In der Zinsfalle

11.04.2014 11:04 | Stefan Wolff

Vor ein paar Jahren noch standen die Deutschen Schlange, um in Österreich ein Konto zu eröffnen. Neben den vermeintlichen Steuervorteilen lockte die Alpenrepublik mit etwas höheren Zinsen als hierzulande. Die Zeiten sind vorbei.

 

Der Blick auf Festzinsangebote lässt konservative Anleger verzweifeln. Selten ist mehr zu holen, als die Inflationsrate wieder wegnimmt. Besonders frappierend ist das beim Blick auf Tagesgeld und Sparbuch. Aber auch beim Festgeld sieht es nicht viel besser aus. Deutlich viel mehr als zwei Prozent sind nicht drin.

 

Der Blick über den nationalen Tellerrand erscheint da verlockend, bringt aber nicht allzu viel.  Zwischen den attraktivsten Angeboten österreichischer und niederländischer Banken und deutschen Instituten liegen nur wenige Promille. Erst bei längeren Laufzeiten geht die Schere ein wenig auseinander. Aber wer will in diesen Zeiten noch einen festen (Guthaben-)Zins für drei Jahre? Die Konditionen dürften besser werden mit der Zeit.

 

Zwar bleiben die Notenbanken bei ihren Versprechen, die Zinsen lange günstig zu halten. Doch schon die langsam auslaufenden Anleiheaufkäufe der Federal Reserve haben sich auf die Marktzinsen ausgewirkt. Mittelfristig wird es eine Zinswende geben, wenn auch eine kleine.

 

Wen es (und sein Geld) trotzdem ins Ausland zieht, sollte vor allem auf die Sicherheit setzen. Geschädigte der isländischen Kaupthing-Bank haben leidvoll erfahren müssen, was eine fehlende Einlagensicherung nach deutschem Recht ausmacht. Monatelang mussten sie nach dem Zusammenbruch des Bankhauses zittern, bevor sie doch noch von der isländischen Regierung entschädigt worden.

 

Der Blick auf Zinsangebote und Bestenlisten reicht also nicht aus. Auch die Geschäftsbedingungen gehören unter die Lupe. Schließlich spiegeln die nur leicht höheren Zinsen nicht das Risiko eines Totalausfalls.

Im Mittagsmagazin haben wir uns in dieser Woche mit den Zinsen und ausländischen Angeboten befasst. Im Interview mit Folker Hellmeyer fiel auch der Satz, dass für die Deutschen die Nullzinspolitik der EZB gar nicht schlecht sei. Schließlich seien die meisten Sparer auch Arbeitnehmer. Denen erleichtern die niedrigen Zinsen natürlich die Kreditaufnahme. Mehr Investitionen, mehr Wachstum, sichere Jobs, lautet die einfache Rechnung.

Ist finanzielle Repression ein fairer Preis für einen sicheren Arbeitsplatz? Ich habe so meine Zweifel, dass diese Rechnung langfristig aufgeht.

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Die EZB hat gesprochen und die Märkte sind – naja – zumindest angetan. Die Zinsen bleiben niedrig, was nicht überraschend ist. Überraschend allerdings ist das klare Bekenntnis zu außergewöhnlichen Maßnahmen, falls dies nötig sei. Damit wird klar Vor Inflation haben die Währungshüter definitiv keine Angst.

 

Das müssen sie auch nicht. Die Teuerungsrate ist im Euroraum zuletzt auf 0,5 Prozent gefallen. Auch im kommenden Jahr wird sie wohl kaum das von der EZB gesetzte Limit von zwei Prozent überschreiten. Das macht den Weg frei für weiterhin billiges Geld und steigende Kurse.

 

Erstaunlich ist, mit welcher vermeintlicher Überraschung die Deflation in Spanien von der Finanzwelt aufgenommen wird. Die gesunkenen Preise sind logisch und sie sind sogar gewollt. Spanien hat ein dickes Sparpaket geschnürt, um aus der Krise zu kommen. Schrumpfende Investitionen und sinkende Gehälter schöpfen Konsum ab und erzeugen sinkende Preise. Das ganze Gewese darum ist schon merkwürdig.

 

Zumal wir Deutschen uns eventuell an ein solches Phänomen werden gewöhnen müssen. Denn eine alternde Gesellschaft konsumiert weniger. Das birgt, wenn unser Schnitt nicht durch kauffreudige Einwanderer gedrückt wird, Deflationsgefahr, wie das Beispiel Japan zeigt. Da stellt sich dann generell die Frage, ob das Dogma vom ewigen Wachstum überhaupt noch in die sich wandelnde Zeit passt.

 

Ungewöhnlich ist auch, wie einhellig sich das EZB-Direktorium über unkonventionelle Maßnahmen unterhalten hat. Negative Zinsen sind da wieder ins Spiel gekommen, also Parkgebühren für Geld, das Banken bei der EZB lagern wollen. Und massive Anleihekäufe stehen ebenfalls im Raum, falls es notwendig sein sollte. Sogar Bundesbankchef Weidmann schließt ein solches “Quantitative Easing” nicht mehr völlig aus, auch wenn seine Zweifel am Sinn einer solchen Maßnahme bestehen bleiben.

 

Grund für diesen angedeuteten Wechsel ins Taubenlager ist die Sorge über den recht hohen Eurokurs. Der macht den kriselnden Euroländern zu schaffen, weil die internationale Wettbewerbsfähigkeit darunter leidet. Das heißt,  die Erholung Spaniens oder Portugals wird dadurch erschwert.

 

Unterm Strich aber reicht die Diskussion nicht aus, um ein Kursfeuerwerk an der Börse zu entfachen. Es bleibt dabei: Billiges Geld scheint unabdingbar für den Börsenerfolg, doch die Wirkung der Draghi’schen Verbalakrobatik lässt langsam nach.

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Manchmal sind die Märkte und ihre Macher wirklich schlechte Schauspieler. Die Zinsen könnten Mitte des kommenden Jahres angehoben werden, hatte US-Notenbankchefin Janet Yellen angedeutet. Die anfangs überrascht-verschreckte Reaktion ist eine Schmierenkomödie.

In der Banken-, Finanz- und Schuldenkrise haben die Notenbanken alles unternommen, um das Finanzsystem zu stabilisieren. Sie haben Papiere gekauft oder als Sicherheit akzeptiert, die sie ansonsten nicht einmal mit spitzen Fingern angefasst hätten. Es gab Milliardenkredite zu Spitzenkonditionen und Mickerzinsen, die die Gewinnmargen vieler Institute künstlich aufbliesen.

 

Anleger die es wollten, konnten sich mit einer schönen Hausse am Aktienmarkt belohnen. Alle anderen wurden für Sicherheitsdenken und Umsicht bestraft. Denn ohne Risiko gibt es keine Rendite. Außer für als “systemrelevant” erachtete Institute, die jederzeit davon ausgehen, auftretende Verluste sozialisieren zu können. Daran ändert auch die Bankenunion nichts. 55 Milliarden Euro im Stock sind im Krisenfalle nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

 

Wenn die Wirtschaft läuft und der Arbeitsmarkt funktioniert, muss die US-Notenbank die Zinsewende einläuten. Ansonsten läuft sie in die gleiche Falle, wie Mitte des Jahres 2004, als der damalige Fed-Präsident Alan Greenspan die Leitzinsen zu spät und dann zu drastisch anhob und so die Hypothekenkrise in den USA auslöste.

 

Die niedrigen Zinsen sind ein süßes Gift. Für die Finanzbranche wird der Entzug bitter, weshalb die Angst davor auch groß ist. Aber noch ist es nicht soweit. Erst in über einem Jahr und dann auch nur vielleicht. Dennoch sollten Sparer die mögliche Zinswende nicht aus dem Auge verlieren. Es kommen wieder bessere Zeiten auf sie zu,

Auch wenn die Zinsen behutsam und langsam steigen dürften (was gut für alle Beteiligten wäre), wird sich das Anlageuniversum erneut gründlich drehen und ändern. Für konservativ denkende Sparer bedeutet dies: Pulver trocken halten und sich nicht von provisionsgetriebenen Beratern in schlecht verzinste Verträge mit 20 Jahren Laufzeit treiben lassen.

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Die jüngste Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) dürfte wohl als eine der eher langweiligeren in die Geschichte eingehen. Dabei ist das Umfeld brisant wie lange nicht mehr. Die Banken zittern vor dem Stresstest und die Krimkrise beunruhigt die Anleger.

Als “Schwarzer Schwan” gilt in der Wirtschaft ein unvorhergesehenes Ereignis. Seinen Ursprung findet diese Bezeichnung im 17. Jahrhundert. Bis zur Entdeckung Australiens waren die Menschen davon überzeugt, es gäbe nur weiße Schwäne. Den fünften Kontinent bevölkern auch schwarze Exemplare. Die Krim-Krise hat das Zeug zu einem Schwarzen Schwan. Sie kommt völlig überraschend. Allein wegen der wichtigen Rohstofflieferungen Russlands an die EU kann sie weitreichende Folgen für die Wirtschaft haben.

Aber die Finanzwelt will den Vogel nicht. Und so ignoriert sie ihn einfach. Auch Mario Draghi. Der EZB-Chef sieht aktuell keine Ansteckungsgefahren und springt zu kurz. Allein deutlich steigende Energiepreise könnten den gerade erst langsam erwachenden Aufschwung in Europa zum Erlahmen bringen, von der psychologischen Wirkung eines Waffengangs vor der EU-Haustür mal ganz zu schweigen.

Doch das alles spielt in der Geldpolitik aktuell keine Rolle. Inflations- und Deflationsgefahren scheinen beherrschbar. Als einzigen Wermutstropfen hält Draghi der Finanzgemeinde vor, dass sich die Lage im Euroraum weiter stabilisiere, denn das bedeutet, dass eine weitere Zinssenkung in weitere Ferne rückt.

Aber was kann die EZB auch machen. Das rechtlich umstrittene Anleiheaufkaufprogramm erscheint derzeit unnötig. Spanien, Portugal, Irland, Italien und Frankreich verkaufen ihre Anleihen wie geschnitten Brot. Und eine neue Dicke Bertha? Megakredite sind schnell aufgelegt, sollten sie nötig sein, egal, ob das im Zuge der Krim-Krise ist oder im Nachgang des Banken-Stresstests, der ziemlich hart ausfallen könnte.

Die EZB präsentiert sich im ruhigen Fahrwasser. “Wir haben alles im Griff”, signalisiert sie. Doch die Ruhe erscheint trügerisch.    

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Die Schließung des Bitcoin-Handelsplatzes Mt. Gox ist die Lehman-Pleite des Internets. Die virtuelle Währung durchläuft damit eine tiefe Krise. Doch das Ende des Bitcoin ist damit nicht eingeläutet.

 

Im Prinzip ist die Idee nicht schlecht. Eine von Zentralbanken unabhängige Internetwährung sollte in der Krise das Gegengewicht zum für Spekulationen anfälligen Geldsystem werden. Schluss also mit der ständigen Gefahr, dass die Druckmaschinen der Zentralbanken außer Kontrolle geraten. Der Bitcoin sollte die ehrlichere Währung werden. Die Menge des herausgegebenen Geldes ist streng limitiert. Gezahlt wird mit einem persönlichen Schlüssel und unter Pseudonym. Die Anonymität legten die Gründer als Stärke aus. Weil keine Banken oder Staaten im Spiel sind, so die Annahme, könne das Vertrauen auch nicht schwinden.

 

Das ist ein riesiger Irrtum, wie sich jetzt herausstellt. Alle Zahlungsmittel, ob Papiergeld, Gold oder Zigaretten (zumindest bei Nichtrauchern) basieren auf dem Vertrauen, dass es  für diese Währung auch eine Gegenleistung gibt. Wenn ein Supermarkt irgendwo in Deutschland einen (echten) Zehn-Euro-Schein ablehnen würde, weil dieser nicht geeignet sei, damit Kartoffeln, Eier und Brot zukaufen, könnte dies eine Kettenreaktion auslösen.

 

Ebenso verhält es sich mit dem Aufbewahrungsort für das Geld. Wird dieser nicht mehr als sicher empfunden, werden die Kunden alles daran setzen, ihr Geld in Sicherheit zu bringen. Ein “Bankrun” ist der Alptraum einer jeden Gesellschaft. Deshalb lieferten die Schlangen für zyprischen Banken und ein paar Jahre zuvor die vor den Toren der britischen “Northern Rock” campierenden Kunden Bilder, die das Vertrauen in das Finanzsystem erschütterten.

 

Ganz ähnlich verhält es sich auch mit Mt. Gox jetzt. Die Plattform ist geschlossen, die Kunden kommen nicht an ihr Geld. Schon ein paar Wochen zuvor hatte die junge Währung sein Waterloo erlebt. Kursverluste um 60 Prozent binnen weniger Minuten, ausgesetzter Handel und geschlossene Handelsplattformen haben die Fangemeinde tief verunsichert.

 

Schon vor diesen Tumulten hatte der Bitcoin für jede Menge Gesprächsstoff gesorgt. Vor allem stand die Frage im Vordergrund, ob die immensen  Kurssprünge eine Spekulationsblase aufpumpen oder nicht. Natürlich haben all jene, die dem Bitcoin hold waren, die Währung stets für fair bewertet gehalten. Das heißt aber nichts. Vor einigen Jahren fanden es einige Aktionäre auch völlig normal, dass eine Filmrechte-Klitsche namens EM-TV an der Börse genauso hoch bewertet war wie der gesamte Disney-Konzern.

 

Damals wie heute entstand eine Preisblase, als sich das gehandelte Objekt vom Sujet für einige wenige zum Massenphänomen wandelte. Beim Bitcoin paarte sich die Sorge um das klassische Währungssystem mit dem Traum vom schnellen Geld. Allein die heftigen Schwankungen, mit denen die Währung gehandelt wurde, hätte Anleger abschrecken sollen.

 

Die Turbulenzen dürften jede Menge Vertrauen kosten. Aber am Ende ist der Bitcoin damit nicht und die Idee von virtuellen Währungen ist es erst Recht nicht. Es gibt andere Handelsplattformen und vorraussichtlich wird es auch noch konkurrierende Internet-Devisen geben. Die Geschehnisse der vergangenen Wochen dürften aber die Bitcoin-Blase als die schnellste Spekulationsblase in die Geschichte eingehen lassen.

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Es ist ein Deal, der an den Finanzmärkten den Atem stocken lässt. Facebook übernimmt WhatsApp für sage und schreibe 19 Milliarden Dollar. Das entspricht knapp 14 Milliarden Euro, ist die größte Übernahme der Unternehmensgeschichte, wenn auch beileibe nicht die erste.

 

Mark Zuckerberg hat trotz des Erfolges seiner Sozialen Plattform einige Probleme. In vielen Ländern wird Facebook langsam uncool. Wer teilt schon gern mit, wie die Party gestern Nacht war, wenn Eltern und Großeltern inzwischen mitlesen. Also sucht das jüngere Publikum Ersatz. Auf Instagram beispielsweise. Facebook hat diese Plattform schon gekauft.

 

Zweites Problem: Facebook ist in Asien bei weitem nicht so beliebt, wie in Europa und Amerika. Asiaten tauschen sich lieber auf WhatsApp aus. Mit dem Deal hat Zuckerberg wieder einen Fuß in der Tür zu einer Region mit rasantem Bevölkerungswachstum.

 

Außerdem ist WhatsApp das bessere Facebook, zumindest, wenn es um die mobile Nutzung geht. Es ist übersichtlicher, leichter zu handhaben und nicht viel komplizierter als SMS schreiben, weil der Nachrichtendienst für das Smartphone entwickelt wurde. Mark Zuckerberg hatte Facebook für Computer und Tablets konzipiert. Den mobilen Trend hätte das Unternehmen fast verschlafen, was zwischenzeitlich den Kurs unter Druck gesetzt hatte. Smartphone-Nutzer waren lange Zeit für Werbung auf Facebook nicht erreichbar.

 

WhatsApp wächst rasant. Jeden Tag kommt eine Million neuer Nutzer hinzu. Von diesem Wachstum will Facebook eine Scheibe abhaben.  Doch ist ein WhatsApp-Kunde wirklich 42 Dollar wert? Was für eine Frage. Mit etwas Geschick kann Zuckerberg einen Schatz heben. WhatsApp kann für Facebook zum Jungbrunnen werden. Es dürfen nur die WhatsApp-Nutzer nicht verschreckt werden. Schließlich ist der nächste Messenger-Service immer nur einen Klick entfernt.

 

Die Kosten aber sind keineswegs so hoch, wie sie erst einmal klingen. Als die Deutsche Telekom im Juli 2000 den amerikanischen Mobilfunkanbieter Voicestream (heute T-Mobile USA) übernahm, ließ sie sich jeden US-Kunden 20.000 Dollar kosten. Auch hier haben Anleger verschreckt reagiert und den Kurs der T-Aktie auf unter 50 Euro fallen lassen.

Von den Übertreibungen der Internetblase ist der Facebook-Deal also weit entfernt. Zuckerbergs Unternehmen ist so etwas wie der FC Bayern des Webs. Nur, dass Facebook nicht einzelne Spieler, sondern ganze Vereine aufkauft.

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Wenn Banken sich verzocken, wenn sie Milliarden versenken, für die der Steuerzahler geradestehen muss, dann sind schnell radikale Lösungen auf der Agenda zu finden. “Banken enteignen”, “Banken zerschlagen” und “Banken verbieten” waren nur einige Parolen, die nach der Lehman-Pleite, während des Libor-Skandals oder im Zuge der Sozialisierung der Immobilienzockereien der Hypo-Vereinsbank (Verstaatlichung der Hypo Real Estate) laut wurden. Geschehen ist nicht viel. Nun hat die EU-Kommission Vorschläge zur Bankenkontrolle unterbreitet, und natürlich ist die Diskussion im vollen Gange, ob die vorgeschlagenen Maßnahmen nun ausreichen oder nicht.

 

Im Herbst 2012 hatte eine Expertenrunde um den finnischen Notenbankchef Erkki Liikanen die Trennung von Investmentgeschäften und dem klassischen Kundengeschäft gefordert. Zu Ende gedacht hätte dies das Ende der so genannten Universalbanken bedeutet, die vom Girokonto bis zur feindlichen Unternehmensübernahme alles anbieten, was mit Geld zu schaffen hat. EU-Kommissar Michel Barnier ist mit seinen Vorschlägen nicht so weit gegangen.

 

Es bleibt sehr viel im Vagen. Hochriskante Handelsgeschäfte und die Einlagen der Kunden sollen voneinander getrennt werden, ohne allerdings, dass “Risiko” quantifiziert oder qualifiziert wird. Eigenhandel wird generell verboten. Nur was ist Eigenhandel. Selbst die Erklärung, dass alles gemeint ist, “was der Gewinnmaximierung dient”, ohne im Sinne des Kunden zu sein, gibt wenig Aufschluss.

 

Nach den aktuellen Kriterien betreibt die Deutsche Bank gar keinen Eigenhandel, obwohl sie weltweit einer der größten Player an den Devisenmärkten ist. Das Geschäft kann ja auch zum Wohle des Kunden gedacht sein. Schließlich müssen Exporteure ihre Wechselkursrisiken abgesichert bekommen.

 

Damit bleibt die Revolution im europäischen Bankensektor aus. Zerschlagen wird nicht, nur teilweise ausgegliedert. Doch es werden nun jede Menge Diskussionen folgen, welche Geschäfte “gefährlich” sind und welche nicht. Die Barnier-Vorschläge mögen vielen Beobachtern weichgespült daher kommen. Die neue Bankenaufsicht hat aber vermutlich jede Menge Gestaltungsspielraum. Es hängt an ihr, ob sie mit ihrer Arbeit dazu beitragen kann, eine neue Bankenkrise zu verhindern.

 

Die Bankenverbände laufen gegen die Pläne Sturm. Die Kapitalismusgegner gehen davon aus, dass kein einziger Schritt in die richtige Richtung gemacht worden ist. Die Vorschläge zur Regulierung der Banken können also nicht ganz falsch sein.

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Ein mulmiges Gefühl

21.01.2014 08:01 | Stefan Wolff

Die Börsen mussten sich ein wenig warm laufen, aber jetzt stehen die Zeichen wieder auf neuen Rekorden. Die Begeisterung darüber hält sich aber in Grenzen. Es macht sich Skepsis breit.

 

Tatsächlich dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis die 10.000-Punkte-Marke beim Dax fällt. Und dann? Dann werden die Argumente für weiter steigende Kurse noch schwerer zu finden sein. Die Stimmung trübt sich ein. Dabei herrscht Hochstimmung. Alle Zeichen stehen auf Aufschwung an der Börse. Der Treibstoff für die Rally fließt weiter unbegrenzt. An den niedrigen Zinsen wollen die Notenbanken nicht rühren.

 

Aber niedrige Zinsen allein genügen nicht mehr. Inzwischen warten die Anleger auf neue Impulse, die eine Fortsetzung der Rally rechtfertigen. Vor allem aber müssten Unternehmensdaten dir hohen Kurse unterfüttern. Doch das ist bislang nicht der Fall. Die überraschend hoch ausgefallenen Verluste der Deutschen Bank haben hier eine negative Duftmarke gesetzt. Genaugenommen hat das größte Geldhaus des Landes auch das Jahr 2014 quasi abgeschrieben. Das mag zwar an den individuellen Problemen der Deutschen Bank liegen (und daran, dass bedauernswerte Einzelfälle von krimineller Energie abgearbeitet werden müssen), doch strahlen Zahlen und Ausblick auf die Gesamtbranche ab.

 

Überhaupt sind Banken erstaunlich pessimistisch. Einer Umfrage der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young zufolge rechnet nur noch jedes dritte Institut mit besseren Geschäften. Damit liegen sei deutlich unter dem europäischen Schnitt. In den USA konnte die Finanzindustrie sogar bislang die Gewinne deutlich stärker steigern als andere Branchen.

 

Generell zeigen die ersten Ausläufer der Bilanzsaison, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Aktien können deshalb getrost nicht mehr als “günstig” bewertet gelten. Die Börse schwenkt damit wohl in den Übertreibungsmodus oder befindet sich schon darin.

 

Immerhin hellen sich die Konjunkturaussichten weiter auf. Es läuft recht rund in der deutschen Wirtschaft. Auch die Nachbarn funken Erholungssignale. Spaniens und Irlands Rückkehr an die Kapitalmärkte funktionierte reibungslos. Spaniens Binnenwirtschaft liegt zwar immer noch am Boden, doch hat die Wettbewerbsfähigkeit zugenommen. Die Exporte wachsen. Es wird zwar noch ein langer Weg werden, doch die Richtung stimmt erst einmal. Außerdem sorgt hier das EZB-Versprechen, alles zu unternehmen, um den Euro zu bewahren, nachhaltig für Ruhe. Wie eine dicke Wolldecke breitet sich die Notenbank mit ihrem Instrumentarium über auftretenden Problemen aus.

Alles in allem ist eine Korrekturphase für den Aktienmarkt überfällig. Seit Juli 2013 kennen die Kurse quasi nur eine Richtung. Sie werden zu einem Gutteil von der “Alternativlosigkeit” der Aktienmärkte als Anlageklasse getragen.

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Na dann Prost!

30.12.2013 10:12 | Stefan Wolff

 

 

 

2013 war ein Ausnahmejahr für Aktiensparer. Nicht ganz so gut wie 2012, aber sehr ordentlich. Renditen oberhalb der 20-Prozent-Marke hat es nicht an jeder Ecke gegeben. Und trotzdem stehen mehr Fragezeichen als Antworten im Jahresrückblick.

 

 

Ohne die Notenbanken wäre gar nichts gelaufen. Das billige (oder besser: einfache) Geld ließ die Märkte laufen. Die US-Notenbank (Fed) hat vor fünf Jahren den Leitzins auf „Null“ gesetzt, und es steht das Versprechen im Raum, daran auch im Jahr 2014 nicht zu rühren. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ebenfalls ihren Beitrag geleistet. Zweimal hat EZB-Chef Mario Draghi den Leitzins abgesenkt. Die Zusage, alles zu unternehmen, um den Euro zu bewahren, stammt aus dem Sommer 2012.

 

 

Die Leitplanken für die Rally-Autobahn stehen also auch weiter. Die Zinsen bleiben unten. Das nunmehr gedrosselte Anleiheaufkaufprogramm der Fed wird keine größere Bremse sein. Die Anleihezinsen werden nicht signifikant steigen. Und wenn doch werden Anleger sie nicht als verlockende Alternative begreifen. Im Zuge der Finanzkrise sind die Risiken der vermeintlich risikofreien Geldanlage zu deutlich zutage getreten.

 

 

Die Euro-Schuldenkrise ist weit davon entfernt, gelöst zu sein. Zwar waren die jüngsten Nachrichten durchaus ermutigend. Irland ist vom Rettungsschirm an die Kapitalmärkte zurückgekehrt. Spanien und Portugal werden folgen. Alle können sich zu relativ auskömmlichen Konditionen refinanzieren. Doch die Ratingagentur S&P hat deutlich gemacht, dass es sich nur um eine Feuerpause handeln könnte, indem sie kurz vor Jahresschluss den gesamten Euroraum herabstufte. Wenn die Argumente gegen einzelne Länder ausgehen, muss eben das gesamte Konstrukt daran glauben.

 

 

Der Stresstest, den die Banken des Euroraums zu Jahresbeginn durchlaufen müssen, wird die erste große Nagelprobe für die Märkte werden. Weitere werden folgen. Vor allem die hohe Arbeitslosigkeit in den südlichen Ländern des Euroraums bereitet Sorgen.

 

 

Entscheidend für das Aktienjahr 2014 wird sein, ob die Märkte im Stande sein werden, sich ein Stück von den Aktionen der Notenbanken zu emanzipieren. Nur billiges Geld reicht nicht aus. Die Unternehmensgewinne müssen wieder sprudeln und so den Aufwärtstrend an den Börsen untermauern. Sorgen um Deutschland scheinen fast schon unbegründet. Es wird ordentliche Wachstumsraten geben. Allein den Export sehen Experten um vier Prozent steigen. Auch die Binnenkonjunktur steht auf einem robusten Fundament. Das Konsumklima ist so gut wie seit sechs Jahren nicht mehr. Jetzt müssen nur noch die Investitionen anspringen.

 

 

Der Deutsche Aktienindex (Dax) dürfte auf jeden Fall die Marke von 10.000 Punkten testen. Ob sie halten wird, entscheiden die Umstände, die durch Euro-Schuldenkrise und die Wirtschaftskraft der USA gesetzt werden. Interessant wird sein, wie sich Anleger in diesem Umfeld des „Anlagennotstands“ verhalten werden. Werden sie weiter auf das Sparbuch setzen und damit eher schwindsüchtige Anlageformen wählen? Oder werden sie mehr Risiko wagen?

 

 

So klein sind die Risiken schließlich nicht. Selbst, wer auf die großen Dax-Werte setzte, konnte deutlich daneben liegen. Von Verlusten von 70 Prozent bis Gewinnen um 70 Prozent war bei einzelnen Aktien alles drin.

 

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Mit den Rekordstrafen für europäische Großbanken wollte die EU-Kommission ein Zeichen setzen. Doch auch drakonische Maßnahmen werden nichts daran ändern, dass die großen Finanzhäuser jede Menge Vertrauen verspielt haben. Wenn sie dieses zurückgewinnen wollen, müssen sie viel Geduld mitbringen. Vielleicht ist es aber schon zu spät.

 

Ein grauhaariger Mann sitzt an einem Pult, gleichzeitig in zwei Hörer telefonierend. Am Ende mehrerer Telefonate standen die “Amtlich festgestellten Mittelkurse” der wichtigsten Währungen an einer Tafel. Zu diesen Kursen konnten Verbraucher landauf, landab und zuzüglich Gebühren ihre Mark in Franken Dollar oder Pfund tauschen. Das war verlässlich und transparent und vor allem “amtlich”.

 

Mit Einführung des Euro als Buchwährung wurde dieser amtliche Handel aufgegeben. Seitdem gibt es Referenzkurse der Europäischen Zentralbank und von den Banken untereinander festgelegte Kurse. Ob  letztere immer durch freien Handel und freien Markt entstehen, darf bezweifelt werden. Weltweit ermitteln die Behörden wegen möglicher Manipulation der Wechselkurse.

 

Nachdem große Geldhäuser nachweislich an den wichtigsten Referenzzinssätzen dieser Welt herumgeschraubt haben, sollen sie nun auch Devisenkurse in gewünschte Richtungen geschummelt haben. Hinzu kommt Manipulationsverdacht beim Goldpreis und beim Isdafix, dem      Referenzsatz für Zinssatz-Derivate. Sollte sich nur ein Teil dieser Verdachtsmomente bewahrheiten, dann darf sich jeder Mensch, vom Großunternehmer über den Immobilienkäufer bis hin zum Urlauber mit Fug und Recht behumst fühlen.

 

In den Banktürmen werden sie derweil nicht müde, von “Einzelfällen” zu sprechen. Der Co-Chef der Deutschen Bank Jürgen Fitschen hat relativ rüde auf Einlassungen des Bundesfinanzministers reagiert. Wolfgang Schäuble hatte gemahnt, den Regulierungswillen der Politik nicht schleifen zu lassen. “Es kann nicht sein, dass man sich hinstellt und sagt, die Banken umgehen immer noch die Regeln.”  So zitieren die Kollegen von Spiegel Online Fitschen, der es als “Populismus” bezeichnete, wenn die Fortschritte bei den Banken nicht gesehen würden.

 

Offensichtlich hat Fitschen den Schuss nicht gehört. Es ist nicht Schuld der Medien oder regulierungswütiger Politiker, wenn sich der Verdacht hält, dass Banken und Versicherer ungeachtet der dafür nötigen Mittel vor allem an hohen Gewinnen interessiert sind und nebenher vielleicht ein paar Betuchten helfen, ihr Vermögen an der Steuer vorbei zu schleusen. Die Nachrichten der vergangenen Tage legen diesen Verdacht nahe.

 

Sollte es nicht so sein, sollte die Finanzwelt ihren ausgerufenen “Kulturwandel” vielleicht etwas offensiver betreiben. Es ist höchste Zeit. Nach Bekanntwerden des Libor-Skandals hielt jeder vierte Deutsche einer Umfrage zufolge Banker für “äußerst kriminell”. Der Berufsstand genießt einer Erhebung des Allensbach-Instituts vom vergangenen August zufolge nur noch bei drei Prozent der Bevölkerung Ansehen.

 

Mehr noch: Das Ansehen unseres Wirtschaftssystems ist massiv von den vielen Manipulationen und Tricksereien beschädigt worden. Politiker sehen den Vertrauensschwund, sie sehen, wie mit Staatsgeldern Banken gerettet wurden und wie sich diese revanchierten und sie reagieren darauf. Nachdem sie Ende der 90er Jahre begonnen haben, die Finanzmärkte zu liberalisieren, schlägt das Pendel nun umso stärker zurück. Die Regulierer haben es leicht, ihre Wähler unterstützen sie mehrheitlich. Wenn die Banken nicht aufpassen, werden sie in ein Korsett geschnürt werden, in dem sie kaum noch werden atmen können.

Die Verantwortung dafür tragen sie aber ganz allein.

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9.200 Dax-Punkte, 16.000 Dow-Punkte – auf welchem Fundament steht diese Rally? “Auf keinem”, warnen die ersten Mahner. Die Herde wird diese Bedenken erst einmal beiseite wischen. Doch die Warnungen stehen im Raum.

 

Dieses Mal war es Carl Icahn, der das Wasser in den Wein gegossen hat. Der Multimilliardär warnte vor zu viel Börseneuphorie und einem möglichen Absturz der Märkte. Die Delle, die er damit verursacht hat, dürfte schon bald wieder ausgebügelt sein. Der Rufer in der Wüste findet selten Gehör. Oftmals behält er aber Recht.

 

Und Icahn ist nicht allein. Die Finanzgemeinde ist unruhiger als es scheint. Die recht niedrigen Handelsumsätze zeugen davon, dass immer mehr Anleger dem Braten nicht trauen. Die Politik des billigen Geldes, mit der die US-Notenbank die Börse seit Monaten in Hochstimmung versetzt, bezeichnen die Wall-Street-Granden schon als “Bernankecare” und damit als Programm, die Kurse zu pflegen.

 

Profi-Anleger suchen nicht mehr besonders aussichtsreiche Papiere oder achten auf Nachrichten. Sie reiten die Welle, so lange es geht. Wall-Street-Akteur Carl Giannone verglich das Spiel mit der Reise nach Jerusalem. Es ginge nur noch darum, einen Sitzplatz zu erwischen, diktierte er Kollegen der Nachrichtenagentur Bloomberg in den Block.

 

Das klingt alles nach dem letzten Aufgebot, doch auch das muss nicht zwingend im Ausverkauf münden. Deutsche Unternehmen sind besser durch die Krise gekommen als die Konkurrenz, heißt es immer wieder. Auch wiesen deutsche Aktien eine relativ günstige Bewertung auf. Das mag alles sein. Die Frage ist, inwieweit sich das süße Gift der niedrigen Zinsen ausgebreitet hat.

 

Zweifelsohne hat das billige Geld das Finanzsystem stabilisiert. Icahn befürchtet aber, dass  sich die Unternehmen mit billigen Krediten vollgesogen und so künstlich aufgebläht haben. Zusätzlich sollen sie mit massiven Aktienrückkaufprogrammen die Kurse gepusht haben. Damit wäre durchaus ein Grundstein für eine Spekulationsblase gelegt.

 

Generell liefern die niedrigen Zinsen einen idealen Nährboden dafür. Schon nach der geplatzten Internetblase – als die Zinsen viel zu lange unten geblieben waren – hatten Banken mit ihren nicht mehr durchschaubaren Finanzkonstruktionen die Grundlage für die heutige Finanzkrise gelegt.

Ob es dieses Mal die Konzerne sind ist möglich, aber nicht entscheidend. Klar ist nur, das eine scharfe Kurskorrektur an der Wall Street auch an deutschen Aktien nicht vorbeigehen wird. Bewertung und Dividendenrendite spielen dann keine Rolle.

 

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Einmal Zinswende und zurück. Schneller als dieser Tage dreht sich die Finanzwelt selten. Ein Haushaltsstreit in den USA und eine überraschend niedrige Inflationsrate im Euroraum haben die “Zinssenkungsphantasie” geschürt. Anleger rechnen damit, dass die Europäische Zentralbank (EZB) ihre lockere Geldpolitik lockern könnte, um der Deflationsgefahr zu begegnen.

Deflation ist das Schreckgespenst de Wirtschaft schlechthin. Die Preise fallen, die Wirtschaft stagniert, Unternehmen und Staaten fahren ihre Investitionen zurück. Japan befindet sich seit eineinhalb Jahrzehnten in dieser Todesspirale und versucht nun mit Hilfe einer wahren Geldflut daraus zu entfliehen. Ob die Übung gelingt, ist offen. Und deshalb lautet die Devise, es lieber gar nicht erst so weit kommen zu lassen.

 Die Gefahren sind ganz real. Im Euroraum sank die Inflationsrate im September auf 0,7 Prozent im Monatsvergleich und gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf 1,1 Prozent. Einige Euro-Teilnehmerländer verzeichnen bereits sinkende Verbraucherpreise. Das Wirtschaftswachstum lahmt. Für das laufende Jahr geht die EU-Kommission davon aus, dass die Wirtschaft im Euroraum um 0,4 Prozent schrumpft. Für die EZB, die sogleich Handlungsbereitschaft bekundet hat, bedeutet dies, dass sie ohne weiteres den Schlüsselzins auf 0,25 Prozent absenken kann. Die Deflationssorgen reichen als Argument völlig aus.

Trotzdem dürfte der Leitzins erst einmal unverändert bleiben, da nach einer Senkung nur noch ein weiterer Schritt möglich wäre. Und so wäre es gut möglich, dass die EZB keine Pfeile mehr im Köcher haben könnte, wenn es erst richtig losgeht. Und – seien wir ehrlich – die bisherigen Zinssenkungen haben nicht wirklich zu einer höheren Teuerungsrate geführt.

Die EZB hat also ein echtes Problem. Sie könnte eine weitere “Dicke Bertha” zünden, also die Finanzwelt mit langlaufenden Krediten überschütten. Anleiheaufkäufe (von denen sich die US-Notenbank gerade schrittweise verabschieden wollte) wären eine weitere Option. Doch bis die in Form von wachsenden Investitionen in der Wirtschaft ankommen, kann einige Zeit ins Land gehen.

Am Ende stünde EZB-Chef Draghi als Weihnachtsmann da, der in Fußgängerzonen Europas Einkaufsgutscheine verteilen muss, um Konsum und Teuerung anzukurbeln. Das wäre dann die europäische Ausgabe von “Helicopter-Ben” Bernanke, der ja als letztes Mittel empfahl, vom Hubschrauber aus Bargeld abzuwerfen.

Vielleicht ist die niedrige Inflationsrate ja auch ein vorübergehendes Phänomen, so wie das im November 2009 der Fall gewesen ist. Auch damals diskutierte die Fachwelt erhitzt die Gefahren einer aufziehenden Deflation. Die Währungshüter werden aber wachsam bleiben. Sie haben sowieso Furcht davor, mit einer Drosselung ihrer Geldpolitik den Finanzmärkten zu stark zu schaden.

Für den Anleger bedeutet dies, er kann sich seine Zinswende erst einmal in die Haare schmieren. So lange es Argumente für billiges Geld gibt, wird es auch billiges Geld geben.

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Es besteht wohl kaum ein Zweifel daran, dass das Börsenjahr 2013 ein gutes werden wird. Der Deutsche Aktienindex (Dax) hat bereits um 16 Prozent zulegen können. Die 9.000-Punkte-Marke war am Freitagmorgen nur einen Katzensprung entfernt.

 

Viele Argumente für weitere Kursgewinne liegen auf der Hand und werden gebetsmühlenartig wiederholt. Historisch betrachtet dürfen beispielsweise die meisten der 30 Dax-Werte als günstig bewertet gelten. Der Verweis darauf, dass der Dax als Performanceindex die Dividenden einrechnet und damit teurer aussieht als er ist, ist ebenfalls richtig und wichtig. Auch die vergleichsweise auskömmliche Dividendenrendite führen Aktienfans gern ins Feld.

 

Doch die Gründe für die Aktienrallye liegen natürlich vor allem in der Politik des billigen Geldes. Seit US-Notenbankchef Ben Bernanke seine eigentlich angekündigte Zinswende nicht vollzogen hat, scheint nach oben alles offen zu sein. Eher schwache Arbeitsmarktdaten aus den USA sind da höchst willkommen, weil die Fed ihre Geldpolitik an den Jobmarkt gekoppelt hat.

 

Vielleicht lohnt ein Blick, wie die Unternehmen selbst ihre Zukunft sehen. Der Ifo-Geschäftsklimaindex deutet dabei auf wachsenden Optimismus. Der Einkaufsmanager-Index, der die Investitionsneigung der Unternehmen spiegelt, ging dagegen leicht zurück. So liefern die Stimmungsbarometer ein eher vages und durchwachsenes Bild. Auch in der laufenden Bilanzsaison geben sich die meisten Firmen eher zurückhaltend.

 

Eine sehr viel deutlichere Sprache sprechen die tatsächlichen Maßnahmen der Firmen. Viele setzen derzeit auf deutliche Einschnitte. So wird Siemens seine Belegschaft um 15.000 Mitarbeiter reduzieren. RWE streicht allein im Stromgeschäft mehr als 3.000 Stellen. Beim Baukonzern Bilfinger sollen 1.250 Jobs zur Disposition stehen. Abbaupläne hegen dem Vernehmen nach auch Stahlkocher Salzgitter, der Spezialchemieanbieter Evonik und viele andere mehr. Allein im Bankenbereich will einer Umfrage zufolge jedes dritte Institut bei den Stellen den Rotstift ansetzen.

 

Das alles deutet nicht eben auf wachsende Gewinnerwartungen hin. Auf der anderen Seite haben gerade deutsche Firmen in der Vergangenheit gezeigt, dass sie mit ihrer – aus Arbeitnehmersicht bedauerlichen – Zurückhaltung eher besser durch die Krise gefahren sind als die Konkurrenz. Ein Ergebnis davon, ist, dass Dax und MDax auf Rekordständen stehen.

 

In vielen Branchen ist es ohnehin die wachsende Produktivität, die den Abbau von Mitarbeitern erzwingt. Wenn ein Autohersteller zehn Prozent mehr Autos mit der gleichen Zahl an Mitarbeitern produzieren kann als vor einem Jahr, dann muss er den Absatz binnen Jahresfrist um zehn Prozent steigern, oder er beschäftigt auf einmal zu viele Mitarbeiter. Manchmal ist Wachstum ein Dilemma. Grundsätzlich aber hat sich in der Wahrnehmung einiges geändert. Während vor ein paar Jahren noch Jobbabbau umgehend in Kursgewinne umgemünzt wurde (was unter anderem der Börse den Ruf einbringt, zynisch zu sein), fragen auch Anleger inzwischen nach. Ein Kahlschlag kann auch Zeichen dafür sein, dass die Unternehmenslenker keine besseren Ideen haben, um ihre Firma auf die Erfolgsspur zu bringen.

 

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Stellen wir uns folgendes Szenario vor: Frankreich gibt bekannt, von morgen an einen Großteil seiner Beamten nicht mehr zu bezahlen. Der Louvre, das Centre Pompidou und unzählige andere Museen schließen. Und weil sich französische Untertanen weniger gefallen lassen als US-amerikanische, brennen vor dem Elysee-Palast die Autoreifen.

Was würde geschehen? Die Rating-Agentur S&P würde die Bonitätsnote Frankreichs drastisch auf  “BBB+” absenken, Ausblick negativ. Damit wäre das Land mit dem gleichen Rating wie Italien ausgestattet. Ein Land, das seine Beamten nicht bezahlen könne, sei kein verlässlicher Kreditpartner. So oder so ähnlich würde sich das anhören. Und da die großen Agenturen ja unabhängig voneinander urteilen, würden die Herabstufungen von Moody’s und Fitch, ein bis zwei Tage später folgen.

 

Schnell müsste Frankreich Zinsen um fünf Prozent in Kauf nehmen, um seine Schuldenlast zu stemmen. Wenn das denn reichen würde. Eine drohende Zahlungsunfähigkeit sollte die Herausgabe neuer Anleihen quasi unmöglich machen.

 

In den USA erhalten 800.000 Beamte keinen Lohn. Die Freiheitsstatue, der Grand Canyon und unzählige andere Einrichtungen sind geschlossen. Das Land befindet sich in Geiselhaft einiger Fundamentalisten, die Selbstmord für ein kleineres Übel halten als eine Krankenversicherung. Die Ratingagenturen heben mahnend den Zeigefinger. Die USA könnten ihr Spitzenrating verlieren, falls sie am 17. Oktober zahlungsunfähig werden würden. Nicht einmal den Ausblick stellen die Agenturen auf “negativ”.

 

Vielmehr betont beispielsweise Fitch die besondere Stellung der USA. Die Haushaltssperre unterwandere zwar das Vertrauen in den politischen Prozess (“it undermines confidence in the budgetary process”), doch selbst, wenn die Schuldengrenze nicht bald angehoben wird, geht Fitch davon aus, dass die USA ihre Anleihen auch weiterhin bedienen werden (“Even if the debt limit is not raised in a timely manner we believe there is sufficient political will and capacity to ensure that Treasury securities will continue to be honoured in full and on time”). So viele Vorschusslorbeeren hätten andere Länder und Regierungen auch gern.

 

In der Euro-Schuldenkrise haben sich die Agenturen gern gerühmt, den Finger in offene Wunden zu legen und Druck aufzubauen, um Regierungen dazu zu bewegen, sich zu bewegen. Aktuell wäre wieder eine Gelegenheit da.

 

Generell ist es eher befremdlich, wie gelassen die Finanzmärkte mit der Situation umgehen. Die Politiker in Senat und Repräsentantenhaus spielen mit dem Feuer. Ihr Verhalten zeugt von Verantwortungslosigkeit – übrigens nicht nur gegenüber dem eigenen Land sondern gegenüber dem Rest der Welt. Wie viele Altersvorsorgepläne dürften wohl implodieren, falls es zum GAU an den Anleihemärkten kommt?

 

Offensichtlich setzen alle Beteiligten noch darauf, dass es sich bei dem Theater um eine hollywoodreife Inszenierung handelt. Am Ende werden einige der Akteure ihr Gesicht verlieren. Oder jede Menge Sparer jede Menge Geld.   

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Der Berg kreißte und gebar… nicht mal ‘ne Maus. Seit Monaten hat die US-Notenbank (Federal Reserve/Fed) die Finanzmärkte auf dieses Datum vorbereitet. Am 18. September – das war sonnenklar – sollte ganz behutsam der Einstieg in den Ausstieg aus der Niedrigzinspolitik vorbereitet werden. Geschehen ist nichts. Die Leitzinsen bleiben unverändert (keine Überraschung). Das Anleiheaufkaufprogramm wird nicht reduziert (dicke Überraschung).

 

Die Fed hat sich einen Bärendienst erwiesen. Sie hatte die Finanzmärkte optimal auf eine behutsame Zinswende vorbereitet. Trotz der vermeintlich drohenden Gefahren sind die Aktienkurse gestiegen. Der Deutsche Aktienindex (Dax) markierte zwischenzeitlich sogar einen neuen Rekord. Einen größeren Vertrauensbeweis hätte es gar nicht geben können.

 

Und dann nimmt die Fed die sich selbst gegebene Steilvorlage nicht an und verweigert den Abschluss. Das war ein riesengroßer Fehler, auch falls die Märkte jetzt Feuerwerke abfeuern sollten, was zu erwarten ist. Denn die US-Notenbank hatte alles drangesetzt, um sich selbst berechenbarer zu machen. Es gilt als sicher, dass es höhere Leitzinsen auch im kommenden Jahr nicht geben wird.

 

Warum aber hat die Fed nicht ganz sanft auf das Bremspedal getreten und ein Ende der ultralockeren Geldpolitik zumindest angedeutet? Die Datenlage würde einen solchen Schritt nicht rechtfertigen, hieß es. Das mag beim Blick auf die Arbeitslosenzahlen in den USA stimmen. Die würden aber auch nicht langsamer sinken, hätte die Fed ihre Anleihekäufe um monatlich fünf Milliarden Dollar reduziert.

 

So aber hat die US-Notenbank Vertrauen verspielt. Außerdem wird das “Tapering”, also das Rückführen der Anleihekäufe wie ein Damokles-Schwert über den Märkten hängen. Schnell wird auf der einen Seite die Angst umgehen, dass im Notfall eine abrupte Vollbremsung in einem Crash enden könnte. Auf der anderen Seite bekommen all jene Recht, die seit jeher befürchten, die Politik des billigen Geldes sei gar nicht zu beenden. Das würde in japanische Verhältnisse führen oder eben doch sein Ventil in der Inflation finden.

 

Fest steht: Ohne Verwerfungen zu erzeugen, ist eine Zinswende nun kaum mehr möglich. Die rekordtiefen Zinsen sind das “Hotel California” der Finanzwelt. “You can check out any time you like, but you can never leave.”

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