanzkrise sollten sich die Institute am eigenen Schopf aus dem Morast ziehen können. Die beiden deutschen börsennotierten Großbanken befinden sich in einer komfortablen Situation. Deutsche Bank und Commerzbank haben die für kommendes Jahr vorgeschriebene Eigenkapitalquote erreicht. Der Haircut für griechische Schulden steht bereits in den Büchern der Deutschen Bank.

Mit dem freiwilligen Verzicht der Banken ist es aber noch nicht getan. Für die Märkte wird das Urteil der Ratingagenturen entscheidend sein. Diese hatten bereits angedeutet, keinen Unterschied zu machen, ob der Forderungsverzicht freiwillig oder nicht erfolgt. Haircut ist Haircut. Sollten S&P, Moody’s oder Fitch dem Deal ein „D“ für Default (Ausfall) verpassen, wäre Griechenland pleite.

Das Versicherungsprinzip des Rettungsschirms stellt ebenfalls neue Fragezeichen auf. Der Steuerzahler geht damit erhöhte Risiken ein. Zudem ist offen, ob denn Investoren in eine solche Teilkasko-Anleihe investieren wollen. Nach den Brüsseler Beschlüssen äußerten sich China und Russland vorsichtig optimistisch. Doch zumindest China ist nicht unbedingt gewillt, sein Geld in den Rettungsschirm EFSF zu pumpen. Erst vergangene Woche hat der Chef der China Investment Corporation Reformen in Europa angemahnt. Beispielsweise bezeichnete Jin Liqun die Arbeitsmarktgesetze als „Faulheit und Gleichgültigkeit fördernd“, den Sozialstaat als überlastet.

Jins Schlussfolgerung: Die Menschen müssten länger und härter arbeiten. Erst wenn Reformen erkennbar  seien, seien chinesische Investitionen denkbar. Das klingt nicht eben nach uneigennütziger Hilfe (die gar nicht uneigennützig wäre) sondern nach massiver politischer Einflussnahme eines selbstbewussten Wirtschaftsriesen.

Bei aller Hebelei ist sowieso klar, dass im Ernstfall auch die Billion nicht reichen würde. Wird Frankreich angeschossen, dann wird der Baldachin zum Cocktailschirmchen. Nach Griechenland dürfte aber nun erst einmal Italien in den Blickpunkt rücken. Das Regierungschaos dort ist nicht gerade Vertrauen erweckend. Mit Banken wie der Unicredit oder der Intesa stehen dort ganz andere Kaliber im Feuer als in Griechenland.

Der Gipfel in Brüssel hat deutlich gemacht, dass die Euro-Mitglieder gewillt sind, an einem Strang zu ziehen. Dass diese Entschlossenheit über Lippenbekenntnisse hinaus geht ist eine neue und angenehme Erfahrung. Immer noch aber fehlt der Masterplan. Immer noch ist die Frage unbeantwortet, in welchem Europa wir in zehn Jahren leben wollen und sollen. Europa muss handlungsfähiger werden. Regelmäßige, von der Not oktroyierte Finanzministertreffen ersetzen keine Wirtschaftsregierung.

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Der richtige Hebel

06.10.2011 14:46 | Stefan Wolff

“Gib mir einen festen Punkt und ich werde die Welt aus den Angeln heben”, soll der Mathematiker Archimedes gesagt haben, als er die Hebelgesetze formulierte. Wer einen Hebel ansetzt, will mit dem geringstmöglichen Kraftaufwand ein größtmögliches Gewicht bewegen. In der Finanzwelt bedeutet dies, mit wenig Geld große Gewinne einzufahren. Das führt im Moment an den Finanzmärkten zu heftigen Verwerfungen.
Gehebelt wird über Termingeschäfte, also Optionen und Futures, an den Terminbörsen. Die von der Deutsche Börse AG betriebene Eurex ist einer der großen Spieler in diesem Derivatemarkt. Großes Geld wird auch an der Warenterminbörse Chicago Board of Trade (CBOT) oder der Chicago Mercantile Exchange  (CME) verdient. Die Spielregeln, wie die Geschäfte abzulaufen haben, legen die Handelsplatzbetreiber selbst fest.
Besonders interessant wird diese gesetzgebende Kompetenz bei den Summen, die die Marktteilnehmer hinterlegen müssen, um spekulieren zu dürfen. Diese so genannten “Margins” variieren von Marktplatz zu Marktplatz und von Assetklasse zu Assetklasse und können auch jederzeit geändert werden. Das gibt CBOT, CME und Co. einen gewissen Gestaltungsspielraum und eine ungeheure Marktmacht. Befinden sich Finanzwerte im freien Fall, kann es ausreichen, die Margins zu verkleinern, um eine Kursrally auszulösen. Niedrigere Margins machen gebundenes Geld frei, das sofort wieder angelegt werden kann.
Werden die Margins dagegen angehoben, wird es schwerer, im Sinne von teurer, ein Produkt zu hebeln. Diese “Margin Hikes” haben erst kürzlich zu heftigen Turbulenzen an den Edelmetallmärkten geführt. Händler, die mehr Geld für ihre Wetten hinterlegen mussten, flohen aus Gold und Silber. Der Absturz der Krisenmetalle ging zum großen Teil auf die Kappe dieser Termingeschäfte.
Natürlich ist es kein Zufall, wenn “nur” die Margins auf Wetten mit Bankaktien abgesenkt oder “nur” die  Margins für virtuelle Geschäfte mit Edelmetallen angehoben werden. Zu Zeiten hochnervöser Märkte lassen sich dadurch nicht  nur Trends stoppen, sondern auch Krisenszenarien erzeugen. Kupfer ist nicht nur eines der wichtigsten Industriemetalle, sondern gilt auch als Konjunkturbarometer. Ein Absturz nach einem “Margin Hike” kann also ganz reale Rezessionsängste wecken.
Während die Regulierer aus der Politik den Banken höhere Eigenkapitalquoten verordnen, lassen sie diesen Bereich quasi unberührt. Dabei  gehen die Terminhändler automatisch ein höheres Risiko ein, wenn sie weniger Geld für ihre Spekulationen hinterlegen. Bei Geschäften zwischen den Teilnehmern zweier Banken, das “over the counter”, also außerhalb regulierter Märkte abgewickelt wird, kann die Margin bei “null” liegen. Das heißt: Volle Pulle Risiko unter Ausschluss jeder Sicherheit.
Schon Archimedes wusste: Wenn der Hebel lang genug ist, kann ein Mann die Welt aus den Angeln heben, sei es auch “nur” die Finanzwelt.

PS: Dank an den Leser Humperdinck für die Anregung zu diesem Blogeintrag.

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Grüße aus dem Glashaus

28.09.2011 08:31 | Stefan Wolff

Europas zögerliches Handeln ist eine Gefahr für die Weltwirtschaft. Sagt ein Präsident, der es wissen muss. Barack Obama ist in einer Rede gegen die Schuldenkrise in Europa zu Felde gezogen. Diese Offensive ist dem Wahlkampf geschuldet. Doch sie steht ihm nicht gut.

Natürlich hat Obama recht, wenn er anmerkt, dass die Euro-Schuldenkrise im Moment die Finanzmärkte einer Zerreißprobe aussetzt. Nur verschweigt der mächtigste Mann der Welt dabei geflissentlich, wo diese Krise eigentlich herkam. Genau: Sie ist ein Resultat der Niedrigzinspolitik der USA nach den Anschlägen vom 11. September, der künstlich aufgeblasenen Immobilienblase in den USA und der Begabung US-amerikanischer Banker, hochtoxischen Wertpapiermüll als „Triple-A“-Zinspapiere notorisch unbedarften Spezialisten von IKB, WestLB, HRE und Co. aufzuschwatzen.

Die daraus resultierenden Rettungsmaßnahmen haben die ohnehin schon hohen Staatsverschuldungsquoten weiter nach oben getrieben, im Falle Irlands und seines völlig überdimensionierten Bankensektors führte das Ganze an den Rand des Bankrotts.

In den USA kann auch nicht die Rede von einer umfassenden Reform des Finanzsektors sein. Seit Ausbruch der Krise sind mehr Banken bankrott gegangen als nach dem 1929er Crash. Die großen Immobiliengiganten Freddie Mac und Fannie Mae sind weit davon entfernt, eigenständig agieren zu können.

Seit 2007 halten die USA die Welt und vor allem die Finanzmärkte in Atem. Die Schuldenkrise dort ist nicht von Pappe. Mit 98,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts stehen die USA tiefer in der Kreide als der EU-Schnitt. Ein ums andere Mal bekommt der Präsident es mit der Opposition zu tun und kann überlebenswichtige Maßnahmen immer nur „Last Minute“ durchsetzen. Es gibt also genügend Dreck vor der eigenen Tür.

Und trotzdem spricht Obama eine unbequeme Wahrheit aus: Die Europäer haben es bislang versäumt, eine klare Linie zu verfolgen und mit einer Stimme gegen die Krise zu sprechen. Da nicht einmal die Bundesregierung eine einheitliche Meinung vertritt, besteht wenig Hoffnung auf eine verbesserte Lage. Denn nicht gegenseitige Vorhaltungen sind die Lösung, sondern eine bessere Zusammenarbeit. Amerikaner und Europäer könnten zum Beispiel an einer gemeinsamen Architektur für die Finanzmärkte arbeiten.

Bleibt es bei den gegenseitigen Grüßen aus dem Glashaus, dann bleibt am Ende nur ein Scherbenhaufen.

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Twist and shout

22.09.2011 10:31 | Stefan Wolff

Die US-Notenbank (Fed) entdeckt den Twist für sich, doch die Börsen kann sie so nicht rocken. Die Liquiditätsjunkies der Finanzwelt hatten eine weitere Geldinfusion herbeigesehnt, die sie (vorerst) nicht erhalten werden. Statt „QE 3“, das ein weiteres, großangelegtes Anleiheaufkaufprogramm wäre, wird also nun die „Operation Twist“ für niedrige Zinsen sorgen.
Die Fed wird zu diesem Zwecke Kurzläufer oder bald fällige Anleihen verkaufen und im Gegenzug Langläufer vom Markt nehmen. Auf diese Art und Weise steigt die Nachfrage nach lang laufenden Bonds. Die Preise steigen, die Renditen sinken. Das soll die langfristigen Zinsen niedrig halten. Für Häuslebauer und andere Kreditnehmer.
“Operation Twist” hat den Charme, dass kein zusätzliches Geld gedruckt werden muss, um die Zinsen zu drücken. Gratis ist das Programm natürlich deswegen noch lange nicht. Denn wenn die Fed auf lang laufenden Anleihen sitzt, erschwert das den Ausstieg aus dem Programm – irgendwann in ferner Zeit.
Die Entscheidung fiel nicht einstimmig. Drei Direktoriumsmitglieder der Fed lehnten die Aufforderung zum Twist ab. Es herrschen massive Zweifel darüber, ob die Maßnahme auch wirklich bei der Wirtschaft ankommt. Die Aufkaufprogramme QE 1 und QE 2 haben jedenfalls nicht die gewünschten Effekte erzielt. Die Aussichten für die US-Wirtschaft bleiben düster, was kein Wunder ist. Schließlich gilt der schwache Arbeitsmarkt als Hauptproblem der Amerikaner, wenn man mal vom Investitionsstau bei den Unternehmen absieht.
Mit dem Twist finanziert die Fed langfristige Kreditengagements über kurzfristige Kreditengagements. Einigen Banken, wie der Depfa, hat ein solches Gebaren fast das Genick gebrochen. Ein solches Schicksal blüht der Fed nicht, da sie sich jederzeit Geld drucken kann, wenn sie es braucht. Doch so langsam leert sich der Köcher der Währungshüter. “Operation Twist” ist einer der letzten Pfeile, dann geht nur noch Liquiditätsschwemme, und die konnte bislang nur die eigentlich siechenden Märkte aufpumpen.
Auch die Ratingagenturen haben das erkannt und den Daumen über drei US-amerikanischen Großbanken gesenkt. Deren Geschäftsmodelle stehen auf tönernen Füßen. Die Rettungsbereitschaft des Staats dürfte sich angesichts angesichts klammer Finanzen in engen Grenzen halten. Auch deutsche Banken sind in Gefahr. Schließlich agieren sie nicht im luftleeren Raum. Die drohenden Ratingschritte gegen die Unicredit würden über den Link zur Hypovereinsbank direkt auf den deutschen Markt durchschlagen.
Am Ende steht nicht mehr die Frage, ob die aus einer Bankenkrise resultierende Schuldenkrise erneut eine Bankenkrise auslöst. Es geht nur noch um den Zeitpunkt und die Härte des Einschlags.

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