Die Fassade bröckelt

26.09.2014 14:09 | Stefan Wolff

 

 

Wer auf einen anhaltenden Aufschwung in Deutschland gewettet hat, wird spätestens jetzt enttäuscht. Es läuft bei weitem nicht so rund, wie immer suggeriert wird. Beten und auf die EZB warten dürfte nicht mehr lange helfen.

 

Ein Ziel hat der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) erreicht: Der Euro fällt wie ein Klavier aus dem vierten Obergeschoss. Ansonsten lassen die Erfolge Mario Draghis auf sich warten. Investitionen im Euroraum bleiben deutlich hinter den Erwartungen zurück. Das Wirtschaftswachstum gerät ins Stocken.

 

Die deutsche Wirtschaft wurde dabei stets als Fels in der Brandung wahrgenommen. Die Erkenntnis, dass Deutschland keine Insel ist, wurde dabei nonchalant vom Radarschirm geschoben. Dabei ist klar: Wenn die wichtigen Kundenländer nicht auf die Füße kommen, können die Exporteure auch nicht feiern.

 

Jetzt setzen sich Erkenntnisse wie diese auch an der Börse durch. Das mit dem ZEW-Konjunkturindex gemessene  Investorenklima wankt, das GfK-Konsumklima trübt sich ein und das Geschäftsklima des Ifo-Institus fällt deutlich. Die Aktienmärkte reagieren immer so lange auf solche Hiobsbotschaften, bis einer schreit, die EZB werde es schon richten und zur Not Anleihen aufkaufen, bis die Notenpresse raucht.

 

Aber damit errichtet die Börse wackelige potemkinsche Dörfer, an denen jetzt schon die Fassade mächtig bröckelt. Die jüngsten Wirtschaftsdaten aus dem Euroraum machen jedenfalls wenig Hoffnung, dass die Unternehmen in der Bilanzsaison zum dritten Quartal ein Feuerwerk der positiven Überraschungen steigen lassen könnten.

 

Dass die Konjunktur weltweit nicht eben rund läuft, zeigen auch die Rohstoffpreise, die seit einiger Zeit nur eine Richtung kennen. Die Nachfrage der Industrie hält mit dem Angebot nicht mit. Auch von der Seite drohen also noch unangenehme Überraschungen.

 

In Folge dieser nicht gerade ermutigenden Signale drohen Börse und “reale” Wirtschaft weiter auseinander zu driften. Wie lange der von der EZB geschmierte Kitt die Verbindung zusammen halten kann, ist offen, ebenso die Frage, wie lange Deutschland seine Rolle als Musterknabe der Weltwirtschaft spielen kann.

 

Wer die Berichterstattung der letzten Wochen verfolgt hat, wird bemerkt haben, wie sich kritische Berichte über den Standort D häufen. Mehr und mehr ist von Reform- und Innovationsstau, von maroden Brücken und Straßen die Rede. Deutschland drohe deutlich zurück zu fallen, bliebe es beim “Weiterso”, lautet der Tenor.


Selbst wenn nicht alle geäußerten Befürchtungen auch eintreten sollten – die Wirkung solcher Berichte sollte nicht unterschätzt werden. Auch sie können mittelfristig Investoren vergrätzen, was der Börse nicht zum Vorteil gereichen dürfte.

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Das Votum der Schotten gegen die Trennung von Großbritannien ist eine gute Nachricht. Alles bleibt beim Alten, vordergründig und erst einmal. Aber die Wahl dürfte noch nachwirken.

 

Es stand immer auf des Messers Schneide. Knapp, aber weniger knapp als gedacht sprachen sich die Schotten gegen die Unabhängigkeit aus. Trotz der zweifelsfrei starken Bindung der Highlander an ihr Land, waren die Unsicherheiten wohl zu groß. In der Tat hat es die schottische Regierung versäumt, eine konkrete Planung (heute nennt man das “Roadmap”) vorzulegen, wie der Weg in die Freiheit ausgesehen hätte. Währungsfragen, Bankenfragen., Rentenfragen, Schuldenfragen und viele andere Fragen blieben somit unbeantwortet.

 

Besonders groß war die Erleichterung im Finanzsektor. Aktien, wie die der schottischen Bank Lloyds, zogen kräftig an. Klar, denn ein unabhängiges Schottland hätte hier viele Probleme erzeugt. Die Banken hatten bereits gedroht, ihren Sitz nach London zu verlegen. Der Stadt Edinburgh und einem schottischen Staat wären so jede Menge Steuereinnahmen entgangen. Außerdem trägt die Finanzwirtschaft zehn Prozent zum schottischen Bruttoinlandsprodukt bei.

 

Interessant ist es, wie gerade Euro-Skeptiker das Referendum im Vorfeld instrumentalisiert haben. Als Abstimmung gegen Brüssel sollte ein “Ja” gewertet werden. Dabei haben die Schotten vor allem über das britische Pfund abgestimmt. Ohne eine Währungsunion mit dem englischen Nachbarn hätte die Wirtschaft eine wichtige Konstante verloren. Wenn in Schottland vom Außenhandel die Rede ist, dann ist der Handel mit England gemeint. Drei Viertel der“Exporte” vom Rindersteak bis zum Elektronikbauteil gehen an den Nachbarn.

 

Daraus aber eine EU-Phobie zu konstruieren ist völliger Quatsch. In Schottland befinden sich sogar die meisten Euro-Fans auf der Insel. Schottlands Regierung hat immer betont, Mitglied der EU bleiben zu wollen. Das eint sie übrigens mit den Bewohnern anderer Regionen. Auch die Katalanen sind beispielsweise trotz (oder wegen) ihrer Skepsis gegenüber ihrer Zentralregierung in Madrid Befürworter der EU.

 

So gesehen wäre eine Trennung Schottlands von Großbritannien ein interessantes Experiment gewesen. Wären die Briten dann erst Recht aus der EU ausgetreten (darüber wird ja auch noch abgestimmt)? Hätten die Schotten den Euro gewählt?

 

Müßige Fragen. Und auch nicht. Denn das “Nein” ist nicht endgültig. Es kann ein weiteres Referendum geben. Und so ist es an der britischen Regierung, die Schotten bei Laune zu halten, sie – wie versprochen – mit mehr Rechten, mehr Autonomität und am Ende natürlich auch mit mehr Geld auszustatten.

 

Vielleicht ist das das Modell für die EU. Eine politische Einigung, die die Eigenheiten der Regionen erhält und ein Stückweit mehr Rücksicht auf regionale Befindlichkeiten nimmt. Als vor 25 Jahren das Sowjetreich kollabierte, schien die Bildung neuer Staaten selbstverständlich zu sein, so wie sich Kolonien nun einmal von ihren Kolonialherren lösen.

Auch nach dem “Nein” der Schotten ist die Büchse der Pandora geöffnet. Flamen und Wallonen, Basken und Südtiroler und viele andere mehr, denken über Unabhängigkeit nach. Ein starkes Europa braucht solche Tendenzen nicht zu fürchten.

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Fast scheint es so, als habe sich über die Sommerferien nichts geändert. Ukrainekrise und Konjunktursorgen bestimmen das Geschäft. Auch wenn die Kurse ein Zeitlang müde vor sich hindümpelten war aber dann doch von Sommerloch keine Spur. Zumindest zwei Ereignisse ragen heraus.

 

Die EZB-Zinssenkung war ein ein echter Knaller. Sie kam aus heiterem Himmel, bringt gar nichts und sorgt für jede Menge Unruhe unter Anlegern. Auch die wieder aufgenommene Diskussion um Euro-Bonds dürfte noch ziemlich lange geführt werden.

 

Spätestens jetzt dürfte klar sein, was die Europäische Zentralbank will: Inflation um jeden Preis. Das wird auf Kosten des Verbrauchers gehen. Gerade mal atmet dieser angesichts fallender Ölpreise auf, da spricht Frankreichs Notenbankchef Noyer davon, den Euro abwerten zu müssen. Es ist eine Wirtschaftspolitik à la italienne. Wenn die Unternehmen ins Hintertreffen geraten, dann wird einfach die Währung verbilligt.

 

Das erspart den Firmen die Mühsal, an ihrer Wettbewerbsfähigkeit zu arbeiten, weil sie im Ausland ihre Waren günstiger losschlagen können.Mit der italienischen Lira ging das damals kinderleicht, und weil es heute den Euro gibt, läuft es bei VW so gut und bei Fiat so schlecht. Deutsche Autohersteller mussten immer mit einer starken D-Mark leben. Da ließ sich wenig auf der Preisseite machen.

Ganz ähnlich ist das mit den Regierungen. EZB-Chef Mario Draghi kann sie nicht nicht zu mehr Haushaltsdisziplin zwingen. Die meisten Staaten ruhen sich auf den Lorbeeren günstiger Refinanzierungskonditionen aus. Deutschland profitiert dabei von seinem Wirtschaftswachstum. Da sich der Schuldenstand am Bruttoinlandsprodukt misst, fällt nicht weiter auf, dass der Berg real nicht kleiner wird.

 

Genau genommen ist nichts von dem eingetreten, was die EZB angestrebt hat., ist eingetreten. Unternehmen hängen mit dringend notwendigen Investitionen weit zurück. Entweder, sie bekommen keine Kredite, weil die Banken andere Probleme haben. Das ist vor allem in den angeschlagenen Volkswirtschaften der Fall. Oder aber die Firmen schrecken wegen der vielen Krisenherde dieser Welt vor Ausgaben zurück. Die EZB kann eben weder Banken zur Kreditvergabe zwingen noch die Ukraine-Krise lösen.

 

Was sie kann und bisher auch getan hat, ist den Banken und den Regierungen Zeit zu kaufen. Verstreicht diese ungenutzt, ist auch die EZB mit ihrem Latein am Ende. Wie also die Eurozone auf Kurs bringen? Commerzbank-Chef Martin Blessing hat es auf den Punkt gebracht. Die Lösung sind Eurobonds. Natürlich ist nach dem Vorschlag genau das eingetreten, was zu erwarten war. Mit dem Stichwort setzten die Beißreflexe von Kanzlerin, Finanzminister und Regierungssprecher ein. Blessing bekam seinen Einlauf und der Vorschlag eine Abfuhr.

 

Dabei ist es in der Tat nur dann möglich, Haushaltsdisziplin zu belohnen, wenn es unterschiedliche Zinsen gibt; bis zu einer Obergrenze gemeinschaftlich und niedrig und darüber individuell und höher. Aber nein, das wäre doch die “Vergemeinschaftung der Schulden”, schreien da alle. Und was ist das, wenn die EZB Pfandbriefe und ABS aus aller Herren Länder aufkauft und alle Euroländer gemeinschaftlich für die EZB-Bilanz gerade stehen müssen? Eben.

“Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten”, hat Albert Einstein mal gesagt. Nach dieser Definition sind Finanzwelt und Politik wahnsinnig.

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Dax im Sommerloch

14.08.2014 15:08 | Stefan Wolff

 

 

Es hat nur wenige Wochen gedauert, dass der Deutsche Aktienindex (Dax) von seinen Höchstständen über 1.000  Punkte eingebüßt hat. Anstatt über die 10.000-Punkte-Marke zu schwadronieren, schauten sich Anleger vor kurzem sogar mal die 9.000-Punkte-Marke von unten an. Die Verluste summierten sich auf elf Prozent. Es könnte aber noch schlimmer kommen.

 

Die Krise in der Ukraine und die gegenseitigen Sanktionen Russlands und der EU haben die Anleger tief verunsichert. Erste Unternehmensbilanzen zeigen schon die Bremsspuren, die solche Handelsbeschränkungen hinterlassen können. Bei Adidas war das ebenso der Fall wie bei Henkel.

 

Wirtschaftlich hat Deutschland nach einem Traumstart ins neue Jahr einen Dämpfer erlitten. Natürlich ist das kein Beinbruch, doch ist es eine Überraschung, die nur wenige Beobachter auf dem Radarschirm gehabt haben dürften. Schon jetzt ist klar, dass auch das laufende Jahresviertel nicht ganz einfach sein wird. Die eingebrochenen Auftragseingänge der deutschen Industrie haben deutlich gemacht, dass die Straße zum Erfolg wieder holperiger ist.

 

Es gibt viele Stimmen, die sagen, der Markt sei überverkauft und es könne wieder aufwärts gehen, doch angesichts der vielen Unsicherheiten ist das eher unwahrscheinlich. In diesem Sommer weist der Dax interessante Parallelen zu seinem Verlauf im Jahre 2011 auf. Auch damals verliefen die Kurse eine Zeitlang fast waagerecht, bis dann im Juli und August ein Absturz von bis zu 30 Prozent erfolgte.

 

Der im ARD Mittagsmagazin gern gesehene Ökonom Martin Hüfner hat in einer seiner Kolumnen auf dieses Phänomen hingewiesen, hält es aber für unwahrscheinlich, dass sich die Geschichte wiederholt. Von den Rahmenbedingungen ähneln sich die Situationen. Damals wie heute schwächte sich die Wirtschaft merklich ab. 2011 rückte zudem die Euro-Schuldenkrise in den Fokus der Investoren. Dieser Tage gemahnte der Zusammenbruch der Espirito-Santo-Bank in Portugal daran, dass die Finanzkrise weit davon entfernt ist, gelöst zu sein.

 

Ein weiteres Indiz für eher schwierigere Zeiten an der Börse ist, dass USA und Euroraum weiter auseinander driften. Die wirtschaftliche Erholung scheint in den USA schneller vonstatten zu gehen als im Euroraum. Die sich langsam vollziehende Zinswende stärkt zudem die Attraktivität des Dollarraums. Auch wenn es nicht zum übelsten Szenario kommen sollte (Dax rauscht auf 8.000 Punkte), sind weitere deutliche Kursverluste möglich. Die seit fünf Jahren laufende Rally ist erst einmal vorbei. Ein unbeschwerter Spätsommer sieht anders aus.

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“Ausgerechnet vor den Ferien”, denkt sicher so mancher Florida- oder Karibik-Urlauber. Doch generell kommt die Schwächung des Euro nicht unecht. Für die Wirtschaft ist sie ein nicht ganz unverhofft auftauchendes Konjunkturpaket.

 

“Time to say goodbye.” Die Wege von Mario Draghi und Janet Yellen werden sich trennen. Während die Europäische Zentralbank (EZB) die Geldschleusen weiter öffnen wird, dreht die US-Notenbank (Fed) den Hahn ein kleines bisschen zu. Riesige Unterscheide wird es nicht geben, doch das Signal ist bei den Anlegern angekommen.

 

Der US-Dollar wertet auf. Der Euro hat sich gegenüber den meisten maßgeblichen Währungen verbilligt. Nur der russische Rubel gab deutlich nach, was an den befürchteten Sanktionen liegt. Und skandinavische Währungen, wie die norwegische und die schwedische Krone schwächeln gegenüber dem Euro. Schwedens Riksbank hatte zu Monatsbeginn den Leitzins überraschend kräftig abgesenkt, um 0,5 Prozentpunkte auf dann 0,25 Prozent.

 

Jedenfalls ist der Euro gegenüber dem US-Dollar auf den niedrigsten Kurs seit November 2013 durchgesackt. Für die deutschen Exporteure ist das ein Segen. Zumindest kurzfristig sorgt der Kursrutsch für Entspannung bei den Margen, auch wenn die deutsche Wirtschaft stets bemüßigt ist, zu betonen, dass Wechselkurse nicht alles sind.

 

In der Tat kann ein hochspezialisierter Maschinenbauer für seine Produkte auch höhere Preise aufrufen, wenn die Margen zwacken. Wer eine Nische gefunden hat, hat es gut. Und der deutschen Ingenieurskunst eilt immer noch ein guter Ruf voraus. Bei Massenwaren, wie Autos unterhalb der Luxusklasse, ist das etwas anderes. Hier läuft der Wettbewerb über das Preisleistungsverhältnis.

 

So gesehen ist der Euro-Abstieg eine Art Konjunkturprogramm für Europa. Dabei hatte die Industrie die Schmerzgrenze vor ein paar Jahren bei 1,55 Dollar festgemacht. Bei 1,30 Dollar schätzen Ökonomen aktuell die Kaufkraftparität. Das heißt, bei diesem Kurs sind die Preise in Euro und Dollar etwa gleich fair bewertet.

 

Die sich öffnende Zinsschere zum Dollar bringt aber auch noch andere Effekte mit sich. Der Euro dient zunehmend als bevorzugte Währung für Carry-Trades. Anleger aus aller Welt verschulden sich in Euro (wegen der Minizinsen), um dann anderswo das Geld anzulegen. Wenn sie hochverzinste Papiere aus dem südlichen Euroraum kaufen, bleibt das Geld sozusagen in der Familie, also im Euro.
Suchen sich die Investoren andere Währungsräume, wird es spannend. Carry Trades in Dollar und Yen, die lange Zeit als sichere Wette galten, haben 2008 Schiffbruch erlitten. Für den Euro sehen viele Investoren den Weg derzeit vorgezeichnet.

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Der schleichende Tod

17.07.2014 13:07 | Stefan Wolff

“Ich habe mit Börse nichts am Hut. Ich habe eine Lebensversicherung.” Sätze, wie  dieser begegnen uns Börsenberichterstattern des Öfteren. Sie sind natürlich eine Steilvorlage. Denn Lebensversicherungen haben mit Börse so viel zu tun… Aber lassen wir das. Diese Sätze werden seltener fallen. Denn Lebensversicherungen werden eine weiter schwindende Rolle im Vorsorgemix spielen.

 

Das vom Bundesgerichtshof (BGH) gefällte Urteil vom vergangenen Mittwoch spielt dabei nur eine kleine Rolle. Immerhin aber hat der BGH eine Rückabwicklungswelle bei Lebensversicherungen verhindert. Denn die wäre sicherlich auf die Asskuranzen zugerollt. Jahrelang haben Versicherte quasi die Katze im Sack gekauft. Nach Unterschrift wurden ihnen die Geschäftsbedingungen mit der Police zugesandt, bis Europa dem Treiben einen Riegel vorschob. Da dies gängige Geschäftspraxis war und Europa den nationalen Gesetzgebern die Regelung überließ, wird der Fall nicht an den Europäischen Gerichtshof verwiesen. Der Versicherungsbranche bleibt damit ein Milliardendebakel erspart.

 

Mit über 95 Millionen bestehenden Verträgen ist die Lebensversicherung das beliebteste Vorsorgevehikel der Deutschen, wegen der niedrigen Zinsen allerdings mit schwindender Tendenz. In der Tat gibt es kaum noch ein überzeugendes Argument für den Abschluss einer Lebensversicherung. Vom kommenden Jahr an liegt der Garantiezins bei müden 1,25 Prozent. Wer jetzt trotzig auf mögliche Überschussbeteiligungen hinweist, verkennt die Lage.

Viel mehr als der Garantiezins wird auf längere Zeit kaum drin sein.

 

Immerhin müssen die Assekuranzen Altverträge bedienen, die bis zu vier Prozent Zinsen abwerfen. Um das hinzubekommen, hat der Gesetzgeber nun gestattet, die Bewertungsreserven umzuverteilen. So werden mit einem Federstrich ganze Alters-Finanzpläne auf den Kopf gestellt.

 

Auch sonst ist die Lebensversicherung nicht mehr zeitgemäß. Wer weiß denn schon, was in 20, 30 Jahren ist? Die Zinsen könnten in dieser Zeit deutlich steigen. Und es kann sonst etwas passieren. Wer heute seine Altersvorsorge plant, kann unmöglich sagen, wie seine Karriere verlaufen wird. Gradlinig sind inzwischen die wenigsten Lebensläufe, was auch bedeutet, dass es mit dem Geld mal knapper werden kann.

 

Kurzum: Sich auf einen festen oder gar steigenden Spar-Betrag für die kommenden Jahrzehnte festzulegen, ist nicht sehr schlau. Bei der privaten Vorsorge ist Flexibilität gefragt. Ohnehin können sich Anleger ganz einfach selbst eine Lebensversicherung basteln, die ihren Bedürfnissen ganz individuell angepasst werden kann. Für das Risiko gibt es Versicherungen, fürs Sparen sehr viele Produkte und eigene Ideen. Das spart Nerven und im übrigen auch Provisionen.

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Bis aufs Bodenblech

11.07.2014 08:07 | Stefan Wolff

Die ersten sechs Monate dieses Jahres hat die Börsenlok trotz neuer Rekorde an Dampf verloren. Der Deutsche Aktienindex (Dax) hat drei Prozent zulegen können. Wie es weitergeht, werden die kommenden Tage und Woche zeigen. Es gibt jede Menge Baustellen und einige Fragezeichen.

Bilanzsaison oder Geldpolitik? Das ist hier die Frage. Doch es wird wohl eine Mischung aus beidem sein. Wenn die US-Notenbank ernst macht und es sich schon im Oktober ausgetapered hat, dann muss die US-Wirtschaft zeigen, dass sie auf eigenen Beinen stehen kann. Eine Zinsanhebung ist dann auch nicht mehr weit. Sie könnte schon im ersten Quartal des kommenden Jahres erfolgen, wenn auch in homöopathischer Dosierung.

In Europa bietet sich das entgegengesetzte Bild. Nach der vorraussichtlich letzten Zinssenkung bereitet die EZB weitere Maßnahmen vor, die der Finanzwelt Flügel verleihen könnten. Riesenkredite und sogar die umstrittenen Anleiheaufkäufe stecken im Köcher. Und so laufen die geldpolitischen Linien auseinander. Die Fed nimmt den Fuß vom Gas, die EZB tritt das Pedal durch bis aufs Bodenblech.

Bleibt der Blick auf die Bilanzen. Die Messlatte liegt in den USA nicht sonderlich hoch. Im Schnitt prognostizieren Beobachter einen Gewinnzuwachs von nur noch etwa drei Prozent. Anfang März war noch ein Anstieg von mehr als fünf Prozent erwartet worden. Dadurch könnte die Zahl der positiven Überraschungen zulegen, selbst wenn die Unternehmen “nur” die ursprünglich ausgegebenen Ziele erreichen sollten. Gut für die Kurse ist ein solcher Akt der wissentlichen Selbsttäuschung aber allemal.

Eine weitere Unbekannte in dem Spiel ist die Finanzkrise, die in weiten Teilen schon als ausgestanden galt. Espirito Santo, die portugiesische “Heilig-Geist-Bank” belehrt zu große Optimisten eines anderen. Zwar betont die portugiesische Zentralbank, dass Espirito Santo solvent sei. Es ist ja auch tatsächlich eine Unternehmenstochter betroffen. Doch was ist, wenn die Kunden ihren Glauben an die Bank verlieren?

Finanzkrisen sind sehr oft Vertrauenskrisen. Einen Vertrauensverlust kann Portugal derzeit schwerlich brauchen. Das Land hat gerade vor zwei Monaten den Rettungsschirm verlassen, versorgt sich am Finanzmarkt mit frischem Geld. Die Schieflage einer Bank könnte die Erholungsstory jäh unterbrechen.

Anleger haben schon höhere Risikoaufschläge verlangt. Für Anleihen mit zehn Jahren Laufzeit wurden wieder mehr als vier Prozent Zinsen aufgerufen.

Insgesamt sind das mehr als genug Störfeuer für den Aktienmarkt, in dem sich ohnehin die Unsicherheit ziemlich hochgeschaukelt hat. Die 10.000-Punkte-Marke ist eine harte Nuss. Es wird schwer sein, sie nachhaltig zu knacken.

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Die Früchte des Zins

27.06.2014 11:06 | Stefan Wolff

Die Deutschen shoppen, bis die Scheckkarte raucht, sagt die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Die Wirtschaft freut es. Schließlich wird die Binnenkonjunktur damit zu einem ausgleichenden Faktor, wenn Exportmärkte wie Frankreich schwächeln. Das Ifo-Institut hat auch prompt die Wachstumsprognose für die deutsche Wirtschaft angehoben.

 

Doch was ist dran an diesem Boom? Sind wir alle plötzlich reich geworden? Nein. Es sind Frustkäufe, die den Konsum beflügeln. Frust, weil unser Geld nichts mehr einbringt. Die Sparneigung, so analysiert die Gesellschaft für Konsumforschung trocken, sei wegen der Zinseentscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) im Juni “abgestürzt”.

 

“Spare in der Zeit, dann hast du in der Not”, haben die Großeltern noch doziert. Wer jetzt spart in der Zeit, hat in der Rente trocken Brot. Mehr ist nicht drin. Bei einer Inflationsrate von 1,3 Prozent und einem durchschnittlichen Tagesgeldsatz von 0,65 sind keine großen Sprünge machbar.

 

Die Deutschen waren mal Weltmeister im Sparen. Immer Aktienmuffel aber immer Geld auf der hohen Kante. Im laufenden Jahr könnte die Sparquote erstmals seit 2001 wieder unter zehn Prozent sinken. Kurz nach der Wiedervereinigung hatten die Deutschen noch 13 Prozent ihres verfügbaren Einkommens beiseite gelegt.

 

Es fehlt einfach der Anreiz. Auf konservativem Wege ist nur Ertrag zu erzielen. Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Wer in 20, 25 Jahren seine Sparziele erreichen will, müsste eigentlich mehr Geld zur Seite legen. In vielen Familien ist der monatliche Haushalt trotz gestiegener Einkommen auf Kante genäht. Da lässt sich der Sparvertrag nicht so einfach aufstocken. Also muss der Ertrag (Möglichkeit zwei) über ein höheres Risiko erwirtschaftet werden.

 

Dagegen aber sträuben sich die Deutschen. Neuesten Umfragen zufolge stellt nicht einmal ein Drittel der Sparer die eingeschlagene Strategie wegen der niedrigen Zinsen auf den Prüfstand. Mögliche, schleichende Verluste scheinen also erstrebenswerter zu sein als neue Wege und andere Möglichkeiten.

 

Hinzu kommt, dass ja nicht nur die privaten Sparbemühungen ins Leere laufen. Lebensversicherungen und Pensionsfonds stehen vor dem gleichen Problem. Auskömmliche Renditen zu erzielen, ist kaum möglich. Die Quittung wird die arbeitende Bevölkerung beim Wechsel in den Ruhestand erhalten. Sollte sich auch auf absehbare Zeit keine Zinswende vollziehen, dürfte die aktuelle Sparsituation zu einem gesellschaftlichen Problem in der Zukunft werden.

 

Alternativen gibt es nur wenige. Und vor denen (Aktien, Immobilien) warnt inzwischen die EZB. Blasen, überall drohen Blasen, heißt es aus dem Eurotower. Die Warnungen dürften Anleger zusätzlich verunsichern.

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Welch ein Tag!

05.06.2014 16:06 | Stefan Wolff

 

Ein historischer Tag an der Börse: Der Dax hat die 10.000-Punkte-Marke durchbrochen – nachdem die EZB geliefert hat, was von ihr erwartet wurde. Doch welche Konsequenzen werden der nochmal gesenkte Leitzins und der historisch erste “Strafzins” der europäischen Notenbank für Banken, die ihr Geld bei ihr parken, am Ende haben? Darüber spricht Stefan Wolff mit dem Chefvolkswirt der KfW, Jörg Zeuner.

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Nur die EZB

26.05.2014 16:05 | Stefan Wolff

Die Europawahl ist entschieden, die Börse geht auf Rekordjagd. Zwar wächst die Zahl der Euro-Skeptiker und -Gegner im Parlament, doch am Euro selbst wird wohl (vorerst) nicht gerüttelt, was aus Sicht der Finanzmärkte positiv ist. Sie setzen auf Kontinuität.

 

Vor der Wahl waren viele Kommentatoren sehr darauf bedacht, die besondere Rolle der Europäischen Zentralbank (EZB) herauszustellen. das Handelblatt bildete EZB-Chef Draghi als römischen Cäsaren ab. Und der Tagesspiegel kommentierte, Draghi habe “das Kommando in Europa übernommen”. Das klingt alles sehr undemokratisch, schließlich kann ja das EZB-Direktorium nicht gewählt werden. Aber ehrlich: Hatte der Mann eine andere Wahl?

 

Seit Ausbruch der Krise hat die Politik tatsächlich das Heft aus der Hand gegeben. Sie machte dies freiwillig oder zumindest aus der Lethargie heraus, nicht handeln zu können oder zu wollen. Von den Anfängen der Währungsunion war klar, dass gleiche Zinsen in einem ungleichen Wirtschaftsgefüge zu Verwerfungen führen würden. Erst litt das als unreformierbar geltende Deutschland unter der Last, dann verschoben sich die Gewichte in Richtung der Südländer, die immer weniger konkurrenzfähig wurden.

 

Die EZB handelte, überschritt dabei mehrmals ihr Mandat und sorgte vor allem für zwei Dinge – für Zeit und dafür, dass das Finanzsystem nicht kollabierte. Die eigentlichen Probleme aber zu lösen, bleibt Aufgabe der Politiker.

 

In den kommenden Wochen deutet sich ein neuerlicher Sündenfall an. Mario Draghi spricht erstaunlich oft davon, die niedrige Inflation bekämpfen zu wollen. Eigentlich soll die EZB für stabile Preise sorgen. Der Inflation soll dauerhaft nicht über zwei Prozent steigen. So lautet der Auftrag. Sollte also nun Stabilitätsbekämpfung auf die Agenda gesetzt werden, so wäre dies das völlig missverstandene Mandat.

 

Gleichzeitig scheinen sich unsere Währungshüter in der Rolle als Magier der Märkte zu gefallen. Wie dereinst Alan Greenspan als  Fed-Chef, so jazzt nun auch Draghi die Kurse hoch. Angefangen mit dem Versprechen “alles zu unternehmen, um den Euro zu bewahren”, bis hin zu der für Juni angekündigten Zinssenkung setzt er darauf, die Finanzwelt bei Laune zu halten. Und seine Direktoriumskollegen stimmen gern in den Chor mit ein.

Das ist ein gefährliches Spiel. Denn die Wirtschaft hält mit den Kursen nicht Schritt. Der Dax bei 10.000 Punkten ist ein teurer Dax. Die Geldpolitik der EZB führt über kurz oder lang zu Spekulationsblasen, vor allem bei Aktien und Immobilien. Trotz diverser Warnsignale werden jetzt sicher die Kommentar kommen, in denen Aktien als “alternativlos” angepriesen werden, in denen von “Anlagenotstand” die Rede ist. Vorsicht ist dabei allemal geboten. Wenn die Maßnahmen der EZB auslaufen oder das Pulver verschossen sein wird, dann kann es eng werden. Billiges Geld ist nicht alles. Am Ende ist es einfach nur billig.

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Mit Erwartungen an der Börse ist das ja so eine Sache. Wenn Firmen sie enttäuschen, wird der Aktienkurs abgestraft, fallen die Ergebnisse besser als gedacht aus, dann folgt oft das Kursfeuerwerk. Die Crux an der Sache: Erwartungen sind nicht immer Erwartungen. Manche stehen wie eine Eins, andere werden nachjustiert. In der Bilanzsaison kann das bis kurz vor Vorlage der Unternehmenszahlen so gehen. Und weil es sich bei den Last-Minute-Schätzungen nicht mehr um offizielle Vorhersagen handelt, sprechen Aktienhändler von “Flüsterprognosen”.

 

Aktuell läuft die Bilanzsaison wieder auf Hochtouren. Nur noch wenige Unternehmen aus dem Deutschen Aktienindex (Dax) müssen ihre Quartalszahlen nachreichen, doch schon jetzt ist klar, dass es weniger rund läuft als zuvor gedacht worden war. Fast die Hälfte der berichtenden Firmen hat die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllen können, egal, ob diese Erwartungen korrigiert wurden oder nicht.

 

Dabei zeigt sich eine Entwicklung, wie sie schon lange nicht mehr zu beobachten war. Das Ifo-Geschäftsklima weist weiter aufwärts. Auch bei den Geschäftserwartungen zeigen sich die befragten Firmenchefs äußerst optimistisch, während die Unternehmensgewinne bislang nicht folgen konnten. Normalerweise bewegen sich die im Ifo-Index aufgezeichneten Erwartungen mit den Bilanzzahlen im Gleichklang. Seit einiger Zeit geht die Schere auseinander.

 

Fast sieht es so aus, als würde dieses Phänomen noch weiter anhalten. Nicht wenige Konzernlenker haben dieser Tage ihre Prognosen für das Gesamtjahr abgesenkt. Viele gehen inzwischen davon aus, weniger zu verdienen als 2013. Die Firmen sind bei allem Optimismus vorsichtig. Investitionen in zukünftiges Wachstum finden kaum statt. Wenn die Nachfrage wächst, wird sie mit den alten Maschinen befriedigt. Die Sorgen sind groß, in eine mögliche Wirtschaftsschwäche hinein zu investieren.

 

Die Signale der Weltwirtschaft sind nicht eben einheitlich. Klar aber ist jetzt schon, dass der größte Hoffnungsträger China ein deutlich verlangsamtes Tempo vorlegt. Die insgesamt schwache Nachfrage hat auch im vergangenen Monat die Exportbilanz verhagelt. Und der Konsument kann auch nicht alles wuppen.

 

In irgendeiner Form wird sich die Schere wieder schließen. Entweder trübt sich die vom Ifo-Institut gemessene Stimmung ein oder aber die Unternehmensgewinne starten durch, was erstens wegen der angespannten Lage unwahrscheinlich erscheint und zweitens frühestens in drei Monaten geschehen kann, wenn die Zahlen für das zweite Quartal vorgelegt werden.

 

Für Aktiensparer sollte diese Entwicklung ein Warnsignal sein. Die Börse ist in Erwartung eines Aufschwungs weit voraus gelaufen. Viele Aktien können schon als recht hoch bewertet angesehen werden. Diese Erwartungslücke hat durchaus Potenzial, eine deutliche Korrektur am Aktienmarkt auszulösen.

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Das Fusionskarussell

30.04.2014 21:04 | Stefan Wolff

Pfizer wirft einen Blick auf Astra Zeneca. Siemens buhlt um Alstom. Das sind nur zwei von vielen aktuellen Übernahmeplänen. Das Fusionskarussell dreht sich wieder, und es dreht sich mit hoher Geschwindigkeit. Vielleicht mit zu hoher Geschwindigkeit, denn teure Zusammenschlüsse könnten auch ein Warnzeichen sein.

 

Bislang wurden in diesem Jahr Fusionen im Wert von 1,3 Billionen US-Dollar verhandelt. Das entspricht knapp 940 Milliarden Euro und bedeutet einen Anstieg gegenüber dem Vorjahreszeitraum um über 40 Prozent, wie Experten der DZ-Bank vorrechnen. Einen solchen Übernahmeboom hatte es zuletzt im Jahr 2007 gegeben. Und danach? Da waren die Aktienkurse abgestürzt. und die Frage ist durchaus berechtigt, ob eine gewisse Ausgelassenheit bei Fusionen und Übernahmen (im Fachsprech als Mergers & Acquisitions/M&A bezeichnet), nicht tatsächlich ein Vorbote dafür ist, dass sich die Aktienwelle auf dem Scheitelpunkt befinden könnte.

 

Natürlich wiederholt sich Börsengeschichte nicht einfach so. Die Umstände sind heute anders als vor der Hypothekenkrise und dem Zusammenbruch der Lehman Brothers. So konstatiert auch die Studie, dass dieser Tage mehr Cash auf den Tisch gelegt wird, dass weniger Finanzinvestoren zugreifen als damals. Unternehmen wie Siemens oder der US-Kabelanbieter Comcast wollen die Firmen integrieren und nicht weiter entwickeln und dann wieder abstoßen. Außerdem seien die Finanzierungsbedingungen günstiger als damals.

 

Das wäre alles gut und schön, hätte es nicht schon einmal – in den Jahren vor dem Platzen der Internetblase – einen riesigen Übernahmeboom gegeben. Da verschmolzen die Stahlriesen Thyssen und Krupp, BMW kaufte Rover, Daimler langte bei Chrysler zu. Hoechst und Rhône Poulenc vereinigten sich erst zu Aventis, um dann von Sanofi übernommen zu werden. Mannesmann wehrte sich (vergeblich) gegen eine Übernahme durch Vodafone, und die Telekom kaufte für einen Mondpreis den US-Mobilfunkanbieter Voicestream.

 

Die Liste ließe sich fortsetzen. Und auch dieser Tage sollte sich das Fusionskarussell noch munter weiter drehen – mit ungewissem Ausgang. Damit ist nicht nur eine mögliche Korrektur bei den Aktienkursen gemeint. Nicht jede Fusion funktioniert. So manche Ehe, die vermeintlich im Himmel geschlossen wurde, entpuppte sich zu Hölle auf Erden. Daimler und Chrysler machten diesen schmerzhaften Prozess ebenso durch, wie BMW und Rover. Die Münchner hatten es mit einem englischen Patienten zu tun.

 

Auch in anderen Sektoren sieht es nicht viel besser aus. Die Telekom dürfte ihr Amerika-Abenteuer finanziell eher bereuen. Da viele Zusammenschlüsse weniger publikumswirksam geschlossen werden, fällt kaum auf, dass viele Firmenehen schlicht scheitern, sei es an unterschiedlichen Unternehmenskulturen, sei es, weil die gemeinsam formulierten Wachstumsziele doch nicht erreicht werden können.  

Wachstum ist natürlich der Treibstoff für Fusionen. Wachsen Unternehmen nicht mehr “organisch”, das heißt, aus eigener Kraft, wird die Lust auf andere Wachstumsmodelle geweckt. Fusionen sind da eine Möglichkeit. So gesehen sind stark wachsende M&A-Aktivitäten auch ein Hinweis darauf, dass eine Aufschwungphase dem Ende entgegengehen könnte.

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In der Zinsfalle

11.04.2014 11:04 | Stefan Wolff

Vor ein paar Jahren noch standen die Deutschen Schlange, um in Österreich ein Konto zu eröffnen. Neben den vermeintlichen Steuervorteilen lockte die Alpenrepublik mit etwas höheren Zinsen als hierzulande. Die Zeiten sind vorbei.

 

Der Blick auf Festzinsangebote lässt konservative Anleger verzweifeln. Selten ist mehr zu holen, als die Inflationsrate wieder wegnimmt. Besonders frappierend ist das beim Blick auf Tagesgeld und Sparbuch. Aber auch beim Festgeld sieht es nicht viel besser aus. Deutlich viel mehr als zwei Prozent sind nicht drin.

 

Der Blick über den nationalen Tellerrand erscheint da verlockend, bringt aber nicht allzu viel.  Zwischen den attraktivsten Angeboten österreichischer und niederländischer Banken und deutschen Instituten liegen nur wenige Promille. Erst bei längeren Laufzeiten geht die Schere ein wenig auseinander. Aber wer will in diesen Zeiten noch einen festen (Guthaben-)Zins für drei Jahre? Die Konditionen dürften besser werden mit der Zeit.

 

Zwar bleiben die Notenbanken bei ihren Versprechen, die Zinsen lange günstig zu halten. Doch schon die langsam auslaufenden Anleiheaufkäufe der Federal Reserve haben sich auf die Marktzinsen ausgewirkt. Mittelfristig wird es eine Zinswende geben, wenn auch eine kleine.

 

Wen es (und sein Geld) trotzdem ins Ausland zieht, sollte vor allem auf die Sicherheit setzen. Geschädigte der isländischen Kaupthing-Bank haben leidvoll erfahren müssen, was eine fehlende Einlagensicherung nach deutschem Recht ausmacht. Monatelang mussten sie nach dem Zusammenbruch des Bankhauses zittern, bevor sie doch noch von der isländischen Regierung entschädigt worden.

 

Der Blick auf Zinsangebote und Bestenlisten reicht also nicht aus. Auch die Geschäftsbedingungen gehören unter die Lupe. Schließlich spiegeln die nur leicht höheren Zinsen nicht das Risiko eines Totalausfalls.

Im Mittagsmagazin haben wir uns in dieser Woche mit den Zinsen und ausländischen Angeboten befasst. Im Interview mit Folker Hellmeyer fiel auch der Satz, dass für die Deutschen die Nullzinspolitik der EZB gar nicht schlecht sei. Schließlich seien die meisten Sparer auch Arbeitnehmer. Denen erleichtern die niedrigen Zinsen natürlich die Kreditaufnahme. Mehr Investitionen, mehr Wachstum, sichere Jobs, lautet die einfache Rechnung.

Ist finanzielle Repression ein fairer Preis für einen sicheren Arbeitsplatz? Ich habe so meine Zweifel, dass diese Rechnung langfristig aufgeht.

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Die EZB hat gesprochen und die Märkte sind – naja – zumindest angetan. Die Zinsen bleiben niedrig, was nicht überraschend ist. Überraschend allerdings ist das klare Bekenntnis zu außergewöhnlichen Maßnahmen, falls dies nötig sei. Damit wird klar Vor Inflation haben die Währungshüter definitiv keine Angst.

 

Das müssen sie auch nicht. Die Teuerungsrate ist im Euroraum zuletzt auf 0,5 Prozent gefallen. Auch im kommenden Jahr wird sie wohl kaum das von der EZB gesetzte Limit von zwei Prozent überschreiten. Das macht den Weg frei für weiterhin billiges Geld und steigende Kurse.

 

Erstaunlich ist, mit welcher vermeintlicher Überraschung die Deflation in Spanien von der Finanzwelt aufgenommen wird. Die gesunkenen Preise sind logisch und sie sind sogar gewollt. Spanien hat ein dickes Sparpaket geschnürt, um aus der Krise zu kommen. Schrumpfende Investitionen und sinkende Gehälter schöpfen Konsum ab und erzeugen sinkende Preise. Das ganze Gewese darum ist schon merkwürdig.

 

Zumal wir Deutschen uns eventuell an ein solches Phänomen werden gewöhnen müssen. Denn eine alternde Gesellschaft konsumiert weniger. Das birgt, wenn unser Schnitt nicht durch kauffreudige Einwanderer gedrückt wird, Deflationsgefahr, wie das Beispiel Japan zeigt. Da stellt sich dann generell die Frage, ob das Dogma vom ewigen Wachstum überhaupt noch in die sich wandelnde Zeit passt.

 

Ungewöhnlich ist auch, wie einhellig sich das EZB-Direktorium über unkonventionelle Maßnahmen unterhalten hat. Negative Zinsen sind da wieder ins Spiel gekommen, also Parkgebühren für Geld, das Banken bei der EZB lagern wollen. Und massive Anleihekäufe stehen ebenfalls im Raum, falls es notwendig sein sollte. Sogar Bundesbankchef Weidmann schließt ein solches “Quantitative Easing” nicht mehr völlig aus, auch wenn seine Zweifel am Sinn einer solchen Maßnahme bestehen bleiben.

 

Grund für diesen angedeuteten Wechsel ins Taubenlager ist die Sorge über den recht hohen Eurokurs. Der macht den kriselnden Euroländern zu schaffen, weil die internationale Wettbewerbsfähigkeit darunter leidet. Das heißt,  die Erholung Spaniens oder Portugals wird dadurch erschwert.

 

Unterm Strich aber reicht die Diskussion nicht aus, um ein Kursfeuerwerk an der Börse zu entfachen. Es bleibt dabei: Billiges Geld scheint unabdingbar für den Börsenerfolg, doch die Wirkung der Draghi’schen Verbalakrobatik lässt langsam nach.

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Manchmal sind die Märkte und ihre Macher wirklich schlechte Schauspieler. Die Zinsen könnten Mitte des kommenden Jahres angehoben werden, hatte US-Notenbankchefin Janet Yellen angedeutet. Die anfangs überrascht-verschreckte Reaktion ist eine Schmierenkomödie.

In der Banken-, Finanz- und Schuldenkrise haben die Notenbanken alles unternommen, um das Finanzsystem zu stabilisieren. Sie haben Papiere gekauft oder als Sicherheit akzeptiert, die sie ansonsten nicht einmal mit spitzen Fingern angefasst hätten. Es gab Milliardenkredite zu Spitzenkonditionen und Mickerzinsen, die die Gewinnmargen vieler Institute künstlich aufbliesen.

 

Anleger die es wollten, konnten sich mit einer schönen Hausse am Aktienmarkt belohnen. Alle anderen wurden für Sicherheitsdenken und Umsicht bestraft. Denn ohne Risiko gibt es keine Rendite. Außer für als “systemrelevant” erachtete Institute, die jederzeit davon ausgehen, auftretende Verluste sozialisieren zu können. Daran ändert auch die Bankenunion nichts. 55 Milliarden Euro im Stock sind im Krisenfalle nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

 

Wenn die Wirtschaft läuft und der Arbeitsmarkt funktioniert, muss die US-Notenbank die Zinsewende einläuten. Ansonsten läuft sie in die gleiche Falle, wie Mitte des Jahres 2004, als der damalige Fed-Präsident Alan Greenspan die Leitzinsen zu spät und dann zu drastisch anhob und so die Hypothekenkrise in den USA auslöste.

 

Die niedrigen Zinsen sind ein süßes Gift. Für die Finanzbranche wird der Entzug bitter, weshalb die Angst davor auch groß ist. Aber noch ist es nicht soweit. Erst in über einem Jahr und dann auch nur vielleicht. Dennoch sollten Sparer die mögliche Zinswende nicht aus dem Auge verlieren. Es kommen wieder bessere Zeiten auf sie zu,

Auch wenn die Zinsen behutsam und langsam steigen dürften (was gut für alle Beteiligten wäre), wird sich das Anlageuniversum erneut gründlich drehen und ändern. Für konservativ denkende Sparer bedeutet dies: Pulver trocken halten und sich nicht von provisionsgetriebenen Beratern in schlecht verzinste Verträge mit 20 Jahren Laufzeit treiben lassen.

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