“Maybe October”, hatte Mario Draghi im vergangenen September versprochen. Der EZB-Chef hat Wort gehalten. Die Zinswende ist ein Stück greifbarer geworden. Die Europäische Zentralbank wird das Volumen ihrer monatlichen Anleihekäufe halbieren. Das heißt natürlich nicht, dass damit das Ruder komplett herumgerissen wird. Auf signifikant höhere Zinsen werden Verbraucher noch lange warten müssen.

 

Seit März 2015 hat die EZB das gemacht, was vorher schon die US-Notenbank Fed, die Bank of Japan, die Bank of England und viele andere gemacht haben. Sie hat im Kampf gegen die Krise Geld gedruckt und davon Anleihen von Unternehmen und Staaten gekauft. Das ist ein massiver und hoch umstrittener Eingriff in den Markt, der aber die Zinsen drückt. Verbraucher und Firmen bekamen den Zugang zu günstigen Krediten. Das bedeutet, sie konnten mehr konsumieren und investieren.

 

Der Plan der EZB ist aufgegangen. In Deutschland brummen die Geschäfte. Auch die krisengeschüttelten Staaten des Euroraums haben sich – zumindest zum Teil – wieder erholt. Die Finanzbranche ist dem Kollaps entkommen. Und ohne Nullzinspolitik und Anleiheaufkaufprogramm der EZB wäre die „Schwarze Null“ im deutschen Haushalt wahrscheinlich gar nicht, zumindest aber nur unter größeren Schmerzen erreicht worden.

 

Also, alles richtig gemacht, EZB? Ja und nein. Zum einen vergessen die Deutschen gern, dass die Europäische Zentralbank keine Politik für deutsche Befindlichkeiten macht. Zum anderen befindet sich eben nicht nur Deutschland auf dem Wachstumspfad. Lediglich einige Banken wackeln, doch sind deren Probleme nicht von Pappe.

 

Insgesamt aber sind höhere Zinsen schon lange drin.  Die EZB zögert noch, eine konsequente Wende zu fahren, weil sie – wie alle Notenbanken – auf Terra incognita manövriert. Auf der anderen Seite müssen wieder ein paar Pfeile in den Köcher. Dementsprechend hält sich die EZB ja auch das Türchen offen, zur Not das Programm weiter zu verlängern und sogar wieder auszuweiten.

 

Aber auch so bleiben die Probleme bestehen. Bis September wird der Anleiheberg der EZB  so oder so auf 2550 Milliarden Euro anwachsen. Diesen nicht mehr weiter aufzubauen oder gar abzutragen, wird Jahre dauern. Über steigende Leitzinsen wird die EZB ohnehin nicht vor 2019 nachdenken.

 

Das ist auch der Grund, warum der Dax neue Rekorde markiert und der Euro fällt. Für Aktien bleibt es die beste aller Welten. Der Euro wird angesichts weiter niedriger Zinsen nicht eben attraktiver. Die jüngste Sitzung der EZB hat gezeigt, dass es Draghi mit seinem Credo “Whatever it takes” immer noch ernst nimmt. Draghi wird alles unternehmen, um das Eurosystem zu bewahren. Der erste Schritt in Richtung Zinswende kann schnell auch wieder zurückgegangen werden. Brexit, Katalonien und viele andere Faktoren machen das denkbar.

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Die Dinos

22.09.2017 16:09 | Stefan Wolff

Es ist ein Versprecher der schöneren Art, den sich VW-Chef Müller vor kurzem im ZDF geleistet hat. Auf die Frage, warum VW erst jetzt – zwei Jahre nach Bekanntwerden der Diesel-Affäre – seine Elektro-Offensive gestartet hat, antwortete Müller, man habe “die zwei Jahre zur Selbstbedienung, äääh Selbstbesinnung” benötigt. Der Interview-Schnipsel ist zum Internet-Hit avanciert. “Freudscher Versprecher” gehört noch zu den wohlmeinendsten Urteilen.

 

So gesehen ist es ganz gut, dass die Internationale Automobil-Ausstellung (IAA) nun endet, auf der sich die Verursacher des Abgas-Skandals als Pioniere der Elektrifizierung feiern lassen und dabei hoffen, es werde schon keiner merken. Die Autobranche – das zeigte sich in Frankfurt deutlich – steckt einem dramatischen Wandel. Befeuert durch die eigenen Abgasbetrügereien drohen die klassischen Hersteller von diesem Wandel ebenso überfahren zu werden, wie die Energieversorger von dem Atom-Aus vor sechs Jahren. Drohende Fahrverbote in den Städten und E-Autoquoten in vielen Ländern erhöhen den Druck.

 

Die Hersteller versuchen den schwierigen Spagat und verkaufen Science Fiction neben den altbekannten PS-Boliden. Umweltschutz bleibt ein Lippenbekenntnis. Eigentlich hatte die Autoindustrie versprochen, seit dem 1. September nur noch Wagen neu auf den Markt zu bringen, die die Abgasnorm Euro 6d erfüllen. Bislang ist aber keine einzige solche Typzulassung beantragt worden. Das geht aus einer Bundestagsanfrage hervor.

 

Viele Hersteller hatten auf die Nabelschau in Frankfurt keine Lust. Modelle von Fiat-Chrysler suchten die Besucher ebenso vergeblich, wie die von Volvo, Mitsubishi, Peugeot-Citroen,  Nissan, Cadillac, Chevrolet, Aston-Martin und Rolls-Royce. Auch Elektro-Pionier Tesla zog es nicht an den Main.

 

Die Gründe für die Absagen waren vielfältig. Volvo und Mitsubishi sehen ihre Kundschaft eher beim Genfer Automobilsalon. Nissan tummelte sich lieber auf der Computermesse Cebit. Und Tesla hat eigenem Bekunden nach mit Branchentreffen nichts am Hut. Man sehe sich nicht als klassischer Autohersteller. Im Gegenzug waren immerhin die Internetriesen Facebook und Google auf der IAA vertreten. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen , dass die Leitmesse IAA ihre Zugkraft verloren hat.

 

An den Aktienmärkten waren Autoaktien zuletzt gefragt. Immer wieder ist davon die Rede, dass auch auf lange Sicht BMW, Daimler und VW nichts geschehen werde, da die Branche “systemrelevant” sei – angelehnt an die Banken während der Finanzkrise. Dennoch wird der Wandel zur Elektromobilität auch an den Finanzmärkten keinen Stein auf dem anderen lassen.

 

Zwar liegt der Anteil der Autos mit alternativen Antrieben an den Neuzulassungen in der EU derzeit noch bei knapp über fünf Prozent, doch wird dieser steigen. Weltweit haben Regierungen das Ende von Dieseln und Benzinern eingeläutet. Oder zumindest den Übergang zu anderen Antrieben beschlossen. Da deutsche Autohersteller weltweit aktiv sind, würde ihnen ein staatlich verordnetes Verbrennungsmotor-Reservat in Deutschland auch nicht weiterhelfen. Wer systemrelevant bleiben will, muss sich anpassen, auch wenn derzeit noch viel gegen das Elektroauto spricht.

 

Das Tückische an Elektroautos ist, dass diese mit weniger Personal zu bauen sind, als die klassischen Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren. Das wird nicht nur die Hersteller selbst vor  große Aufgaben stellen, sondern vor allem auch Zulieferer mit einem hohen Anteil an Motorenkomponenten. Wer hier nicht jetzt den Wandel anstößt, droht zu einem Dino zu werden.

 

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Das Notenbanktreffen in Jackson Hole, einem ansonsten verschnarchten Nest im US-Bundesstaat Wyoming, sorgt regelmäßig für Gesprächsstoff. Oft wird vor dem Treffen an den Märkten mehr Schaum geschlagen, als man hinterher gebrauchen kann. Auch dieses Mal war das so. Und trotzdem hatte das Treffen einiges zu bieten.

 

Wenn sich Notenbanker zur Tagespolitik äußern, dann geschieht das meist auf dezente Art und Weise. So gesehen kann man die Reden von EZB-Chef Mario Draghi und US-Notenbankpräsidentin Janet Yellen vom Wochenende als klare Kampfansage in Richtung Weißes Haus interpretieren. So kritisierte Draghi die zunehmenden protektionistischen Tendenzen in vielen Ländern. Angesichts neuer Vorstöße in Richtung Mauerbau an der Grenze zu Mexiko ist dies eine klare Kritik an Donald Trump.

 

Der US-Präsident hatte erst vor kurzem damit gedroht, die Regierung lahmzulegen, falls nicht die Mittel für den Bau der Grenzbefestigung zu Mexiko bewilligt würden. Dieser “Government Shutdown” ist eigentlich ein Druckmittel, mit dem die Opposition der Regierung die Daumenschrauben anlegt. Somit zeigt die Drohung, wie zerrüttet das Verhältnis der Republikaner zu ihrem Präsidenten ist.

 

Trump will die Mauer um jeden Preis. Sie wird das Monument eines eingehaltenen Wahlversprechens sein – vermutlich des einzigen gehaltenen Wahlversprechens. Dabei scheint längst widerlegt, dass eine Volkswirtschaft besser gestellt ist, wenn sich ein Land ausschließlich um sich selbst dreht. Europa blickt jedenfalls mit Sorge auf diese Entwicklung, weil die nordamerikanische Freihandelszone Nafta neu verhandelt werden soll.

 

Für Deutschland steht besonders viel auf dem Spiel. Mexiko ist eine Art Drehkreuz für deutsche Exporteure. 1.900 Firmen sind vor Ort aktiv. Das niedrige Lohngefüge dort ist ebenso wichtig, wie die zwölf Handelsabkommen, die Mexiko mit 46 Ländern abgeschlossen hat.

 

Um Protektionismus ginge es Janet Yellen nur am Rande. Sie kritisierte die Steuerpläne Trumps und warnte davor, die Banken zu deregulieren. In Zeiten niedriger Zinsen sei weniger Kontrolle umso gefährlicher, sagt die Notenbankchefin, die nun umso mehr um ihren Job bangen darf.

 

Dabei hat Yellen zurecht darauf hingewiesen, dass die 2010 vorgenommenen Regulierungen weder das Wirtschaftswachstum noch die Versorgung mit Liquidität gebremst hätten. Die große Sorge ist, das entfesselte Finanzmärkte – wie im Jahr 2008 – eine erneute Krise auslösen könnten. Der damalige Bundespräsident Horst Köhler hatte seinerzeit mit der Aussage: “Das Monster ist von der Kette” ein Zitat der Krise geprägt.

 

Trumps Wirtschaftsberater Gary Cohn könnte im kommenden März nach Ablauf der Amtszeit Yellens die Geschäfte in der Fed übernehmen. Sollte das Amt nicht den Mann formen, wie das ja auch bei Trump nicht der Fall gewesen ist, droht eine Geldpolitik nach Gutsherrenart. So langsam entwickelt sich das Weiße Haus zu einer Gefahr für die Märkte.

 

Zum Ende der Krise in den “Nuller” Jahren war es der Kardinalfehler des ehemaligen Fed-Chefs Alan Greenspan gewesen, viel zu spät und dann zu schnell die Zinsen wieder angehoben zu haben. Ähnliches könnte sich nun ereignen, falls unangebracht niedrige Zinsen auf wieder deregulierte Banken treffen sollten.

 

Schade nur, dass weder Yellen noch Draghi sich zu ihrer eigenen Strategie äußerten. Denn darauf hatten die Beobachter am meisten gehofft. Doch weder Janet Yellen noch Mario Draghi griffen die Gelegenheit beim Schopf, ihren zukünftigen geldpolitischen Kurs zu skizzieren. Dabei wollen die Anleger vornehmlich wissen, wie denn nun der Ausstieg der EZB aus der Politik des billigen Geldes gestaltet werden soll.

 

Nun setzen die Märkte auf die kommende EZB-Sitzung am 7. September. Dann soll Mario Draghi erklären, wann das Anleiheaufkaufprogramm zurückgefahren wird. Dabei ist noch gar nicht abgemacht, ob dies in der aktuellen Situation überhaupt der Fall sein wird. Die Kursentwicklungen  bei italienischen Anleihen lassen Probleme erahnen. Die Zweifel, dass Italien von seinem Schuldenberg runterkommen kann, werden lauter.

 

Es kann passieren, dass ausgerechnet Italien den Zinswendeplänen der EZB einen Strich durch die Rechnung macht. Und dass das ausgerechnet den Italiener Draghi ausbremsen könnte, dürfte dann für viel Diskussion sorgen.

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Seit US-Präsident Donald Trump mit “Feuer und Zorn” in Richtung Nordkorea gedroht hat, hat sich die Stimmung an der Börse gedreht. Dem Dax blüht ein Sommertanz um die 12.000er Marke. Sollte es – wie viele fürchten – tatsächlich zu einem Crash kommen, liegt das nicht nur am Nordkorea-Konflikt.

 

“Kaufe, wenn die Kanonen donnern”, ist ein Börsenspruch von gestern. Der Rat, “Kaufe, wenn die Säbel rasseln”, gilt nur für Rüstungsaktien. Der Rekordstand von Lockheed Martin-Papieren ist ein Beispiel dafür. Ansonsten hat die Nordkorea-Krise die Märkte schwer verunsichert. Seit sich der Ton zwischen US-Präsident Donald Trump und Norkoreas Diktator Kim Jong-Un verschärft hat, ist von den Aktienbörsen dieser Welt Berechnungen zufolge Kapital im Wert von einer Billion Dollar abgezogen worden.

 

Den Deutschen Aktienindex (Dax) hat die Krise bereits die Hälfte der Kursgewinne dieses Jahres gekostet. 12.000 Punkte sind wieder ein Thema. Besonders unter Druck gerieten natürlich die Börsen und die Währungen in der Region. Schweizer Franken und zwischenzeitlich Gold fungierten als Ausweichhäfen in der Krise. Auch die US-amerikanische Börse stoppte ihre Rekordfahrt. Dass am zurückliegenden Wochenende nichts geschehen ist, beruhigte die Marktteilnehmer ein wenig.

 

Trotzdem: Nun, da nach Aussage Trumps die Waffen “bereit und geladen” sind, fürchten nicht wenige Beobachter, dass es zu einem veritablen Kursrutsch kommen könnte. In den vergangenen Monaten ist die Nervosität ohnehin gewachsen. Der Aufschwung an den Aktienmärkten hält nun schon – von kleineren Unterbrechungen einmal abgesehen – seit 2009 an. So langsam dämmert es auch dem optimistischsten Marktteilnehmer, dass dieser Zyklus irgendwann einmal enden könnte.

 

Der Auslöser für einen möglichen Abverkauf ist aber nicht nur in der Koreakrise zu suchen. Die Präsidentschaft von US-Präsident Trump liefert auch sonst alle Zutaten dazu, das Ende eines goldenen Börsenjahrzents einzuläuten. Von den vollmundigen Versprechen in Richtung Wirtschaft ist nur heiße Luft geblieben. Hinzu kommen die Ermittlungen gegen den Präsidenten, die ihn schon in seinem ersten Amtsjahr zu einer Art lahmen Ente machen.

 

Die eskalierende Kriegsrethorik ist da nicht mehr als ein Tropfen. Doch das berühmte Fass ist schon gut gefüllt. Angesichts der Unsicherheiten und der Diskussion über eine Zinswende verhalten sich die Aktienmärkte sogar erstaunlich ruhig. US-Notenbankchefin Janet Yellen könnte eine weitere Amtszeit verwehrt bleiben. Donald Trump ist nicht gerade ein Fan von ihr. Auch das kann in der aktuellen Situation zu Unsicherheiten führen.

 

In Europa könnte ein weiterer Krisenherd schlummern. Die große Subprimekrise, die zu einer Bankenkrise und danach in die Euro-Schuldenkrise führte, ist auch zehn Jahre nach ihrem Ausbruch noch nicht ausgestanden. Die Wunden im Finanzsystem sind tief. Sie heilen nur langsam und brechen immer wieder auf. Das hat erst vor kurzem die staatliche Bankenrettung bei Nacht und Nebel gezeigt.

Auch wenn die Märkte erstaunlich gelassen scheinen; das kann die Ruhe vor dem Sturm sein. Oder der Vorbote einer lang anhaltenden Flaute.

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Mayday!

09.06.2017 14:06 | Stefan Wolff

Besser als die Bundesregierung kann man den Misserfolg Theresa Mays nicht auf den Punkt bringen. Man kommentiere das Wahlergebnis „aus Höflichkeit und Respekt“ nicht, hieß es von der stellvertretenden Regierungssprecherin. Was hätte sie auch sagen sollen? Die ehrliche Einschätzung, dass Theresa May es komplett vergeigt hat, passt nicht in die diplomatische Klaviatur.

 

Denn sie hat es vergeigt, unbestritten, hat ohne Not ihre absolute Mehrheit aufs Spiel gesetzt, Kandidaten-Debatten geschwänzt und mit ihren Plänen zur Rentenbesteuerung ihre gesamte Stammwählerschaft gegen sich aufgebracht. Fast hat man den Eindruck, May hat absichtlich gehandelt, um gerade nicht einen harten Brexit durchkämpfen zu müssen. Politischer Selbstmord aus Furcht vor dem tod, sozusagen.

 

Wer den Brexit verhandelt, wird seinen Wählern ein paar unangenehme Wahrheiten beibringen müssen. Im Falle eines Verbleibs im Binnenmarkt wird Großbritannien auch dafür zahlen, ähnlich wie Norwegen oder Schweiz. Das wird vielen Briten nicht schmecken, auch wenn die Finanzmärkte gerade auf eine enge Bindung Großbritanniens an die EU setzen, weshalb die Kurse steigen. Zieht sich das Land auf sein Inseldasein zurück, steht die Wirtschaft isoliert da. “Brexit means Brexit”, hat Theresa May mal gesagt, wenn auch anders gemeint.

 

Bis dato sieht es überhaupt nicht so aus. als hätte die Premierministerin auch nur ansatzweise einen Plan in der Schublade. Die vermeintliche “Eiserne Lady 2.0”, als die ihre Fans sie so gern sehen, ist ein Pudding. Auch die Erklärung nach dem Gespräch mit der Queen war eine Aneinanderreihung von Floskeln.

 

Auch wenn eine Regierungsbildung gelingen sollte, ist Theresa May angezählt. Sie regiert als “Lame Duck”,  als lahme Ente. In der Wirtschaft ist man sich dessen bewusst. Man befürchtet eine Hängepartie in den Brexit-Verhandlungen. Sollten am Ende gar keine Ergebnisse herausspringen, droht der ungeordnete, der chaotische Ausstieg. Nach Ablauf der zwei Jahre würden alle Verbindungen auf einen Schlag gekappt, inklusive aller Zollvergünstigungen und Reisefreiheiten.

 

Die Folgen sind kaum auszudenken. Vor allem dürfte ein solches Szenario britische Jobs kosten. Opel/Vauxhall produziert auf der  Insel. Welche Opelwerke würde die neue Eignerin Peugeot wohl schließen, wenn es zum Schwur käme? Auch für BMW wäre die Produktion des Mini nicht mehr lukrativ, müssten die vom Festland zugelieferten Teile verzollt werden.

 

Ziel des Brexit sei, so May, den Wohlstand der Briten langfristig abzusichern. Oh, really?

 

 

 

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Der G7-Gipfel hat weit mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet werden hätten können. Zumindest bei den Europäern ist die Erkenntnis gewachsen, dass sie vorerst keine transatlantische Hilfe erwarten dürfen. Den schmallippigen Bekenntnissen zu einem freien Welthandel sollte keine große Haltbarkeit beigemessen werden.

 

Die politische Hausse läuft langsam aber sicher aus. Mit Trump kann die Weltwirtschaft keinen Blumentopf gewinnen. “America First” wird weder den Amerikanern noch den Exporteuren nützen, die sich gute Geschäfte erhofft haben. Was nutzt es in Zeiten alternativer Fakten überhaupt, mit Argumenten ein “bad, very bad” zu kontern?

 

Beispiel Automobilindustrie. Da erhalten über 100.000 Menschen in den USA einen Job von deutschen Autofirmen. Die Marktanteile amerikanischer Autohersteller sind in Deutschland höher als die der Deutschen in den USA und trotzdem trumpt ein dumpfer Bass. Damit stehen Strafzölle und Importsteuern wieder im Raum. Deutschland und die EU wären gezwungen, solche Maßnahmen mit Gegenmaßnahmen zu kontern. Es wäre der Beginn einer Abwärtsspirale. Die erste Auslandsreise des US-Präsidenten dürfte noch ein wenig für Gesprächsstoff sorgen. Ansonsten gehen den Märkten gerade die Themen aus.

 

Langsam aber sicher geht die Berichtssaison dem Ende entgegen. Nur noch wenige Nachzügler werden in den kommenden Tagen und Wochen noch Quartalszahlen vorlegen. Die Bilanz fällt positiv aus. Umsatz und Gewinn sind bei den meisten Firmen deutlich stärker gestiegen als in den vergangenen Jahren. Die Ausblicke deuten weiter auf robustes Wachstum. Ob das allerdings ausreicht, um die Aktienrally weiter zu befeuern, ist fraglich. Es droht ein Nachrichten-Vakuum.

 

Zu einem weiteren Sorgenkind entwickelt sich momentan China. Die Ratinagentur Moody’s hat die Kreditwürdigkeit Chinas herabgestuft und schließt nicht aus, dem Daumen weiter zu senken. Chinas Verschuldung steigt, die Dynamik des Wirtschaftswachstums nimmt ab. Auch andere Schwellenländer schwächeln gerade.

 

Eine weitere Wachstumsbremse droht von der Preisseite: Anziehende Inflationsraten würden den Druck auf die Notenbanken erhöhen, an der Zinsschraube zu drehen. In den vergangenen Jahren haben steigende Preise und Zinsen stets selbst den stärksten Bullen erlegt.

 

Auch wenn Rekordstände bei Dax und Dow weiter fußläufig entfernt bleiben, ob sie erreicht oder gar übertroffen werden, ist angesichts der wachsenden Risiken eher fraglich. Vielleicht können europäische Aktien von dem Trend profitieren, dass sich US-Anleger aus ihrem Heimatmarkt zurückziehen. Noch sieht es nicht so aus.

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Jetzt soll es also Macron richten. Die Erleichterung der Finanzmärkte ist riesig. Eine rechtspopulistische Euro-Gegnerin an der Spitze der zweitgrößten Volkswirtschaft der EU hatte sich niemand ausmalen wollen. Die Börsenwelt (und nicht nur die) wäre nach der Wahl eine völlig andere gewesen.

 

Jetzt also Macron. Der Parteilose muss liefern. Das wird nicht leicht werden. Weder für ihn, da er sich nach den Parlamentswahlen Mitte Juni erst einmal seine Mehrheiten zusammensuchen werden muss. Noch wird es für die Deutschen leicht werden, denn trotz aller Bekenntnisse zu Europa und zum Euro liegen die Positionen Macrons und der Bundesregierung zum Teil weit auseinander.

 

Mehrfach hat der frisch gewählte Präsident (nicht nur) im Wahlkampf die deutschen Exportüberschüsse kritisiert. Außerdem ist er für Eurobonds eingetreten, also für eine gemeinschaftliche Schuldenverwaltung der Euroländer. Das ist ein tiefrotes Tuch für Kanzlerin und Finanzminister. Auch ein gemeinsamer Finanz- oder Wirtschaftsminister ist kaum etwas, wofür sich Berlin erwärmt.

 

Allerdings hat Macron erst einmal sehr viele Baustellen im eigenen Land, bevor er sich Brüssel zuwenden kann. Jedoch wird es Konflikte geben. Frankreich wird als reformfreudiger Staat über kurz oder lang mehr Gewicht in die europäische Waagschale werfen.

 

Grundsätzlich dürfte der Euroraum nach dieser Wahl einen Stabilitäts-Schub bekommen. Es ist sogar die Rede davon, dass die Europäische Zentralbank (EZB) wieder an den Zinsen drehen könnte. Die Inflationsraten stehen dem nicht im Wege. Damit würde die EZB zur US-Notenbank aufschließen können.

 

Frankreichs Notenbankchef François Villeroy de Galhau ist vehementer Gegner von Minuszinsen. Er liegt damit voll auf Bundesbank-Linie. Macrons Wahlsieg könnte auch das französische Gewicht im EZB-Direktorium erhöhen. Villeroy de Galhau gilt als heißer Kandidat auf die Nachfolge von Mario Draghi, dessen Amtszeit im Oktober 2019 endet.

 

Unterm Strich gibt es mehr Gemeinsamkeiten als Dissonanzen. Die guten deutsch-französischen Beziehungen bleiben den Unternehmen und den Menschen erhalten. Immerhin ist die deutsche Wirtschaft der größte Investor in Frankreich. Auch sonst sind die Verknüpfungen eng. 300.000 Jobs gibt es in Frankreich deshalb, weil sich  3.800 deutsche Unternehmen dort angesiedelt haben. In Deutschland arbeiten 340.000 Mitarbeiter für die 3.000 französischen Firmen hier.
Auch  jenseits der Aktienkurse, die in Paris und Frankfurt schon nach dem ersten Wahlgang ordentlich gestiegen sind, ist die Wahl Macrons erst einmal ein positives Signal. Die Börsen haben allerdings sehr viel vorweg genommen. Bis auf 12.800 Punkte ist der Dax gestiegen. Die Luft da oben ist ziemlich dünn. Viele klassische Bewertungsinstrumente weisen die Aktienkurse als “teuer” aus.

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Es ist sicherlich kein Zufall, dass die EU-Kommission ausgerechnet  an dem Tag, an dem Großbritannien sein offizielles Austrittsgesuch stellt, der Börsenfusion zwischen Frankfurt und London die Rote Karte zeigt. Die EU setzt ihr erstes Ausrufezeichen in Richtung Brexiteers. Man wird sich die Butter nicht vom Brot nehmen lassen und keine Extrawürste braten, scheint das “Nein” aus Brüssel zu rufen. Brexit means Brexit. Es gibt keine Vergünstigungen.

 

Die Absage hatte sich abgezeichnet. An der Themse hatte man keine Lust mehr auf die Deutschen. Deshalb ist man auf die Forderungen der Wettbewerbskommission nicht weiter eingegangen, obwohl es “nur” um den Verzicht auf eine Handelsplattform für Anleihen ging. Noch gar nicht diskutiert worden ist da die deutsche Forderung, das fusionierte Unternehmen müsse seinen Sitz in Deutschland haben.

 

Mit dem Brexit-Entscheid muss allen Beteiligten klar gewesen sein, dass gleichzeitig die Fusion gescheitert ist. Ein Unternehmen in zwei verschiedenen Rechtsräumen zu etablieren, zwischen denen die Verhältnisse über Jahre komplett ungeklärt sind, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Hinzu kommt, dass Wertpapierhandel eine hoheitliche Aufgabe ist. Dass die Börse als britisches Unternehmen in der Lage gewesen sein wäre, diesen auf dem Festland zu garantieren, hat sie wohl nicht überzeugend erklären können.

 

Dreimal hat die Deutsche Börse versucht mit London anzubandeln, dreimal ist das Vorhaben krachend gescheitert. Einmal waren es die Londoner Anteilseigner, die sich sperrten, einmal funkte der Hedgefonds TCI dazwischen und ließ sich die Fusionskasse der Frankfurter als “Sonderdividende” ausschütten. Nun also der Brexit, und damit wird ziemlich klar: Es wird wohl keinen vierten Versuch geben.

 

Auch andere Fusionsmöglichkeiten sind in weite Ferne gerückt. Anbandelungsversuche mit der Vierländerbörse Euronext waren ebenso gescheitert wie die Vorhaben, mit der Schweizer Börse Six, der Borsa Italiana oder der NYSE Euronext zusammenzugehen. Der Kauf der Optionsbörse ISE wurde nach ein paar Jahren rückabgewickelt.

 

Menschen mit einer solchen Vita würde man vermutlich Beziehungsunfähigkeit attestieren. Die Deutsche Börse sollte nun dazu übergehen, aus sich selbst heraus zu wachsen. Das Unternehmen steht gut da und wird die gescheiterte Fusion überstehen, ohne größeren Schaden zu nehmen. Sorgen müssen sich Börsenchef Kengeter und sein Oberaufseher machen.

 

Und der Finanzplatz Rhein-Main wird eher profitieren. Zu groß war die Sorge gewesen, Geschäft an die Themse zu verlieren. Nun könnte der Brexit die Attraktivität Frankfurts steigern. Die Konkurrenz ist aber groß. Auch Paris hat eine schöne Börse.

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Der Pyrrhussieg

22.02.2017 14:02 | Stefan Wolff

Der BGH hat entschieden: Bausparkassen dürfen zu treuen Kunden kündigen. Sie müssen damit ihre gemachten Zinsversprechen nicht unbegrenzt einhalten. Die Branche verbucht den Gerichtsentscheid als Sieg. Doch der Schuss geht nach hinten los. Das Geschäftsmodell Bausparvertrag erledigt sich selbst.

 

2,5 Prozent Zinsen? Nichts wie hin, würden heute viele Anleger denken. Aber vor 10, 20 Jahren war das ein Mickerangebot. Wer damals einen solchen Vertrag abschloss, setzte auf niedrige Bauzinsen in der Zukunft und nahm die niedrigen Guthabenzinsen dafür in Kauf.

 

Heute wissen wir, die Welt hat sich weitergedreht, und die Zinslandschaft ist auf den Kopf gestellt. Was damals als toller Bauzins dastand, grenzt heute an Wucher.  Der gänzlich unattraktive Guthabenzins von früher hat jetzt einen unglaublichen Sex-Appeal. Die Entwicklung enthüllt das wahre Wesen des Bausparvertrags. In Gestalt eines buff-konservativen Vermögensaufbaus daher kommend ist er in Wahrheit eine Wette.

 

So lange die Bausparkassen diese Wette gewonnen hatten, war alles in Ordnung. Sie konnten in der Ansparphase lächerliche Guthabenzinsen gewähren und in der Darlehensphase auskömmliche Zinsen verlangen. Mehr noch: Viele Bausparkassen versprachen ihren Kunden sogar Bonuszinsen für den Fall, dass sie kein Darlehen annehmen würden.

 

Die Quittung für jene, die ihre Bausparkasse beim Wort nahmen oder attraktiveren Finanzierungsangeboten den Vorzug gaben, war die Kündigung. Gegen die wurde geklagt. Und gegen-geklagt. Und gegen-gegen-geklagt. Und nun folgt der BGH der Argumentation der Bausparkassen. Der Gerichtshof entscheidet: Bausparverträge sind gar keine echte Geldanlage.

 

Das ist eigentlich ein Schlag ins Gesicht der Kunden und eine Bestätigung eines lange gehegten Vorurteils: Die Finanzwirtschaft privatisiert Gewinne ebenso gern, wie sie Risiken und Verluste sozialisiert. In der Tat ist es so: Wer heute einen Bausparvertrag abschließt, wettet auf steigende Zinsen. Sonst könnte er ebenso gut den Ansparbetrag in einem Fonds anhäufen und das Darlehen zum benötigten Zeitpunkt abschließen.

 

Vieles spricht dafür, dass die Bausparkassen die Wetten der Zukunft gewinnen werden. Zinsen werden auch wieder steigen. Die Frage ist nur, ob ihre Kunden dann noch darauf einsteigen, ob sie sich daran erinnern, dass ihre Vorgänger erst eingeladen worden waren, ihr Geld zu parken, dann wurden sie rausgeschmissen. Wer darüber hinaus dieses Schicksal noch nicht erlitten hat, dürfte versucht sein, den gut verzinsten Vertrag bis an die Schmerzgrenze anzusparen. Ein teurer Sieg für die Bausparkassen.
Im Grunde genommen hat die klagende Bausparkasse ihr eigenes Geschäftsmodell höchstrichterlich erledigen lassen. Sie stehen entweder als unzuverlässige Geschäftspartner oder als schlechte Verlierer da. Beides dürfte nicht gut fürs Geschäft sein.

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Der frische Franzose

14.02.2017 19:02 | Stefan Wolff

Trump und Brexit wirken. Opel könnte zu einem französischen Unternehmen werden, weil Konzernmutter General Motors (GM) nach fast 90 Jahren die Risiken zu groß werden. Was ein Weltkrieg und mehrere Wirtschaftskrisen nicht geschafft haben, schaffen die neuen politischen Verhältnisse. Die Wirtschaftsräume driften auseinander, anstatt sich weiter zu verzahnen.

 

Schon mehrfach stand die Verbindung zwischen Opel und GM scheinbar vor dem “Aus”. In der großen Finanzkrise, die die Autostadt Detroit in eine öde Wüstenei verwandelten, erschien der österreichische Zulieferer Magna als Opel-Retter auf dem Plan. Konkreter waren Übernahmepläne nie zuvor gewesen und sollten es auch nicht mehr werden, selbst als Solarworld-Chef Frank Asbeck die Rüsselsheimer für 250 Millionen Euro übernehmen wollte.

 

Der Verkauf an Magna scheiterte damals mit der Begründung, dass GM sich seine internationale Strategie erhalten wolle und Opel deshalb als wichtiges Standbein in Europa benötige. Das ist wohl vorbei. Erstens schreiben die Rüsselsheimer immer noch rote Zahlen. Der Brexit könnte Kosten und Verluste maximieren. Man stelle sich nur vor, der Austausch von Komponenten zwischen den Werken in zwei verschiedenen Wirtschaftsräumen würde durch Zölle erschwert. Großbritannien ist über die Marke Vauxhall de wichtigste Auslandsmarkt für Opel.

 

Zweitens dürfte US-Präsident Trump bald Steuerpläne vorlegen, die heimische Produktion großzügig bevorzugen. Der Rückzug könnte also zum Gewinnkatalysator für GM werden. Lateinamerika und vor allem China bleiben als mit Abstand wichtigste Auslandsmärkte erhalten.

 

China dürfte auch bei den Käufern das Zauberwort sein. Für Opel ist das Reich der Mitte Terra incognita. GM hat sich stets die deutsche Konkurrenz außerhalb Europas verbeten (außer in Chile, Israel und Südafrika). PSA litt zuletzt unter einem schwachen China-Geschäft, obwohl der Konzern mit Dongfeng einen chinesischen Ankeraktionär hat. Unterm Strich würden sich viele Chancen ergeben. Aus zwei mittelgroßen Herstellern kann ein großer werden.

 

Und trotzdem kennt das Geschäft nicht nur Gewinner. Opel und PSA haben schon umfangreiche Kooperationen vereinbart. So wird der Nachfolger des Opel Zafira im französischen Sochaux gebaut werden. Die Kastenwagen von Peugeot, Citroen und Opel kommen auf eine gemeinsame Plattform. Im Opel-Werk in Saragossa werden zukünftig auch PSA-Modelle vom Band laufen.

 

In Rüsselsheim, Kaiserslautern und Eisenach geht dagegen das große Zittern um die Jobs los. Der französische Staat sitzt bei PSA im Boot. Er wird darauf achten, dass die Einspareffekte eher auf der rechten Rheinseite eintreten. Rüsselsheim hat einige Auftragspolster in der Entwicklung. Der Standort scheint vorerst gesichert zu sein. Alles andere ist vage.

 

Ein schmerzliches Beispiel, wie es kommen kann, ist aus deutscher Sicht das Schicksal der Hoechst AG. Das Chemie-Unternehmen fusionierte zu Aventis und ging dann im Sanofi-Konzern auf. Sitz: Paris.

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“Lass uns Freunde bleiben”, ist wohl einer der bei Trennungen am häufigsten ausgesprochenen Sätze. Und (fast) jeder, der diesen Satz schon einmal gehört oder ausgesprochen hat, weiß genau: Das läuft nicht. Natürlich muss für Beziehungen zwischen Ländern nicht gelten, was für Beziehungen zweier Menschen gilt. Doch so einfach, wie Theresa May sich das vorstellt, wird der Brexit dann doch nicht werden.

 

Die britische Premierministerin blieb freundlich im Ton aber hart in der Sache. May strebt den klaren Schnitt an. Brexit means Brexit, wie sie ja schon einmal sagte. Das bedeutet, es wird keine Zollunion geben, keinen Binnenmarkt und keine Freizügigkeit. Auf der anderen Seite strebt sie freien Handel an, am liebsten ganz ohne Zölle. Das soll ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und Großbritannien regeln.

 

Das klingt nach Rosinenpickerei und gar nicht mehr nach hartem Brexit. Würde der Rücktritt Großbritanniens von allen Pflichten bei weitgehend zollfreiem Zugang zum Binnenmarkt gelingen, würde das Begehrlichkeiten wecken und Konfliktpotenzial schüren. Ein Streit zwischen der EU und Großbritannien ist also schon vorprogrammiert, zumal die wirtschaftlichen Interessen auf beiden Seiten des Ärmelkanals hoch sind.

 

Autoindustrie, Maschinenbau und Chemiebranche in Deutschland haben ein vitales Interesse daran, den Marktzugang zu Großbritannien zu behalten. Die Autoindustrie Großbritanniens, die ja fest in US-amerikanischer (Vauxhall), deutscher (Mini) und indischer (Jaguar) Hand liegen, sind auf Zulieferer aus Kontinentaleuropa angewiesen.

 

Und dann ist da ja noch die Finanzindustrie. Die Börse will unbedingt und trotz aller Unsicherheiten die Fusion mit London, während einige Banken schon angekündigt hatten, der Insel den Rücken zu kehren. Aber auch hier dominieren die leiseren Töne. Die deutsche Bank hatte ursprünglich mal den Rückzug aus London erwogen, geht jetzt aber nicht davon aus, kurzfristig etwas zu ändern.

 

Es dominieren die leisen Töne. Auch die Märkte haben sich von der Zauberformel “Freihandel” einlullen lassen. Alle setzen nun auf sanfte Trennung trotz eines harten Brexits, wohl wissend, dass dafür Gesetze, Vorschriften gedehnt werden müssen und dass in einem engen zeitlichen Korsett langwierige Verhandlungen anstehen.
Dabei hat Theresa May auch keinen Hehl daraus gemacht, was passiert, wenn die britischen Vorstellungen nicht umgesetzt werden. Dann nämlich wird Großbritannien zum Steuerparadies und Investoren-Dorado – ohne Rücksicht auf die lieben Nachbarn. So ist das mit “Freunde bleiben”.

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Die „Null“ steht, und das ist für Anleger keine gute Nachricht. In den Prognosen für 2017 herrscht nur leichter Optimismus.

 

Erste Nullrunde: Die Zinsen. Daran, dass es bei der Nullzinspolitik der EZB bleiben wird, besteht kein Zweifel. Im Euroraum dürften die Anleihezinsen also höchstens moderat steigen. 2016 war die Umlaufrendite (das ist der durchschnittlich für alle gehandelten Bundespapiere gewährte Zins) erstmals in den negativen Bereich gefallen.

 

Da die US-Notenbank die Zinsen weiter anheben wird, werden die Zinsen weiter auseinanderdriften, was den Dollar stärken und den Euro tendenziell schwächen sollte. Der Euro könnte – so die Vorhersagen – recht bald die Parität zum Dollar erreichen. Ein Euro würde dann einen Dollar kosten. Und vermutlich weiter fallen.

 

Zweite Nullrunde: Aktien. Auch am Aktienmarkt dürften die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Im Schnitt sehen die Prognosen stagnierende Börsen voraus. Bei den großen Banken und Fondsgesellschaften reichen die Vorhersagen von einem vermuteten Rückgang auf 11.000 Dax-Punkte bis zu einem Anstieg auf 12.000 Punkte. Im Durchschnitt bedeutet dies Stagnation.

 

Mit ihren vor einem Jahr gestellten Prognosen haben die Auguren gar nicht mal schlecht gelegen. Die immer wieder gestellten Extremszenarien mal ausgeklammert, lagen die Vorhersagen im Durchschnitt bei 11.860 Punkten und damit nur leicht über dem tatsächlichen Jahresendstand.

 

Viele der bekannten Belastungsfaktoren nehmen die Anleger ins neue Jahr mit. Wenn in ein paar Tagen Donald Trump als neuer US-Präsident ins Weiße Haus einzieht, sind längst nicht alle Fragen beantwortet, die sich mit seinen Aussagen im Wahlkampf verbinden. Der Brexit wird die Börse ebenso weiter beschäftigen. Das Spiel liegt bei der britischen Premierministerin Theresa May, die zur Jahresmitte die Austrittskarte ziehen will. Es hängt maßgeblich von den Briten ab, ob es zu einem sauberen Schnitt oder einer schmutzigen Scheidung kommt.

 

Mögen also Brexit und Trumps Präsidentschaft bekannte Faktoren sein – was sie an den Finanzmärkten anrichten werden, ist unbekannt. Das hat schon die unverhoffte Börsenrally nach der US-Wahl gezeigt. Der frühere US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hat in einem anderen Zusammenhang mal über die “bekannten Unbekannten” (“known unknowns”) gesprochen. Jeder weiß, es ist was im Busch. Aber eben nicht was. Zu den bekannten Unbekannten gehören der Anstieg von Nationalismus und Protektionismus. Hier haben in vielen europäischen Ländern nicht nur Anleger die Wahl.

 

Und da sind noch die vielen “unknown unknowns”, also die vielen gänzlich Unbekannten, die niemand auf dem Radarschirm hat. Die Lehman-Pleite war so ein Ding. Aber auch im vergangenen Jahr hatte an Überraschungen kein Mangel geherrscht. Das dürfte sich 2017 nicht ändern.

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Wenn die Aktienkurse steigen, weil die Zinsen steigen, dann hat die US-Notenbank wohl alles richtig gemacht. Janet Yellen hat geliefert, was inzwischen alle erwartet haben. Ein Jahr lang hat die Notenbankchefin diesen zweiten Zinsschritt herausgezögert, verschoben, vertagt. Jetzt ist die Zinswende endgültig eingeläutet worden. Und alle freuen sich.

Die Freude ist Resultat der Erwartungen. Denn wenn die Fed erneut gekniffen hätte, wäre das nicht gut angekommen. Die Kurse wären eingebrochen, weil die Anleger Ungemach vermutet hätten; zum Beispiel, dass die US-Wirtschaft wackeliger dasteht als angenommen. Nun stellt Yellen drei weitere Zinsanhebungen im kommenden Jahr in Aussicht.

Die Frage ist nur, ob sie diesen Kurs beibehalten kann. Zwar hat Donald Trump in seinem Wahlkampf vehement für steigende Zinsen plädiert. Für seine testosterongetriebene Wirtschaftspolitik wird er aber Geld brauchen, viel Geld. Und das bekommt man nun einmal  bei niedrigen Zinsen zu erträglicheren Konditionen. Yellens Amtszeit endet Ende 2017. Eine weitere soll es nach Aussagen Trumps nicht geben. Schon bei der Ministerwahl hat er ja eine gewisse Affinität zu Goldman Sachs aufschimmern lassen.

Bleibt die Fed bei ihrem Kurs, dann schließt sich die Frage an, wie lange die EZB sich diesem Sog wird entziehen können. Theoretisch hängt sie natürlich nicht von Entscheidungen der Fed ab. Jedoch ist es nicht sehr ratsam, die eigene Währung dem freien Fall zu überlassen, wenn gerade die Ölpreise wieder anziehen. Schließlich wird die Ölrechnung in Dollar beglichen. Für Exporteure können die vermeintlichen Währungsvorteile schnell zum Nullsummenspiel werden.

Auch bei den Banken könnte die Freude über die Zinswende schnell in ihr Gegenteil umschlagen. Natürlich versprechen höhere Zinsen tendenziell höhere Gewinnmargen. Doch gerade die langfristigen Engagements können den Banken und Sparkassen schnell um die Ohren fliegen. Lang laufende Kredite werden mit kurz laufenden Engagements gegenfinanziert. Wenn die Zinsen am kurzen Ende hochgehen, lässt sich so kein Geld mehr verdienen. Bei steil ansteigenden Zinsen zahlen die Kreditgeber am Ende drauf.

Auch an den europäischen Märkten sind Ausläufer der Zinswende angekommen. Es besteht die leise Hoffnung, dass über kurz oder lang auch Geldanlage in Zinsprodukten wieder lohnen könnte. Eigentlich mehren sich die Zeichen dafür. Die EZB allerdings hält weiter dagegen. Dabei zeigt sich die Wirtschaft weitgehend abgestumpft gegenüber den Verlockungen der lockeren Geldpolitik. Das Kreditgeschäft ist jedenfalls nicht eben angesprungen. Investitionen sind immer noch die fehlende Größe im Wirtschaftswachstumskonzert.

Aber die EZB dürfte vor allem die italienischen Banken im Auge gehabt haben, als sie eine Woche vor der Fed-Sitzung das Anleiheaufkaufprogramm verlängerte. Die Geldhäuser sind akut schwindsüchtig, sitzen auf einem Berg fauler Kredite und sind anfällig für Verwerfungen an den Anleihemärkten.

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Wieder einmal bestätigt sich: Umfragen sind keine Wahlergebnisse. Schwarze Schwäne gibt es nicht, die Lehman Brothers werden niemals kollabieren und Großbritannien wird gegen den Brexit stimmen. Für Meinungsforscher und Analysten sind es keine guten Zeiten. Fest steht: Amerikas kommender Präsident heißt Trump. Den hatte bis zuletzt kaum einer auf dem Radarschirm gehabt. Die Märkte reagieren trotzdem gelassen.

In seiner ersten Rede nach dem Wahlsieg habe Trump sehr versöhnlich geklungen, heißt es zur Begründung. Kann man so sehen. Allerdings kann auch eine Menge Kreide im Spiel gewesen sein. Spielt Amerika seine Trumpfkarte (“play the trump”) oder erklingen die Posaunen des Jüngsten Tages (“The last Trump”). Wie wissen es nicht und werden auch ganz gewiss – siehe oben – keine Meinungsforscher fragen, halten aber fest, dass die englische Sprache für diesen Fall die schöneren Wortspiele bereit hält.

Vor der Wahl war die deutsche Wirtschaft in großer Sorge, die Handelsbeziehungen zu den USA könnten zertrumpelt werden. Inzwischen halten sich die Vertreter eher zurück. Kein Wunder, denn wenn nur die Hälfte von dem eintritt, was Trump im Wahlkampf angekündigt hatte, wird es einen heftigen Dämpfer für die Weltwirtschaft geben.

TTIP, das Abkommen zwischen EU und USA, ist ohnehin Geschichte. Trump hat angekündigt, sämtlichen Freihandel aufzukündigen. Theoretisch wäre ein Austritt der USA aus der Welthandelsorganisation (WHO) die logische Konsequenz. Ganz praktisch stehen Nafta, das Abkommen zwischen Kanada, Mexiko und den USA, und das gerade verhandelte transatlantische Bündnis TPP ebenso zur Disposition, wie diverse bilaterale Abkommen zwischen den USA und einzelnen EU-Staaten.

Auf alle Fälle kann das Pariser Klimaabkommen geknickt werden. In der Welt Donald Trumps findet kein Klimawandel statt. Kohle, Öl, Gas und das mit letzteren verbundene Fracking bleiben die Energieträger der ersten Wahl.  Hinzu kommt, dass die öffentliche Hand gesetzlich dazu verpflichtet werden soll, bei Anschaffungen und Investitionen ausschließlich US-amerikanische Anbieter zu berücksichtigen. Außerdem drohen Straf- und Schutzzölle. Festhalten, die nächste Fahrt geht rückwärts.

Das klingt alles so, als würde zumindest erst einmal alles in Frage gestellt, was wirtschaftlich gestern noch sicher schien. Der kommende US-Präsident hat die Macht dazu, kann durchregieren. Denn die Mehrheit im Kongress gibt ihm sehr viel mehr Spielraum als Clinton ihn gehabt hätte. Trump wird in der kommenden Zeit wichtige Schlüsselpositionen – zum Beispiel am Obersten Gerichtshof – besetzen. Die Amtszeit von US-Notenbankpräsidentin Janet Yellen endet zudem Anfang 2018.

Was das alles für die Finanzmärkte bedeutet, ist unklar. Tendenziell wird es nervöser zugehen. Anleger werden sich auf größere Schwankungen einstellen müssen. Gold gewinnt als Krisenmetall wieder an Glanz. Auch langfristig ist die Welt sehr viel unsicherer geworden.

Am Jahrestag des Mauerfalls in Deutschland kommt in den USA ein Maurer an die Macht. Ein mehrfach gescheiterter Großkapitalist macht sich auf, die freie Marktwirtschaft zu erledigen. Welch feine Ironie. Karl Marx hätte seine Freude daran gehabt.

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Manche Gerüchte haben an der Börse ein sehr frühes Verfallsdatum.  Das gilt auch für die Spekulation, dass die EZB eine Zinswende einläuten könnte. Und trotzdem ist die Diskussion eröffnet.

 

Schwammiger geht es kaum. Die EZB könnte “eventuell schrittweise ihr Anleihekaufprogramm zurückfahren”, meldete eine Nachrichtenagentur. Trotzdem wirkte das Gerücht. Anleihezinsen stiegen, Aktienkurse fielen, der Euro legte zu, auch wenn die EZB schnell dementierte. Die Aufregung hat sich schnell wieder gelegt. Es dürfte auch nichts passieren.

 

Die Aktion könnte ein Testballon gewesen sein, um herauszufinden, was passieren würde, sollte die EZB tatsächlich eine Zinswende einläuten. Schließlich ist klar, dass das nicht mit einem großen Knall passieren wird sondern behutsam. Schrittweise wird das Anleiheaufkaufprogramm heruntergefahren und am Ende werden die Zinsen ebenso behutsam angehoben.

 

Das wird in ein paar Jahren sicher passieren. Momentan aber stehen die Zeichen anders. Die US-Notenbank wird in diesem Jahr nichts mehr unternehmen. Und die Bank of Japan stellt die Zeichen auf eine noch lockerere Geldpolitik. Jetzt soll auch die Zinskurve zurecht gebogen werden.

 

Als Zinskurve bezeichnet man die sich verändernde Zinshöhe bei unterschiedlichen Laufzeiten. Normalerweise sind die Zinsen bei Kurzläufern niedrig, lang laufende Anleihen kosten deutlich mehr Zinsen. Liegen die Zinsen am langen Ende der Kurve unter denen am kurzen Ende, dann spricht man von einer “inversen” Zinskurve.

 

Die laxe Geldpolitik hat dazu geführt, dass sich die Zinsen für die unterschiedlichen Laufzeiten von Anleihen stark angenähert haben. Das ist vor allem für Banken ein riesiges Problem. Denn langfristige Kredite, die die Häuser vergeben, werden mit kurz laufenden Krediten gegenfinanziert. Je höher der Zinsunterschied ist, desto höher fallen die Gewinne aus.

 

Kleiner Einschub: Das ist übrigens der Grund, warum die Finanzwirtschaft steigende Zinsen fürchtet, obwohl sie unter den niedrigen Zinsen leidet. Sollten die Zinsen steigen, würden die kurzfristigen Kredite schnell teurer werden, mit denen noch laufende und mager verzinste Kredite gegenfinanziert werden müssen.

Der Eingriff würde bedeuten, dass Japans Notenbank die Zinsen für lang laufende Anleihen heben und die für kurze Laufzeiten unten halten würde. Dieser Schritt käme vor allem den Bankbilanzen zugute. Ob sie Inflation erzeugen und Unternehmensinvestitionen ankurbeln, ist dagegen zweifelhaft.

 

In Europa und den USA werden diese Pläne genau beäugt. Sollte Japan tatsächlich mit der Brechstange in die Zinsmärkte gehen und damit auch nur kleinste Erfolge erzielen, dürfte dies als Blaupause auch für die EZB dienen. Erst einmal wird aber alles beim Alten bleiben, wobei sehr viel dafür spricht, dass spätestens zum Jahreswechsel das Anleiheaufkaufprogramm der EZB verlängert werden wird.

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